Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 58 (sequence 3)
- Language
- German
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58 Vaterlands und zur deutschen Kultur hineinzuloben. Sie sind geneigt zu wähnen, der deutsche Jude stehe dom Deutschtum ebenso fremd gegenüber, wie etwa der russische dem Russentum und der polnische dem Polentum; sie wisien nicht, daß die Juden in Deutschland Jahrzehnte vor ihrer verfassungsmäßigen Emanzipation an dem politischen Leben und Streben der deutschen Nation tatkräftigen Anteil nahmen, und säst Ei hundert Jahren vorher das geistige, literarische und Kulrleben Deutschlands innig miterlebten, zu einer Zeit also, da es in Rußland und in Polen überhaupt noch keine Eigenkultur gab, an der die dortigen Juden hätten teilnehmen können: ja. die deutschen Juden teilten von ihrer Kultur ihren osteuropäischen Brüdern mit. Don der ganzen Fülle des staatlichen und kulturellen Lebens in Deutschland ist es n u r d er Antisemitismus, den diese Ostjuden am eigenen Lerbe u spüren bekommen. Darum ist es den Zionistensührern eicht, sich als ihre einzig berufenen Beschützer hinzustellen, und ihnen einzureden, daß das Hei! der Judenheit tm Golus darin bestehe, hier ein provisorisches .National Home |u schassen, in welchen! die Juden,, von allen politischen und geistigen Strebungen ihrer Umgebung losgelöst und ihnen völlig fremd und gleichgültig gegenüberstehend, ihr Eigenleben dahinleben sollen. Dieses hohe Ziel, die Nationalöutonomtc, laste sich nur auf der^Grundlage der „Volksgemeinde" erreichen, darum rnüpen alle Ostjuden den Zionisten unbedingte Gefolgschaft leisten, denn sie allein führen die Jnd_n in das gelobte Land der Nationalautonomie. alle anderen Parteien dagegen sind Feinde des jüdischen Volkes oder Feiglinge, die den Untergang des Judentums herbeisühren. Die Ostjuden brauchen nur auf die Lander im Osten zu blicken, die zu verlasten sie gezwungen waren, um die Verderblichkeit der nationalistischen Politik der Zionisten und des Streöens nach einer „nationalen" Autonomie einzusehen. Der Vertrag von Dersailles und seine Ableger haben bekanntlich mit dem „veralteten" Grundsatz der Gleichberechtigung aller Bürger gebrechen, die Juden für eine besondere Nationalität erklärt und sie unter den Schutz des sogenannten Minderheitsrechtes gestellt, welches einer ganzen Reihe von neuentstandenen Staaten auferlegt wurde und über dessen Einhaltung der Völkerbund zu wachen hat. L i - tauen war wohl der erste Staat, der die nationale Autonomie restlos durchführte: man hatte dort einen jüdischen Nationalrat. einen (oder gar zwei) Minister für jüdische Angelegenheiten mit dem gesamten Zubehör, eigenes Unterrichts- Wesen mit hebräischer und jiddischer Unterrichtssprache, kurzum: die komplette Einrichtung eines förmlichen Staates im Staate. Die Zionisten wiesen auf diesen Erfolg ihrer Politik hin. Dieses gelobte Land wurde allen Staaten Europas als Muster hingeftellt. (Tie Zahl der Juden in Litauen ist viel Deiner als zum Verspiel in Berlin.) A u f e i n ma lftürzte die ganz ^Herrlichkeit über Nacht zusammen. Es gibt kein jüdisches Ministerium mehr, dafür gibt es einen staatlich und gesetzgeberisch anerkannten und unbarmherzig durchgeführten Boykott- und Aus rot Lungsantisemitismus, wie er im alten Rußland nicht existiert hat. Die Juden wandern in Masten nach Amerika aus — nach Palästina können sie ja nicht — rmd sehnen sich nach den „gesegneten" Zeiten Nikolaus II. zurück. Man hat nichts davon gehört, daß der Völkerbund eine Armee nach Litauen entsandt hätte, um den Juden zu ihrem Recht zu. verhelfen. Es ist für jeden Denkenden klar: eme Gruppe von Bürgern, die sich auf religiöser oder nationaler Basis als Fremdlinge organisieren, kulturell und politisch mit den Eingeborenen nichts gemein haben wollen und nur rein äußerlich wirtschaftlich und staatsrechtlich eine Symbiose mit ihnen anstreben — eine selche Gruppe kann keine moderne Nation, kein moderner Staat, ob groß oder Dein, in seiner Mitte dulden, ohne sie als feindlich -\u empfinden und auf Leben und Tod zu bekämpfen. Wer die „nationale Autonomie" (der dre zionistische Volkstzemeinde als Grundlage dienen soll) für die Juden in den Golus-Landern erstrebt, der will ihnen das Leben und die Existenz in den Eolus--Landern unmöglich machen und beschwört unendliche Leiden über sie herauf. Es ist lehrreich zu beobachten, wie die Z i o n i st e n in England und in Amerika sich diesen Fragen gegenüber verhalten. Auch in England und in den Vereinigten Staaten gibt es seit dem Ausgang des Krieges eine Ostjudensrage, in London gibt es sogar eine bedauerliche Ostjudenhetze. Im verflossenen November brachten die „Times"* eine Reihe von gehäsiigLn Artikeln unter der UeberschrisL: „Das fremde London", in denen behauptet wurde, daß die in East End (der Londoner Grenadierstraße) seit einem halben Jahrhundert siedelnden Ostjuden ein unerwünschtes, weil fremdes Element bilden, da sie der britischen Denk- und Empfindungsweise, den britischen Traditionen sich nicht assimilieren, im Gegensatz zu den britischen Juden, die sich im Sprache, Kultur, Tradition und Denkweise dem geuinen Engländer vollkommen angeglichen haben. Diese Borwürfe gegen die Inden von East End wies Lord Rothschild in einen: offenen Brief an die „Times" zurück, in welchem er hervorhob, daß die Inden von East End, die naturalisiert wurden, besonders in der zweiten Generation, in ihrem Patriotismus, in ihrer englischen Denkweise und englischen Tradition von jeder arideren Cesellschaftsschicht in England sich in nichts unterscheiden; er wies darauf hin, daß die alteingesessenen britischen Juden mittels Schule, Synagoge und Gesellschaft ^unaufhörlich auf die eingewanderten Glaubensgenossen irn Sinne der Anglisierung einwirken; das Ergebnis dieser Arbeit war u. a., daß im Kriege sich aus den Kreisen der emgewanderten Juden mehrere tausend Freiwillige meldeten usw.... Also schrieb Lord Rothschild, derselbe, der der Empfänger der berühmten Balfour-Deklaration gewesen ist. Sein gewiß tadelloser Zionismus hindert ihn also nicht, daran zu arbeiten, daß^die Inden, insbesondere die Ostjuden in England, sich in Sprache, Sitten, Empfindungsweise und Traditionen mit den Engländern verschmelzen, d. h. assimilieren! Und Lord Rothschild schrieb das nicht als Privatmann, sondern im Aufträge des Board of Deputies oi‘ British Jews, der offiziellen Vertretung der Inden im britischen Reich, deren stellvertretender Vorsitzender er ist. Daß unsere deutschen Zionisten ihren Gegnern die Pflege deutscher Gesinnung unter den Juden als ein Vergehen am Judentum anrechnen, daß sie die emgewanderten Ostjuden dazu bringen, den deutschen Bestrebungen ihrer einheimischen Glaubensgenosten sich entgegenzustemmen, ist tief zu beklagen. Diesen nationaljüdischen Bestrebungen einen Da nun. entgegenzusetzen, dazu ist der 1. Februar da, an dem keiner, derbes mit dem religiösen Judentum gut meint, die Listen der Jüdischen Volkspartei wählen wird. Das Primat öse ReWoa. Bedeutsame Ausführungen des „Israelit"< Der.Israelit", das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, schreibt (Nr. 3 vom 15. Januar) unter der Ueberschrijt: „Widersprück/e" das Folgende: „W i r verwerfen dieses Programm (der Jüdischen Volkspartei) nicht nur aus innerpolitischen Gründen, sondern auch vor allem aus religiösen. Aber beide Momente stehen in tiesinnerem Zusammenhang. Nur das Primat der Religion hebt das jüdische Volk über alle irdischen Macht- und Interessengegensätze hinaus und befähigt es, seine wettgeschichtliche Nationalaufgabe in innigster und aufrichtiger Anbürgerung an die Staaten und Völker seines Golusairjenthalts zu lösen. Indem der Zionismus die Religion entthront, führt er das jüdische Volk ungewaffnet, zur politischen Cchcingröße he raus geputzt, m die Arena der internationalen Politik und überliefert damit alle Juden der Welt den ungeheuersten Gefahren für Leib und Leben. Ter. Centralverein und die ihm nahestehenden Logen- und Notabelnkreise des ossiziellen deutschen Eroßstadtjudentums scheinen von diesen Zusammenhängen nichts zu ahnen. Sie sehen ruhig mit zu und helfen in rührender Selbstvergesienheit mit, daß Herr Prosestor Wcizmann als ungekrönter König der Juden.... vorgesührt wird." Der Centralverein hat darauf an die Schristleituug des .Israelit" folgenden Brief gerichtet: „In Nunnner 3 des .Israelit" vom 15. Januar d. I. befindet sich unter „Wochenschau" ein Aussatz, betitelt: ,L2 i d e r s p r ü ch e", in welchem u. a. auch der Kamps des Eentralvereins gegen den jüdischen Nationalismus und den Zionismus berührt ist. Wenn in dem Aufsätze gesagt wird, nur das Primat der Religion hebt das jüdische Volk über alle jüdischen Macht- und Interessengegensätze hinaus und befähigt es, seine weltgeschichtliche nationale Aufgabe in innigster und aufrichtiger Anbürgerung an die Staaten und Völker seines Golus-Auseuthaltcs zu lösen, so möchten wir ausdrücklich betonen, daß diese religiöse Austastung Ihres werten Blattes restlos der Auffassung des Centralvereins entspricht. Infolgedessen ist es auch nicht richtig, wenn es in dem Aufsatze so dargestellt wird, als habe der Centralverein sich an dem Empfange des Herrn Professor Weizmann in Berlin irgendwie beteiligt. Eine solche Beteiligung wäre nicht nur eine innere Unwahrheit gewesen, sondern sie würde auch zu Mißdeutungen aller Art Anlaß geben können. Die zionistische Weltaussastrmg des Herrn Prosestor Weizmann steht mit der deutschen und jüdischen Aussastung des Eentralvereins in unüberbrückbaren Gegensatz. Wir würden es dankbar begrüßen, wenn Sie von diesem Schreiben Ihren Lesern Kenntnis geben wollten."