Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- Seite 84 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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84 ku'chken wir den Abend als Erfolg rrnd gingen frohen Herzens auseinander. Denn im Widerstreit der Meinungen hatte jid) die bessere Sache, die wir vertraten und der gerade von einigen jüdischen Rednern wirksamste Unterstützung geliehen wurde, als die überlegene erwiesen. Auch dem widerstrebenden Zuhörer mag hie und da eine Ahnung aufbestiegen fein von dem Wesen der deutschen Kulturseele, die w weit und umfänglich ist, daß gegenüber ihrem Reichtum die völkische RcrssenLerminologie und Gherusterlogik hoffnungs- Los versagt. Aber der neue Eindruck vermochte doch den des voran- ^eaangenen Abends nicht auszulöschen. Man vergegenwärtige ch die Situation: als Nichtjude versucht man ich der antisemitischen Welle entgegenzu- Wersen, weil man irgendwie so organisiert ist, daß ein eigener Empfindungsnerv mitleidet, wenn irgend w o in der Welt Unrecht verübt wird; wen man die Schä d en erkennt, die diese Bewegung LndieSeeledesdeutschenDoltes bereits Hineingefressenhat. weil man Ln mancher Beziehung freimütiger auftreten kann, als wenn man in der Rolle des immittell»ar Betroffenen die Abwehr führen müßte. Aber ein jüdischer Mitbürger schlägt einem rrnter dem lärmenden Beifall des antisemitischen Parketts die Klinge aus der Hand. Was besagt alle der Geschichte der Psychologie und der Kulturanalyse entnommene Beweisführung, wenn von jüdischer Seite selbst Die Yogromargumenke geliefert werden? Fst Dem Jrrverrtrrrn überhaupt *it helfen, wenn es selbst Breschen in Die AbwehrfronL reiht und Dem Begner die ELnbrnchsteLlcn anfveckt? Das ist in der gegenwärtigen Lage des Judentums eine Frvsirrnspolitik AND ein Frevel zugleich, auf die der unbeteiligte Dritte nur mit den gleichen Gefühlen wehmütiger Beschämung blicken Hann, mit Herren der Ausländsdeutsche auf die in «nserm Volk wütende mörderische Setbstvernichtungsarbeit schaut, deren systematische Durchführung Deutschland, auch wenn es in den letzten Zuckungen lag, vielfach wichtiger erschienen ist, als zmn Versuch der inneren Ausheilung alle Hände zu bieten. Mag man die inneren jüdischen Probleme Unter sich aubtragen. mit aller Schärfe und Konsequenz. Aber würdelos und beschämend bleibt eine solche Auseinandersetzung angesichts des Zeltlagers der Gegner. Noch ist die deutsche Oeffentlichkeit weit davon entfernt, einer Diskussion über innere Probleme des Judentums ohne Verzerrung und parteimäßige Ausbeutung, lediglich mit objektiver Anteilnahme und wohlwollender Sympathie beizuwohnen. Dazu müßte erst die von dem Antisemitismus hervorgerufene Tuswühlung der Geister beseitigt sein, die wahrhaftig nicht dadurch abebbt, daß man mit zionistischen Paroxismen den Sturm trüber Leidenschaften von neuem ansacht. verjammlrmgsftorer am Werke! Aus den Kreisen der Konservativen und Liberalen Broß»Berlins kommen seit Beginn des Wahlkampfes ernste Klagen über das ungebührliche Auftreten junger Nalionaljuden in den Wahlversammlungen, die es daraus anlegen, ruhige Versammlungen durch Herausforderungen, Zwischen-!tufe, ja Schlägereien zu einem frühen Schluß zu bringen. Wir erkennen durchaus an, daß solches unwürdige Vorgehen nicht im Sinne der Führer liegt. Sie haben aber die Jugend nicht in der Hand. Die erste öffentliche Berliner Gentralvereins-Dersamrnlung Lm letzten Montag, die wie alle Veranstaltungen des C. V. überfüllt war, wurde durch die Referate Dr. Bruno Wells und Frau Margarete Frieds würdig eingeleitet, durch die ruhigen Ausführungen Kurt Blumenfelds, des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung, des Syndikus des C. V. Dr. Alfred Wiener. Rechtsanwalt Dr. hantkes sowie des ersten Vorsitzenden des C. D. Justizrat Brodnih ebenso würdig und vornehm fortgesetzt. Auch Alfred Bergers geschickte Rede, die er als Führer der Poale Zion hielt, entsprach durchaus dem Niveau des Anstandes, das diese Mische Versammlung auszeichnete. Leider verließ ein Teil der nationaljüdischen Verkam rn lungsbesuch erdenfriedlichen Weg, den die Versammlung bischer geschritten war. Zwischen Bersannnlungsbesuchern verschiedener Richtung kam es zu Reibereien, die schließlich 'in Schlägereien ausarteten. Nach Mitteilungen mehrerer zuverlässiger Augenzeugen gingen diese von n a t i o n a l) ü d i f ch e r Seite aus. . Nicht weiter erstaunlich, nachdem einwandfrei festgesteNt ist, daß jugendliche Natioualjuden in geschlossenen Trupps in die Versammlung gerückt waren. Einer dieser Trupps, der schon in früheren, jüdischen Wahlversammlungen aufaefallen war, wurde von einer S ch u p o st r e i f e bemerkt, die zur 'Vermeidung von Ruhestörungen. die nächste Polizeiwache alarmierte. Ohne Wissen und'.! gegen Willen der Äersammlungsleitung erschien, da die Schlägerei« großen Umfang annahm, die Schutzpolizei im Saale. Wellb der Vorsitzende erklärlicherweise eine jüdische Versammlung rucht. unter Polizeischutz abhalten wollte, schloß er sie. . Wer die beschämenden Vorgänge verschuldet hat, ergibt frch auA^ vorstehendem klar und deutlich. Zerrissenheit. Von Ludwig Holländer^ I. Der jetzige Wahlkampf zum Preußischen Landesverband enthüll? uns wieder eine bekannte Erscheinung, nämlich die starke Zer^ rissen heit innerhalb de8 deutschen Judentums. Man hat diese Zerrisienheit beklagt, und zwar mit einem gewissen Recht, denn die Kräfte einer so kleinen Gemeinschaft, wie die des Jrcdentums, würden im geschlosienen Zusammenwirken den Massen ihrer Gegner gegenüber mehr bedeuten, als im jetzigen Zustands Diese Geschlossenheit wäre nur herzustellen durch Ausgabe von Grundsätzen, so daß die vorhandenen Unterschiede in ein Nichts zer-c flössen. Dieses Ausgeben von Grundsätzen ist eine Unmöglichkeit in einem lebendigen Organismus, besonders in einer Gemeinschaft, welche die Wurzeln ihrer Kraft und ihrer inneren Neberzeugung in Tausenden von Jahren entwickelt hat. Starres Verhalten bei Grundsätzen wäre Tod. Wohin man auch sehen mag, in allen großen religiösen Gemeinschaften, in allen politischen Verbänden, in jeder Partei, die eine innere Bedeutung beanspruchen kann, sind Meinungsverschiedenheiten vorhanden; sie dienen zur Stärkung und drängen zu neuen Entwicklungen und neuen Schöpfungen. Wie unser Freund Jacob (Dortmund) kürzlich in einem Vortrage gesagt hat: „Wenn wir von Wahrheit, Recht und Frieden sprechen. so ist die erste Forderung: Die Wahrheit, und erst wenn der Anspruch auf Wahrheit befriedigt ist, kommen die anderen Forderungen in Betracht." Nur eines muß beobachtet werden, das ist die Würde, das heißt die Forderung, daß der Kampf um Meinungsn die Wahrheit nicht vermißen läßt. Für den Fortbestand des Judentums sind diese Forderungen nach Wahrheit und Würde wesentlich. Die Meinungsverschiedenheiten werden bleiben, aber die Zerrissen he it in ihrer heutigen Form wird verschwinden. Wir waren stets bemüht, dem Gegner Rechnung zu tragen. Wir haben seinen guten Glauben und seine vornehme Gesinnung niemals ongezweifelt und müssen darum bedauern, immer und immer wieder Grundsätze verleugnet zu sehen, die auch der. Gegner anerkennen müßte. IL Die Vertreter des Keren Hajessod versichern im Kreise der jüdischen Deutschen, der Palüstina-Dufbaufonds habe mit dem Zionismus nicht das geringste zu tun; es handele sich vielmehr um den Neuaufbau des Heiligen Landes. Wer den Keren Hajessod unterstütze, leiste dem Zionismus nicht den geringsten Vorschub. Wie man auch über diese Auffassung denken mag, man wird zugeben müssen, daß mit solchen Beweggründen in den letzten Jahren gearbeitet wurde. In einem Wahlaufruf der Jüdischen Volkspartei in Kasiel, welchen wir in den „Mitteilungen der zionistischen Ortsgruppe Kassel" vom 23. Januar dieses Jahres finden, heißt es dagegen: „Mit uns zusammen im Keren Hajessod arbeiten Oskar Wassermann, der Direktor der Deutschen Bank, Gehcimrat Timmendorfer. Ehrenpräsident der Großloge U. O. B. B.. Rabbiner Dr. V a e ck. Präsident. Dr. Benno W a l t e r . ihr Vizepräsident, Frau Dr. Eschelbacher, Lehrer Steinhard (Magdeburg) und Tausende aufgeklärter bester deutscher Juden." Was ist nun richtig? Man wird sich über diese Ausführungen km Wahlaufruf seine Gedanken machen müssen. Derselbe Wahlaufruf ist auch aus anderen Gründen interessant. Er sagt zum Beispiel: „Wer baut eine Universität, auf daß von Zion wieder die Lehre ausgehe und das Wort des Herrn von Jerusalem? Wer tut das alles? Der Centralvcrein oder wir?" # .Ob den Vätern des Gedankens einer hebräischen Universität, dem übrigens der C. D. niemals feindlich gcgenübergestanden hat, dies wohl behagen wird? Ob sie nicht das Gefühl haben werden, daß hier eine arge Blasphemie vorliegt? Wieder diese Vermischung zwischen Ewigem und Zeitlichem, wieder das, ums wir im G. D. so sehr bekämpfen und bekämpfen müssen: den Mißbrauch des Gedanklichen, des Ideals für den Zweck des Tages. Wir werden zu einer wirklichen Reinheit der Auseinandersetzungen erst dann konunen können, wenn man die Gegensätzlichkeit der 'Auffassungen klar und deutlich auseinanderhält. Wie man zu Klarheit kommen kann auf der einen Seite, und wie man aus der anderen Seite lediglich der Verhetzung dient, finden wir in einer Nummer der Zeitschrift „Das Jüdische Echo", München, vom 16. Januar. In dem Leitartikel, rciltcft