Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 63 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63- Lehre unö Lebr rr. Von Rabbiner Dr. S. Lraatz (Hindeuvu^ O.-S.) I. Mari-iu Luther war dc-r Meinung, das; das Buch Esther eigentlich aus dem Uanon der Heiligen Schrift miszuschließen sei, weil es ZU sehr ,-judenze". Er Ersteht darunter, daß cs blutdürstige, rachgierige mörderische Begier" bekunde, und Zwar nicht etwa den Blutdurst, die Racharer, die Morosucht Ham ans. sondern der Juden, Luther bekennt sich als Ehrist zu der Lehre, man dürfe >,:ucht zum Schwerte greifen, «nicht sich rvehren, nicht sich rachen, Indern dahingeoen Loib und Blut, daß cs raube. wer da raubet". And da die Juden nach dem Buche Esther „für ihr Leben einftarwen" ,rnd ihre Feinde erschlugen, welche „ausrottcn. vertilgen luib vernichten wollten alle Juden von jung bis alt, Kinder und Framn an oincm Tage und chre Habe plündern", fallt er das Urteil, daß das Buch Esther „judenze".' Dies die Lehr Meinung Lachers. And nun der Gegenklang des Lebens: „Darum full hier zuschmeißen, würgen und stechen hrirnlich und öffentlich, wer da tairn und wie er kann. . . . Ter l-nlsstarrrgen, verstockten, verblendeten Bauern, die sich nichts sagen lasset!, erbarme sich nur Nieknand, sondern haue, steche, würge, schlage darein, als unter die tollen Hunde, wer da kann und wie er kann." So schreibt ebenderselbe Luther in seinen Flugschriften gegen die aufrührerischen Bauern. Furchtbare Worte einer unglaublichen Lieblosigkeit schleudert er auch gegen die Juden und sät gegen sie eine unheilvolle Saat de§ Hasses. Ebanso läßt er sich in seiner Leidenschaftlichkeit zum Anraten schonungsloser Maßnahmen gegen Katholiken rmd andere sortreißeu. „Bmrnm greisen wir sie nicht an mit allen Wtttsmn und baden unsere Hände in ihrem Blute?" schreibt er gegen die '.'.Ptipisten", die „Lehrer dc-r Verdamumis". Dorn Schwarmgeist Thomas Münzer erschien ein derartiges widerspruchsvolles Verhalten als Heuchelei, ur:d in seiner „Schußrede und Antwort wider das geistlose sanft lebende Fleisch zu Wittenberg" erhebt er die Anklage, Luther „hetje und treibe wie ein Hottenhund", während er eine „beschi . . Temut" vor sich hertrage. Demgegenüber kann gesagt werden, daß in Luther keine Spur von Heuchelei war. Es rvar ihm ernst mit seiner Demut und ernst mit feinem Haß. Es war ihm ernst mit seiner Theologie, daß das Buch Esther nicht in den Kanon der Heiligen Schrift hineinpasse, weil cs „judenze". And es war ihm ernst mit seiner Politik, auch wenn deren uncrbittlid,er auf den „Gehorsam göttliclzsn Worts und Bes-ehls" gebüßte Schonungslosigkeit das'„Judenzen" des Eftlzcr-Luchs weit hinter sich zurückLieß. Er war sich des Widerspruchs zwilchen Lehre und Leben so klar wie irgend jerncvnd bewußt. Es sei ausdrücklich herwrgehoben, daß ich diese gesilsichttiche Kenünis-M^ lediglich zu dem Zwecke liervvrhvle.. um ein besonders Anschauliches und technisches Beispiel für das Thwma „Lehre mrd Loben" Zn bieten, und daß mir nichts ferner liegt als damit eine Polemik gegen die Große Luthers zu verbinden. Alles „Menschliche, ^lllzumcnstchliche", das dom Wesen Luthers anhastet. verblaßt und tritt zurück vor dem Großen und Hohen, das ihn zu einer einzigartigen historischen Perwulichlott nnrcht. Daß er die Notwehr' der Inden im Esche r-Brrch als „Juden-;en" bezeichnet, ist rein p;ycholvgi''ch gu vvemten und hängt mit seiner durch Einflüsterungen jüdischer Apostaten leidenschaftlich erregten Voreingenonunenhett gcc^n die Juden zusammen', die* ihn: eine schwere Enttäuschung bereitet hatten, ba sie seine Hoffnung, sie für feinen reformierten Glauben zu gewinnen, enttäuschten, eine Boreingcnornrneulreit, die sein Empfinden blind dagegen machte, daß die Bibel, die er zum einzigen Material- Prinzip des Glaubens crljobon chittc. cino ..jüdische" ist. daß Prevln'tou und Pstttmisttv, daß der Stifter seines Glaubens, daß denen Jünger und Apostel Juden waren, wie ja Luther selbst zu Beginn der NesornraLionsbewegunc) einer von herzlichem Mngesühl für die nnsä.siiuz'i; Leidc-n der Juden getragene Verteidigungsschrift vorost'nttllch! halte: , Das; Jesus ein geborener Jude gewesen". U. Im £tilimib und Midrasch fiiiben sich mannigfache Hinweise.chus denen hervorgehi. in welcher Art das Problem „Lehre und Leben" die Rabbiner beschäftigte. So heißt es z. B. im Talmudtrattat Jomn 22 1>: „Als Gott dem Saul gebot: Gehe hin und schlage Amalek. da sagte Saul: Wenn schon wegen eines Erschlagenen die Thora die Sühnehandlung der Egia aruia vor sch reibt, um wieviel mehr müßte das für alle diese Menschenleben gelten. Acberdies, wenn Menschen sündigen, waS haben die Tiere verschuldet? Und wenn die Erwachsenen sündigen, was haben die Kleinen verschuldet? Da erging eine Himmelsstiuune und rief ihrn zu: „Sei uichl allzu gerecht?" (Preds 7, 1b.) ' Aber, als Saul dem Do eg befahl: „Tritt i)tn und stoße die Priester nieder!", da erging eine Himmckssttmme und ries tt;ut ztt: „Sei nicht allzu böse?" Hier wird also vom Talmud in haggadi scher Form berichtet, daß Saul sich deshalb gcivcigert habe, dem Gebote Folge zu leisten, den Bann an den Amattllttern zu vollstrecken, weil dies anderen göttlichen Geboten nüdersprecho imb ungerecht sei. Aber dem Wahne, gerechter sein zu wollen als Gott (vgl. die Parallel- .stelle in Kohelet rabba zu 7, 16),.fei die Freveltat entgegengehalten worden, die Saul, ohne sich mu das göttliche Stecht zu kümmern, an der Priesterstadt 9«'ob verübt habe, als er in seinem Nachegesühl gegen David alles, _ was in Der Stadt lebte, nieder metzeln ließ. Diese ljaggadische Erzählung des Talmuds kann nur Dumr recht gewürdigt werden, wenn wir darin eine Eiuttcidm-.g von Gedanken erkennen. die sich aus Zeitgenössische Strömungen beziehen. Sie stellt eine Au?- einarldersebung'nlit gegnerischen Anschauungen dar, welche Kritik an den strengen Straf-"und Banngefetzen der biblischen Vergangenheit übten, die nicht in innerem Einklang erschienen mit den Begriffen von Gerechtigkeit und Liebe, die nach der Bibel selbst zürn Wesen Gottes gehören. Diese ansprechenden Urteile cutstaunnten nun nach der Aoöerzeugnng der Nabbiner nicht einem positiven Streben nach einer höheren Gerechtigkeit und Liebe, gingen vielmehr von Kreisen aus, deren Art nicht Den Beweis erbrachte, daß ihr eigenes Lebert von den Grundsätzen der Gerechtigreit und Liebe beherrscht war. Hierauf zielt die Erzählung des Talmuds von dem Verhalten Sauls ab. Ihre Tendenz ist. darauf hinzmveii'en, daß jene Strafrind Barmgcsetze der biblischen Zeit, da sie von Gott stammen, dem menschlichen Urteil entzogen feien und allein in Gott ihre Begründung haben, daß aber die göttlichen Forderungen der Gerechtigkeit und Liebe in der Lebensführung der Menschen zur Geltung zu bringen seien. Die Wertschätzung der Gerechtigkeit und Liebe zeige sich nicht in der Aeberhevlichwit gegen die göttliche Lehre, sondern vor allem darin, daß das eigene Leben die götiliche Lehre der Gerechtigkeit und Liebe zu verwirklichen strebe. l in. Einem ähnlichen Gedanken gibt eine Talmudstelle (B. Batra 10 b) Ausdruck, welche eine un drasch Ische Auslegung des Satzes Sprüche 14, o4 enthält und diesen Satz folgendermaßen deutet: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die „Liebe" der Völker ist Sünde." Wir werden den Gedanken, der dieser Deutung zugrunde liegt, gerade im Lichte der Gegemvart verstehen lernen. Wird doch heute von gewisser Seite in Wort und Schrift eilt außerordentlich großer Elfer entfaltet, den Nachweis zu führen, daß im jüdischen Schrifttum der Bibel iinb des Talmuds nationale E ng herz igle: l und Selbfucht herrsche, daß es der wahren Ethik ermangele, und daß ihm das höchste und wertvollste der echten Religion, der Geist der allumfassenden Liebe, fehle. Welcher Zweck wird damit verfolgt? Engherzigkeit und Selbst sucht zu bekämpfen? Wahre Ethik einzupflcmzen? Dett Geist der allumfassenden Liebe zu verbreiten? Man lese gewisse Schritten, man höre gewisse Neben an, die jenen Nachweis zu führen bestrebt sind, und man wird crlcnnen, daß diese Schreiber und Bebner gar nicht aewiltt sind, den Geist der allumfassenden Liebe zu entfachen und zu verbreiten, sondern erneu ganz anderen Geist. Auf ein solches widerspruchsvolles Tun zielt die Deutung des Satzes ab: ..Gerechiiglett erhöht ein Volk, aber die „Liebe" der Völler ist -Sünde." Braucht es erst gesagt zu werden, daß dieser Satz vor allem' auch rtns Juden selbst einen Spiegel Vorhalten will? Alle theoretischen Widerlegungen jener Angriffe, alle willeuschastlichrn Aach.veirc,'daß Vas Judentutn eine Lehre der Liebe ist, sind mtzulänglich und müssen ihre Ergäuzimg dadurch finden, daß wir um nuferer selbst trillen aus aller Kraft uns bctnühen, diese Lehre in das Leven zu übersehen. -Ob wir auch die Kluft, die zwischen der Lehre mtd dem Leben besteht, nicht auszufüllen vermöge!!, ob auch das Ideal erst in der verheißenen m.-Ksiauischen Zeit zur Wiitlichteit erstehen wird, uns lieat co ob, lmferrn Willen hinzuzulegen und ernst zu machen mir der Löttmg des Problems „Lehre t:ud Leben". Dis Gssenösrung öss ösuisthsn Wesens. 2 i dj t u> a r f öder Lieber in a n n. von Den T-eulschm, die alleilt das Denlfchlum für sich in Anspruch nehmen zu dürfen meinen, den Völkischen und Deutschnationalen, immer lvivder den jüdischen Deutschen die Fähigkeit abgesprochen wird, deutsch zu fühlen und zu empfinden, deutsche K u u st verstehen oder gar schaffen zu kö n ne n, so erfreut es um so mehr, wenn Ivahrbajt deutsche Männer das „deutsche Wesen" im deutschen Juden anerttnucit. Alfred Lichtwark, der S a, öpfer der Ha m bürg er ät uusthalte. ist zu Lebzeiten als Bahnbrecher rtnd Förderer für den deutschen Inden Max L i e b e r m a n n cingetreten. lieber sein wahrhaft frenndschasrliches Verhältnis zu Liebecmann gibt das soeben erschienene Buch: „Alfred Lichtwark. cin Führer der dcu!schon Zukunft", von Anna v. Zcromski (Verlag Engen Diederichs) Ausschluß, und manche Anekdote aus dem Verkehr dieser beiden großen deutschen Künstler beleuchtet ihr Verhältnis. Nur eine ^iejer Anekdoten sei hier erwähnt, da sie zeigt, wie völlig vorurteilsfrei Lichtwark in Licbcrmaun nur den deutschen ü u st l e r sah. ohne darüber zn grübeln, daß der Freund Jude sei. In den Gesprächen, die Lichtwark einmal bei einem Besuch Liel>errummS in Hambltr'g mit ihm führte, so berichtet Frau v. Zeromski. äußerte Liebermann ül>er seine eigene Kunst: „Sehen Sie Manet, cr hat den schönen Vortrag. Seb.r selten trifft cr auch das Seelische. Ich muß bei dem Ausdruck mtsangen und muß auf den Ausdruck hinan«. Der Vortrag steht bei mir an zweiter Stelle. Ich kann tticht elegaut malen. Aber jetzt hoffe ichwo ich den A n 6 druck bezwingen gelernt habe, daß nun auch'de'chchöite Vortrag tommt." „Die? BtteuntniS bei einem Manu von ülvr sechzig hat mich tief ergriffen," fährt Lichtwark fort. ,-Es liegt darin auch die Offenbarung d c S deutschen W r \ c n? in ihm."