Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- Seite 86 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Gefahren ösr HrbrWerung. f“ Don Lpekiator. Seit dem Herbst 1918, cM der Antifemitism u 3 , aus der Niederlage mrd dem Zusammenbruch frische Kräfte schöpfend, mit zehnfacher Heftigkeit in die Arena trat, konnte man in deutschen Schulen eine merkwürdige Erscheinung beobachten. Fünfzehnjährige jüdische Schüler schrieben Schmaussätze, in Lenen sie mit „gelehrten" Argumenten den Nachweis führten, der Jude in Deutschland sei kein Deutscher, er habe eine eigene Seele, dne eigene Kultur, eine eigene Sprache. Fünfzehnjährige jüdische ^ckullmadchen unterhielten sich in den Pausen „Hebräisch" untereinander und waren dabei mit kindlicher Koketterie bemüht, die Aufmerksamkeit der christlichen Mitschülerinnen und der Lehrerinnen auf ihre Konversationssprache zu lenken. Das .Hebräische" dieser Kinder war ein Gemisch aus den paar Brocken, die sie im Neligiousunterrrcht und in der Synagoge ausgeschnappt hatten, und erinnerte lebhaft an die „Geheimspräche"', welche die Schuljugend in der ganzen Welt zu bilden pflegt, um den Erwachsenen und insbesondere der Lehrerschaft gegenüber sich ein „unabhängiges" Ansehen zu geben. Jene ^chnlaussätze und dieses Schnlhebränch. über die seinerzeit sehr hitzig debattiert wurde, waren nichts als der Ausdruck eines edlen Trohes, mit dem die Kinderfeele auf die antisemitischen Anrcmpclnngen erwiderte, nachdem sie in den Unterrichtsstunden von Mitschülern und vereinzelt sogar von Lehrern verletzt und gedcmütigt wurde. Wenn die jüdischen Kinder von allen Seiten zu hören bekommen, Je seien nicht würdig, Deutsche zu heißen, sie seien icr fremde, geduldete Parasiten, man mühte sie allesamt nach Palästina vertreiben — so konnte der naive und rechtschaffene Stolz der Kinder darauf nur antworten: Gut denn, wir wollen freiwillig ans alles Deutsche verzichten. Bis die große Stunde schlägt, da wir alle insgesamt gemäß Herzls Plan nach Palästina geholt werden, wollen wir euch zeigen, daß nur unsere eigene Kultur, unsere eigene Sprache, unser eigenes „n ationalcs Dasein* besitzen, uns selbst genügen und eurer nicht bedürfen! Ein viel wirksamerer und vornehmerer Ausdruck dieses trotzigen Stolzes wäre es freilich gewesen, die antisemitischen Anrempelungen ruhig a b z n l e h n e u : Wer hat ein Häuslein von Schulmeistern und Schulkindern ermächtigt. über unsere Zugehörigkeit zur deutschen Nation, zur deutschen Kultur und Sprache Gericht zu halten? Diese Zugehörigkeit ist das Werk einer vie'hnndertjährigen Geschichte. Aus eure lächerlich-anmaßenden Tiradeu antworten wir deutsch-jüdischen Kinder: Nun erst recht! Wir wollen mit erhöhter Kraft uns von deutscher Kultur durchdrinaen lassen und am Ausbau deszertretenen Vaterlandes Mitarbeiten. Woher dieses Hebräisch der Schüler und Schülerinnen? Die na 1 iouaIjüdifche Richtung verlangte es. Auch in Deutschland sollte das Hebräische Umgangssprache werden. Tie Juden Deutschlands sollten sich in ihre eigene Nationalsprache, die hebräische, zurückzielseu und zu diesem Zweck ein eigenes nationales 'schul werk „vom Kindergarten bis zur Universität" ausbauen. Schön. Aber wie vollbringt man das? In der Schule, und sei es auch die vollkommenste, lärm ein einzelner, können unzählige einzelne eine Sprache mehr oder minder vollkommen erlernen; aber eine ganze Gemeinschaft kann eine Sprache nur mr wirklichen. Praktischen Leben sich soweit aueiguen, daß sie ihr natürliches, lautliches Ausdrucksmittel, ihre Umgangssprache wird. Tie Umgangssprache ist nicht eine pädagogische, nicht einmal eine politische, sondern eine geographische, soziale und wirtschaftliche Funktion. Starke Eroberer- Völler haben die Sprache der unterjochten Bevölkerung angenommen, nicht allein, weil diese numerisch im Ucbcraewicht war, sondern weil ~e die natürlichen wirtschaftlichen Hilfsquellen in der Hand hatte. lux innerhalb eines geschlossenen, unabhängige» Wirtschaftsge'vietes kann sich eine Sprache zur Umgangssprache einer bestimmten Menschsngrnppe entwickeln. Selbst wenn also die Sprachkenner in Palästina das Hebrüischeso weit vervollständigt haben würden, daß es den Verkehrs- und Kulturbedürsnrjse» einer Tevölkerung genügen könnte, die in einem der höchsterckwickelten Länder der Welt lebt und eine der reichsten und feinsten sprachen spricht, und selbst wenn die materiellen Mittel und die Lehrkräfte vorhanden wären, ein vollkommenes Schulsystem mit hebräischer Unterrichtssprache „vom Kindergarten bis zur Universität* einzurichten — selbst dann noch wäre das Ergebnis nicht etwa, daß die Juden das Hebräische anstatt des Tonischen oder neben diesem zur Umgangssprache bekamen, sondern nur, daß sie das Deutsche schlecht und das Hebräische noch schlechter s p r e ch e n würde n. Um das Hebräische zur Umgangssprache der Juden Zu «rachen, müßte man zuerst ein komplettes Ghetto emrichtcn, in welchem die Juden wenigstens den größten Teil der Zeit, von den Nichtjuden völlig isoliert, ganz unter sich wären, und kein nichthebräischer Laut an ihr Ohr dränge. Erst wenn die Juden einige Generationen hintcrdnander auf die sch Weise gezüchtet würden, könnte das Hebräische zu ihrer Umgangssprache werden. Toch nehmen wer den Fall, daß ein Wunder geschieht, und samt« liche deutschen Inden erwachen eines schönen Morgens als Perfekte Hebräer, und zwar im Bösche eines so vervolikonnnneten und aus- Hcbrmsch, das in jed-er Beziehung fähig ist, die Kontur- $ 1C11.3 urit der deutschen Sprach-e arckzrruehmcu. Sie parlieren fortab untereinander nur hebräisch, erledigen ihre weltlichen und geistigen Geschäfte nur hebräisch. lesen nur hebräisch geschriebene Zeitungen, ^ie sind also von ihrer rir'chtjädischen Umivelt durch eine doppelte Mauer geschieden, durch die Religion und die Sprache. Aber diese zweite Mauer ist die undurchdringlichere. dichtere: die jüdische Religion, nw.s sie gebietet und verbietet, ist jedem Nichtjuden durchaus nicht fremd. Bei einigem guten Willen kann er sich über sie sehr gründlich unterrichten. Im Verlauf vieler Jahrhunderte hat der europäische Mensch gelernt, in dem Bekenner einer von der seinigen verschiedenen Religion den gleichgearteten, sogar den gleichberechtigten Nebenmenschen zu sehen. Wer aber eine fremde Sprache spricht, der gilt ihm nicht nur als Fremder, sondern als Feind, den er zu bekämpfen verpflichtet ist, auch wenn ihn mit ihm Abstammungsgemeinsch-ast, Blntsverwan'dtsck'ast * und' Nelichonsgerne:nschast verbindet. Mau braucht sich nur die unerbittlichen Kämpfe zu vergegenwärtigen., die sich zwisck)en Lstl^chen und Deutschen. Polen nnd Ukrainern. Ungarn und Slawen abfpielten, und Zwar in Gerieten, auf die jedes der beLen Völker unbestritten den gleichen historischen Anspruch hatten. Das Wesen dieser Kämpfe bestand darin, daß die Mehrheit darauf hi narbe: tele, der Minderheit ihre Sprache zu nehmen oder sie zum Lande hi-na-uszudrängem Und wo weder das eine noch das andere gelang, dort ist leur FrSde hergestellt, und wird wohl nie hergestellt werden. Danach kann man sich leicht ans malen, was das S ch i cl s al dieser „h ebrüischen" Juden wäre, die als verschwind ende Minderheit «ritten unter einer nichtjüdischen Bevölkerung leben würde, mit der sie keiu ideelles Band, weder Glaubens-, noch Kultur-, noch Sprachgemeinschaft verbände, unter der sic wie ein erratischer Block dastünde, ein tausendfach srcinder Körper, nur allen Groll, allen Neid und Haß auf sich konzentrierend, deren die Meuschennatnr fähig ist. . . Allein. auch dann wäre es noch sehr zweifelhaft, ob die Juden in Tewtschlaud das zionistische Ideal, ihre eigene Nationalspräche zu sprechen, verwirklichen würden. Welches ist die Nationalsprache der Juden: Hebräisch oder Jiddisch? Wenn die Berliner Zionistensührcr sich kurzerhand für das ersiere entschieden, so haben sie sich in einen schroffen Gegensatz zu der erdrückenden Mehrheit ihrer Gesinnungsgenossen ganz Osteuropas gestellt, besonders in Polen und Litauen, und. was noch wichtige ist, in Amerika. Innerhalb des Zionismus tobt bekanntlich seit langem der Kampf zwischen „H c b r ä i st e n' und „I iddischistc nT Letztere weisen daraus hin. daß das Jiddische, welches von ungefähr 12 Millionen Juden in der ganzen Welt verstanden, gesprochen und geschrieben wird, welches nicht erst, wie das Hebräische, erlernt werden muß und nur von einer Elite verstanden wird, allein das R e ch t hat, sich die wahre N a t i o n a t f r a rij e der Jude n zu nennen, r-ogar für Palästina ist der Streit noch lange nicht entschieden, ^ehr häufig äußert sich bei den Jiddischisten ein wahrer Haß gegen die hebräische Sprache und ihre Literatur. In Osteuropa (und Amerika) sind nicht nur die Poalezionisten Gegner nnd Feinde des Hebräischen, sondern auch die Anhänger der Böllspartei, die sich dort „Holkisten" nennen. Tie Zionisten in Deutschland haben allen Grund, sich so zw stellen, als ob ihnen diese Tatsachen unbekannt wären. Denn dieses „Jiddisch ist ja das r e i u si e M i t t e l h o ch d e u t s ch des 14. bis 16. Jahrhunderts! Tie „jiddstch ist; scheu' Philologen und Vorkämpfer in Osteuropa sind bemüht, aus der Volrssprache alle slawischen Elemente zu entfernen und burcf) Formen nnd Bildungen zu ersetzen, die ans der in Deutschland entstandenen reichhaltigen Dolksliteralur jener Jahrhunderte stammen. An manchem jiddischen Erzeugnis der Jetztzeit würde zum Beispiel L u 1 h e r seine' Freude haben. Die statieualsprache der Juden wäre demnach die deutsche Mundart, die unsere Vorfahren vor drei- oder vierhundert Jahren redelen? In Polen gibt cs außer den Hebraisten nur noch eine Partei, die unbedingte Anhängerin des Hebräischen als Nationalsprache der Juden isti die polnische N a t i o n a l d e nr o k r a t i e, nm die herum sich alle antisemitischen Elemente gruppieren. Sobald sich das Kricgsglück aus die Seile der Entente neigte und die Nationaldemokratlsich als künftige Beherrscherin des wiedecerstandeneu Polen fühlte (Herbst 1916). entwickelte sie u. a. ein aussührliches wirtschaftliches und kulturelles Progrannn zur gänzlich e u Verdräng rr n g der Juden aus dem Lande. Das kulturellc Programm bestand darin, daß der Staat die jüdischen Kinder aus den allgemeinen Schulen ausschließe und sie in besondere jüdische Schulen zwänge, „v o m Kindergarten b i s zur U n i 0 c r {i t 5 t". Unter keiner Bedingung dürfe aber an diesen Schulen das Jiddische Unterrichtsgegenstand oder gar Unterrichtssprache sein; denn das Jiddische leite unweigerlich zu der verhaßten und verpönten deu t sch en S p r a ch e h i n ü b e r. Das Hebräische dagegen als Unterrichtssprache im ganzen jüdischen Schulsystem werde die Inden im Lands mit der Zeit gänzlich isolieren, sie aus i>em wirtschaftlichen, kulturellen und öffentlichen Leben ausschalten und sie endlich in das jüdische Natwnalheim hinüberleiten, das ihnen Baftour in Palästina auszrr- Lauen verspricht — ohrrc Pogrome und Gewalttätigkeiten von sei lock der polnischen Nation. Dieses gesamte Programm wird jetzt in Polen mit aller Macht durchgejührt. Aon vorhandenen hebräischen Schulen