Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 13 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- Seite 224 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Me öer Olau-Velß Nitgü'eösr wirbt. f Ein Mahnruf an die Eltern. ' Ter jüdische W a n d c r b u n d Blau-Weiß ist. wie biclnt bekannt fein dürfte, die größte zionistische Jugendorganisation in Deutschland. Tiefer Bund, der in den Ideen der deutschen Jugendbewegung wurzelt, hat sich durch das „Gesetzt, das er sich in Prunn hu Jahre 3922 gegeben hat. in entschiedenster, in höchstem Maste verpflichtender Form zum Zionismus bekannt und hat sein altes Ziel: ..Befreiung der jüdischen Jugend aus den lebten Klammern des Ghetto . . / wieder auf die Fahne geschrieben. Nationaljüdische Idee und Auswanderung nach Palästina sind für den „Blau-Weiß" unlöslich miteinander verbunden. Werber dieses Bundes kommen in jüdische Häuser, um jugendliche Menschen zu gewinnen, um sie zuin Wandern, zu Spiel und Sport usw. aufzufordcrn. Peinlich vermeidet man es dabei, den „zionistischen Willen" durchblickcn zu lasten, und — was noch verwerflicher ist — ans Fragen der Eltern nach der Tendenz des Bundes gibt man ausweichende Antworten; sagt man ihnen ans den Kopf zu, dast es sich doch wohl um einen zionistischen Lund handelt, so versucht man die mangelnde Aufrichtigkeit durch dreistes und anmaßendes Benehmen zu ersehen. Wir sind in der Lage, ein Werbeschrciben zu veröffentlichen, das on zahlreiche jüdische Familien in Berlin versandt wurde, das folgendermaßen ausgemacht ist und folgenden Wortlaut hat: Jüdischer Wandcrbnnd B I a n - W e t b , Berlin. Berlin W 35. Datum des Poststempels. Ter Jüdische Wandcrbund Blau-Weiß eröffnet diesem Herbst eine neue Wandergruppe für Jungen. Wir wenden uns an -Lie mit der Bitte, Ihren Jungen bei uns mitwandern zu lassen, und gestatten uns, kurz auf Wesen und Aufgaben unseres Bundes hinzuweisen. Seit mehr als zehn Jabrcn wird in unserem Betriebe das W a u de r n unter der jüdischen S-chu!iugend gepflegt. Acgelrnäßig an allen Sonntagen und Festtagen veranstalten wir Fahrten in die nähere und weitere Umgebung Berlins. Singen. Spielen. Ablochen, IeUbau stellen weitere Bestandteile dieser Wanderfahrten dar. Indem wir die Jugend dem schädlichen Einfluß der Großstadt entrücken, sie gesunder körperlicher Betätigung Zufuhren, und ihr Beziehungen zur Natur vermitteln, gestalten wir kv den Sonntag zu einem Tag wirklicher Erholung und echter Freuden. Als Ergänzungen der_ Sonntagssahrten finden auch Veranstaltungen des Zuges an Nachmittagen statt. Ilm das auf den Fahrten» und im täglichen Leben der Jungen Geschehene und Erlebte zu vertiefen, finden Heimabende statt, die den Altersstufen der Jungen entsprechen. Außerdem dienen die Heimnachmittage für die Jüngeren auch der Erziehung einer handwerklichen und zeichnerischen Fertigkeit. 'Auf höheren Stufen werden die Gebiete der jüdischen Geschichte, ^schönen Literatur, bildenden Kunst und Musik neben den naturwinenschaftlicheu, historischen und soziologischen Stoffen eine dem Interesse heranreisendcr Menschen entsprechende Nolle spielen. Im übrigen aber liegt die Bedeutung unserer Wandergruppen vornehmlich in der C h a r a l t c r c r z i e h u n g von Mensch zu Mensch. Tic Zusammensetzung der Züge, in denen ältere Jungen von 16 bis 30 Jahren mit Jungen von 12 bis 15 Jahren wandern, bringt cs mit sich, daß, durch eine wechselseitige fruchtbare erzieherische Beeinflussung gefördert, der Junge mit einem Kreis von gleichaltrigen Gefährten auswächst und Freude findet. Hier bildet also der Wanderzug eine ausgezeichnete Ergänzung der Erziehung des Elternhauses. In den Ferien werden mehrtägige Fahrten unternommen. In den Sommerferien führen unsere großen Fahrten in der Regel nach Süddeutschlcmd und Deutschest erreich. Sie dauern gewöhnlich drei Wochen und enden mit einem Bundestag, au dem sich alle über das Reich und Deutschösterrcich erstreckten jüdischen Wanderbünde trcsicn. Tiefer Bundestag trägt den Charakter eines Festes, und bildet für jeden Jungen eine freudige Erinnerung. Zugleich bringt er Fühlung ui 0 Verbindung mit gleickrgltrchcn Jungen anderer Städte mit sich. — Tie LLcihnachtssahrtcn führen unsere Züge gewöhnlich in das Riestngcbirge oder den Harz — seltener in den Schwarzwald und die Röhn —, wobei neben dem Wandern auch der Wintersport eine wohlverdiente Nolle spielt. Bei allen diesen Veranstaltungen ist oberster Grundsatz, in möglichst rinsachcr und Zweckmäßiger Form zu wandern und Zu leben, und so auch die Kosten solcher Fahrten auf das Minimum zu reduzieren, ein Umstand, der vor allem heute auch vielen Jungen die Möglichkeit gibt, an Stelle kostspieliger Reisen sich unt-r guter Leitung von dem Leben der Großstadt Zu erholen und auszuspannen, und neue Landschaften und neue Menschen zu sehen und kennrnZnlcrncn. Alle Veranstaltungen stehen unter Leitung von älteren Führern, meist Studenten der oberen Semester oder bereits im Berufsleben stehenden Akademikern oder Kauflcutcn. Einer unterer Führer wird sich erlauben, in unserem Aufträge in den nächsten Tagen» bei Ihnen vurzusprcchen, um Ihnen noch in Ergänzung zu diesem Schreiben Ausschlüsse zu erteilen und außerdem zu erfahren, ob Sie sich bereit erklären, unserem Eltern- und Freundesrat beizntrcten und Ihrem Jungen erlauben wollen, an unseren Veranstaltungen Icilzunehrnen. Hochachtungsvoll ' Tie Führcrschastslcitung des Berliner Blau-Weiß. Dir vevösserülichen diese Darlegungen als Warnnnasrns an unsere Mitglieder. Wenn mau in einem Werbeschrciben wie dem vorliegenden von genügender Ausführlichkeit ans „Wesen uiiö Ausgaben" des Bundes Hinweisen will und ängstlich auch nur die geringste Andeutung der zionistischen Tendenz vermeidet, so ist das nur als bewußte Irreführung zu bezeichnen. Als die „Teutschjndiiche Juaendgemcinschasi^ (T. I. I. G.) im Jahre 1922 gegründet wurde, erschien iu der „Jüdischen Rundschau" ciue niefjf gerade freundlich oder wohlwollend zu nennende $c, grüßung, in der es hieß: „Für die Art, in der diese Jugend arbeiten gedenkt, ist charakteristisch, daß man sich an die Eltern wendet, damit sie ihre Kinder iu diese Jugendorganisation schicken/ Heute erachtet es selbst der „Blau-Weiß" für seiner würdig, sch an die Eltern zu wenden. Nicht, daß man sich an die Eltern wendet sondern die Art, in der man sich au sie wendet, scheint uns djarat« teristisch zu sein. Solchen Taten gegenüber werden die hochtönenden Worte des Pruuner Gesetzes zu plattesten Phrasen. Hält man diese Werbeuuthoden für so edel, daß man glaubt, dadurch „die unedle Haltung einer beengten Umwelt" überwinden zu können? Glaubt die auscrwühlte. durch feierliche Eidesformel ans den Bund ver. pflichtete Führerschaft es mit ihrem Lerantwortlichkeitsgesühl. mit der Forderung der Wahrhaftigkeit, Gradyeit und Echtheit vereinbaren zu können, das; sie mit weißer (neutraler), statt blan-weiste Fahne in die Familien eindringt und unter Borspiegelung unrichtiger Tatsachen versucht, die Kinder für den Bund zu gewinmus i 1!a I I I Keilte VarteipoliLik im C. V.! 12 Wir erhalten von dem früheren Berliner §iadtr>erork>>!cteii jij- Handelsgerichtsrat Georg I mber g. einem unserer ältesten Mitglieder. folgende Zuschrift, die wir ans Platzmangel leider nur gekürzt wiedergcbeu können: ' Sehr geehrte Schrifrlcitungl Tie Nr. 0 der „E. B.^Zeitung" enthält an führender Stelle einen Artikel des^Herrn Tr. Sternberg über „Tie Inden in der Bodenreform". ico inferefjant der 'Artikel auch ist, möchte ich doch als eines der ältesten Berliner Mitglieder des Eentralvereins ans mehrfache Anregungen aus meinem Bekanntenkreise daraus Hinweisen. das; es mehr als bedenklich erscheint, in der „E. B.-Zeitnng" Artikel üler Probleme zu veröffentlichen, welche an sich nichts mit der Ten. de uz dieser Blätter zn schassen haben und von den Politikern aller Parte n sehr verschieden beurteilt werde n. . . . Ebensogut wie zur Bodenreform, können wir morgen zu den G c t r e i d e z ö l l e u . zur Steuerreform, zur Aushebung der Zwangswirtschaft aus irgendwelchem Gebiete, zur Sozialisierung irgendrvelcher Industriezweige oder p.i jedem anderen politischen Problem Stellung nehmen. Wohin würden wir dann kommen? Wir haben als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens unsere Rechte und unsere Ehre gegen eine Welt von Feinden zu verteidigen. Wir muffen alles tun. um diesen. Abwehrkampf geschloffen und einig führen zu können. Fcstlcgen auf einzelne politische oder wirtschaftliche Streitfragen, mögen selbst führende Mitglieder von uns ein noch so warmes berechtigtes oder unberechtigtes Intereffc für dieselben haben, kann leicht Zersplitterung in die eigenen Reihen bringen, unsere Freunde entmutigen, unseren Feinden Waffen in die Hand geben. Berlin, im März 1925. Georg I mb c r g. Die hamöuegLr HLmeinöLWühlsn. Ein Sieg der religiösen Parteien. Tie Wahlen zur Hamburger j ü bischen Gemein d c v c r t v c t u n g, die am 15. dieses Monats vor sich gingen, verdienen erhöhte Beachtung, weil hier zum erstenmal nach den Wahlen zum Preußischen Landesverband BcrgleichLzisseru vorliegcn. Das Gesamtergebnis stellt eine Bestätigung der zionistischen Niederlage dar. Bon 21 Schon haben die Zionisten nur drei gewinnen können. Die Mandatszifsern und StimmverhälLnisse lauten im einzelnen: Liberale Achduth Zionisten Dirtschastspartei Agndah 1572 560 547 440 429 Mandate: IO 4 3 2 2 Wie die „I ü d i s ch c R u n dscha u* unter diesen Umständen zn Siegeshymnen Anlaß zu haben meint, bleibt unerfindlich. Tie Vermutung liegt nahe, das; sie hierdurch lediglich ihre Verstimmung über den unerwarteten Mißerfolg verdecken will, denn die Zionisten haben statt der erhofften sechs Mandate nur drei zn erringen vermocht. Bei der Bewertung der Stimmzisscrn ist zu berücksichtigen, daß; bei diesen Wahlen nur die über 25 Jahre alten Männer und Franca; stimmberechtigt waren. Tie Gesamtseelenzahl der Hainburgcr f jüdischen Gemeinde betrügt 20 MO. Tic zionistischen Angriffe gegen die Ortsgruppe Hamburg des Eentralvereins wegen seiner Stellungnahme zu den Gcmeintcwahlen, die sich in der Aufforderung eines Rundschreibens kundtar, keine zionistische^Liste 311 loählen, entspringt denselben Motiven, die seinerzeit den r-turmlanf gegen unsere Landesverbandsparole veranlaßt hatten. Weder damals noch heute werden wir hierin einen Grund sehen, von dem abzulaffen, was wir als unsere Pflicht erkannt haben.