Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- Seite 127 (sequence 5)
- Language
- German
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127 uitb Polen freundschaftlich zu sammen, und diese Deutschen verschmähen es nicht, nachdem sie selbst aenugsarn in den polnischen Gebieten unterdrückt find, sich jetzt dieses traurigen Gemeinschaftsgefühles mit den Polen zu rühmen. Auf einmal wird die so oft geschurähte niedrige Kulturstufe der Slawen vergesse«, wenn es gilt, den Juden zu verdränge!,. Die Hauptfrage aber bleibt: in welcher Weise kann dieser systematischen antisemitischen Verseuchung entgegeugewirkt werden? Lenka v. Koerbcr (Leipzig). Die Lanöesverban-swahlen im Spiegel öer presse. Mar und deutlich bedeutet das Ergebnis der Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden eine kräftige Absage des überwiegenden Teiles des deutschen Judentums an den Zionismus. Alte die Wähler, roelche den 71 Liberalen, den 14 Konserlntiven und den fünf M'lltelparteilern zn ihren Sitzen im Perbande mittels Stimmzettels verhelfen haben, wünschen keine „Volks ge mein de", sondern eine „Neligionsge mein de", wünschen keine „Hebraisierung" des gesamten jüdischen Lebens, sondern lediglich die Pflege des Hebräischen als Sprache unserer Gebete und unserer heiligen Schriften. Hält man gegen diesi rund 90 Sitze die 31 zionistischen, so bedeutet es ein starkes Stück Selbstverkemnmg, wenn die^„3übi fche Rundschau" triumphierend von „glänzendem Erfolge" spricht und der EHorns der national-jüdischen Proviuzpresse Jnbelhymnen anstimmt. Interessant ist übrigens, worauf die „Jüdisch-liberale Zeitung" hinweist. daß die Jüdische Bollsparkei trotz gewaltiger Propaganda in Berlin gegenüber den Nepräsentantenwahlen von 1920 einen bemerkenswerten Stimmcnrü ckga ng zu verzeichnen hat. Bei den Wahlen von 1920 erhielt dw Jüdische Bolkspartei (Vifte Klee) 45IC, die Liste Oscar Cohn 910 ctniniicn, zusammen :y\:ü Summen. Die allgemeine Sti'.mnenzah!^ betrug 14 430. Das bedeutet. daß die Zionisten mit ihren 5433 Stimmen 37 Prozent der Wahle rstimmcn von 1920^ aufgebracht haben. Dieses Mal sind in Berlin im ganzen 48 372 stimmen anwebrachr worden. Die zionistischen Listen (Klee 14 441, CvCttr Eohn 1721) haben im ganzen 16162 Stimmen errungen. Das sind aber nur 31 Prozent der für den Landesverband abgegebenen Stimmen, so daß damit ein Rückgang der rein zionistischen Stimmen von 6 Prozent sestgestetlt ist. Tie jüdische Presse aller Nichtungen beschäftigt sich in Leitaufsätzcn mit dem Ausfall der Mahlen. In dem viel gelesenen Hamburger „Israelitischen Familienblatr" würdigt Herr Prosepor Tr. Engen Wölbe die Berliner Wahlen und im einzelnen Zuklinftsaufgaben des Landesverbandes, die jetzt dringlich werden. Im „I ü d i s ch e n W o ch e nb l a t t". dem Organ der xVclidutli, welche die Zuf a m m e n s a s s u n g der G c m e i n d e k o n s c r v a t i d c u darstellt, setzt sich Dr. Ernst Simon mit dem Wahlergebnis auseinander. Es ist bedauerlich,' festzustelleu, wie mehr und mehr das „Jüdische Wochenblatt" in das zionistische Fahrwasser hineingeraten ist; um sc ^bäuerlicher. als sehr große Teile der in der Achdutli vereinigten Gesetzcstrcnen durchaus nicht die andauernde übelwollende Haltung ihres Organs gegenüber dem Eentralverein wünschen. In etwas unklarer Form wird der Eentralverein als die größte Organisation des „V e r w a l t u n g s j u d e n t n m s" angebrochen, der eine ..inhaltliche Wahlparole" ausgegeben hatte. Tie Beamten, heißt es iveiter, maßten sich an, über das Vorschriften zu erlassen, was sie zu verwalten wünschten und was nicht. Dabei bezeichnet Simon als Beamte nicht nur besoldete, sondern auch ehrenhalber Tätige. Worauf solche üblen Anrempetungen eigentlich hinaus sollen, bleibt unklar. Solange es Organisationen gibt, gibt es Porstände, und solange cs Vorstände gibt, gibt es in größeren Organisationen auch Leute, die ihre Lebensarbeit in den Dienst dieser Organisation stellen. Daß diese Porstände deshalb, weil sie ein Ehrenamt ausüben und weil sie nach demokratischen! Prinzip gewählt sind. Schädlinge sein sollen, daß die „Beamten", die, ans vielleicht andere glänzende Karriere verzichtend, mit ganzem Herzen und mit Einsetzung* alter 3)rer Kräfte im Dienste einer jüdisch-dcntscheu Idee sich verzehren, nur ans höchst eigennütziger Furcht vor „Grcnzüberschreitnng" Wahlparolen ausgebeu, bedeutet eine unwürdige Verkennung der Arbeit des Eentralvereius und eine besondere Uebcrhcblichtcit, bei der nur Li eb» losigkeit und Hast die Feder geführt halben können. Es ist aber fharakteristisch. daß solche Aussätze im neutralen „Jüdischen Wochenblatt" abgedruckr werden können, wie es ebenso charakteristisch ist, dast der Berliner Vertreter des „Wochenblattes" den Wahlsieg der Volkspartei in Berlin als „besonders erfreulich" bezeichnet. Wenn das die Neutralität ist, die die Aelläutii in ittnerjüdischen Fragen cinzunehmen whauptet, so wird sich jeder über solche sonderlmre Neutralität seine eigenen Gedanken machen. Mit der Neutralität läßt sich rächt freventlich Spiel treiben. Und nicht der Eentralverein, wohl aber die Achduth wird alsbald merken, welchen Dornenweg solche „Neutrale" sie Zn ihrem eigenen Schaden führen. Bemerkenswert ist. wie völlig abweichend ..Ter Israeli t". das Organ der Agndas Jisroel, den Wahtausfall und die Eentralvereius- Arbeit würdigt. Er schreibt das Folgende: ,,B2enn dieser machtvolle Protest der deutschen Juden gegen die nationalistische Innenpolitik in der täuschenden Form einer Sympathiekundgebung für den religiösen Liberalismus zum Ausdruck gelangt, so ist das die Schuld der Gemeindekonfervativen. die entweder — wie in Frankfurt — offen oder, wie in Berlin, doch in der Art ihrer Agitation dem zionistischen Nationalismus Vorschub leisteten, statt ihn kraftvoll und ans prinzipiellen Gesichtspunkten zu bekämpfen. Obschon wir für die Umstände, aus denen diese stille oder ossene Bundesgenopenschast zwischen religionslosem Nationalismus und Gemeiudekonscrvatweu ans dem Wege über den Misrachi hervorwachst, volles Verständnis haben, ist sie doch vom politischen wie vom religiösen Standpunkte ein Unglück, ja geradezu der Krebsschaden, an dem das öttciiIiicljc Leben der deutschen Judenheit krankt. Der politische Schaden hat sich in dem Wahlergebnis gezeigt. Was sollte denn der jüdische Wähler tun, der rm Sinne der politisch notwendigen Wahlparole des Eentralvereius gegen die Politisierung und EntkousesuonaUsierung der Kehilla nachdrücklich denwnstrieren wollte? Er tonnte in Berlin allerdings für die selbständige kvustrvative Liste Galewski, in Frankfurt, wo sich die Konservativen zionistisch verrapselt hatten, für die konservative Landesliste stimmen. Aber cs kommt eben im Wahlkampf nicht auf knissliche theoretische Möglichkeiten, sondern ans die s ch a r f e, p l a st i f ch e H e r a Umarbeitung der Gegensätze und Besonderheiten an. und da war es nun einmal dahin gekommen, daß der Kamps ganz und gar um das Problem: ,.R e l i g i o n s g e m e i n d e oder Volt s g e in c i u d e", Colusiradition oder politisches Muskeljudentum geführt, und die Anhänger der ersteren automatisch ins liberale Lager gedrängt wurden. Daß es den Wortführern der Bolkspartei gelungen ist, einen großen Teil der Ost iu den — keineswegs übereil — für sich Pr gewinnen, darf nicht verwundern. Es hieße die politische Urteilsfähigkeit dieser aus ihrer Heimat entwurzelten und hier vielfach noch nicht ganz heimisch gewordenen Kreise — auch der religiös gesinnten — überschätzen, wollte man von ihnen verlangen, daß sie die Gefahr der nationalistischen Einstellung gerade für ihre eigene Position gebührend eimchätzen. Aber es sind uns auch von ostjüdischer Seite starke Proteste gegen die Identifizierung der Ostjuden in Bausch und Bogen mit der Bolkspartei und insbesondere gegen den hier in Frankfurt geschapeneu Block zugekommen." Daß sich auch die christlich-deutsche Presse mit den Landesveroandswahlen beschäftigt hat, wird den meisten bekannt sein. Die „Frankfurter Zeitung", das „Berliner Tageblatt" und andere Organe nahmen vor den Wahlen Stellung und berichteten auch die Ergebnme. Schmunzelnd beuch sich die völkische Presse den Wahlkampf. Bei ihren Betrachtungen liefen wie üblich die gröbsten Entstellungen und Berdrehnngeu unter. Die „Süddeutsche Zeitung" (Nr. 34 vom 3. Februar) schreibt z. B.: „Das liberale Judentum hat am >-onmag bei den Wahlen zum Landesverband der jüdischen Kircheugemeinden Preußens seine bistjer ausschlaggebende Stellung an die Orthedoren und an die politisch Rassisch-Radikalen verloren . . . Tie Religiöse Mittelpariei spielt keine Rolle, und die u a t i o lr a l e n I u d e n sind völlig unter den Tisch gefallen." Eine lomisck-re Auslegung des Wahlergebnisses wird schwerlich entdeckt werden können. Der Bersasscr des Berichts verkennt oder will nicht erkennen, das; sämtliche religiöse Parteien, die in der Landesverbandsversammlung das erdrückende ttebergewicht haben, durchaus aus deutsch-vaterländischem Beden stehen, und daß man gerade umgekehrt, lvcnn man dies so formulieren will, von einem Siege des deutschen Judeulmns sprechen kann. Ter eigenartig unterrichtete Verfasser sagt sogar am Sclstus; seiner Mitteilungen: „Durch den zionistischen Wahlersolg besteht die Gefahr, daß die deutschen Zionisten das Judentum des Auslandes zur Einmengung in deutsche politisck-o Verhältnisse bewegen, zumal -der Zionismus über große Macht fülle in London und New?)otf verfügt." Bon den verschiedenen völkischen Pressestinnuen weisen wir nur noch ans den Münchener „N a t i o u a l s o z i a l i st e n" hin, das Organ der Großdeut scheu Bolksgemeinschast. Unter der „liebevollen" Ileberschrift „Die Juden bande unter sich" behauptet das völkische Organ: „Kein Mensch macht uns weis, daß ein solcher Partei' aufmarsch religiösen Angelegenheiten dient. Die Zionisten verdienen unseren Dank, daß sie der liberal-jüdischen Heuchlersratze die Maste vom Gesicht gerissen haben und ganz osten erklären, daß es sich bei den Wahlen nicht um die jüdische Religion, sondern um die Erhaltung des jüdischen Volkstums dreht." Mit diesem Spiegelbitde soll es heute sein Bewenden haben. Eine zusammenfassende Würdigung des Wahlergebnisses wird in einer der nächsten Nummer den abschließenden Strich unter die Landesverbands* wählen setzen.