Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- Seite 192 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Seit wann ist Hebräisch eine tote Sprache? Don Rabbiner Dr. Ernst Jacob (Saarbrücken). Wie kann man so fragen? wird vielleicht mancher Leser dieser Zeitschrift denken, der davon gehört hat, daß heute in Palästina wieder Hebräisch gesprochen, geschrieben und gedruckt wird, der weiß, daß eine umfangreiche neuhebräische Literatur existiert und Dutzende hebräischer Zeitungen und Zeitschristcn über einen immer wachsenden Leserkreis verfügen. Und doch ändert das alles nichts daran, das; das Hebräische bereits vor mehr als 2000 Jahren aufgehört hat, lebende Sprache zu sein, und daß mau nicht von einer lelendig-cn Sprachtradition reden kann. Tie angeführten Umstände erlauben vielleicht, ein Wiederaufleben zu erhoffen, oder — das ist die Streitfrage, schon zu konstatieren, sie können aber nicht die h i st o r i s ch e Tatsache aus der Welt schaffen, daß das Hebräische ein» mal bereits gestorbeu ist. Wann war das und wie war es möglich? Zwei Dinge haben zrrsammengewirkt. Das eine war die W e g f ü h r u n g des jüdischen Volkes im Jahre 586 vor unserer Zeitrechnung in die babylonische Verbannung. Dadurch verlor cs den Nährboden des eigenen Landes und freien selbstherrlichen Staabslebens, der ja für das Gedeihen einer Sprache so wichtig ist. Trotzdem haben die Indem noch geraume Zeit über das Exil hinaus Hebräisch gesprochen und das herrlich^ Hebräisch des Buches Hiob und vieler Psalmen geschrieben, die in den ersten Jahrhunderten nach dem Exil entstanden sind. Wer ein anderes hat sich dem Hebräischen todbringender erwiesen und die Verbannung erst zur Wirkung gebracht: das Vordringen der aramäischen Sprache. Hierin haben wir eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Kulturgeschichte: daß nämlich ein Volk sich ohne Krieg und Waffen, nur mit seiner Sprache einen Erdteil erobert. Das taten die Aramäer «nt das Jahr 500 mit dom vorderen Orient. Wie eine gewaltige Welle überflutete damals das Aramäische das Morgenland und wurde in kurzem die Sprache des täglichen Lebens wie der Literatur in Mesopotamien, Syrien und Palästina. Zu denen, die diese Sprache an nah men. gehörten auch die Juden. Das Aramäische war ja dem Hebräischen eng verwandt imd verhielt sich zu ihm wie das Platt zürn Hochdeutschen. Zeugnis davon sind die aramäischen Partien in unserer Bibel, in den Büchern Daniel und Esra, und die Targune, das sind Uebersetzuugen der Bibel ins Aramäische. Tausend Jahre lang war Aramäisch die Sprach der Juden, also bis etwa zum Abschluß des Talmuds. Wir haben ja bekanntlich auch aramäische Gebete in unserem Gottesdienst, z. B. das Kaddisch. Freilich ist das Hebräisch nicht auf einmal aus dem Gebrauch gekommen. Sehr lehrreich hierfür war es, als in der Geniza in Kairo vor einigen Jahrzehnten eine Handschrift gefunden wurde, die sich als der hebräische Urtext des Buches der Sprüche Jesus Sirach herausstellte. Dies Buch ist um das Jahr 200 vor unserer Zeitrechnung geschrieben worden und war uns bis dahin nur in griechischer Sprache bekannt. Wenn dieser Fund noch für eine gewisse Lebenskraft des Hebräischen im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung sprach, sind allerdings in allerletzter Zeit Entdeckungen gemacht worden, die uns wieder bedenklich machen können. Es sind die Forschungsergebnisse des Professor Wutz, die wohl verdienen, einer breiteren O-efsentlichkeit mitgoteilt zu wwrdenJ. Sie beziehen sich auf die Septuaginta, jene Ilebersetzung der Bibel ins Griechische, die im 3. Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung in Aegypten stattsand und sür die Verbreitung der Bibel wie für die Geschichte des Christentums von großer Bedeutung geworden ist. Man nahm bisher an. daß die llebersetzer aus dem Hebräischen übersetzt haben. Da hat nun Professor Wutz die Entdeckung gemacht, daß diese Ansicht eingeschränkt werden muß. Wie er nachweist, übersetzten sie nämlich aus einem hebräischen Text, der mit griechischen Buchstaben geschrieben war. Dem Laien scheint das kein bedeutender Unterschied, und doch -ist es von großer Tragweite. Neben anderem ergibt sich daraus, daß die alexandrinischeu Juden in der Zeit der Ueberschung nicht einmal mehr hebräisch leset: konnten. Sie schrieben sich das Hebräische in griechischen Lettern auf, so wie 'heute manchmal das Kaddisch sür Lesensun kundige mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird. Aus der Umschrift erklären sich auch viele Abweichungen, die der Text der Septuaginta gegen tm.sere hebräische Bibel austveist. Cie stellen sich jetzt als einfache Verwechslungen griechischer Buchstaben heraus und dürfen nicht mehr gegen die Zuverlässigkeit unseres Dibeltextes bis Feld geführt werden. "Anderseils gelingt es durch ein Verfahren, das hier nicht geschildert werden kann, eine Reihe von hebräischen Worten zu entdecken, die in unserer Babel nicht stehen, die auch nicht darin standen, die aber die Der- Wechslungen der griechischen Uebersetzung erst ermöglicht haben. Die Zahl dieser neuentdeckten Worte fccläuft sich auf 300. Ist das nickst eine tote Sprache, in der so viele Worte Jahrtausende hindurch unbekannt bleiben konnten und erst durch einen glücklichen Zufall **“**"• *“ ---«r»»" r» E4. wieder ausgefunden wurden? Es ist ja so, daß uns auch im Sprach schätz der Bil>el vieles unbekannt ist. Biele Worte kommen nur einmal vor, und wir können ihre Bedeutung nur aus dem Zttsanttrienhang erraten. Auch ist uns in Stil und Satzbau noch so vieles unbekannt. Ich darf da wohl auf manche Entdeckungen aus diesen: Gebiete verwckscn, die sich in den Werken meiltes Vaters verstreut finden. Dafür, daß aber atlch schon in biblischer Zeit Wörter verlöret: gegangen sind, darf ich vielleicht eine neulich von ihn: gemachte Beobachtung anführen. Man ke-unt das Rätsel, das Simson den Gästen aufgub: vom Fresser kan: Speise und von: Wilden Süßes. Die Lösung rhu: was wäre [iifrcr als Honig und tvilder als der Löwe? Simson hatte näntlich einen Löwen zerrissen und nach gerannter Zeit in seinem Skelett einen Bienenschwarm gesunden. Nun heißt Löwe im Hebräischen Ari, Honig Dewasch. Aber im Arabische'.: gibt es ein gleichlautettdes Wort Arj, das auch Honig bcdentet. Dies muß es atlch einmal im Hebräischen gegeben haben, und das Nä-Lsel lautete einfach: Was ist zugleich Fresser und Speise, wild und süß? Antwort: Ari (Löwen-Honig). Als das Wort verlorengegangen war, erfand man zur Erklärung des nunmehr unverständlich gewordenen Rätsels in Anknüpfung an Simson, den Lövvcn-töter, jene seltsame Geschichte. Eine Spur des Wortes ist noch in dem Zeitwort nun. (ernten, pflücken, resp. Honig sammeln) erhalten. Aehnliches zeigt die Geschichte der Sprache. Damals also h a t d a s H c b r ä i s ch e a u f g e h ö r t, d i e Sprache des j ü d ischen Volkes zu sein. Es ist mcrktvürdig, daß darin auch die nationale Erhebung der Makkabäer mit ihrer Abkehr von allen: Fremden nichts geändert hat. Sie waren eben -nur an der Rettung und Ncinerhaltung der jüdischen Religion interessiert und hatten keinerlei kulturelle national jüdische Ziele. Freilich haben die Gelehrten unserer Religion einen Ehrenpunkt darein gesetzt, ihre Lehrsätze hebräisch zu formulieret: und Lailtvetse auch hebräisch zu sprechen. Und das ist bis in die neueste Zeit so geblieben. Mischna wie Schulchau Aruch sind hebräisch abgesagt, in einem blassen, lebensfernen Hebräisch Auch das Hebräisch der jüdischen Dichter des Mittelalters, eines Juda Halevi und Salomo:: Gabirok, ist Kunstsprache. Nicht einmal die Meinung des Midrasch, daß die Engel im Himmel hebräisch sprechen und daß die ewige Seligkeit vom sprechen dieser Sprache aohänge, hat sie wieder zum Leben erwecken können Wird das in unseren Tagen anders werden? Gegen öas Iüöeln im Radio. U ebergroße Empfindlichkeit? Die Beschwerde, der ösfentlich Ausdruck zu verleihen ich von verschiedencu Seiten, die sich gegenseitig gar nicht kennen, ersucht worden bin, bezieht sich auf folgendes: In den letztet: Tagen wurden dttrch den „R u n d f u n I* verschiedene Dichtungen von Fritz N enter vorgetragen.- Daß der große deutsche Humorist fein Judenfeind in: modernen '^inne war, ist hinreichend geklärt. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat anläßlich des 50jährigen Todestages von Fritz Reuter am 12. Juli v. I. in einer jüdischen Zeitschrift (..Israel. FamilicnblattJ diese ivrage eingehend erörtert. Unzweifelhaft aber ist, das; seine lüdgchcn Figuren, i n: Dt a ich ch e l t o:: d t: r ch den „R u n d f u n k" verbreitet, in gewipem Sinne antisemitisch wirke::, selbst die gut gemeinte n, wie den Nt a u s e s in „Ut mine Stromtid". Jedenfalls haben sich, wie ich genau weiß, eine ganze Anzahl jüdischer Deutscher dadurch, noch mehr durch die Karikatttr eines Juden m seiner JReij'c nach Belligen", n n augcne h n: betroffen gesühlt. Wenn nun noch dazukommt. daß in derselben Woche — ob'an detnselbett Abend, weis; ich nicht, da ich selbst kein Rundfunktcitnehmer bit: — eine jüdische Figur von Presber dieselbe Wirkung hervorgerufen hat, so trifft zwar nicht der erste, sicherlich aber der zweite Teil des Tichterwortes zu: „Man merkt die Absicht, und mar: ist verstimmt." Absicht ist cs wohl in keinem Fall, dagegen haben die südlichen Teilnehmer, deren Zahl sicherlich eine recht große ist, ein berechtigtes Interesse daran, daß derartige Darbietungen n n t e r b l e i b e n , die geeignet sind, f t e in den Augen ihrer n i ch t j ü d i s ch e u Nt itvürger h e r a b z u s e tz e n. Hoffentlich bedarf es nur dieser Anregung, um dttrch einen gelinden Protest die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Man wende gegen einen derartigen Schritt nicht ein, was in der kleberschrift bereits zum Ausdruck gebracht ist, wenngleich meinerseits in skeptischer:: Sinne, daß hier eine übergroße jüdische Empfindlichkeit vorliege. Das große Publikum hat keine Ahnung, wie sehr Stücke ä la Herrnseld, die damit vor 35 Jahre:: in größerem Maßstabe begonnen haben, ::nd mtdere mehr oder minder gelungene Jargonstücke, so das jetzt hier ausgesührte, in Ezernowiü spielende, mit Gisela Werbeziel als Attraktion, ferner Romane, wie der vor einiger Zeit von Felix Holländer in einer großen Tageszeitung veröffentlichte, von jiddischen Ausdrücken (Gojte, Schickse usw.) wimmelnde, dazu beitragen, uns gesellschaftlich zu schädigen. Soll nun noch der Rundfunk hinzukommen, den: ja jeder Teilnehmer auf Gnade und Ungnade ausgeliesert ist? U. A. w. g. Dr. Car! Pinn (.Eharlottcndurg).