Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 61 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gl Die völkische Bewegung in DünZig. Während in Deutschland seit dem Hitler-Putsch bereits zweimal eine neue Volksvertretung gewählt wurde, besteht in der Freren Stadt Danzig heute noch dasselbe Parlament, das im November 1923 gewählt worden ist. Die Danziger Verfassung gewährt kerne Möglichkeit, vor Ablauf der vierjährigen Legislaturperiode an das Volk zu appellieren, und so ergibt sich mit Notwendigkeit in politisch beweaten Zcitläusten wie den unseren die Folge, das; sehr bald das Parlament aus einem Spiegelbild der politischen Kräfteverteilung zu ihrem Zerrbild wird. Ganz besonders muß das von der völkischen Vertretung im Parlament gelten, die in Deutschland von den Maiwahlen bis zur Dezcmbcrwahl von 32 auf 14 Mandate sank. In Danzig haben die Völkischen infolge der Unauflösbarkeit des Volkstages die sieben Sitze, die sie im November 1923 erlangten, auch heute noch inne, wobei allerdings ein Personenwechsel stattgefunven hat. Daß diese uuver-; ändert gebliebene Mandatsziffer im Widerspruch zur tatsächlichen Entwicklung der völkischer; Bewegung in Danzig steht, beweist der Zusammenbruch der völkischen Presse. In der ersten Hälfte des Jahres 1924 erschienen in Danzig zwei völkische Wochenzeitungen, die „Völkische Rundschau" und die „Nordische Zeitung". Letztere wurde von einem Negierungsbaumeister herausgegeben, ging aber schon nach kurzer Zeit wieder ein. Tie! „Völkische Rundschau" wechselte fast monatlich Verlag, Redaktion und Gewand und ist heute zu einem unregelmäßig erscheinenden Blättchen im Quartformat herabgesunken. Eine zwischendurch austauchende völkische Tageszeitung „Kleine Morgenpost" erschien nur wenige Tage. Zerstörend aus die völkische Bewegung im Freistaat Danzig wirkte insbesondere der Gegensatz der, wie im Reich, auch hier bestehenden; völkischen Parteigruppen. Während die Volkstagssraktion sich „deutschsozial" nennt und zur Zeit ihrer Wahl , Richard Kunze als ihren Schutzpatron betrachtete, vertritt die : „Völkische Rundschau" die n a t i o n a l s o z i a l i st i s che R i ch t u n g Ludendorff - Graefe. Anderseits rechnet sich der Abgeordnete Hohnfel dt, das jüngste und temperamentvollste Mitglied der „deutschsozialen Fraktion", nicht zur Richtung Kunze, sondern zur ursprünglichen Richtung Hitlers, der jede Anteilnahme am parla- , mentarischen Leben im Prinzip ablehnte. Wie weit auf diesem : kleinen Raum die Gegensätze gehen, erhellt daraus, daß kürzlich zwischen der „Völkischen Rundschau" einerseits und Hohnfeldt, der zin der deutschnationalen ^Allgemeinen Zeitung" das Wort erhielt, anderseits eme Überairs scharfe, persönlich zugespitzte Polemik über chie Stellung der Völkischen zur Arbeiterschaft stattsand. Anlaß hier- , zu hatte ein kleiner Zwijchensall im Volkstag gegeben, bei dem Hohn-- .feldt einen Kommunisten beleidigt und dafür eine Ohrfeige bezogen hatte, was von der „Völkischen Rundschau" beinahe gebilligt wurde! Tie Frage, welche Stellung die Völkischen in Danzig zur Arbeiterschaft einnehmen, läßt sich im all- ' gemeinen dahin beantworten, daß die Volkstagsfraktion in weit i höherem Maße mit der Linken zusammengeht, als die völkische Reichsi tagsfraktion. Während Graese doch im wesentlichen nur in der j Frage der Amnestie, gewissen Eeschäftsordnungsdebatten und in der r prinzipiellen Opposition gegen die Regierung M a r r mit den Links-; radikalen Zusammenging, stimmen die Völkischen ich Danzig in der -Regel links, insbesondere in sozialen Fragen, da unter ihren Wählern tpch zahlreiche Rentner und Kriegsbeschädigte blinden, die an diesen 'prägen interessiert sind. Es fehlen in Danzig jene adligen und mili- 'tarijchen Erscheinungen, die der völkischen Reichstagssraktion das Gesicht geben; kleinere und mittlere Beamte sind in Danzig ausschlaggebend. 00 ' parlamentarische Rolle der Teutschsozialen ist zwar bisher : nicht so sehr direkt für die Danziger Inden, aber doch indirekt fm idre allgenieiue Politik insofern von Bedeutung gewesen, als geradr f ei Lc,oCo-rnl^.onen twllesichsis der herrschenden Partcizersplitterunc -oft da^ Zunglern an der Wage darstellen. So brauchte zu Beginr l dieser Legislaturperiode der Senat die Unterstützung der Deicksch sozialen, und erhielt sie erst, nachdem der jüdische Senator Jewelowski CI,rSr-rr säkstlMu sj}|rtnncr |n kcr Ranziger Regierung au2- ^geschifft und das gegen Richard Kunze als „lästigen Ausländer" ver -hangle Einreiseverbot aufgehoben worden war. Im Frühjahr 192' .gingen dw Völkischen in die Opposition, weil einer ihrer Fraktions- -kollegen, der Schupowachtmeister Maier, sich von einer Regierungs Partei hatte entführen lassen und dadurch die Völkischen der Fraktions- ^tarke beraubte. Erst als von der um Maier vermehrten Regierungs ipartei ern anderer Abgeordneter zu den Teutschsozialen 'hinüber wech^eKe und diesen die Fraktionsstärke von sieben Mann wiedergab ^langwierige Regierungskrise, die der Fall Maier und de, '.legen Ilebergang zur Opposition hervorgernsen hatten, bei Man sieht aus all dem, daß die Tätigkeit der vö! ” %r.aJtl<£n auch in Danzig nicht gerade seh XJhr e§ Wäre.falsch, daraus zu schließen, daß d; S;C r n *- Jc ni 111 § m u s in Danzig geringer gewordc Lw^r^t der geistige Führer der Völkischen in Danzig, der Hoä schulprofessor Ernjt P e t e r s e n, kürzlich gestorben, aber die von ihi m der Technischen Hochschule ausgestreute Saat \)t aufgegange! ^atuoct: I)inai!§ Milß man feststelleu, daß genau wie in Deutschlar des Antisemitismus sich von den Völkischen zu dc ^eutschnatwnalen verschoben hat, und da diese in Danzig in 9! grerung und Verwaltung dominieren, so ist ohne weiteres ersichtlic daß auch ein völliger Zusammenbruch der völkischen Bewegung im engeren Sinne die Situation der Tanzrger Juden kaumerleichtern würde. Darüber wird ein andermal zu sprechen sein. h. L. Kein Stoff für Witze! Beleidigung der jüdischen Frontkämpfer. Im „Stahlhelm', der Wrchmschrift des Bundes der Frontsoldatcn, findet sich (Nr. 3 vom 18. Januar d. I.) ein Witz ..D e r S ch w e r v e r w u n d e t e". Es heißt da: ' „In der Etappe wurde anfangs des Krieges ein jüdisches Feldlazarett gegründet. Jüdische Aerzte. jüdische Schwestern, jübi* sch es Personal, Operationszimmer, alles war da, nur k e i n e j ü d i - scheu Verwundeten. Man hat drei Wochen gewartet, sechs Wochen, endlich nach acht Wochen kommt einer — gestützt von zwei Sanitätern — angehumpett und schreit herzzerreißend." Es folgt dann ein Witz, der am Anfang wie Schluß nur geeignet ist, die Gefühle der jüdischen Frontkämpfer, insbesondere aber die der Hinterbliebenen der 12 000 jüdischen Gefallenen anss schwerste zu verletzen. Eine Zeichnung zu dem Witz unterstreicht diesen Mutwillen noch im besonderen. Ueber Geschmack läßt sich streiten! Man konnte sich denken, daß Kunzes „Reue Zeitung" oder Hitlers „Völkischer Kurier" eine derartige Geschichte ihren fanatisch antisemitischen Lesern vorsehen. Wir haben aber bisher geglaubt, die Stahlhelmzeitung würde sich dafür für zu gut halten; denn laut ihren Aufsätzen, in denen Frontgeist und vaterländische Gesinnung gefeiert und als besonderes Merkmal des Stahlhelms dargestellt werden, hat man an dw Möglichkeit einer derartigen schweren Beschimpfung der jüdischen Kämpfer nicht gedacht. - - . . . Sollte „Der Stahlhelm" wirklich nicht wissen, wieviel Tausende sinde von Juden die kühle Erde deckt, wie viele schwerverwundet und zu Krüppeln geschoben worden sind, so wird er vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ausführliche und einwandfreie Antwort darauf erhallen. Wir hoffen, daß die Stahlhelm- Schristleitung. die sich bemüht, in ihrer Wochenschrift neutral zu sein, solche böse Entgleisung bedauert. .. . was wrrö Hitler Lun! Als Ende März 1924 das Münchener Volksgerickst Adolf Hitler auf die Festung schickte, mit der Zusage der Entlastung auf Bewährungsfrist nach sechs Monaten, da haben sich seine Verehrer wohl seine Rückkehr bedeutend anders vorgestellt, als sie sich kurz^vor Weihnachten wirklich abspielte. Schon die Verzögerung der Freilaflung bis über die Reichstagswahl bedeutete eme Enttäuschung, mehr noch der Gleichmut, mit dem das Volk sie aufnahm, trotzdem die völkischen Blätter tagtäglich den Ruf nach Freigabe der Gefangenen ertönen ließen. Und dann: kein festlicher Einzug, keine Massenversammlung zur Begrüßung des einst vergötterten Führers! Erklärlich, da Hitler nun zwei bitter entzweite Gruppen vorfindet. die beide ihn für sich in Anspruch.nehmen. Er selbst aber zieht es klugerweise vor, sich vorerst an keine von beiden zu binden. „Hitlers erster Gan^ zu Ludendorfs", posaunte der Völkische Block aus; mußte stch aber bald von dem Organ derGroßd e u t s ch e n V.o l k s g e m e r n s ch a s t belehren lassen, daß. Hitlers erste Unterredung dem Verleger seines neuen Buches, dem von. der großdeutschen Gruppe in den Stadtrat gewählten^ Herrn Ammann, gewährt wurde, und daß er erst am folgenden Tage dem „Reichsführer" Ludendorff einen rein persönlich-freundschaftlichen, d. h. also unpolitischen Charakter tragenden Besuch abstattote. Hitlers Zurückhaltung erklärt sich vielleicht zum Teil durch die Hemmung, die ihm die noch auf Jahre laufende Bewährungsf r i st auserlegt. Wollte er im früheren Stil weiteragitieren, so würde er einen Widerruf geradezu heran ssordern; träte er aber gemäßigt aus. so bliebe ihm wohl der Vorwurf des Verrats von den Radikalen in den eigenen Reihen nicht erspart. Darum erklärte er einer aus Ingolstadt herbeigeeilten Abordnung nationalsozialistischer Arbeiter, er wolle sich i-chden Streit im völkischen Lager nicht »inmischen. Wenn er sich dabei aber als unveränderter Gegner der Parlaments-Wirtschaft, der „Stellenjäger, Fahrschein- und Diätenschinder" bekannte, so läßt er doch durchbiicken. daß er mit dem Herzen mehr beim proletarischen Flügel ist. Allein die Fraktion und ihr Anhang hat eine Presie. hat Beziehungen und immer noch einen Rest von Macht, ist umworben von einem Teil der Regierungsparteien. die mit den Völkischen die Verantwortung für das Konkordat teilen möchten; das großdeutsche Grüppchen mit seinen als Psychopathen abgestempelten „Führern" wird nirgends w hoch eingeschätzt, daß ihm. lelbst wenn Hitler den Trommler macht, die ehemaligen Geldquellen wieder erschlossen werden könnten. Aber diese Großdeutschen wirken, wie alle Radikalen, ans die Masse. Volkssührer oder Parteimann. Diktatur oder Einordnung? Zwischen diesen Gegensätzen wird Hitler zu wählen haben: cs begreift sich leicht, daß er die Entscheidung zu verschieben wünscht. Wenn die völkische Fraktion, die germanischen Gefühle mißachtend, ihren Frieden mit Rom macht und dem Konkordat zur Annahme verhilft. wenn Lndendorff, wie ihm jetzt sehr stark nahegelegt wird, die Aussöhnung mit Kronprinz Rupprecht sucht, daun sieht sich vielleicht für, Hitler manches anders an als heute. Dann wird er die Entscheidung zwischen den verschiedenen völkischen Richtungen treffen müssen. Dis dahin wird er. nicht nur im Sinn des Nichter'pruchcZ, von der,Bewährungsfrist Gebrauch machen. W. L.