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Central-Verein-Zeitung · 1925-02-13 · 7 (13.2.1925) · p. Seite 126

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
7 (13.2.1925)
Date
1925-02-13
Page
Seite 126 (sequence 3)
Language
German
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126 Für unberechtigt deswegen, weil er an gewissen monientanen Erscheinungen hängen bleibt und den Blick davon^niclst mehr abwenden kann. Wenn man sich aber, von dieser Starrheit des Blickes befreit, zurückwendet in die Vergangenheit, so taucht neue Hoffnung aus. Denn wir sehen, daß im deutschen Volke letzthin doch ganz andere Männer zu Wort gekommen sind uno recht behalten haben, als diejenigen, die sich zurzeit mit so lauten Worten als Führer anbietcn. Und wir glauben nicht, daß ein Volk, das Männer wie Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Humboldt und manche andere der Welt geschenkt hat, für immer vom Gei st e de r H u m a n i t ä t verlassen bleiben wird. Schon auch sehen wir in der Gegenwart sich wieder frische Kräfte regen, die an dem Aufbau eines f r e i e n -d e u t s ch e n S t a a t c 8 arbeiten wollen. Und wir glauben an die Unwiderstehlichkeit dieser neuen Kräfte und an den Aufbau der neuen Gemeinschaft, nicht etwa bloß so, wie der schwärmerische Jüngling von dem endlichen Siege alles Guten in der Welt träumt, sondern wir glauben daran, als eine in den nächsten Jahrzehnten sich verwirklichende Realität. Denn, und daralls schöpfen wir unsere tiefste Hoffnung, es kann nur der Staat aus die Dauer gedeihen, der sich ausbaut auf der vollen Gleichberechtigung seiner Bürger. Jener Staat, der Klassen bevorzugt und andere unterdrückt und seine Bürger nur durch dieF u r ch t v o r d e nt Gesetze zusammenhält, kann nicht von Dauer sein. B e st a n d h a t nur ber Staat, der getragen wird von der freien Liebe unb Hingabe seiner Bürger zu ihm, so daß jeder sich als Glied des Staates und als Staat zugleich fühlt. Dieses ist die große innenpolitische Aufgabe, die dem deutschen Volke gestellt ist, sich seinen Staat aufzubauen auf der Grundlage der vollen Gleichberechtigung aller seiner Bürger. Der deutsche Staat ist der Staat des deutschen Inden so aut wie der eines ostpreußischen Landjunkers, ja, er ist cs noch mehr, wenn sich in seinem Gewissen reiner jene ewige. Forderung erfüllt. Und je reiner sich in seinem Gewissen diese Forderung erfüllt, desto mehr wird er am Staate Anteil nehmen, desto mehr an ihm arbeiten. Und je mehr er an ihm Anteil nimmt und au ihm arbeitet, desto mehr wird er als Glied des großen Ganzen sich fühlen und in ihm geborgen sein. Es gibt keine andere Lösung aus der Not des deutschen Antisemitismus, als die Arbeit am Staate. Darum auf zur Arbeit am deutschen Staate, nicht f ü r die Juden, nicht gegen die Antisemiten, aber für den deutschen Staat! Die Geschichte öer Nürnberger Gemeinöe. Zur 50. Wiederkehr der Einweihung der Nürnberger Synagoge hat Rabbiner Dr. Freudenthal die Geschichte der Nürnberger Gemeinde während der letzten 50 Jahre beschrieben *). Mit der wissenschaftlichen Gründlichkeit und der Klarheit der Darstellung. die an dem Verfasser bekannt sind, wird das Werden einer -neuzeitlichen Großgemeinde geschildert, iverdeu die in ihr waltenden s Kräfte aufgezeigt. die geistigen Strömungen, die sie durchziehen. -- und miteinander ringen, und die innerhalb einer solchen Gemeinde; zum Austrag kommenden Machtkämpfe. Ausführlich und eingehend - werden die einzelnen Zweige der Gemeindeverwaltung behandelt, die in ihr waltenden Ideen treten hervor, und Zugleich erfährt man, . in welchem Umfang eine Gemeinde wie Nürnberg an den Ausgaben j der Gesamtjndenhcir teilnümnt und an dem Leben und der Killtur- > leistung der deutschen Schicksals- und Volks-genieimchast beteiligt ist.; Don ganz besonderem Interesse ist ein Kapitel, in dem vom Gottesi dienst die Rede ist, und ein Zweckes, das von den Auseinanderj setzungen mit der im Verein Adas Israel organisierten Orthodoxie ' handelt. Das eine, weil es an dem Ausschnitt der Nürnberger Ge-! meinde die Kämpfe widerspiegelt, die seit der Ausgestaltung der i Reform um den Gottesdienst ausgesuchten wurden, das Suchen um die rechte Mitte zwischen Reform und Erhaltung d»es Bestehenden, den Wandel mancher Anschauung auch innerhalb des Liberalismus. Und das zweite, weites Zugleich ein Stück Geschick)te des deutschen Judentums ist, eine Frage behandelt, die in vielen Gemeinden akut ist, und die hier eine, allerdings in der bayerischen Gesetzgebung begründete beispielgebende Lösung findet. Damit aber wächst das Buch hinaus über die Schilderung einer, wenn auch bedeutenden und vorbildlichen, so doch immerhin begrenzten Gemeinde und wird Zu einem Beispiel deutsch-jüdischer Geschichte der Gegenwart, und das ist das Beste, was man von einem Bncl^ sagen kann, daß es im Teile Spiegel und Sinnbild des Größeren und Ganzen ist. l ' D i e n e m a n n (Osfenbach a. M.). * 0 Die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg 1874—1924. Dr. Freudenthal. I. Bulke.Verlag, 1-25. 172 S. Ton Rabbiner von öen „überparteilichen" Hauernhochschule«. Eine Zuschrift. In Nr. 5 der „E. B.-Zeitung" finde ich einen kurzen Hinweis ans die Bauern Hochschulen, die mit überparteilichen Phrasen verkleistert ins Leben gerufen wurden. Die Gefahr dieser ganzen Organisation ist fo groß, daß wir allen Gund haben, uns etwas genauer mit der Angelegeul)eit auseinanderzusetzen. Bor mir liegt das Neklamehest von 1924, das in vielen. Zum Teil reckst gewandt geschriebenen Artikeln Sinn und Zweck der Banernhochschulen in den verschiedensten Teilen Deutschlands anfzeigt. Liest man Z. B. die sehr cusführliche Abhandlung von Pfarrer Seefeldt über die V o l k s h o ch schule i n Dörnfeld, so findet man da. so viele gute und gesunde Gedanken von echter A r b e i t s j r e n d e, daß man gern weiter von diesem Unternehmen hören möchte, wenn nicht gleich daneben einer der S ch c r e n f cf; it i111 c des H a k c n k ne u Z v e r l a g e s, die überall in der mn.sangrcichen Zeitschrift ciugesügt sind, eme Seite füllte. Diese Scherenschnitte sind das rafsiniertesteVerl e u m d u n g s m a t e r i a!, das ich bi s h er s a h. Hinten in der „Zwiesprache" wird dann, losgelöst von allen Artikeln, in denen offensichtlicher Antisemitismus kaum zutage tritt, eine regelrechte systematische Hetze gegen die Juden getrieben. Hier eine Probe davon: Am Sauerländer Bauerntag^ der in Arnsberg stattsand, betonte Herr v. B o d e l s ch tu ingh - ch w argen- Hai e l den Ernst der Iudcnsrage und erklärte es als Christenpflicht, angesichts der Not, die durch das Judentum über unser Volk in Stadt und Land gekommen sei, an dem Kampf zur Niederringung seines mächtigen Einflusses teilzunehmen. Er richtete deshalb an die Kirche beider Konfessionen die ernsie Mahnung, ..sich der Mitarbeit an dieser heiligen Ausgabe nicht wie bisher zu verschließen." Bei Durchsicht der ganzen Broschüre gewinnt man den Eindruck eines d u r ch a u s g e s ch i ck t c n und hochpolitischen U n t c rli c I) in c n s. Große Aittergüter haben sich diesen jungen Leuten zur Verfügung gestellt, die als „Schenkende" kommen wollen, trotzdem aber normalerweise Hvchstlohn und gutes Epen verlangen. Wenn die Großgrundbesitzer dadurch ihre übrigen Leute sorgfältig Politisch bearbeitet erhalten, ist ihr Entgegenkommen jedenfalls begreiflich. Daß hier Mädchen und Burschen gemein s a nt ans Werk gehen, ist ebenfalls sehr geschickt, weil die Bauernmädchen, wie Hildegard K i cli ö st in ihrem Aussatz schreibt, es gerade besonders nötig haben, „wachgcrüitelt" zu werden. Und das wird in den Hochschulkursen und in der gemeinschaftlichen Abendnnterhaltung genugsam besorgt. Gerade weil alle möglichen Unterrichtsfächer Zusammenfällen, geschichtliche, wirtschaftliche, politische Themen mit musikalischen Darbietungen und Spielen abwechseln, wird der völkische Geist den Leuten so recht eindringlich, langsam und sicher cingeimpft. und es ist ein Jammer, daß viele bis dahin in dieser Lügensystematik ungeübte Landleute m den Kreis des antisemitischen Denkens hincingezogen werden. Berücksichtigt man dazu die ländliche Gläubigkeit dem von „studierten" Leuten gelehrten Stoffe gegenüber, so ist in das Anfgehen der Haßsaat kein Zweifel Zu setzen. Gerade weil körperliche Ertüchtigung innerhalb dieser Landarbeit sicherlich erzielt wird, gerade weil die diesen Leuten geschaffenen Lebensbedingungen fichererfrenendund Tatkraft entwickelnd wirken, ist die antisemitische Verseuchung, wie sie hier getrieben wird, äußerst gefährlich. Es ist bekannt, das aus den Rittergütern, soweit dort Verständnis für soziale Arbeit vorhanden ist und ein innerer Zusammenhang mit den Arbeitnehmern besteht, die politische Beeinflussung durchaus üblich ist. Wenn man dabei in dieser Zeitschrift die Aufsätze Jugendlicher liest, die ans ihre Schützer wahre Lobeshymnen singen, so wird diese Beobachtung bestätigt. Die Aufforderung, den kriegerischen Geist zu erhalten und neu zu beleben, wird in den Bauerns ch u l e n z u r Tat u m g e s c tz t und, im Auslande zur Kenntnis gelangt, uns Nackenschlägc bringen, die wir im Interesse unseres langsamen Wiederaufbaues vermeiden müßten. Es fragt sich mm: Was läßt sich ans fortschrittlich denkenden Kreisen gegen die stille Entwicklung dieser Ba uernhochs chulen tun, denen das Niederbrcchen der politischen völkischen Bewegung letzten Endes wenig schadet? Tenn wir dürfen mnnerhin die Ziellosigkeit vieler gebildeter Arbeitsloser nicht unterschätzen, die in einer solchen Landarbeit mit einem für sie wirksam gemalten Scheinideal etwas Begehrenswertes sehen. Bietet doch schon allein der Größenwahn dieser Völkischen, die sich mit Bruno Tanzmann die „Kühnäugigen", „die Erwachten" und „die Kämpfer" nennen, einen Anreiz für junge Leute, die gern etwas scheinen möchten und sich trotz mangelnder Kenntnisse als Führer und Wegweijer gebärden wollen. 'Wenn sie die körperliche Arbeit leisten können, werden geringe intellektuelle Tähigkeilen ihnen dazu dienen, den völkischen Geist in seiner ganzen Fülle sinngemäß zu verkörpern und dann ihre Weisheit jenen wiederzubeben, die noch weniger wissen. Einziger Ausweis zum Eintritt m die Bauernhochfchulen und Teilnahme an dieser Arbeitsdienstpfticht ist einwandfreie Abstammung. das heißt kein Tropfen jüdischen Blutes. Beachtlich ist das große Entgegenkommen, daß diese Bauern hoch schulen innerhalb Polens gefunden haben. Hier stehen aus einmal völkische Deutsche

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