Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 12 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- Seite 209 (sequence 9)
- Language
- German
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2 OB - fönten, daß er nie mit einem Schlächtergesellen verkehrt hätte. Sie kannten seine Beziehungen bis auf das letzte. Dem standen dreißig beugen gegenüber, von deinen die Staatsanwaltschaft selbst vier als :m;uverlasjig fallen ließ. Unter den übrigen befand sich cm KontrollinciDujcn, ein geistestranker junger Jude, sowie zahlreiche andere belastete Personen, auch mehrere, die wegen Trunkenheit amtlich beltraft worden waren. Alle Aussagen waren in den Zeitangaben höchst unsicher. Vor allem aber hat mit Ausnahme des Rorrtrollirnädchens keiner behauptet, daß beide je miteinander gesprochen hätten. Ein merkwürdiger Verkehr! Moritz Levy hatte die Möglichkeit immer betont, daß er mit Winter zusammen geuwsen sei, aber er habe ihn nie als Ernst Winter gekannt und tonne sich nicht vorauf entsinnen, den Namen für diese Person vor dem Morde gehört zu haben. Ter ausgezeichnete Verteidiger. Justiz rat S o n n e n f e l d (Berlin), legte überzeugend dar, das; die meisten Zeugen sich erst nach Monaten neiuetbct hatten, daß es sich hier also um 'Suggestionen gehandelt haben mutz. Trotzdem: Ter Jude wird verbrannt. Die Geschworenen, zumeist Gutsbesitzer, be - iahten die Schuldfrage, bejahten aber auch die Frage, ob gevn sich durch wahrheitsgemäße Auskunft strafbar gemacht haben würde. Bei der Verkündung des Urteils, das aus vier Jahre Zuchthaus lautete, verhöhnte das Publikum im Gerichts saal noch den Angeklagten. Daß man im Preußischen >J u st i z m i n i st e r i u m dieses Urteil als einen Fehl- Spruch ansah, ging au§ der nach einiger Zeit erfolgten Begnadigung Lev Hs hervor. Meineidige haben rar alten Preußen einen solchen Gnadenakt nur sehr selten erfahren. Vielleicht war man auch im Justizministerium der Ansicht, daß die Führung der Verhandlungen niefjt sehr objektiv gewesen sei. Ter Vorsitzende kjat zwar immer seine Unparteilichkeit betont, aber den Verteidiger in außergewöhnlichem .Nahe in seinem Plädoyer unterbrochen. Wer beute noch die Sitznngsprotokolle liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß schon die Fragestellung des Vorsitzenden einen gewissen, für Levh ungünstigen Einfluß aus die Geschworenen ansgeübt hat. Ter Si o n i £ c r M o r b t ft nie aufgeklärt ii> o r b c n. Selbstverständlich wird er von den Antisemiten immer noch in ihrem Arsenal als Masse ansbewahrt. Mir haben ja in der letzten Zeit wieder schüchterne Versuche erlebt, den Ritmckmordschwindcl zu erwecken. Deshalb ist es notig, anläßlich des fünstmdzwauzigsren Gedeuimges dieses traurigen Ereignisses die einzelnen Vorgänge etwas stärker zu beleuchten. Tie ^Tötung Winters war ein Privatracheakt. Daß der Tater nicht entdeckt werden konnte aber war die Schuld der deutsch e n und polnischen Antisemiten, die absichtlich die Spuren verwischten. Ohne ihr Eingreifen hätte, das war auch die Ansicht der Berliner Kriminalpolizei, das Tunket erhellt werden können. ' Richard May. Zur Geschichte ösr schWLöischen Iuöen. Tie Wissenschaft des Judentums hat auch in Schweden WurzL gefaßt, und in neuester Zeit sind zwei Werke über die Juden in Schweden erschienen. Das eine Werk ist eine wipenschaftliche Untermchuug über die ersten Einwanderungen der Israeliten nach Schweden: der Verfasser ist Eskik Olan, und der schwedische Titel lautet: „Judarna pa svensk Mark" (Stockholm, -05 Seiten, Preis 9,50 Kr.). Das zweite Vsterk gibt ein allgemeines Bild des Judentums in Schweden und dürfte in Zukunft die Grundlage für das Studium der Geschichte der schwedischen Juden bildern Der Verfasser ist H n g o Valentin, und der chiOedrsche Titel lauter: „Judarnas historia i S vorige* (Stockholm, Albert Von vier, XV, 572 Seiten, Preis 21 Kr. st Ter erste Jude, der eine hervorragende Volle in der schwedischen Ec schichte spielt, cht der Lübecker Kaufmann Hermann I s r a c l, d-er Gustav Vasa bedeutende Geldsummen vorstreckte und aus diese Vstege die Pläne des großen Schwedcntönigs unterstützte. ^trindberg hat in seinem historischen Drama „Gustav VastS auch die Gestalt Hermann Israels weiten Kreisen bekanntgeinacht. Als Gustav Ado As II. Eothenburg gründete, ließ sich als einer der ersten Großlaufleute Abraham Gabel ran ans Holland hier nied-er mib hat durch sein rühriges Wirken zum Aufstieg der neuen Stadt wesentlich 'beigetragen. Bezeichnend ift auch, M ein portngiesisciwr Jude A z z e v e d a eine schwedisck)e strpedition zu den Berberstaaten in Nordafrika leiten sollte, um über die Einstellung der Seeräuberei zu unterhandeln. Ter Plan Umrde rm letzten Augenblick anfgegeben, weil man das dlnzweckuiäßig? des ganzen Unternehmens einsah, aber die Absicht gibt ein beredtes Zeugnis davon, Uuüches Zutrauen die schwedische Regierung den Inden entgegenbrachte. Diese Beispiele genügen schon, um zu widerlegen, was fälsch ua)erioc; [e über die Äerfol g n n g de r I n den in S ch ro c b e u verbreitet ioorden ist. Ein tvpisches Beispiel joieljer F a l sch u i eld n ugen haben wir in den Aufzeichnungen Aron I sa k s, der in der zwo neu Halste^des XV!!I. Jahrhunderts lebte. Als er das Aufenlha'ltsrecht rn Schweden suchte, war er erstaunt, im Stockholmer Rathaus auf ornen Israeliten namens F-lodin zll stoßen, der damals Mitglied des Magistrats und später Bürgermeister von Stockholm wilrt.e. Diezer nlodiri soll nach Aron Jsals Aufzeichnungen auf ^rund wgendemcs alten schwediscl'-eu Ges-eßbuches ihm'erklärt uaoeu. dap d'e Jr^e:: nr Schweden schlecht geduldet würden: wc-iln euwur Sturme mchrere Schiffe in einen schwedischen Nochawn Einlaufen, so wll dasjenige Schiff, aus dem ein Jude sich besuchet, f .ruc-rst ausgebessert werden, damit der Jude fobald wie möglich Schweden verlasse. Aber abgesehen davon, daß in keinen: schwe- ' dlscLzen G-esetzblrch solche Bestimmungen enthalten sind, könnte dieser Vorzug, der dem jüdischen schisse envicsen wurde, auch als Be.ocis füt die Beden tu ng der Inden im i cf) w e 0 i f clj c n H a n d er sv e r k eh r angeführt Yverdon. Außerdem beweist die geachtete Stellung Flodins in Stockholm, daß die Juden in Schweden keiuesaoegs verfolgt wurden und schon damals ein vo i d; t i ft : s E l c m c n t i m t d) io c b i ] ch c n W i r t? ch o f t § - l •: b •: :i bildeten. Karl T i a n d e r. Zeitrechnung. W o ch enbetrachtu n g. l „Dieser Nlonat sei euch der vorzüglichste der Monate, er sei euch der erste unterid-en Monaten des Jahres." Mit diesem Worte wurde , der Gemeinschaft, die im Laufe von mehreren Jahrhunderten in i Asgnpten zum Volke der Kinder Israel geworden war, der Am! bruch einer neuen Aera verkündet. Ter Monat, in welchem sie aus Alegv.pren ausgezogen waren, wurde für sie der Beginn einer neuen Zollrechnung. Wenn ein Talmudlchrer meint, daß tut gleichen | Monat auch die Welt geschaffen worden sei, so will er wohl auch damit sagen, daß für ein Volk die Weltgeschichte erst beginnt mit [ ton Zeitpunkte seiner Freiheit und nationalen Selbständigkeit. Wenn es diesem Volke auch destinunt war. ein Reich von Priestern . und ein heiliges Volk zu werden, so mußte dock) der erste Versuch. .! diews Ziel zu erreichen', aus nationaler Grundlage gemacht werden. >' Tie Zeitrechnung eines Volkes verrnag uns Aufklärung über sein t Weien und seine Eigenart zu geben. Vö!ker,^dercn Entwicllung eine! stetige ist, deren einziges Ziel das nationale ^ichauslebeu ist, pflegen auch'bei der gleichen Zeitrechnung zu verharren. 'Nicht so das Volk Israel. Als Ihm dnucch die erste Zerstörung seines Tempels ieine Selbständigkeit genommen und als es auch nach der Rückkehr ans dein Eril von den großen Rchchöarreichen abhängig blieb, da ordnete es feine Zeitrechnung ber seiner Nachbarn unter. Und wenn sich'dam: unter diese;; die sogenannte feleucidische Aera hauptsächlich durchsetzt, so! liegt darin eine kulturelle Anerkennung des surischgricch is chen Geistes, der ja aus die Entwicklung be§ jüdischen Geisteslebens den vedcutsamsteu Einfluß ausgeübt hat. Ein neuer Aufschwung des jüdisch-nationalen Geistes trat in den letzten heroischen Kämpfen für seine Unabhängigkeit hervor, die das jüdische Volk mit der römischen Weltmacht ausznfechwn Harle. Obwohl der Ausgang dieses Kampfes ein unglücklicher war, so zitterte die nationale Erregung doll) noch lauge nach. "Das gab sich auch in der Ausnahme einer neuen Aera kund. Man zählte nunmehr die! Jahre nach der Zerstörung des Tempels. Aber so tief auch das nationale Unglück in der Seele des Volkes widerhallte, ein Widerhall, der ja auch heute, nach bald neunzehn Jahrhunderten, nicht ausgekluugen hat, so war do-ch der Sinn hex I udcn z u positiv und zu o p t i m t ft i f ch , als daß sie in der Trauer um die verlorene alte Herrlichkeit voll und ganz h-Stten^ausgehen können, cie stellten sich ein neues Ziel, ober vielmehr pe fanden sich zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurück, welche drrrch dienationale ^Entwicklung etwas überwuchert worden war. dir erinnerten sich idcr Verheißung an Abraham, daß sie ein Segen sein sollten und daß durch sie alle Völker der Erde gesegnet werden wllten. lieber die ganze bewcchnte Erde zerstreut, unter den verschiedensten Nationalitäten lebend, lernten sie es, bei aller WcrtsckStzung der Bedeutung des nationalen Gedankens, doch seine Einseitigkeit erkennen. Sie lernten durch Vergleich die unendliche Fülle des Gemeinsamen kennen, das doch alle» Menschen eigen ist. Ter Begriff der Menschbeit, den ihnen der Beginn ihrer Heiligen Schrift theoretisch üb-erliesert Hatto, wurde ihnen durch die Ersshrung ihres Welterlebens praktisch lebendig. Von Volk zu Volk wawt-ernd. erkannte der Jude wohl als erster, daß überall aus Erden dock; oben MeinchLu wohnten, und wurde so zum Vertreter des Menschheitsgedankcns und aller, das Gesamstvoh! der R-en'chheit fördernden Bcstrevuugen. Diese neue Wandlung zog auch eine neue Aera nach sich, welche noch heute bei den Inden gilt: die ZeitrLchnung nach Jahren seit der Erschaffung der Welr. Ein Wort der Alton besagt: Jur Nissan ist Israel aus Aegvpten erlöst worden, im Nissan wird es auch in Zukunft erlöst werden. Die Vertretung des Menschbvitsgedankeus ist uns Inter bisher nur wenig gedankt worden. In UeEersckStzung des Wertes der nationalen Eigenart wies man diesen Gedanken sowie seine Vorkäurpstr als schädlich und zersetzend zurück und verkannte dabei, daist der Meuschheitsgedirnke den nationalen nicht aistbvben, sondern veredeln und seines brutalen Egoismus entkleiden will. In diesem Irrtum wurden die Voller der Welt dadurch bestärkt, dcch sie sahen, wie manä>e jüdische 'Vorkämpfer törid)tenoei|c wähnten, beim Kampfe für das öuimrute von allem Eigenen abscbcn zn müssen, und glaubten, man müsse aufhören, Jude zu sein, um Mensch lverden. "Wenn wir deshalb bei unserem Kampfe für die Human i tat uns durchsetzen wollen, so müssen wir ihn als Juden! sichren. Tann wird wieder eine Aera beginnen, die letzte Aera. Sie wird mit dem Monat Nissan beginnen, zu gleicher Zeit wird .die 'Srnnde der Erlösung schrägen für die jüdische (Gemeinschaft als gvtterrvählte zur Vollendung des ckllenfci'ReitsgedanIens und für die i von ihrem, nationale:: Egoismus erlösten, zur -'.Menschheit vorbuudcneu Volker. Hofs m a u n.