Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 64 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Gleiches Recht für alle. Die volkspar tciliche „Zeit" vom 3. Jamrar befaßt sich in dem Aufsatz „Im Hexenkessel, Bezirk Kreuzberg' angelegentlich mit der Besetzung von Schulaufsichtsstellen in diesem Verwaltungsbezirk. Insofern der Vorwurf der Wertung parteipolitischer Gesichtspunkte bei der Beförderung von Lehrkräften in den: genannten Ausführungen erhoben wird, sind ja diese Blätter nicht der Ort, um für oder wider Stellung zn nehmen. Was aber — ohne jede Parteipolemik — aus dem Artikel heraus gehoben und ins rechte Licht gerückt werden muß, das ist der^atz „Oie Karl-Michaelis-Realichule soll nach dem Vorschläge des Tezernenlen e i n e n jüdi s ch c n Direktor bekommen, obwohl dieser Kandidat keine Beziehnug zur Eltern- und Lehrerschaft hat, obwohl unter der Schülerzalft nur 1 v. H. I n d e n sind und bereits Bewerber, unter diesen ein <chudienrat Tr. Jaule, der schon mehrere Jahre den Direktor vertritt . . . Nuss schärfste muß gegen die diesen Aussühruugeu zugrunde liegende a n t i s e tu i t i f che Tendenz Einspruch erhoben werden. Diese jeder Logik entbehrende „Judensrcftcrei" sollte die führende Zeitung einer Partei, die ohne Unterlaß den Gedanken der Bolksur.d Notaomei-nschaft predigt, der Radaupeftso dos mw-erhüllteu Judenhasses überlassen.?)!it Zcecht weist der „Vonoärts" in einer kritischen Würdigung des fraglichen Aussatzes daraus hin, daß Art. 136 der Rcichsverjassung ausdrücklich die Zulassung zu öffentlichen A e m t c r n a l s unabhängig von dem religiösen Bekenntnis erklärt. Und wenn es in dieser Kritik weiter heißt, daß „in Alt-Berlin säst 10 Prozent der Studienräte jüdisch sind, aber für keine der 50 höheren Schulen bisher ein Jude gewählt worden sei, wenn er sich nicht vorher taufen ließ-ch wenn weiter ausgesührt wird, daß der Bewerber, Etudieurat Dr. Jaule, nicht den Direktor au der Karl-Michaelis- Realschule, sondern den am Schiller-Lyzeum vertreten hat, und „daß der von der „Zeit" bekämpfte ctudicnrat von dem Bezirksschulausschuß, der eine bürgerliche Mehrheit hat, wegen seiner pädagogischen und wissenschaftlichen Tüchtigtt't vorgeÄ^igeu ist (dem Verfasser dieser Zeilen ist bekannt, daß dieser jüdische Pädagoge vom „Zontralinstitut für Erziehung und Unterricht" in hervorragendem Maße zn erziehu.ngswisseuschaftlichen Arbeiten hcrangezogen wird), dann beweist das alles, daß es den Gegnern dieser Kandidatur darum zu tun ist, dem jüdischen Vollsgenopen sein verfassungsmäßiges Recht vorzuenihalten. Diese Handlungsweise bedeutet nicht mehr mtb nicht minder, als den jüdischen Staatsbürger zu einem Steuerzahler mit verkürzten Rechten zu degradieren, da ihm — entgegen der Vcrfasiuugsbestnnmung — bei gleicher Ausbildu n"g, gleichen Fähigkeiten und gleicher Bewährung lediglich seiner religiösen Ileberzeugung wegen ein Amt vorenthalten wird, dcpen Ausübung mit dem Umstande, daß „unter der Schülerzahl nur 1 v. H. Juden sind" — abgesehen von einer etwa vorhandenen antisemitischen Einstellung der Beteiligten, die ans erziehlichen Gründen anss schärfste zu bekämpfen wäre, absolut nichts zu tun hat. Es wurde seinerzeit in diesen Blättern Einspruch gegen die ministerielle Aufsagung erhoben, daß jüdische Konrektoren an Volksschulen nicht zn ernennen sind; denn die Grundalias Volksschule ist nach dem Artikel 146 der Reichsverfapung als Bekenntnisschule nicht anzusprechen, wie ja auch in der Praxis diese Schulen in der Regel von Kindern aller Religionsbekenntnisse besucht werden. Um so weniger kann darüber Unklarheit bestehen, daß auch der konfessionell engherzigste Standpunkt die höhere Schule nicht als Bekenntnisschule cmzuschcn hat; um so mehr, als an diesen ErziehungssLütten der Religionsunterricht von besonderen Fachlehrern, häufig Geistlichen, erteilt wird und — Absatz 2 des Artikels 146 der Reichsversassung ausdrücklich nur Volks schulen eines bestimmten Bekenntnisses oder einer Weltanschauung als Ausnahmen von der für alle g e rn c i n f a in c n Grundschule zulaßt. Was aber den Schreiber dieser Zeilen veranlaßt, als nichtjüdischer Lehrer zur Sache Stellung zu nehmen, das ist nicht der Einzelsalt, sondern das Symptomatische daran. ist nur zu wahr und tief zu beklagen, daß weite Kreise, die „offiziell" vom Antisemitismus abrücken, immer wieder den einzelnen tüchtigen, aufstrebenden und leistungsfähigen Mitbürger in verletzender Meise wegen seines Bekenntnisses zum Judentum zurücksetzen, — und anderseits für einzelne Schädlinge, die wir ja leider in allen Schichten des Volkes als Jnflationserscheinungen vorsinden, wenn sie der Zugehörigkeit zum Judentum „hinreichend verdächtig" erscheinen, verantwortlich machen, eine ehrlich und fleißig schafsendi Gesamtheit von Mitbürgern, die nie ein Hehl daraus machte, daß st mit aller Schärfe von solchen Existenzen abrückt. Hier Aufklärung zn schaffen und Immer wieder auf den beschämenden Tiefstand der Kultur hinzuweisen, die eine derartige Denk- und Handlungsweise verrät, tut bitter not. Und wenn nock gar, wie in dem vorstehend geschilderten Fall, der in das Gebiet der Jugenderziehung hineinreicht, die Gefahr besteht, daß die Neflerc solch unduldsamen Handelns in die Seele der Jugendlichen ein fallen, -- dann heißt cs um so mehr für jeden, der Helsen will unier Volk aus den Niederungen blöden „Rassenhasses" zur Höhr wahrer Kultur zu führen, Rufer zu sein im Kampf um gleicher Recht jux alle! - HanAWotzwod- Gsües Volk. _ „Ich werde euch mir zum Dolle nehmen und' euer Gott sein, und ihr iverdet erkennen, daß ich, der Ewige, euer Gott bin, der euch von den Lastarbeiten der Aegyptcr befreit hat." Hier erklingt zum ersten Male der 3htf, der sich in immer erneuten .Kundgebungen des Göttlichen wiederholt, der Ruf an Israel, eirH Gottesvolk zu werden. Damit ist die Besonderheit und Einzig-' arrigkeit der Stellung Israels unter den Völkern gekennzc ich net. .; Jedes andere Volk ist sich selbst Zweck. Solange es Lebenskraft besitzt, breitet es sich ans, fdjajft sich ein Herrschaftsgebiet,' entfaltet auf diesem seine Eigenart in seinen Beziehungen zum Reiche der Natur und des Geistes. Es steht auch in einem Ver-W hä Unis zum Göttlichen, soweit es zu seinem Glück und seiner Zu-, sricdenheit nötig ist. Aber der Dienst des Göttlichen ist nur eine, unter anderen Ausgaben. Er wird nur gepflegt, soweit er mit der nationalen Wohlfahrt im Einklang steht. Scheint eine neue' Form der Verehrung der Gottheit ö^m nationalen Wachstum zu* fraglicher, so wird sie gewählt und die alte Form verworfen. •! Auch Israel ist ein Volk im eigenen Lande gewesen, hat nationale Eigenart aus allen Lebensgeöieten entfaltet. Aber alle seine, nationalen Aufgaben mußten sich dem Göttlichen unterwerfen. Esj erhielt ein Land und ein Wirtschaftsleben, um durch seine Arbeit^ am Lande und an der Wirtschaft die ewigen Wahrheiten des. Göttlichen zn verwirk licken. Es bestand ein Supremat des Gott-! liehen. Land und völkische Eigenart waren nur Mittel zu höherem 1 Zweck. Versagte das Land und die nationale Wirtschaft als Erzichnngsmittel, so mußten neue Wege der Erziehung gesucht wer-: den. Das Land war zum Selbstzweck geworden und dadurch ein ’ Hinderungsmomcnt für den Emporstieg zum Gottesvolke. So^ mußte Israel sein Land verlassen, mit in anderer Weise seinem- Ziele zuzustreben. Der Leidensweg des Exils be-. zeichnet eitlen Fortschritt auf dem Wege zur' erhabenen Höhe. Allerdings war es der von seinen Pro-' Mten genährte seste Glaube des Volkes, daß der letzte Schritt des' Gottesvolkidcals nur im Lande der Väter geschehen könne. Ein' Mann aus Jsais Stamm werde dann in den Herzen aller Wesen: ans Israels Stamm das übenoättigend-e Gefühl erwecken, daß bie, Zeit der Erfüllung nahe fei. , j Immer wieder ergeht an Israel die Mahnung: Wollet nicht sein^ wie die anderen Böller, deren Lebensziel die nationale Selbst-' erhalttrng ist. Darin liegt keine Ileberheblichkeit. Israel erlennttt die Berechtigung der Eigenart der anderen an und arbeitet an! ihrer Vervollkommnung mit, wo immer es sich zu ihnen bekennt. \ Aber für sich selbst, soweit es sich in einer höheren Einheit als! Israel znsamensaßt, fordert es eine andere Zielsetzung. Es ists der Meinung, daß Religion nicht nur Privatsache ist, daß dass Göttliche nicht nur an dem einzelnen sich wendet, sondern auch den^ größeren Gemeinschaften gegenüber seine gebieterischen Forde- ] rungen erhebt. Tie' großen Forderungen des Friedens, der Menschenliebe und der Gerechtigkeit könucn nur erfüllt werden/ wenn sich auch die durch nationale oder sonstige Eigenart ver< bundenen Menschengruppcn dem Göttlichen bedingungslos unter-' stellen. Das ist die jüdische Eigenart, in diesem Sinne gibt es ein jüdisches Zusammengehörigkeitsgesühl. Das ist der Sinn der Erwählung Israels zum Gottesvolt. Hoffmann. Ein Tag öer §rauLN. M a s s e u x> e r \ a nt m I u n q im Berliner Logenhaus. Am 15. Januar riefen die Groß-Verliner Frauengruppen des Central-Dereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zum erstenmal ihre Mitglieder und Freundinnen zn einer Versammlung - in das Logenhaus Kleiststraße. Künstlerische Veranstaltungen und- Politische Ansprachen zu dem Thema: „Frauenrecht — Frauenpslicht" . standen auf der Einladung. Wie vor den Wahlen zum Reichstag, ' so war auch diesmal, wo cs sich um die Wahlen ztun pro-ußischen ■ Landesverband handelt, der Zustrom trotz Regens und Sturms ungeheuer. Schon zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung! kamen die ersten Gäste, und eine halbe Stunde vor der angesetzten; Zeit waren nicht nur der Saal und die Halle überfüllt, Menschen-! maßen fluteten die Kleiststraße zurück, aber die Neuankommenden \ ließen sich durch den Ruf „die C. V.-Versammlung ist überfüllt".! nicht abschrecken. Ein Nebensaal war schnell ebenso über- \ füllt wie die Hauptversammlung, und obgleich die < meisten der Hörer stehen mußten, hörten sie doch aufmerksam die ■ Rednerinnen und die Künstler an. Erstklassige künstlerische Dar-! bietungen von Thea Bieber, Vera L ö w e, Dr. Fritz S a l o - 1 m o n s! i, Max Modern, Erna Feld wechselten mit Politischen i Ansprachen von Dr. Margarete E d e l h e i m, Frau Gertrud! Go! dberg. Life Stern und Frau Minna Schwarz ab. Drei j lebende Bilder, Sabbat-Abend, Pessach-Abend, Channukka-Abend, gaben der gelungenen Veranstaltung, an der etwa 1500 Menschen \ begeistert teilgenommen hatten, würdigen Abschluß. — Wir verj öffentlichen^ diesen Bericht lediglich als ein Beispiel, wie der C. V.» * Gedanke bei den Landesverbandswahlen auch in unseren Frauen ge- , zündet hat. Wir erwarten, daß am 1. Februar diese herzliche Teilnähme der Frauen die Familie, Angehörige und Bekannte zux ALcchlurne bringt. “ J