Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- Seite 174 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir TMNM. öss ösNüMsK GrDarrkerr Den 1. März 19L5. Der Wille, noch vor der geschlichen Festlegung schon ui diesem Jahre einen Tag de-- Gedächtnisses und der Wehmut um unsere gefallenen Helden zu begehen, ist durch die jähe Abberufung des Reichspräsidenten in der Wirkung aus die Gemüter Zlveisellos vertieft worden. Bevor wir an dieser Stelle die wichtigsten Berichte über die Gestaltung dieser Feiern bringen, werde auch einer Stimmung Ausdruck verliehen, die in der Auffassung weiter Kreise wurzelt. Es gibt tnei'e pietätvolle Menschen, und unter ihnen find gerade die vorn Geschick des Krieges schwer betroffen, welche in der Heraufbcschwörung des Andenkens ihrer Toren zwar die trostgewollte Absicht, aber auch einen erneuten und harten Schmerz empfinden, und zwar deshalb, weil das Opfer ihrer Lieben ihnen angesichts der Verrohung gebildeter Vollstclle vergeblich gebracht erscheint. Nur wenn das Vorbild der Gefallene n. welche in unerschütterlichem Idealismus ihr Blut Deutschland dargebracht haben, auf die Lebenden einwirlt, und diese zur dreifachen Pflicht der Menschenliebe, Einigkeit und B e r - b r ü d e r u n g erzieht, bann kann der Tag der Vvllstrauer einen Aienfchenfrühling der Versöhnung einleiten und dem darniederliegenden deutschen Vaierlan.de den inneren Frieden der Gesamtheit und jedes Volksgenossen verleihen. Ta;; aber zuvor ein uns vielfach fremdes Gefühl stärker sein müßte als der Schmerz um die Toten, sei in Klarheit betont: das ist die Traue r u m n n s selb st. die Nene ob der Entartung und des u n nötige n P r e i s g e d e n s h e i! i g st c r E i g c n s ch a f t e n . die im Deutschland der Dichter und 'Denker einst ihre Statte gefunden hatten. Wir sollten weinen um die gefallenen Gedanken, um die getöteten Grundsätze, haben tief zu beklagen, das; neben dem. Materialismus, der alle Kreise und Klassen ergriffen hat und oft nur diejenigen verschont, welche leine Gelegenheit haben zurunehrlichen Bereicherung und llebervortcillmg, ein nicht minder verderblicher Störungswille bei denjenigen herrscht, welche sich als Hauptstützen nationalen Empfindens ausspieleu. Hunderttausende hat es darum in der Klage über den Verlust unseres Seelenlebens wie eine Fügung der Vorsehung berührt, daß wir am 3. Mürz 1225, nach des Schicksals Willen, der Trauer um unsere hin ge mäh Le Jugend den Schmerz um einen hochverdienten Mann organisch enuügtcn: d e,s i st n n s e r S ch nt e r z n m. Friedrich G bei t! In vieren Feiern, und das geht unsere Leser besonders an. in allen jüdischen Feiern., die in den Synagogen Deutschlands und auf unseren Friedhöfen stattgestinden haben, ergab sich im Munde aller dazu Berufenen die Zusammengehörigkeit von Volkstrauertag und Trauer um den seinem deutschen Vaterlan.de entrisienen Friedrich Eber». Mehr noch als in der Hast und Unruhe unserer Arbeit cs schon unseren Freunden klar und verständlich war. Prägte es sich in der ernsten Stimmung des 1. März allen auf. was wir an ihm besessen und-mit ihm verloren haben! Unbegreiflich darum muß cs auf.Millionen zur Verfassung treu stehender Deutschen wirken, wenn ungerührt von diesem Schmerz der Nation, für die die g e s a m t e Welt eine echte Stimme des Beileides gefunden bat. die sogar aus den Bekundungen unserer früheren Feinde deutlich und wohltuend spricht, völkische- und ihnen verwandte Kreise das Hetz- und AgiLatiowsmittel nötig zu haben glaubten, um Friedrich Ebert, den untadeligen Mann, den Menschen mit der angeborenen Würde, gewollt zu schmähen. Mag es auch aus der Tagespreise schon vielen bekannt sein, daß in der R e i ch § h a u p t st a d L und draußen die H a k e n k r e u z l c r und ihre Geistesverwandten in erbärmlichen Demonstrationen sich wieder zeigten, wir halten es für wichtig, zn registrieren, das; sie in militärisch sein sollender Maskerade durch die Straßen schwärmten und mit aufreizendem Gesänge die Trauer des Volkes, freilich ohne jeden Erfolg, zu stören versuchten. Eine gewisse Verbindung, die nicht abzudiskuticren ist. besteht zwischen diesem Gebaren und den Gedächtnisfeiern für die Gefallenen seitens der „Nationalen", aber auch — das will mehr sagen — verschiedener angeblich neutraler Verbände. Mau hat sich dort zweifellos ans die Parole verständigt, entweder das Andenken Eberts tetzufchweigen, oder aber mit einer nur für die Redner blamablen Nüchternheit und Kälte diese Angelegenheit der Nation mit dem. Superlativ der Dürftigkeit abzutun. Sind diese ängstlichen Naturen wirklich heldische Erwecker? Von verschiedenen urteilsfähigen. Teilnehmern wird uns bezeugt, daß beispiersweise die Gedenkfeier im Deutschen Opernhause, wo der Lo.ndesdircltor v. Wintcrseldk sprach, diesen Eindruck hiuterlassen habe, und daß auch der Gedächtnisakt im Großen Schauspielhause Lhn!iche Gefühle anslösen mußt?. - Die Ansprache des Fe!dp r v p st c s der Reichswehr, D r. Schlegel, ergnig sich ebenfalls in dieser Methode. Wir sehen im allgemeinen scheiten über den Materialismus, durch Erfahrungen belehrt, mit Recht Andeutungen nationalistischer Art, die auch diesmal beabsichtigten, gerade das Unausgesprochene in die Seelen zu impfen. Einen anderen Geist atmete die Feier im Reichs tage, zu der man diesmal die offiziellen Vertreter des Judentums gebeten hatte. Die Einladung hierzu war unter anderem auch vom : Deutsch-Israelitischen G e m ei n d e bu nd e und dem. Jüdischen Frauenbünde ausgegangen, und die Berliner Jüdische Gemeinde war ebenfalls offiziell vertreten. Der Präsiden; des Volksbnudes für Deutsche Kriegsgräbersürforge, Pfarrer S i e m?. traf die Stimmung aller, als er am Eingang seiner Gedenkworte dem verewigten Reichspräsidenten, der sein Erscheinen zu diesem Akt der Pietät noch zugefaat hatte, ergreifende Worte des Nachmstewidmete und ihm. den Dank der 3iatu>u weihte. Ebenso würdig verlies die Gedenkfeier der Ortsgruppe Berlin des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten auf dem Friedhof in Weißenfee. Die *ydev zu Wcistcrrsce. An der Feier in Weißenste nahmen mehrere tausend Kameradem die hi der „Vis" vereinigten Verbände mit den studentischen Verbindungen des K. E. Leit sowie eine übergroße Anzahl Leidtragender, die ihrer Gefallenen gedachten. Vor dem Ehrcnfricdhof sprach der frühere Feldrabbiner Tr. Alexander. Er erinnerte an die Feier im vergangenen Jahre, wo nur von der uns angetanen Schmach bewegt wurden, daß man uns deutsche Juden zu Menschen zweiter Klasse degradieren wolle. Heute empfinden wir doppeltes Weh. Wir stehen erschüttert au der Bahre des edelsten Führers unseres Volkes. Möge die Vorsehung dem Vaterlairde einen Nachfolger geben, ihm gleich an Pflichtgefühl, Liebe Hiib Gerechtigkeit! Als zweiter Redner gedachte Kamerad Arnold Stein in warmen Worten des verstorbenen Reichspräsidenten. Gott hat in die Geschicke des deutschen Volles eingegrisstn und als größtes Opfer den Führer gefordert, den Mann, der der reifste Politiker, der edelste Bürger und das beste Vorbild gewesen ist. Als wir . €ii»ft ausgezogeu sind, haben wir uns gegenseitige Treue geschworen. Dos Geleitwort war „Ter Drink des Vaterlandes ift Euch gewiß". Soll alles vergessen, alles Edle verdrängt fern? Wir sehen die Witwen und die Waisen und die der Vollkraft beraubten Freunde. Totenehrung muß darum für uns bedeuten „Hilfe den Lebenden"? Darum müssen wir jüdischen Frontsoldaten durch Kameradschaft und Treue, durch Allgemeinsinn und staatsbürgerliche Betätigung in unserem geliebten Vaterland die Fahne der Versöhnung hoch erheben. Gedenkfeier m §einöeslanö. Ein E r i n n c r u n g § b I a 11. Zufällig fällt mir zur rechten Zeit ein Akt ans unserm Archiv in die Hand, der den Bericht einer Militär fei er in Feindesland vor 10 Jahren enthält, der so charakteristisch ist, daß ich ihn wenigstens im Auszug wiedergebe. Die „Warschauer Zeitung" vom 2. November 1914 berichtet: Am 2. November des ersten Kriegsjahres fand die feierliche Einweihung je eines katholischen, evangelischen, russisch-orthodoxen und j ü d i s ch e n Friedhofes statt. Auf diesen Friedhöfen wurden die gefallenen Offiziere und Soldaten der verbündeten und der feindlichen Staaten bestattet. Tie Trauerseierlich keilen gestalteten sich z u einer erhebenden Kundgebung. Zu der festgesetzten Stunde versammelten sich auf den Friedhöfen unübersehbare Scharen der Bevölkerung, in corpore erschien auch die Stadtverwaltung mit ihrem Präsidenten, die Petri kau er Garnison mit dem Kreislommandauteu Obersten Julius Schneider: in Vertretung der verbündeten Armee war ferner eine Abordnung mit General Barth. Gouverneur von Lodz, eingetrofsen. Auf allen Friedhöfen wiederholten sich die stierlichen Zeremonien, und auf dem israelitischen Friedhöfe nahm Oberst Schneider das Wort zu folgender charakteristischer Ansprache: _ „In der aufopfernden Begeisterung für Kaiser und Reich wetteifern unsere Soldaten aller Glaubensbckeuntuisie. An manchen unvergänglichen Heldentaten haben auch die jüdischen Kameraden ruhmvollen Anteil genommen. Darum beugen wir uns auch vor diesen Heldengräbern, und Sie, meine Herren von der jüdischen KultusgcmK.ude in Petrilan, denen die schöne Pflicht obliegt, die Gräber Ihrer ans dem Felde der Ehre verstorbenen Glanbensgenossen pietälvoll zu erhalten, seien Sie dessen stets eingedenk, daß die, die hier ruhen, mit ihrem Herzblute mithalfen, Euch vom russischen Joche zu befreien Mid Euch mit der bürgerlichen auch die religiöse Freiheit zu bringen. Nutzet in ewigem Frieden!" Dr. Julius R o t h h o! z.