Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (5.2.1925)
- Date
- 1925-02-05
- Page
- Seite 110 (sequence 11)
- Language
- German
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110 Seifenblasen. D i e „v e r j u h c i e* österreichische Sozialdemokratie. . . Sie werden cl\o auch lünjtig dem 'Namen der Sozialdemokratischen Parier als einer ansgcsprocheueu Judeupartei leine Schande machen." Tamil sehe der „B ölkische Kurie r" (Nr. -67 v. I.) den Schlußpaukt unter eine Nachricht ,,£ic vcrjudete Suziald-euie'- fraiie", in der behauptet wird, das; die Leitung der Partei in sterreich zu zwei Dritteln aus Juden bestehe. Wir haben uns unverdrossen über die ewig gleichen Erfahrungen bei der Nachprüfung derartiger Meldungen die Mühe gemacht, au Brt und Stelle Näheres sestzuftollon. Und das Ergebnis? Mau lese: Tie Leitung der Sozialdemokratischen Partei Lesterreichs besteht aus elf Personen-. Tr. Karl Neuner, Mathias Eid ersetz, Franz E ui m e r l i n g. Karl Seih. Ferdinand S k a r e t, Tavrd, N. Tomafchk, Tr. Robert T a u n c b e r g, Tr. Wilhelm Ellenbogen, Friedrich A u st e r l: tz und Tr. Lrtv Bauer. Tie ersten sieben Namen bezeichne:; Persönlichkeiten „arischer" Abstammung, die nächsten drei bezeichnen sich selbst als konfessionslos, sie stammen aber von Juden ab. Lediglich der letztgenannte Tr. Cito Bauer ist in den Slenerlisteu der 'jüdischen Gemeinde zu Wien noch verzeichnet. Erheiternd unrtt, daß der ..Völkische Kurier" noch eine Anzahl von Namen als Führer der österreichischen Sozialdemokratie genannt hat, wie Tr. Friedrich Adler. David und Adelheid Popp. Adler ist bereits als Katholik geboren. Er hält sich übrigens seit einem. Jahre in London auf. gehört also der Parteileitung nicht au. Adelheid Popp sitzt zwar uz der Parteileitung, ist aber „Arierin". Anton David ist — Lot. . Nachrichten aus völkischem Blättern verhalten sich zur Wahrheit w:e ^ersenbla-en zum Sturmwind. Das iorlium coninaralionis ist das - Platzen. Berschte Strafen. Cefängnis für t? o I f i f d) e Verben m der. Wir hatten in nuferer Anmnwr 45, Jahrg. 192-1, gemeldet, doch {jcjicit den verdrcnten Vorsitzenden unserer Ortsgruppe B r e m e u imb Mitglied unseres Hauptvorstaud-s Herrn Julius B omberger mittels Flugblattes von einem gewisien Behrens die widerwärtige Verleumdung verbreitet wurde, Bamberger fordere einen „Klub der Perversen Leute" und tue ähnliche:; Schmutz mehr. Behrens ist nunmehr von dem Bremer Schöffengericht für sein schändliches Treiben zu d r c i Monaten Gefängnis verurteilt worden. Vmr dem Soraucr Amtsgericht fand am 29. Januar die Verhandlung gegen den Schlosser Richard Altert statt, der zurzeit in Kottbus, früher in Sorau wohnhaft war. Er war aug> klagt, unwahre Tatsuckstm öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um die Beschuldigten in der Tesstutlichkeit hcrabzu setzen. Am 4. August 1924 hatts in E h r i st i a n st a d! a. B. eine von der Deutsch Volkes chew Freiheitspartei einberuscno Versammlung stattgesundeu. in welcher der AwMogte als Redner austrat. Er hatte im Berlausc seines Nestrats/welchcs sich in der Hauptsache geg-eu die I n d-e n in ihrer Gesa m i h c i t richtete, unter anderem behauptet, die ll n r u h e u in ^cn größeren Städten Deutschlands f eJ e n auf d a s Konto der Juden zu setzen, und auch in Sorau hätten im September 1923 die jüdischen Geschäsisteute die Arbeiterschaft ans die Strafte gehetzt und zum Plündern aufgesordert. Als Beweis führte er an, da ft nicht ein einziges jüdisches Geschäft geplündert worden sei. Irgendeinen Beweis für seine weitere Behauptung, das; die jüdischen Geschäfts lenke durch Geld die Arbeiter zu dem Vergehen vc-mnlasst hätten, konnte er nicht erbringen. Ncchtsauwalt Förde r (Breslau) nahm als Vertreter der als Nebenkläger zngelasseuen Kanslente die Ausführungen des Angcklag'en, dessen Partei nichts anderes könne, als Judeuhaft zu predigen, unter die Lupe und nannte das Vorgehen des Angeklagten Verhetzung, die großen B v l k § t c i l c n erheb!: eh c n Schaden zu fügen könne. Deshalb müsse auch § 130 (Aufreizung zunr Lllasjeuhaß) in Anwendung gebracht werden. Im Schlußwort versuchte der Angeklagte in langatmigen Ausführungen seine völkische Einstellung als die allein r i ch t: g e hinzustellen. Er hielt eine politische A g i t a t i o u § r c d c, in der der Vorsitzende ihn unterbreche!: und e-rmahncu uruftte, zur Sache zu sprechen. 2t l l e r t w u r d e z u 1 5 0 N e i ch s ::: a r k G oldst r a f c evtl. 15 T a g e n G e s ä n g n i s verurteilt. Das Urteil ist im Nathanse zu Ehripianstadt öjsentlich aut.zuhängcu, Einer Gberlehrerin Erfahrungen. Don Lydia Stöcker. Wer hilft? fragt in Nr. 1 der „C. V.-Zeitung" ein Kollege aus Baden und fordert feine jüdischen Kollegen auf. vor altekn durch ihr persönliches Verhalten den: Judenhaft entgegenzntreten. während er gleichmütig aus feinen.: engeren. Heimatland Baden von Zuständen zl: lynchten weiß, die den L st de ul scheu geradezu ideal au-. Niiuten. Ich möchte seine Ausführungen ebenso ergänze:: Uwe d:e seines Vorgängers. 2)!eine Erfahrungen in: Westen lieh bin geborene Nheinländerin) decken sich mit jenen von Tr. Gn beuru ineine Erfahrungen in Berlin, wo ich nun 20 Jahre tätig Irin, stimmen leider mit denen des Kollegen aus F i n st e r w albe überein. Zunächst sei das mit aller Tentlichteit sestgosteltt: Ans meiner eigenen Schulzeit und meiner engeren Heimat, den: Wuppertal, ist nur Antisemitismus in der Schule nicht bekannt. (Möglielg das; es heu'e anders ist.) Meine streng konfessionellen, und — was nicht unwesentlich ist — caloinisti scheu Eltern haben uns z. B. i:i der Wahl der Schulkameradinnen i\ i c beeinflusst und J fi b i f eh e K i n d e r — vorausgesetzt, das; sic. utze jedes andere -Ui:\b, <iu ggr.vistes Maß von Wehloer halten Ee saften — sind häujig in unser Hans gekommen. Erst hier in Berlin ist mir schon vor Jahren von jüdischen Schülerinnou geklagt worden, das; die christlichen Schuttameradiuuen sich Völlig nbsoudertcn und sie bewusst links liegen lstzeu. Jcihwcii: aus eigene:: Berichten, zu welch groben Misteln zuu'eistu chrstUrche Eltern "(höhere Beamte) grissen, um ihrer: -K-inderu jüdösten Verkehr zu „verekeln". Taft das in den letzten Jahren eher schlimmer gcloordeu ist. braucht kaum gesagt zu werden, und die .nlage jener Studienrätin in Euer Wahloersaunnluug (von der neulich hier berichtet wurde), die jüdischen Schülerinnen sucksteu sich uu.u.ier gerade die armen wehrlosen christlichen Kinder zu Freundinnen aus, hat :nich höchlichst erstaunt. Soweit meine jahrelangen Beobachtungen reichen, sind „konfessionell gemisch-io" Fueundscha.su.u Verhältnisu.iäftig selten, heute schon gar. Ebenso besinne ich mich aus meiner eigenen ^chnh-^it, das; es selbstverständlich war, wenn jüdische Schülerinnen am n m s t a g nicht schrieben. Kein Mensch nahm Aust oft dar-.uu und ich erinnere mich nicht, das; es bei schriftlichen Arbeiten ^chnoierigleilen bereitet hätte. Hier in Berlin mußte ich erleben, dag eine .Kollegin, als ich von einem solchen Falte berichtete (es handelte »ich zinätstg l'.m eine aanz besonders tüchtige SchülerinK mir amwortete^ „Dann soll sie gefälligst nicht i n eine evangelische « ch u I e gehe n!" Selbstverständlich handelt cs sich um ciiic parrtäti} ch c Aäistalt, die von etwa einen: Tritte! jüdischer ^chüleriuu.e:: besucht wird und selbstverständlich nimmt die Anjtalt als solche d:e c:u.- sprecheude Rücksichtnahme. Aber jener Ausspruch ist leider typisch für die Einstellung mancher Lehrpersönlichkeiten.^ Eur'gut Teil dieser (und daran liegt gerade die Schwierigkeit), ist sich gar nicht bewußt, unduldsam zu sein. An: schwersten leiden unter solchen Zuständen jüngere Kinder, weil sie so völlig lvehrlos sind. Und wem: die Eltern schon einmal ihre Not klagen und man ihnen anrät, sich zu beschweren, dann bekommt man immer die 2lntwvrt'. „Das schadet meinem Kinde", worauf ich einfür allemal entgegne: „Nur dann, wem: dn diesen Schaden fürchtest." Fängt ein Ki::d erst an. älter :::id widerstandsfähiger zu werden (sagen wir etwa vom 14. Jahre au>. daun halte ich diese Schwierigkeiten (unter denen jede M i n d e r - heit leidet. Politische so gut wie konfessionelle) nicht unbedingt für ein Nebel: d c r: T ü ch Ligen werden solche bst ö t e n u r :i n: so tüchtiger und aufrechter m a ch c u. Wohl aber halte ich die Wirkungen des Teustächv.ativnalen Jugendbnudes uftv. av.f die christliche Jugend für verhängnisvoll. Habe ich cs doch im evangelischen R e l i g i v n § u n t e r r i ch t erleben müssen, daß, als ich versuchte, dieser Stimmung entgegenzutreten. und auf das Paulus-Wort hiuwies: „Das Heil kommt von den Jude::" (es steht nun einmal im Neuen Testament), ich auf den hcstigsten Widerspruch stieß. Mau kam sofort mit den „unwiderlegliche:: Forschungsergebnissen" ' von E h a m b e r l a i n und % r 11) u r Sinter: Christus, ein Arier. Welch wahrhaft groteske Formen dieser Wahn (anders lässt es sich wohl kaum bezeichnen) zuweilen annimmt. dafür noch ein Beispiel. Ein Lehrer malt bei irgendeiner Gelegenheit im Religionsunterricht (Altes Testament), ciu p a a r hebräische Buchstaben an die Tafel und erfährt nachträglich, das; ein Teil der Jugend schweren 2lr:sioft daran nahm, daß ein christlicher Neligiomslehrer im christlichen Ncligionsunterricht hebräische Buchstaben anzmnalen würgte. Difficilc est . . . Tie Aufgabe, die heute dem Lehrer au unseren höheren Schulen erwächst, hat etwas von der O u a d r a t it t des K reifes: zwei Gruppen, die einander oft wie z:vei feindliche Heerlager gegenüberstehen, soll er miteinander versöhnen, beiden gerecht :oerd?n. Hat er das Vertrauen der einen, bedeutet das sehr tcid)t Misstrauen der anderen und umgekehrt. Gelingt es ihn: aber, beide zu gewinnen und zu versöhnen — daß das nur sehr langsam und allnmlstich möglich ist, braucht kaum gesagt werden —, dam: hat er freilich auch größere, dankbare und reichere Aufgaben als in ruhigeren Zeiten. Und wenn wirklich der Kampf der Vater aller Tinge ist. daun wird auch dieser Gegensatz, so bittere Formen er zvteeiler: annimmt, schließlich doch zu einer'h ö h c r e u Einheit führen.