Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- Seite 178 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Gegen öen Holschewismus. Veranstaltung der vaterländischen Vereinigung russischer Juden. Seit etwa zwei Jahren besteht in Berlin eine „Vaterländisch e V er ei n i gu n g ru ssi fche r I u d c n". die von russischen Juden gegründet wurde, welche infolge der bolschewistischen Revolution Rußland haben verlassen müssen und jetzt im Ausland als Emigranten leben. Tie Vereinigung trägt keinen politischen Charakter, es gehören ihr Vertreter verschiedener politischer Richtungen an. welche nur darin übereinstimmen, daß der B o l s ch c - wismus sowüe alle bo l s ch e w ist e n f r e u nd l i ch e n Lenden 3cn außerhalb u nd innerhalb des Judentums mit Anwendung aller Kräfte bekämpft w e r - den müssen, weil sie nicht nur sür den rnssischeu Elaat. sondern auch für das russische Judentum, wie sür das Judentum überhaupt, eine tödliche Gefahr bilden. Die Vereinigung hielt hier eine Reihe von Versammlungen und DLskussivnsabcndcn ab; vor einiger Zeit wurde von ihr auch ein Sammelwerk in r u s s i s ch e r Sprache unter dem Titel „Rußland und die Juden" her- -ausgcgeben, in welchem verschiedene Verfasser, jeder von feinem Standpunkt aus, das Verhältnis der Inden zu Rußland, zu der Revolution und dem Bolschewismus behandelten. Das Sammelbuch soll demnächst auch in deutscher Ucbersetzung erscheinen. Am 20. Februar veranstaltete die Vereinigung eine öffentliche Versammlung im Schubert-Saal in Berlin, in welcher einer der Begründer und Führer dieser Vereinigung. Herr Joseph Vielermann, ein früher in Rußland sehr bekannter russisch-jüdischer politischer Schriftsteller, über „Die rechte und linke Hand", d. h. die Starke und Schwäche, des jüdischen Volkes sprach. In einer sehr weit cmshvleuden Betrachtung suchte der Vortragende aus Grund einer geschichtlichen Analyse der Entwicklung des jüdischen Geistes vom Anfang des geschichtlichen Lebens des Judentums an zu beweisen, daß sowohl die Stärke, als auch die Schwäche des Judentums aus eine und dieselbe Ursache z u r ü ck z u s ü h r e n seien, nämlich aus den jüdischen Messianismus, auf den Gedanken, daß die Geschichte der ganzen Menschheit im Grunde genommen nur die Geschichte des jüdischen Volkes sei, das sein Schicksal das Ziel des Weltgeschehens ist. Indem er diesen Glauben durch die verschiedenen Perioden der jüdischen Geschichte verfolgt, zeigt der Vortragende, daß dieser Glaube einerseits eine fast beispiellose Disziplinierung des jüdischen Geistes, eine Konzentrierung des ganzen jüdischen Lebens auf der Grundlinie dieses Auserwühltseinbewußtseins hervorbrachte, wodurch das jüdische Volk erhalten wurde. Gleichzeitig führte aber dieser Mesiianismns dazu, das Leben der das Judentum umgebenden Welt als minderwertig, zufällig und unwesentlich zu betrachten, als etwas, was dazu verurteilt ist, auf einen Schlag durch das Erscheinen des Messias zu verschwinden und durch etwas ganz Neues ersetzt zu werden. Der Sinn für die ungeheuere Kompliziertheit des geschichtlichen Lebens, für feine Tragik, ging den Juden daher ganz verloren, und cs entstand bei ihnen eine Verquickung von Messianismus und inhaltslosem Rationalismus, eine Empfänglichkeit sür ksistDrische Konstruktionen aus Grund des abstraktrationalistischen Denkens. Deshalb stürzten sich auch die Inden Hals über Kopf in die Eedankengange der rationalistischen Auf- Üarungsperiode des 18. Jahrhunderts, die an demselben Fehler wie das Judentum litt, nämlich an der Verkennung der Realitäten der Geschichte. Später und in unserer Zeit schuf diese Einstellung des jüdischen Geistes die Grundlage der Begeisterung sür den rationalistischen Sozialismus in Form des Marxismus, Bolschewismus usw. Ter Vortragende schloß, daß es daher die Ausgabe von jüdischen Organisationen, wie der Vereinigung, in deren Rainen er sprach, sein muffe, nicht nur den Bolschewismus mit allen Mitteln aktiv zu berämpfcn, und, wie alle russischen Patrioten, auch an der Wiederherstellung Rußlands mitzuarberten, sei es auf republikanischer oder monarchistischer Grundlage, sondern sie haben auch eine innere jüdische Ausgabe vor sich. Diese Aufgabe besteht darin, den inhaltlosen Rationalismus des jüdischen Geistes zu überwinden, das Verständnis dafür zu schassen, daß die Welt sich nicht mit Hilfe von logisch erdachten Systemen beherrschen und reformieren laßt. Es müsse der Sinn für die Reichhaltigkeit des geschichtlichen Lebens mit all seinen tragischen Widersprüchen geweckt werden, die sich nicht im Handumdrehen durch kühne Gedankengänge ersetzen lasten. . In der Diskussion wies der vor kurzem aus Rußland gekommene Geschichtsprofessor W. N. Ctrojcw au] die nickst genügend bekannte Tatsache hin, daß in gewiffen Fällen konservative Politiker rmd Denker in Rußland den Juden gegenüber eine günstigere Stellung als Vertreter liberaler Richtungen eingenommen haben. Zmn Beispiel l^harrdelte der bekannte konservative Publizist Katkow, der seinerzeit einen ungeheueren Einfluß auf die russische Regierung und russische Gesellschaft ausübte, die Judensrage in wohlwollenderem Sinn, als der liberale Historiker Kost o m a r o w. der sogar an das Ritualmordmärchen glaubte. Ausbau der jüdischen wohlfahrLspsieße. Aus dem soeben crfd)iciiciicn Jahresbericht 1924 dcr :■ i'' Zeniralwohlfahrtsstollo geben wir im folgenden ein wichtige Kapitel wieder. Die S ch r i s t L e i t u n g. Auf dem Gebiete .,Ausbau der jüdischen Wohlfahrtspflege" Han. delte es sich einmal durum, den Zusammenschluß der j ü d i. sch en WohlsahrLsei n richtunge n in den Gemeinden, wo dies bis jetzt noch nicht geschehen war, herbeizuführen, hauptsächlich aber m Preußen P r o v i n z i a l v c r b ä n d e ins Leben zu rufen. Es hat sich gezeigt, daß ir.an leistungsfähige Träger nicht nur in der öffentlichen, sondern anch in der privaten Wohlfahrtspflege braucht, um der Rot, die durch den Krieg und seine Folgewirkungen zutage getreten ist, wirksam zn steuern. Auf Grund eines besonderen Beschlusses, der von den örtlichen Zentralen und Landesverbänden im Juni 1924 gefaßt wurde, ist die Z. W. St. dazu übergegangen, cinjelne Provinzen in Preußen zu W o h lf a h r t s v c r bä n d c n zusamruenzuschließeu. Es sind solche Verbände bereits in Hannover. Sa ch s e u - A n h a l t, Braud e u b u r g , R heinland entstanden. Da H e j fein N assau und W e st f a l e n bereits eine solche Organisation besitzen, auch Pommern durch den Provinzialverband des Jüdischen Frauenbundes in den Bereich dieser Arbeit hineingezogen ist. fehlen nur noch S ch l e s i c n und O st Preuße n, und auch hier sind die Vorbereitungen bereits im Gange. Diese Provinzialverbände stellen die Vertretung der Wohlfahrtspflcge der Provinz gegenüber den Landess ü r s o x g e ä in t c x n dar und schließen sich mit den analogen katholischen und evangelischen Organisationen sowie init anderen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege zu Ilnterorganen der Deutschen Liga für Wohlfahrtspflege zusammen. Sie haben eine Fülle von Aufgaben zu leisten. In erster Linie müssen sie sich der Regelung der D it r ch w a n d e r e r f ü r s o r g e und des Arbeit sitadnoci s w csens, des A n s b a n e s der Ges u u dhcits - s n r sorge, der Unterstützung von Alten. Kranken. Kriegshinterbliebenen in den kleinen Gemeinden, die nicht leistungsjähig sind, widmen. Tie bisher gegründeten Verbände arbeiten sehr erfolgreich. Auch nach einer'z'w e i t e n Richtung war die Z. W. St. organisatorisch tätig, indem sie sich bemühte, innerhalb der Gemeinden, der örtlichen Zentralen und Landesverbände eine Systematik in der jüdischen Wohlfahrt?- pflege durchzuführen. Sie hat dw Erfahrungen, die in gut arbeitenden Provinzen und örtlichen stellen gemacht worden sind, gesammelt und sie in Form von Richtlinien den Organisationen nn Lande draußen miigeteilt. Aus diese Weise ist eine Fülle von Anregungen sür praktische Arbeit gegeben, und diejenigen Stellen, die bisher auf diesem Gebiete nicht geschult waren, sind 'in die Lage versetzt worden, für die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen von den amtlichen Stellen und von den anderen Organen der "Wohlfahrtspflege jene Förderung zn erreichen, die im Interesse der jüdischen Einrichtungen und der jüdischen Nntcrstühungsernpfänger geboten ist. Ganz besonders hat sich die Z. W. St. den Ausbau der Ges n n d h e i t s s ü r s o r g e . der Anstaltsfürsorge — letzteres in Zusanrmenarbeit mit dem Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten und dem Verein der Leiter' und Leiterinnen jüdischer Erziehnngsansialten in Deutschland — angelegen sein lasten. Auch auf dem Gebiet der I n g e n d w o h t s a h r t, insbesondere der Gesährdetensürsorge. war die Z. W. St. tätig, indem sic sowohl für die Schaffnng eines Heimes für schwer erziehbare Knaben, als auch eines Heims sür Psychopathen die notwendigen Vorarbeiten getrosfen hat. Einer besonderen Anregung seitens der jüdischen Jugend verbände folgend, hat die Z. W. St. sämtliche Jugendorganisationen in Deutschland zn einem Beirat der Jugend neben der Z. W. St. znsammengesaßr, gemeinschaftlich mit ihren Vertretern Richtlinien für die Mitarbeit der Jugend auf sozialem Gebiete mit den örtlichen Zentralen und Landesverbänden ausgesiebt und Wege gesunden, um in die Jugend selbst die soziale Arbeit'hincinzutrage». Isidor GrrrrNvald, Direktor des zweiten Waisenhanse? der Indischen Gemeinde in Berlin, ist nach fall 40iühriacr ^atgflcrL am IR Februar d. I. verstorben. Der Eentralve'rcin 'verliert m dem nunmehr Verklärten nicht nur den Begründer und lan.üähriac'.l Leiter seiner Pankower Orts gruppe, sondern einen Mann den er mit ganz besonderem Stolz als einen allzeit tatbereiten Förderer feiner Ideen zu einen: seiner Besten zählen konnte. Mit einer seltenen vädafl o n i? ö C n SBcflnabunfl hat er Hunderte jüdischer Knaben nicht nur zn einer beruflichen Tüchtigkeit erzogen und die von uns so oft betonte Notwendigkeit einer beruflichen Umschichtung der Inden zugunsten handwerklicher Betätigung in die Tat umgeseht. sondern auch m'it wahrer Liebe zu ihrem Judentum und zugleich zu deutscher .Kultur und deutscher Gesinnung erfüllt. Von der seltenen Liebe und Verehrung, die der Verstorbene weit über seinen Glaubenskrers hinaus genoß, zeugte di-' viclhunderttöpsige Trauerversanimlung. die am 20. Februar 'dem Heimgegangenen die letzte Ehre erwies. Außer den Vertretern des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, des Jüdischen Wohlfahrtsamtes und des Vereins ehemaliger Schüler des Indischen Waisenhauses riesen ihm nach, der Gedenkrede von Rabbiner Dr. Bergmann auch der Vertreter des Bezirksamtes Wedding und der Säzulmissichtsbehörde. Stadt- und Schulrat Düring, und namens der evangelischen Religionsgemeinschaft zu Pankow Pastor IungtlouS herzliche Worte der Dankbarkeit nach und gedachten seiner als eines hervorragenden Erziehers. eines treuen Sohnes seiner Religion und zugleich als eines sein deutsches Vaterland über allcS liebenden Mitbürgers. Das Andenken des Heimgegangenen wird in der großen Zahl seiner Schüler und Zöglinge. die in ihm nicht nur den Erzieher, sondern auch den väterlichen Freund verehrten, wcilerleben und im Centralvercin stets in Ehren bewahrt bleiben.