Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- Seite 144 (sequence 7)
- Language
- German
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Luderem kirchlichen Zelotentam unmöglich scm. lUilhosicu treuer deutscher Katholilen lohnen diese nltramontanen Machlborwebungen nicht minder entschieden ab aiv mir. Für den schütz ..er christlichen Bekenntnisse norden wir nach wie vor entschieden nn- Ueber diesen eigenartigen „Zufall^ wird men sich seine.besonderen Gedanken machen müssen. i * ' Ter Münchener „Ti a t i o n al s o z i a I i st", hinter dem bekanntlich die Grohden tsche Bottsgemeinschait der Esser, Streicher tmdT inter steht tobt über das Vorgehen der norddeutschen völkischen Führer wie besessen. Eine fette Unterschrift: Jl ieder mit d e in B c_r rate r - ko n ze r n" geht über die erste Leite, und an einleitender Stelle heisch es in deni sastigen Deutsch, das die Völkischen in die Journalistik Deutschlands eingesührt haben, also: „Der „Völkische Kurier", das Münchener Organ der blockvölkischen Freiheitspartei, hat seit mehr als einer Woche ruhig zugesehen, wie unser Führer Ädols Hitler in einer geradezu frivolperfiden, jesuitisch-junlerhaften, schamlososten und scheeljüchtiguen Weise von dem Berliner Jntrigantcntriumvirat Wtrllo, Graese, Reventlow herabgesetzt wurde. Die „Politischen Pikkolos" dieser größenwahnsinnig gewordenen völkischen, woiansüchtiger; JlluminaLcngeselischast im Nordendieser vr-rr OfLc!bicrfuobisurtts rnrd Ostelbrertroddelosis triefenden Lloronn in Berlin, nämlich die blockvölkischen „Führer"-eleme:'.te Tr. Alexander Glaser und Tr. Ui ubolf Butt mann in München, haben die Blaste der Hitler- Treue von sich geworfen und nicht einen Finger gerührt zu all der Schmach und Schande!" Wichtig wird es sein, die Vorgänge, insbesondere in Bayern, in den nächsten Wochen genau zu verfolgen. Wird cs Hitler gelingen, sich durchzu setzen, oder ist sein Kredit, um den er sich durch die Novembervorgäuge 192-3 gebracht hatte, so gemindert. da ft selbst der Glanz seines Namens der völkischen Zerrissenheit einen Halt nicht mehr geben kann? Bedeutungsvoll wird es sein, zu beobachten, wie sich die Presse Bayerns, insbesondere die der Bayerischen Boltspartei, zu Hitlers Borgehen sielten wird. Wer mit dem Feuer spielt, muft damit rechnen, daft sein eigenes Hans zu brennen beginnt und er von dem zügellosen Feuer selbst verzehrt wird. Tie Erfahrungen der bayerischen leitenden Kreise mit Hitler in den letzten Jahren sprachen fär jeden politisch Teukcnden eine so beredte Sprache, daft nur politische K i n der nichts aus ihnen gelernt haben könnten. Fum Code Max Silbersteins. I u st i z r a t Max Silberstein aus Berlin ist unerwartet am 19. Februar d. I. in St. Moritz einem Herzschlag erlegen. Mit ihm scheidet eine Persönlichkeit aus dem Leben, die fraft herrlicher Eigenschaften des Gemüts, hervorragender geistiger Fähigkeiten und stark ausgeprägter Religiosität ein Führer Glicht nur in der Rcchtsanwaltschast, sondern im Rechts leben überhaupt, ein Mittler zwischen dem Adel des Geistes und dem der Geburt, ein Fels in der B r a n d u n g r e l i g i ö s e r und sozialer Unduldsamkeit war. Ter geschätzte, der verehrte Berater unseres Hochadels, der Vertraute von Männern wie Fürst B ü l o w , Bet h nt a n n Hol lwe g, Gras Moltke und andern — blieb er der getreue, aufrechte „adelsstolze" I u d e. Cr bekannte sich gern als solcher, würzte seine Reden, seine fesselnden Plaudereien mit Sprüchen der Väter, mit Worten der Bibel, die er bis in die letzten Tage hinein immer wieder durchforschte. Für den C. D. war er der stets bereite und erfolgreiche .Verbindungsoffizier zu jenen Kreisen, die nach ihrer Familienüberlicserung auf das Judentum und die Judenheit hinabsehen, die aber durch Verstand und Gerechtigkeitssinn befähigt sind, die Wahrheit zu erkennen und den Schleier des Vorurteils zu zerretften. Als ihm Fürst Bülow das Notariat anboh lehnte er es mit der ihn ehrender^ Begründung ab, daft, solange im. Preußischen Justizministerium für die Verleihung des Notariats getrennte Listen für christliche und jüdische Rechtsanwälte geführt würden, er es mit seiner Würde nicht vereinbaren kömte, das Notariat anzunehmen! Als sich ein fürstlicher Klient eine antisemitische Bemerkung entschlüpfen lieft, legte er sofort das Mandat nieder. All diese Eigenschaften verschafften und erhielten ihm die Wertschätzung aller, die ihn kannten. Seinem Gerechtigkeitssinn und seiner Tatkraft ist es zu danken, daft Gelehrte und hohe Beamte, wie Staatssekretär M ü ge l, Kammergerichtsprasideni v. Siafs, Kammergerichtsrat Tr. Sontag und andere, in seinem Hause zusammentraten, um durch die sog. A u f w e r t u n g den durch die Inflation entst au d e n c n Raub an den Ersparnikscn der HYpothekengläubigcr c-uSzu- 8 l e l ch c n. Alle Erfolge auf diesem Gebiete führen 1 l ch auf d l e Arbeiten zurück, deren Q u e l l e u n d Geburtsstätte Jnstizrat Silber st ein und sein Haus waren. Er ist unbeweibt durchs Leben gegangen. Cr selbst erklärte dies mit schlichtem Kindergemüt als göttliche Fügung, dantit er senten in bescheidensten Berhältnisien ringenden Fainilienmitgliedern cm Helfer sein könne. Wir aber fügen hinzu, daft er die Freiheit von Pftmzten und Sorgen an eine Frau und au Kinder auch in den Geistesdienst an die Menschheit, an das Judentum, an das Vaterland gestellt hat, so daft er fortlcbcn wird in unfern Herzen, fortleuchten ut unserer Geschichte, Justiziar Hugo S o n n e n f e l k Die Seantwsrttmg ösr IuöLnftage. „A Uu der Temperatur des Herzen §/• \ In einem Aufsatze im „8 Uhr-Abendblatt" (vorn U. Februar d. I.. Nr. 38) bespricht Ministerialdirektor Oscar Müller die Broschüre unseres Hanptvorstaudsmitgliedes Tr. Bruno Weil: „Tie Jüdisilje Internationale". Oscar Blüller, der unter dem Reichskanzler Wirth Pressechef der Reichsregierung war und eine glänzende journalistische Laus bahn hinter sich hat, analysiert zunächst die Weitsche Schrift, die er als ausgezeichnet für den lcidenschastslosen Beurteiler der Juden frage befindet; daun schreitet er zur Betrachtung der Judensrage im atlgemeiuen und gibt seine Erfahrungen und Gedanken über sie wieder. Cr schreibt: „Ich gestehe, daft es für denjenigen, der in einem vielfach bewegten innerlich und äußerlich manchen Veränderungen ausgesetzten Leben der Frage des Judentums gcgenüvergestellt wurde, sehr schwer ist. eine klare nud ruhige Linie der Empfindung und des Urteils scstzustcllen. Ich habe meine Jugend ans dem Lande verbracht, wo der Jude, ein wirklicher Fremdkörper, von der Bevölkerung als notwendiges, aber immerhin verdächtiges Werkzeug einer feindlichen Welt, der des Handels, angesehen wurde. Das Gynm.asiunt der kleinen badischen Stadt kannte gemäß dem toleranten Geiste, der dort seit langem heimisch ist. keinen' ansschticftenBen Haft, freilich auch nicht die ein* schließende Liebe; ich erinnere mich z. B., daft wir Primaner es ganz in der Ordnung fanden, als eine zu Besuch der angehenden Füchse erschienene Studentenverbindung einem jüdischen Abiturienten das Anlegen ihrer Farben verwehrte. Ter Geist alt den deutschen Universitäten war schon damals, Mitte mid Ende der neunziger Jahre, so sehr verflochten mit dcnt gosct'schastlichen Anspruch des Ossi zierlorps, daft Juden höchstens dann, wenn sie besonders glücklich getauft waren, über reiche Mittel oder einslnftreiche Bätcr^verfügten, der Ehre teilhaftig wurden, iu die farbige Erklusivität ausgenommen zu werden, die an" den Hoschutcn herrschte. Ter ausfchücftende Gesicht sp unkt war nicht cüoa der völkische. sondern eine rein äußerliche und oberflächliche Gesellschaftsopportunität. die zlvar weniger lästig gewesen sein mag, als der laute und barte Antisemitisums von heute, die aber einer um so minderwertigeren und öderen Flachheit entsprach. Als ich aus der Gebundenheit jugendlicher Anschauungen und ungeprüfter Urteile heraustrat, fand ich mich, zur Uebcrraschuug vieler, die mich neben sich hatten hertraben sehen, last zu meiner eigenen Ueberraschung, unter den entschiede u e u Gegnern des An ti (era 11 i?mit §*). Nicht daft ich diese Toleranz als Dreingabe zu einer politischen Richtung und zu einem Programm hätte in Kauf nehmen müssen, sondern sie war irgendwie spontan a l s B e d ü r f n i s meines g e f a in t eji W esc n § ent ft and cn, o b w ohl sich m c i n e sensitive Stellung der Judenfrage gegenüber kaum g e ä n d e r t hatte, lic Verdi es sah ich bald, daft der Antisemitismus durch alle Parteien gehr, daß seine vielfachen Schattierungen unter den tolerantesten Programmen herlausen, und daß anderseits in prinzipiell (?) gerichteten Parteien auch Leute sitzen, die es mit den Juden in ihrer Art besser meinen als die zwischen dem Programm und ihrer eigenen Kaltherzigkeit Hin- und Herschwankenden. Tamit ist das Wort, auf das es mir letzten Endes allein anzukommen scheint, gefallen. Man mag die I u b c n f i a g c Don der religiösen, historische n, ethnologischen, nationalen, kulturellen, von irgendeiner Seite oder, w i e e s d i e Schriftvon T r. Werl t n t, v o n a l l e n S e i t e n betrachten, man nt a g die Assimilation des I u b c n an den Nationalstaat, deren Gedan ken ga n g e und Forderungen Tr. Weil vertritt, oder den Zionismus für die berechtigtere oder achtenswertere F o r ttt der Reagenz halten, immer bleibt irgende i n R e st, w e n n man nicht dazu entschlossen oder v i e I m c f) x ve ra nl a g t i st, daß kein R c st bleibt. Dieser letzten R a d i z i e r u n g a u f d a s ganz Persönliche entspricht es wohl, wenn sich die meisten Men schc n, aitch die Größen, w erden sie der Jrtdonfrage ge gen über ge stellt, mit Apercus behelfen, d. h. mit Situationslosungen, die weder objektiv noch subjektiv alles und letztes aussagen, und die morgen durch ein gegentciliges Apercu abgelöst werden können; vielleicht spielt die menschliche Eigenart hier mit, die der Schamhaftigkeit verwandt ist: wenn ein Gesühlsbekenntnis abzulegcn ist, mit einem leichten Wort darüber hinwegzugeben. Dieses Bekenntnis aber muß lauten: Ich stehe auf der ^eite des Unterdrückten, gleichgültig, ob er mir gefällt, ja gleichgültig, ob er in der Zwangsrolle irgend wie den Interessen seitrer Verfolger oder meinen eigenen Interessen schädlich sein utag. Cs gibt keine andere schlüssige Dooniwortung der Judensrage, als diese, die aus der T e m p e r a t u r des Herzens kommt. Wenn derAntisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren so wild anffahron konnte, so sind gewiß äußere Erscheinungen der Kriegsjahre oder ersten Friedensjahre mitschuldig . . . das wesentliche aber war doch die Verödung der Menschenseele, die furchtbare Entartung des Elends, die Verkümmerung der schönsten Eigenschaft des Menschen, des Mitleiden?, unter dem Uebermaß "eigenen Leidens. . . *) Die Sperrungen im Text sind von uns cu^cfinjrt. Die Echnstlts.