Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
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177 Hitlers Neo~MacchiaveIlismus. Die Gegner werden das Lachen vergessen'. " °cn doppelter Gestalt tritt Eitler jetzt wieder vor die Dcfsentlichs.'iteinmal hat er den seit 'November IW unterdrückten „Völkycheu Beobachter" wieder ins Leben gerufen und sogar selber seine Schrrst- N'itnna übernonunen. zilm fid}tticfjou Nlißvergnügen des „Voltistyen Kuriers", der damals das Erbe des „Beobachters" angetreten hatte. Und dann trat er persönlich-als Versammluugsredner wieder vor seine begeisterten Anhänger und wühlte dafür den schon historisch gewordenen Bürgerbräuteller. S ch o n viele Stunden vor der an gesetzten Zeit mutzte der Saal wegen des ungeheuren Andrangs Schaulustiger geschlossen werden. Und sie waren nicht umsonst gekommen, der groye Aus- Wühler der Volksmassen wutzte ihnen für Auge und Ohr etwas zu bieten. Zwar inhaltlich deckte sich seine Rede ungefähr mit dein Aufruf und dem Leitartikel im „Beobachter"; aber als Redner ist Eitler viel mehr in seinem Element, denn als Zeitungsschreiber, und vermag durch Ton und Gebärde die sortreitzen.de Wirkung zu üben, die man an seinen Aufsätzen vergeblich sucht.^ Dazu kanten btc bewährten äußeren Stimmungsmittel: die rauschenden Klänge einer Musikkapelle „in Hitler-Uniform", die aufgeregten Zwischenrufe und Veifallstürme der Anhängerschaft und zuletzt die rührende Verbrüderungsszene, da auf Befehl des Führers die Gernegroße der bisher gespaltenen Richtungen, die Esser und Streicher, Dinier und Buttmann, unter reumütigem Bekenntnis ihrer Fehler allen Streit begruben und sich vor allein Volk feierlich die Hände reichten. Wir haben nicht den Nauru, hier die Rede ausführlich wiederzugeben, und beschränken uns aus Anführung einiger charakteristischer Stellen. „Eine politische Bewegung, die sich ans Besitz und Geist stützt, muß in der Minderheit bleiben. . . Keine Partei hat sich bisher um die Massen gekümmert, bis der Jude mit großer S ch l a u h e i t i h r e F ü h r u u g in d i e H a n d n a h m. — Das Bürgertum besitzt nicht mehr den Schlüssel zum Herzen des Volkes. Das erfordert rücksichtslosen Kamps für das Ideal und das Bewußtsein, daß man, wenn man etwas erreichen will, das Recht hat, jedes Mittel dafür einznsetzen." — Er rechtfertigte es, daß er sich in einem Bierlokal an die Massen wende, denn wenn hier eine Wendung zum Besseren eintrete, sei es besser als ein Parlamentssaal (eine deutliche Absage an den parlamentarischen Flügel!). Dann verkündete er als einziges Ziel der Gesamtbewegung', schärfsten Kampf gegen den Juden als Person und den Marxismus als Sache. „Tic größte Gefahr ist und bleibt das brennende Völkergift in unserem. Leibe." Nachdrücklich forderte Hitler dann für sich allein die Führung in der w i e d e r a u f z u b a n e n d e n Bewegung, rief alle Anhänger zum Wiedereintritt auf, ohne aber irgendeinen! zu gestatten, an seinen! Eintritt i r g e n d w e l ch e B e d i n - gungen zu knüpfen. Daran schloß sich dann die schon erwähnte Verbrüderung der bisher entzweiten Parteigenopen, an die Hitler die Erklärung anknüpfte, die Streitaxt sei nach innen begraben und trete nach außen in Tätigkeit, die Gegner würden in kurzer Zeit das Lachen vergessen. Sollte jemand aus unseren Reihen sich durch die drohend geschwungene Streitart allzusehr bedroht fühlen, so möge er sich an der Erinnerung aufrichten, daß im gleichen Saal schon einmal eine Einigung mit öffentlich gewechselten Händedrücken besiegelt wurde, die keine 24 Stunden Bestand hatte. Hitler hat diese demonstrative Einigung nur durch deu Einsatz seiner ganzen Person erzwungen und nur dadurch erreicht, daß er gefährliche Streitpunkte klug umgangen, um so kräftiger aber deu „Programmpunkt" unterstrichen hat, in dem die Völkischen aller Richtungen einig sind, die Feindschaft gegen Marxisten und Juden. Geschwiegen hat er völlig über seine künftige Stellung zur stärksten Partei in Bayern; starke Worte fand er gegen das der Hinneigung zu den M flt jijtcn verdächtige Zent r um , obwohl doch kein rechter Anlaß bestand, sich mit dieser in Bayern nahezu bedeutungslosen Partei so ausführlich auseinanderzusetzeu. Vielleicht sollte dies ein schlauer Ausweg sein, um diejenigen Anhänger znfriedenzustellen, die eine Abrechnung mit „Nom" erwarteten und gleichzeitig doch die Brücken zur Bayerischen Volkspartei nicht abzubrechen, die man damit beruhigen konnte, daß das gegen das Zentrum Gesagte keineswegs die B. V. P. treffe, die ja "tatsächlich zu den Sozialdemokraten in viel schrofferer Gegnerschaft steht als das Zentrum. , Trotz dieses vorsichtigen Gebrauchs der Sprache als eines Mittels, seine Gedanken zu verbergen, konnte sich aber Hitler weder mit seinem Au'sruf, noch mit seiner Rede das Vertrauen der B. V. P. gewinnen. Sowohl die B. V. P. - K o r r e s p o n d c n z als ganz besonders das O r g a n d e 8 Ministerpräsidenten Held entnehmen seinen Aeußerungen eine versteckte Kampfansage an die V. V. P. und mahnen zur Vorsorge, damit Hitler llicht ein zweites Mal den Staat ins Verderben reißen könne. Wenn es dann heißt: „in Erfüllung dieser Aufgabe weiß sich die Partei einig mit allen Vernünftigen im Lande", wird sie sicher auch auf die Zustimmung aller vernünftigen Juden rechnen dürfen. So war es vergebliches Bemühen, daß Hitler _bcu Kamp sh ahnen, die aus der völkischen Bewegung einen Kamps gegen die Kirche machten, mit dem harten Wort absagte: „Religiöse Reformationen können rucht von politischen Kindern gemacht werden. Hut etwas anderes aber handelt es sich bei diesen Herrschaften nur sehr selten." Man hat eben in kirchlichen Kreisen nur zu gut erkannt, daß das steine politischen Kindereien sind, sondern daß die Kirclpenserudlrchkeit mit der völkischen Bewegung notwendig urid ihrem ganzen Wesen nach verbunden ist. Ebensowenig wie bei der katholischen Partei fand Hitler bei den Völkischen selbst eine gute Presse. ^Natürlich sitzt er als Gründer und Märtyrer der Bewegung zu fest im Zattel, als daß mau offen gegen ihn Vorgehen kömltc. Aber aus deu Betrach- ■ Lungen des „Völtifcheu Kuriers" spricht doch zwischen den Zeilen geringe Freude au der Veränderung der Lage durch Hitlers Wiedereinzug in deu Kampfplatz. Das Blatt, das einst die H i t l e r t1 e ue über alles stellte, scheint hellte Ludendorfs über den Sohn des Volles stellen zu wollen. Tie Neugrnndnng der National-, sozialistischen Arbeiterpartei scheint ihm au sich nicht gerechtfertigt,; sondern nur erklärlich aus dein Bestreben, sich eine möglichst breite Basis und die größtmögliche Masseuwirknng zur Erreichung eines politischen Mindesiprogramms zu sichern. Verdächtig ist ihm, daß Hitler die Bäuerische Volkspartei überhaupt nicht erwähnt. In militärischen Bilderu wird das nur aus dem Bestreben erklärt, alle Kräfte an eine tu entscheidenden P unkt zu sammeln (gegen die Juden?), mudort überlegen zu sein. Das hieße also, den Kampf., gegen die B. V. P. nur aus taktischen Erwägungen bis zu einem ■ gelegeneren Zeitpunkt zurückstelleu. Sollte der „Völkische Kurier"! hier absichtlich mehr von Hitlers Plänen enthüllen wollen, als er. selbst im Augenblick für gut findet? Hitlers Ziel sei gewesen, „d n x d) einen Handstreich die n a ch allen Seiten a u s e i n a n d e r st r e b e n d e B e w e - gung wieder unter seine Jault (!) zu z w inge n", ein Experiment, das erst der Ausgang rechtfertigen müsse. Und während. Hitlers Menschenkenntnis wohl aufrichtig gerühmt wird, entspringtes wohl der begreiflichen Gekränkt heit der llebergangeneu, wenn die^ Befürchtung geäußert wird, daß vom Menschenkenner zum Menschen-- Verächter nur ein Schritt sei, und wenn beklagt wird, „daß Hitler die Tätigkeit der Männer, die ein Jahr lang sein Werk in seinen: Geist weitersührLeu, mit keinem Wort erwähnte" und die Dienste Ludendorffs keines besonderer! Dankes würdigte. Es 'klingt nicht nach völkischer Siegcsgcwißheit, wenn der „Völkische Kurier" schließlich Hitler warnt, er werde bei den Gegnern m ehr seelische Widerstandskraft finden als bei seinen Widerfachern im eigenen Lager. Und soweit damit wir um Recht und Ehre kämpfenden deutschen > Juden gemeint sein sollten. wollen wir uns bestreben, die Ankündigung zu verwirklichen: „Es werden Gegenspieler aus deu Plan treten, die mit einer ganz anderen Zähigkeit um ihre Existenz kämpfen werden, Gegenspieler, die politische Klugheit mit äußerster Entschlossenheit verbinden." jy. L, Um die 6ut;adingec Gchstn. Tec „praktische A ntisemiti s m u ö" des „H a in in e r". Wenn der „H a m in e r" Nationalökonomie treibt, so ist das stets eine bedenkliche Sache. Denn trotz der offenbaren Bevorzugung durch völkische Ritterlinge gibt es keinen geistigen Turnierplatz, der ungeeigneter wäre, die Minderwertigkeit jüdischen Könnens''und jüdischer Arbeit zu erweisen, als die klare Nüchternheit wirtschaftlicher Tatsachen. Geht es rum aber nicht mit der Wahrheit, so geht es eben gegen sie, denn nichts ist einfacher, als eine kleine Zurecht- Nutzung; hier ein ganz unauffälliger Trugschluß, dort eine harmlose Verschwbung um ein paar Jahrzehnte, und was zu beweisen war, ist bewiesen. In dem kleinen Ländchen Butjadingen an der Nordsee sind laut „Hammer" (Nr. 541 vom 1. Januar d. I.) die Bauern in deu Wer Jahren des vorigen Jahrhunderts von den bösen jüdischen Viehhändlern auf grausame Weise ausgenutzt worden. Bis sich die Bauern eines Besseren besannen und ohne die Vermittlung des Zwischenhandels die Biehanssuhr, vorzugsweise ins Ausland, frrSi ständig organisierten. Die Folge war eine Abwanderung der Juden' ans dem unprofitlicheu Lande, der „Hammer". Diese Darstellung w i r d uns von verschiedenen sachkundigen Stellen als „11 n w ahrheit" bezeichnet. Viehexport hat cs in Butjadingen seit den 70er Jahren überhaupt nicht mehr gegeben, da später, besonders in den besagten 90er Jahren, der internationale Markt mit den! erheb-., lich billigeren amerikanischen^ oder australischen Vieh hinreichend' versorgt war. Von einer e l b st w e h r der B u t j a d i n g e r Bauern durch eigenen Export konnte also zu der fraglichen Zeit k e i n e R e d e sei n. Dementsprechend fallen auch die ökonomisch-soziologischen. Schlußfolgerungen des „Hammer" in sich zusammen. Es h a t i n Butjadingen immer nur. verschwindend w e n i g Juden gegeben, und die auswärtigen jüdischen Viehhändler, die ins Land kamen, haben von jeher zu deu ansässigen Bauern die b e st e n Beziehungen Unterhaltern Erst Herrn W. Schelling vorn „Hammer" war e§ Vorbehalten,' eine Art Planmäßigen Boykotts gegen die Butjadinger Juden zu erfinden und ans diesem Phantasieprodukt ein Gifttranklein zu brauen, das er seinen Lesern als Rezept für „praktische^ Antisemitismus" anznprcisen versucht.