Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- Seite 128 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Diplomatie unö Judentum. Don Dr. I. Lcvlz (Berlin). Prinz Alexander von Hohenlohe, der Sohn des früheren Reichskanzlers, widmet in dem ans seinem Nachlaß veröffentlichten Buch „Ans meinem Leben" ein besonderes Kapitel der Diplomatie. Er hat ihr selbst eine Zeittang angehört, da er als Gehilfe seines Paters dein Auswärtigen Alnt attachiert wir, mit dem Titel „Legationsrat". Er kannte die Diplomatie auch ans denr Jahrzehnt, das Fürst Chlodwig Hohenlohe als deutscher Botschafter in Paris zugebracht hatte. Er erzählt, daß schon in der Vorkriegszeit die Diplomatie nicht ausschließlich dem Adel Vorbehalten war. Auch Bürgerliche hatten Eingang gefunden, hauptsächlich Söhne von Industriellen und vermögenden Kausleuten. „Freilich trugen viele von diesen Bürgerlichen das „von" oder einen Barontitel vor ihrem Namen", sagt Prinz Alexander. Tenn in den Kreisen dieser Arrivierten sei der Bürgcrstolz vor Fürstenthronen längst verschwunden gewesen, und viele hätten keinen höheren Ehrgeiz gekannt, als ihren Söhnen ein Adelspradikat zu verschaffen, „das ja notorisch unter dem verflossenen Regime zu kaufen war", bemerkt Hohenlohe. Demnächst führte der Weg in ein „feudales Korps". Das der Borussen in Bonn, das der Sarobornssen in Heidelberg und allenfalls noch das der Sachsen in Göttingen galten als Pflanzstätte künftiger Botschafter und Gesandten. „Wer es dann noch fertig brachte, sein Einjähriges bei einem Gardekavalleriercgiment abzudienen und dort Reserveoffizier zu werden, der konnte seine Karriere als gesichert ansehen." Ob er etwa? gelernt hatte, das fam erst in zweiter Linie in Frage. Korps und Garde sicherten ihre Protektion. Hohenlohe fährt fort: „Nur eines war ein Hindernis: Jude durfte einer nicht sein, und wenn er der Sproß einer so alten Dynastie gewesen wäre wie der Rothschilds. Aber auch dieses Hindernis war nicht unüberwindlich; denn wenn Vater oder Großvater sich hatte taufen laßen — bei einem Rothschild wäre das wohl kaum vorgekommen — und der Sohn womöglich mit seinem ererbten Gelde den verblichenen Glanz irgendeiner adeligen Familie aufgefrischt hatte, indem er eine der Töchter ans einem solchen Hause heiratete, dann wurde über die Nahe, wenn sie in der Gesichtsformation nicht gar zu auffallend hervortrat, hinweggesehen." Diese Schilderung wird in der Hauptsache zutreffend sein. Gewiß sind manche deutschen Diplomaten ans der Großindustrie hervorgegangen, wie schon der Name v. Stumm bezeugt. Gewiß auch betrachteten die „feudalen Korps" das Auswärtige Amt als ihre Domäne und bildeten Männer wie Hammann, Raschdau, Zimmermann, vor ihnen schon Lothar Bücher Ausnahmen von der Art, die die Regel bestätigt. Auch heute noch ist der Einfluß der „Borussen" in der Wilhelmstraße nicht gering. Vollends daß für den ungetansten Juden über der Pforte zum A. A. die Worte standen: „lmserute ogni speranza", wie über der ganzen Verwaltung, ist nur zu bekannt, im Gegensatz zu manchen anderen Mächten, wo Juden, wenn sie fähig waren, zu den höchsten Aemtern anssteigen konnten. Hat doch Italien einen jüdischen Ministerpräsidenten, Kriegsminister, Finanzminister gehabt; Amerika einen jüdischen Botschafter, Morgentau, England mehrfach jüdische Minister, wie Sir Rusus Jsaacs, den Oberkommisiar für Palästina Sir Herbert Samuel, den Vizekönig von Indien Monlague, nicht zu vergehen den von Bismarck besonders geschätzten Premier Benjamin Tisraeli Earl of Beaconssield, der trotz der Talrfe nichts dagegen hatte, als Jude angesprochen zu werden. Auch in Frankreich hat es jüdische Minister, wie Cremieux, gegeben und in Oesterreickz-Ungarn jüdische Generale, was in Preußen undenkbar gewesen wäre. Und doch, auch hierzulande hat sich einmal einem Inden das Tor zur Diplomatie geöffnet, nicht bloß, w''e Albert Ballin, zu vertraulichen außeramtlichen Verhandlungen, mit denen ihn der Kaiser betraute, sondern zur „Karriere", und just einem Mitglied der Familie Rothschild, was dem Prinzen Hohenlohe entgangen zu sein scheint. Freilich, es hatte damit eine besondere. Bewandtnis, worüber der frühere Hosmarschall Graf Robert Zedlitz-Trützfchler unter dem 1% Januar 1908 berichtet: „Neulich sprach Fürst Bülow mit meinem Vater (dem früheren Kulülsminister und späteren Oderpräsidenten) über den jetzt in die diplomatische Karriere aufgenornmenen Gold- | ch m i d t - No t h f child und sagte ungefähr folgendes: „Nun haben wir diesen netten und arboitsa rnen, Men scheu in der diplomatischen Karriere. Ich habe ihn nach London geschickt, und er hat i me r die -besten I ns o r an a t i o n e n, aber zum Reserveoffizier kann man ihn in Deutschland nicht machen? Der Fürst hat sehrrecht mit biefem wirklich krassen Fall; al>er wenn man unfern Mititarchauvinisten mit dem Vorschlag kommt, dann geraden die außer sich, daß ein Jude Reserveoffizier werden könnte. Dabei hat cs in ernsten Zeiten in P-.eußen jüdische Offiziere gelben, die vor dem Feinde mit Auszeichnung ge fochten haben. In dieser Beziehung regiert aber heute bei uns der r c a k t i o n ä r st e (v h au ui n i s ui n s. Mein Vater hat sich nämlich früher als Ober- Präsident von Hessen-Nassau dafür imeressierl, daß dieser junge Goldschmidt-Nothschil-d, da cs einer der letzten Repräsentanten des Hauses Rothschild in Deutschland ist, Reserveoffizier werden möchte, weil er ein sehr gebllderer. strebsamer, wohlerzogener und gn:' aussel^nder- Mensch ist. Daß n; Ind-e geblieben ist, beweist nur Charakter sowohl von seiner ^eite luic auch von der seiner Familie. Und wer dies als Hinderungsgrund cnstührt und berücksichtigt, wie viele kurz vorhergetaufte Juden Offiziere geworden sind, der setzt gewissermaßen eine P r ä m i e auf die Charakterlosigkeit. Miein Vater ist gewiß ein konservativer Mann; aber in der Jndenfrage kann er sich der Erwägung nicht verschließen, daß wir diese Angelegenheit heule nicht nur in einseitiger und ungerechter Art behandeln, sondern daß wir auch demoralisierend wirken, daß nur uns selbst schädigen, indem wir viele der vortrefflichsten, un'.ernehmen-dsten und reichten Familien allmählich -in das Ausland drängen und daß mir schließlich sogar eine gefährliche Politik führen, indem wir die Juden in eine oppositionelle Stellung treiben . . Wer ist der „sehr gebildete, strebsame, wohlerzogene und gut ausseheude" Attachä v. Eoldschmidt-NvLhschild? Sein Vater, Maximilian Benedikt Eoldschmidt, geboren 1843, war mit Minna Freiin v. Rothschild, Tochter des Freiherrn Wilhelm v. Rothschild in Frankfurt a. M-, vermählt, erhielt von Wilhelm II. 1003 den Adel. 1007 den nach dem Recht der Erstgeburt vererblichen Freiherrntitel. Der älteste der drei Söhne, Albert Mar, vermählt mit Miriam Freiin v. Rothschild aus Paris, erfreute sich der besonderen Wertschätzung des Kaisers, wurde von. ihm zum Kammerjunker und noch bei Lebzeiten des Vaters ganz persönlich zum Freihcrrn gemacht. Nur zum Leutnant konnte er ihn nicht machen; am engstirnigen Antisemitismus des Reserveoffizierkorps scheiterten die Bemühungen des Oberpräsidenten, des Kanzlers, des Kaisers. Immerhin in den diplomatischen Dienst war dieser eine Jude ausgenommen worden. Weit hat er es freilich in der „Karriere" nicht gebracht; denn er war nicht alter Herr eines feudalen Korps, auch nicht Eardekavallerieossizier, und „Freie Bahn für den Tüchtigen" gab es nicht in Preußen-Deukschland. Bei Ausbruch des Weltkrieges stellte sich der Londoner Attache dem Bezirkskommando zur Verfügung, wurde Adjutant des Fürsten Hatzseldt, Herzogs v. Trachenberg. und später zur preußischen Gesandtschaft in München geschickt, wo er bis zum Kriegsende blieb. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie ist ein Jude hier odcr dort Gesandter geworden, zum Beispiel der Rechtsanwalt Landsberg aus Magdeburg beim belgischen Hof. Was die „Völkischen" weidlich und nachhaltig erregte. Nicht etwa weil es ihm an der nötigen Befähigung, sondern an dem arischen Stammbaum fehlte. Selbst gegen den Gesandten der wilhelminischen Zeit, Herrn Rosen, als er Neichsminister des Auswärtigen war, eiferten die Hakenkreuzler, er sei nicht ungemischt deutschblütiger Rasse, sondern in — Jerusalem geboren! Schaudervoll, höchst schaudervoll! Aber der Lärm entsprach den Ueberlieserungen, von denen Prinz Alexander Hohenlohe und Gras Robert Zedlitz berichten. In der Tat, die deutsche Diplomatie war „judenrein" und — von Ausnahmen abgesehen — so beschaffen, daß sie nahezu allgemein als miserabel bezeichnet wurde, am ehesten von den Westarp, Tirpitz, Ludendorff und ihren antisemitischen Genossen. Dr. HerZfrlK (<£flfctt) 5$ ^ahre aU. . Dr. Ernst Herz seid (Esten), der Vorsitzende unseres Landes- Verbandes Rheinland-Westfalen, begeht am 14. Februar sinnen 50. Geburtstag. Die seltene Treue seiner Gesinnung, die Unermüdlichkeit, mit der er seit Jahren für unsere große Idee arbeitet, sein kluger Rat, seine Abgeklärtheit in Sitzung und Verhandlung werden von jedermann-, der die Freude hatte, unseren Herzfeld näher kennen zu lernen, h-xhgo sch ätzt. Wir wünschen herzlich, unseren Freund Herzfeld noch jahrzehntelang in seiner bewährten Frische und Hingebung zum Segen unseres Centrawerems läng zu sehen.