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Central-Verein-Zeitung · 1925-03-20 · 12 (20.3.1925) · p. Seite 210

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
12 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
Seite 210 (sequence 11)
Language
German
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210 Mgust v. titafffecnumiu Von Professor Dr. Ferdinand MumenttzZ?. Die Judenheit, die von a-ltershcr gerade in der Medizin die Wett mit bedeutenden gorfdjern besck-enkte, hat in den letzten Monaten schwere Verluste erlitten. Den ausgezeichneten Forscher Julius M o r g e n r o l h , nach Lhrlichs Tode der rmbcstrstlene Führer aus dem Gebiete der Chemotherapie; Julius Hirsch« derq, den uncrsetz'nck>en Kenner der klassischen Literatur und der Gescbichte der Medizin, die markanteste Persönlichkeit unter den deutschen Medizinern, der Altmeister der Augenheilkunde, und nun den 'genialen August v. Wassermann. In ihm stirb-t der deutschen medizinischen Wissenschaft nicht nur einer ihrer berühmtesten, sondern Zweifellos der populärste Vertreter. Hierfür genügt es, die Blutreakrion zu nennen, die feinen Na-men trägt, und die heute in der ganzen Welt täglich an Hunderten von Kranken angewandt wird und sich als unentbehrlich für die Diagnose und Beuvteiluntz der Syphilis erwiesen hat. Die Tragweite dieser Entdeckung kann gar nicht hoch genug eingeschützt werden. Es mag sein, daß das Glück Wassermann vielfach zur Seite stand; aber der große Moltte hat mit Neckst gesagt: „Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige." Und das stimmt auf Wasser« mann; tüchtig war er in allen Lebenslagen. Wie er sich, als er v. Wailermaim Trtixsecfan, G. m. b. II., fket. ZU Robert K och wollte, besten L-ehrcu er in ihrer ganzen Größe frühzeitig erkannt hatte, als junger Mediziner, nicht, wie die anderen, einfach abwoisen ließ, wie er durch seine Klugheit, seinen Sck>arssinn es bald bei ihm zum Assistenten brachte, zeigt, daß er das Glück nicht nur zu -greifen, sondern auch zu behalten verstand. Ganz besonders hatte er die Gabe, durch einfach erscheinende Der« fnchsanordnungeu schwierige Probleme der Lösung näherzubringen, und diese allge m e i n v c x jt ündl i ch darzuste-lon. 6 hr! i ch s Seitenkettenthcorie wäre ohne die Arbeiten Wastermanns über die Bindung des TetanusgisleZ an die Nervenfubstanz eine unverstandene Hypothese -geblichen. Durch seine Arbeit wurde sie mit einem Schlage verstanden, bekannt und anerkannt. Nicht wie bei Ehrlich beruhte sein Können auf dem Fundament umfassender Einzelkcnntnisse, die geniale Intuition zeigte ihm das Licht, dem er unbeirrt folgte. Er dackste nicht daran, sich in mühevoller Arbeit langsam durch die Finsternis erst hindurchzuringen. Wulst mag Bordet die Fundam-ente für die Wasierm.annsche Reaktion gezimmert, mögen B r u d s Kenntnisse ihm ein truen-tbchrlicher Helfer gewesen hin, Wassermann vereinte deren und seine eigenen Gedanken dazu, daß die Tat wurde, io e l d) c der ganzen M e n s ch h e i t zum 2 e g e n gereichte. Es ist hier nicht der Ort, feine medizinischen Einzelleistungen auszuzählen, aber gesagt muß werden, daß er aus vielen Gebieten, sei es der Tuberkulose, sei es der K r e b s s o r - schung, Spuren nickst verlöschender Originalität und Genialität hinterlicß. v. Wassermann stammte aus einem vornehmen Hause, in welchem der Geist u n d d i e G e s ch i ch t e d e s I u d e n t u m 8 lebendig mnrcn. D-as ift an ihm hasten geblieben, er be« kannte sich stets als Juden; der Gedanke, daß man dies ändern könne, kam ihm überhaupt nicht. Im Gegenteil, er hat von vornherein gar nicht erst die äußere Position erstrebt, die in solcher Weist erkauft werden mußte. J-n seinem Familienkreise hat er sich zuur traditionellen Judentum bekannt und seine Kinder in diesem Geiste erzogen. Außerhalb hat er. wo es nötig erschien, seine Angehörigkeit zum Judentum betont. Als Vorsitzender der Gesellschaft für die Gründung einer Akademie sür die Wissenschaft des Judentums bewies er sein leblchtes Interesse für die jüdisch kulturellen Angelegenheiten. Er zeigte in glücklichster Weise, daß man Hleichzeitig ein ausgezeichneter Deutscher und «in feiner Abstimmung durchaus treuer Jude sein kann. Man kann nickst sagen, daß er persönlich unter dem Antisemitismus zu Leiden hatte. Wenn er bei seiner Bewerbung als Privatdozent an der Berliner Universität das erstemal zurückgewiesen wurde, so -galt diese Zurückweisung weniger ihm, als seiner Eigenschaft als Assistent von Robert Kock), und die Fakultät hat ihren Irrtum schon emstie Jahre später dadurch gutzunrachn versucht, daß sie ihn erst zum Extraordinarius und spater zum ordentlichen Honorarprofessor machte. Man konnte und wollte ihn ebensowenig wie Ehrlich aus die Tauer beiseite schieben. Er ließ sich das auch nicht leicht gefallen; wo er glaubte, daß er nicht genügend beachtet wurde, wies er in bajuvarischer Deutlichkeit auf seinen Weltruhm hin. Er wurde erst Abteilungsleiter im K c ch sche n I n st i t u t> und daun Direktor des Kaiser- W i l h e l m - I n st i t u 18 sür experimentelle Therapie. Während des Krieges bekleidete cr eine hohe Stellung als beratender Hygieniker in der A r m c c. Nach dem Kriege wurde er von der deutschen Regierung als deren Vertreter für die internationalen Verhandlungen über beuchende k ä m p sung beauftragt. Wassermanns Persönlichkeit zeichu.cte sich durch Güte, Leutseligkeit und sprudelnden Geist im Verl ehr aus. Er war unermüdlich tätig, jüngere Forscher zu fördern, frei von Neid und wissenschaftlichem Vorurteil. Er war ein gottbegnadeter Redner. Die originelle Art, wie er. nicht festgebanut auf seinem Platz, direkt zu seinem Zuhörerlreis sprach, belebte den klaren und geistvollen Vortrag außerordentlich, und jeder Zuhörer mußte im Bann seiner Ideen stehen. Viel zu früh ist er im 59. Jahre dahinaeaangen eine Leuchte der deutschen Wissenschaft^" eine Zierde der Jude nh eil, ein Wohltäter der Menschheit. Das Iuösrttum bei Oswald Spragler. Von Dr. D i e n c m a n n (Ofstnbach). & gibt Aufgaben, denen man nickst ausweicben kann und darf, he ödst wenn man es sogar aus einen; üttlickeu^Grunde möchte. Eine solche Ausgabe*) ist dw kritische Besprechung dcsten, was Spengler in seinen, berühmten Bucker „Tor Untergang des Abendlandes" üben Juden imd Judentum sagt. Die kritische Besprechung ist notwendig, weil Spenglers Buch Zn den wichtigsten- und einflußreichsten Büchern der Gegemvart gehört, weil -die in ihmvertretenen Ideen die .Kopse und das Denken vieler ergreifen werden, weil die in ihm geleaerstlich ausgesprochenen llrtcifc auch dann noch ein Leben in sich "tragen können, wenn die leitenden Gr^mdgedanken des Buchs als falsch erkannt sein u?erden, und weil man mrgends ein falsches Urteil über Juden und Judentum unwidersprochen durchgehen lassen darf. Und man scheut stch doch, an solche kritische Betrachtung von Einzelheiten des Buches heranArgechen. weil Spenglers Buch, selbst wenn die Eruudanlage und die Denworaussttzuug falsch ist, doch ein Buch von großem Wurf und von genialer Konzeption ist und es -kleinlich erscheinp, Einzelheiten kritoch zu berich.iczen. Aber cs geht mm ein* mo£ mcht awderch die Ehre und das wissenschaftliche Eu-rvisstn gebieten die Beachtung auch der Einzelheiten noch dazu, wenn mau, wie wir, in der Lage einer um ihre Geltung kämpfenden Minderheck ist. Grunwald ist der Kleinlichkeit glücklich aus dem Wege gegangen, indem er ein-euench bemerkt, daß .zoas Spengler hier geirrt, wenn es auch.^demagcgischagitato risch misst-rmrchh Unheil stiften kann, nur als Fehlorz nicht als Verfehlung zu Vennerkcn sei. als Unrichtigkeit^ und nickst als Unrecht". Gründlichkeit geht Grnnwald den verschiedeutiicheu Jrrlümern Spenglers über Juden und Judentum zuleibe, und wenn cs auch unmöglich ist. im Rahmen einer kurzen Abhandlung sic sämtlich zu berichtigen, ist es doch nützlich und gewinnbringend, im Zusam-meuh.mg weienbiieho J-nrtümer als svlckp gekennzeichnet zu sehen, noch dazu, da eine solche zusammeuhangmäßiae Betruchturgz zugleich wichtige Grundlehren des Judentums erneut ins Bewußtsein hebt. Die Sckwist wirkt so ruckst nur kritisch, sondern Kenntnis verbreitend. Misten begründend und positives Judentum vertiefend. Uebe-r das Krill'che hina us aber noch eine Bemerkung. Krit ik ist gut und notwendig; aber man wird einem Buch wie Spenglers nicht bloß lmll'sch -eut-gegcntreteu dürürr Es ruht auf einer ganz best irnnstcn Ueberzarrguug, n-ämlich auf der, daß alle Gstckstckste sinnlos ist, keinerlei Sinn und gewollten Z'.occk hat. Das ist eine Glaubens- Vorstellung (auch ein lluglnule ist Glaub<) und nichts Erweisbares, ist eine S-eelenstimmung und eine Grstihlseuergh.e, und man kann Glauben. Seelenstirumung-, Geiühlsem-rgie nicht widevlegen', man kann nur einen anderen Glauben, eine andere Gesühlscnergie entgegensetzen. Wir setzen, das ist nufere letzte Widerlegung. Spenglers These von dar, Sinnlosigkeit der Ge-schichto unsere Gläubigkeit, unsere Uebcrzeugungvon dev Geschichte als der Offenbarung von Gottes Willen entgegen. Spengler kennt nur die Zeitlichkeir, wir aber kennen die Ewigkeit. Beides vereint, die kritische Durchleuchtung der, Einzelheiten.' und diese unsere Gefühlsrmergie, ist für uns Irr den die Neberwmdnug Spenglers. *) Dr. Max CStunm-alfc: Das Judentum bci Oswols Epcualcr. d-lls-Äerlos. Berlin 1924. 42 ceiten.

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