Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (5.2.1925)
- Date
- 1925-02-05
- Page
- Seite 108 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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los LlaLionülssZmlistische Hitlers G m p f n n g hei 3?i i n i ft c r p r a f t ö c 111 Held. Bor beiläufig 80 Jahren empfing König Friedrich Wilhelm IV. hon Preußen den als wilden Revolutionär verschrieenen Dichter Herwegh in Audienz und ließ sich in majestätischer Herablassung von ihm einige Worte des Männerstolzcs vor Fürstenthronen sagen. HoffnungSselige Demokraten sahen darin die Morgenröte einer besseren Zeit. Der König aber ließ bald darauf den Frciheitsdichtcr aus dem Königreich Preußen auswcisen. Ich weiß nicht, war e? die durch Heines bekanntes Gedicht befestigte historische Reminiszenz oder ein sonstiger Grund, daß einige norddeutsch? Journalisten der - Tatsache jo große Bedeutung beimaßcn, das; Hitler bald nach seiner Entlassung aus der Festung, von Ministerpräsident Held empfangen wurde, obwohl doch) Held kein König, und Hitler fein großer Freiheitsdichter ist. Bei uns in München wurde die Nachricht nur halb so wichtig genommen. Warum sollte der jetzige rcgiereirde Herr in Bayern nicht auch das Verlangen haben, den großen Trommler persönlich kenncnzulcrnen, mit dem seine Vorgänger Kt n i l l i n g und Kahr historisch gewordene Händedrücke getauscht hatten! Freilich. als der Empfang durch den „Miesbacher Anzeiger" der Oeffentlichkeit bekannt gemacht nmrde, da fand man es doch etwas ungewöhnlich. daß der leitende Staatsmann mit einem verurteilten und nur auf Bewährungsfrist vorerst entlassenen Hochverräter so ganz auf gleich und gleich verhandelte, und da mau die Tatsache selbst nicht in Abrede stellen konnte, ließ man zur Beruhigung eine kleine offiziöse Notiz verbreiten, die wie ein Dementi aussah, aber im Grunde nur besagte, daß nicht etwa der Ministerpräsident Herrn Hitler habe rufen lassen (was weder der Miesbacher noch sonst jemand behauptet hatte), sondern daß Hitler dringend um den E m p f a n g n a ch g e s n ch t und bei der Aussprache dargelegt habe, was er beabsichtige und was er nicht beabsichtige. Obwohl nichts Verläßliches darüber bekannt nmrde, was bei dem Empfang alle? gesprochen wurde, ist die Annahme naheliegend, daß sich Hitler nicht nur um die Freilassung seiner noch in Haft befindlichen MitverurLeilten bemühte, sondern auch um die Aufhebung des Verbotes d e r N a t i 0 n a l s 0 z i a l i st i s ch e n Arbeiterpartei, das. am 9. November 1920 vom damaligen Generalstaatskommissar verhängt, heute noch immer besteht. Tie interessantere Frage ist aber, worum sich bei dem Empfang die andere Seite bemühte. Der „Miesbacher Anzeiger", der noch mehrmals die Sache streift, gibt darüber Andeutungen, die Beachtung verdienen; er schreibt, daß die Zusammenkunft Held — Hiilcr durch Pöhner vermittelt wurde, um zu verhindern, das; Hitler sich wieder an Ludeudorff an sch ließe und damit selbst sich zur Einslußlosigkeit in der bayerischen Politik verurteile, liest aus der Bewilligung des Empfangs durch den Ministerpräsidenten heraus, „daß die Jntereffengemeinschast großer sei, als der Interessengegensatz" und findet zuletzt: „Daher fommt cs auch, daß Herr Held, wenn er sich Umsicht nach einer breiteren Basis und nach den konstitutiven Kräften zu einer Erneuerung der Staatsordnung, in stillen Stunden an Adolf Hitler denkt und mehr wie andere für möglich hält, daß aus diesem wildgärenden, Gebinde zerreißenden Moste noch cimnül firner Wein, Wachstum deutscher Staatskultur, werden wird". Wer etwa den M i e s b a ch e r geringschätzig als bedeutnngslos abtun mochte, der möge bedenken, daß er schon lauge nicht mehr von dem ehemaligen Banernknccht Klaus Eck redigiert wird, der mit seinen der Feder ungewohnten Händen, unsäglich grob und roh, aber doch offen und ohne alle Hinterhältigkeit schrieb. Heute wird er von einem ch em a 1 igen D.Uö u ch redigiert, der das Wort wohl zu handhaben versteht und auch weiß, daß die Sprache man ch m n l dazu d a i st, die Gedanken zu verbergen. Den grobschlächtigen Judenhaß seines Vorgängers hat er deshalb laugst beiseite gelegt, nur hie und da bringt er einen f(einen Hieb ans die Juden, um den Wünschen der alten Leser Rechnung zu tragen. Im übrigen dient er aber als Sprachrohr jener Kreise, die, monarchistischer als der Kronprätendent selber, dom Augenblick nicht erwarten können, daß Bayern, m i i dem Reich oder gegen das Reich, wieder einen König bekommt, und die dieses Ziel auf manchmal recht merkwürdigen und verschlungenen Pfaden verfolgen, so z. B. in einer Reihe von Leitartikeln, die unter den; anspruchsvollen Titel „Miesbacher Jmmediatbriefe" an eine nicht naher bezeichnete, mit „Ew. Liebden" angeredete Persönlichkeit gerichtet werden, ganz als ob sie für den Krcnprinzcn selber bestimmt wären. Die Kölligs frage ist sicher keine Frage, 311 d e r es eine besondere jüdische Eiilstellung gibt. Unser Interesse zu ihr beginnt erst da. wo man zn ihrer Lösung die völk i s ch e B c w e g u n g hcranzuzicheu verflicht. Unter Ludend 0 rfss Führung erscheint sie den Kreisen um Pöhner und dem „Miesbacher Anzeiger" hierzu jedenfalls ungeeignet; dagegen läßt die oben wieder, gegebene Stelle vermuten, daß mal; Hitler möglicherweise als Trommler alich für solche Bestrebungen verwenden zu können glaubt. Fragt sich nur. welche Gegenleistungen Hitler dafür erwartet oder beansprucht. Bon dcu berufenen Vertretern des Königsgedankens halten wir es für ausgeschlossen, daß sie Hitler Zugeständnisse in de; Richtung seiner judenfeindlichon Bestrebungen machen könnten; wms die unberufenen Intriganten alles versprechen, die am liebsten vollendete Tatsachen schaffen möchten, bleibt dunkel. Wenn Hitler bei seinem Empfang durch den Ministerpräsidenten Aussichten auf die Wiederznlassung der NaLionalsozialistischeu Parier gemacht worden sein sollten, so sahen loir darin keinen besonderen Grund zu Besorgnissen. Tie alte Firma hat ihren Glanz »u;d vor allen; ihre Solvenz cingebüßt; man wird unter ihr auch nicht mehr die alten Erfolge erzielen können, solange die Spaltung rn einen parlamentarischen und einen proletarischen Flügel nicht überwunden wird. Tie Aufhebung des unter den; Ausnahmezustand erlassenen Verbotes konnte viel eher als ein Zeichen dafür gedeutet werden, daß wieder leidlich gesicherte Zustände geschaffen sind, bei denen der Staat sich auch durch diese Partei nicht mehr gefährdet hält. Dieser Abbau von Ausnahmemaßnahmen liegt in der gleichen Linie wie die Begnadigung Hitlers und nunmehr auch des Obcrlandjuhrer^ Dr. Weber, die nach seiner und seiner Mitbeschuldigten Freisprechung von der Anklage, den verbotenen Bund Oberland unter der Flagge „Deutscher Schützen- und Wanderb u n d" sortgefnhrt zu haben, nicht mehr aufzuhalten war. Auch diese Freisprechung bietet uns keinen besonderen Grund zur Beunruhigung. Daß Staatsanwalt und Gericht sie mit der vor bayerischen Gerichte-,; nachgerade feststehend gewordenen rühmenden Bestätigung begleitetem die Angeklagten seien prächtige deutsche Männer, das trüge, unpolitisch und rein menschlich gewertet, etwas Versöhnliches an sich.;vcun man mir glauben dürste, daß die Angeklagten daraus für ihre künftige Betätigung die Lehre ziehen würden, auch ihren Gegnern, beispielsweist den von ihnen in Bausch und Bogen verdammten Fudcn, mit gleicher vorurteilsloser Duldsamkeit zu begegnen. Leider haben wir keinen Grund zu solchen Hoffnungen. Haben diese „prächtigen Männer" auch ihre Gelüste nach Blut und Gut der Juden inzwischen etwas gezähmt, ihren Haß gegen die Inden gemäßigt. — - das durch Ludendorff und ähnliche Führer genährte tiefe Mißtrauen gegen die Jude n und die angeblich von ihnen dem deutschen Vaterland drohende Gefahren haben sie sicher noch nicht ü b c r w u n den, im Gegenteil, es ist aus den Ceheimbüuden, in denen es ursprünglich genährt wurde, auf den Weg über die „vaterländischen Verbände" aller Art in die weitesten Schichten des Bürgertums getragen worden und vergiftet dort alle politischen und menschlichen Beziehungen. _ W. L. Luöenöorsf Zankt ab! In den letzten Tagen waren in politischen Kreise;; Gerüchte verbreitet, daß General Ludendorsf beabsichtige, sicy ins Privatl eben zurückznziehen. Demgegenüber erfährt der Landesdienst der Tclegraphcn-Uniou, daß General Ludendorsf kürzlich in einer Besprechung mit Adolf Hitler die Verabredung getroffen hat, daß, wenn Hitler die Natiemalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei wird c r a u f g c - zöge u haben wird (>), die Reichss ü hrcrschast als logische Folge hiervon ihr Amt n i e de r l e g t. Im übrigen wird General Ludendorsf auch nach dieser Maßnahme von dem Rocht eines jeden Deutschen Gebrauch machen, sich un; Politik zu bekümmern. Ter „Völkische Kurier" bestätigt diese Meldung als in; wesentlichen richtig. Was er noch beifügt, ist nichts als verlegenes Gerede. Ludendorsf denke nicht daran, sich von der völkischen Bewegung zurückznziehen, er habe sich nur als Treuhänder der Bewegung betrachtet, solange Hitler im Gefängnis saß, die 3 n s a m m e n a r b e i t L u d e n d v r s j s und H iilcrs v e r - körpere für die Völkischen die wahre Volksgemeinschaft, deshalb müsse man Ludendorsf die Treue hatten, und auch Hitler sei sich bewußt, welche moralische Stütze der große, ruhmbedeckte Heerführer bedeute. Also doch n u r m 0 r a l i f d) c, aber nicht m ehr politische Stütze! Und welche Logik zwingt Ludendorsf zum Rücktritt ans der Reichssührerschaft, in die er doch neben Hitler und Gräfe gewählt war, während nach Hitlers Verhaftung als Ersatz Straffer zugewählt wurde? Logischer wäre cs doch, daß nun der Ersatzmann dem wieder befreiten Hitler den Platz räumte. Es scheint doch, daß auch die Völkischen Zweifel an der ruhmreichen Führung durch Ludendorsf bekommen haben, seit sein letzter verzweifelter Versuch, sich beim Kronprinzen Nn pp recht und den ihm ergebenen Offizieren wieder zu Ehre!; zu bringen, glatt abgeschlagen wurde. Ob Ludendorsf auch die Schuld an diesem „Dolchstoß" den geheimen jüdischen Machenschaften zuschieben wird?