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Central-Verein-Zeitung · 1925-01-16 · 3 (16.1.1925) · p. Seite 41

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
3 (16.1.1925)
Date
1925-01-16
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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41 (nMih-fJuereiu kraft feiner Einstellung zu vellcrläudistiren Dingen f«r > Vesser berufen, unsere Nechte zu wahreil. Roch bedeut sanier erscheint der Gegeuw.tz zwnch<u uo.tionaljüdisthe:! und nicht naLionat-jndischeu Parteien in der Frage der Erziehung der Jugend. Ueber die Frage einer jüdischen Grundschule kann man heute auch vom liberalen Standpunkt aus verschiedener Ansicht fein; weil hier der theoretische Grundsatz der gemeinsamen Erziehung vom Staat selbst verlassen und die Kvnsesiioualisieruug der Volksschule immer mehr migestrebt wird. D-arnwr al*er kann kein Ztveisel sinn. bav eine jüd iiche Belts schiele, wo sie errichtet wird, im deutschen Geiste erziehen mutz, insbesondere auch in deutscher Sprache. Jede Hobräisicrung der Jugend verbitten wir uns und b-etäinpscu wir, wobei natürlich unter Hebräisicruug nicht die grnndlicl/e Vorbor oitnn-g der Jugend für das Verständnis unserer Quellen im weiicsteu Sium gemeint ist, sondern der Ersatz doc drutsil^n Muttersprache durch die zebrnische. Wenn inan bedenkt, das; der Zionist die jüdische Volksschule nicht will ans aufgezwungener AvLwendiglcit heraus, sondern das: sie ihm nur ein Glied ist in der hebräischen Erziehung des nindes vom Kindergarten bis zur Universität, und wenn man cudlich ermißt, daß die Abkehr von der Sprache eines Landes auch die Abtehr von seiner Knltnr ist, so durfte kein Zweifel darüber obwalten, daß derjenige Jude, der kulturell und national d e u t s ch ist rlnd deutsch bleiben w i l l, einer Partei, die sich selbst ent deutsch!, seine Stimme nicht geben kan n. Mit dein gesetzestreuen Judentum scheint die Reibungsslächo auf staal<tirchenrechttiä)em Gebiet geringfügiger zu sein, wenn erauch nachdenklich stiminen mutz, daß die größten Gegner aller Einigungbestrebungen der deutschen Juden bisher von der äußersten Rechten au-gingen (wohlgemerkt, nicht von den Gesctzestrenen. die heute im Wahlkampf sich beteiligen, sondern von der Trennnngsorthodorie; das bedeutet aber nur eine organisatorische, keine religiöse Vor »chiedenheit); dennoch sind auch hier wesentliche Gegensätzlichkeiten. Schon ist von konservativer Seite in Berlin gelegentlich die Forderung gestellt worden, datz man die Gemeindemitgliedschast abhängig machen müßte von gewissen religiösen Bindungen und etwa Anbänger des Sonntagsgotte-dienstes zur Getneinde nicht zulasten könnte. Matt steht also, wohin der Wind weht. Mit genau demselben Recht könnte die nächste Forderung die sein, das; zur Gemeinde nur zugelassen wird, wer den Sabbat streng hält, wer die Speisegesetze streng hält usw. Wir Liberalen Juden fordern von Genwiude und Verband absolute GleichbcreckjLignng unserer religiösen Ausfasiung und wir werden uns auf das entschiedenste dagegen wehren, daß bei irgendeiner Gelegenheit das gesetzestreue Judentum als das osfizielle Judentum bevorrechtigt werde. Es geht schon w'eit genug, wenn wir dafür eintreien. daß bei gemeinschaftlichen Einrichtungen das Religionsgesetz in der heute von uns nicht mehr anerkannten Form beobachtet wird um des versthlvindonden Bruchteils der Konservativen willen, die darauf noch Wert legen. Das führt zu dem zweiten großen und wichtigen Ausgabenkomplor, die dem Verband obliegen, den religiösen Fragen. Wir liberalen Juden erwarten vom Landesverband einen starken Impuls für die Begebung des religiösen G e m e i n s ch a f t s L e b e n s. Wir glauben, daß die allgemeine Gesinnung der Menschen unserer Zeit ein günstiger Boden für die Neuerweckung religiösen Lebens da r stell l. Das unleugbar wachsende Interesse auch der älteren Generation für religiöse Fragen, die Erkenntnis, datz mit Verstandesmitreln die .Rätsel des Lebens nicht zu lösen sind, drangen alle religiösen Bestrebungen wieder in den Vordergrund. Da wird es Anstelle des liberalen Judentums sein, darüber zu wachen, das; dicfts religiöse Gefühl in; modernen Menschen nicht abgestumpft wird durch!lel>cr- Häufung mit einem Ballast von Formen, rocktiyc nicht zur Hebung, sondern zur Tötung religiösen Aufschwunges geeignet sind. Wir geben gern zu. datz ein. wenn auch kleiner Kreis deutscher Juden henke noch in religiöser Innigkeit und mit vollem Verständnis au dem Gesamtkomplex des Neligiousaesttzes lsiiugt. Der Indifferente aber, dessen religiöses Gefühl neu erwacht, kann für das Judentum nur dann zurückgewonnen werden, wenn es ihm in einer Form r»enniitelt wird, die sein Verstand ohne große historische Nachforschungen ersaßt und vor der sein religiöses Ge suhl nicht zu rück Äm udert. Immer wieder muß gezeigt werden, daß der geistig-sittliche Gedankenausbau des Judentums das ist, worauf wir sbÄz sind, datz die religiöse Form zwar ein unentbehrliches AusdrucksrnittB für jede Gemeinschaft^» rellgion ist, datz sie al>er, eben weil sie der Ausdruck be§ religiösen Gemein jcha jv-bewutztsei ns ist, fid) nicht richten darf nach Bestimmungen vorvergangener Generationen, sondern nach den l^eute nm Ausdruck ringenden rcligiöseu Geistern der Judenheit. Vollste Aufmerksamkeit werden wir vor allem widmen müsieu der Ausgestaltung des jüdischen Nnterrichts'.vesens. Wir verlangen für diese Äusgesialtung Horanzirhung aller Mittel modernen Wissens. Das deutsche Judentum in groß geworden durch die Rcuerwccknng jüdischer Wissenschaft. Wir wollen, daß es feinen Charakter als geistiger Wächter des Judentums behält. Ueberall aber darf mau nicht nur FLickwfick leisten, sondern uurklichenl Neuaufbau von imtcu aus. Stehen nur so in voller Klarheit den beiden Richtungen im Judentum gegenüber, so wird es schwer, etwas zu sagen über die Bestrebungen der sogenannten M i t t e l P a r t e i e u. Ein Blick auf die Liste dieser Partei in Berlin beweist, daß hier gewiß geistig und wirtschaftlich bedeutende Menschen auf der Liste stehen mögen, datz aber von einem einheitlichen jüdischen Standpunkt keine Rede sein kann, wenn sich auf derselben Liste ehemals liberale und ehemals konservative Repräsentanten und Vorstandsmitglieder befinden. Wie mau zur national-jüdischen Frage über- Haupt eine ..Mittelstellung" einnehmen kann, ist mir völlig unverftäudlich. Hier gilt es entweder Ja oder Nein- Aber auch in religiösen Dingen ist nur zweierlei denkbar, entweder Einhaltung des. R e l i g i o u s g e s c tz e s wie vorgeschrieben oder aber A u s - gestattung desselben ohne G r e n z p s l o ck. ..bis hierher und nicht weiter". Wie mir scheint, will diese Partei in Zweifelhasten Dingen ..das Zünglein an. der Wage" sein. Wir fürchten aber oder hoifou vielmehr, wenn wirklich die Geister sich reiben worden, wird sic es sein, die zwistheu den sich reibenden Kieseln zerrieben wird. In Fragen jüdischer A n. ß e n p o l i t i k i entschiedenes Festhalten a m deut s ch e n Indent u in : in F r a g c u des religiöse!; Innenlebens-, das Bestreben nach Neuaufbau auf d e r g a n z e n Linie auf Grund der Ausgestaltung des Religionsgesetzes, das sind die Forderungen des liberalen Indent u ms. Mi! ihnen hoffen wir, das deutsche J.rdentrnn im Kerne unverändert zu erhalten, mit ihnen honen wir. die vielen Tausende der abseits Gerichteten neu heranzuzienen und w neues, frisch pulsierendes jüdisches Leben zu erwecken. Rabbiner Dr.S. Weiße, der Führer der Aelißlösen Mlelpartei, schreibt: Ilm es gleich vorweg-gmehmen- Eine Mittelpartri. aber keine Partei, die sich nach der Mitte wie nach einem twuenieu Ruhesitz zurückzieht. Eine religiöse Partei, aber keine, die die Religion zum Gegenstand des Parteihaders emwürdigt wissen will. Ueberparckeiliche Aktivität zu entfalten, erscheint uns als das Gebot der Stunde. Bedarf es heute, wo wir in Dculschland das tragische Geschick eines Volkes erleben, dessen Kraft durch die hemmungslosen Leidenschaften extremer Richtungen zerstört wird, noch des Beweises für die Lebonsberechtigung und Notwendigkeit einer Partei der Mitte, die im Ausgleich, in der Versöhnung der Gegensätze ihr Ideal sielst? Und ist es etwa im jüdischen Lager viel anders? Auch hier droben die Ertreme Unheil zu stiften. Und wir Juden, die wir am me wen in unserer geistigen und sittlichen Eristcnz bedroht sind, bedürfen der Einheit, der Verständigung am notwendigsten. Und doch wird unftre Bestrebung nicht ganz verstanden. ..Entweder - - oder!" rufen uns die Klugen zu. Ja. wenn das so einfach wäre. Die Vorgänge des Secleickebens spielen sich nicht nach dem Imperativ der Philisterweisheit ab. Es gibt im religiösen Empsinden selten ein ..Enllveder — Oder". Die tiefften religiösen Naturen mußten mit sich und mit der Welt kämpfen, bis sie sich zu einer abgeklärten Weltanschauung dnrchaeruugen hatten. Die Fertigen — nm mit Goethe zu sprechen — vermögen die Werdenden nicht zu verstehen. Mit Schablonen löst man keine religiösen Probleme. Ohne Konzessionen an das Leben worden wir nirgends fertig. Und es ist keine Schwäche, den Extremen anszuweicheu. Tie Kraft und die Zukunft einer Gemeinschaft ruhen fast immer in der Mitte. Wenn es je Rot getan hat. der Uneinigkeit und Zersetzung inr Judentum Einhalt zu gebieten, so ist es heute der Fall. Der einseitige Parteigerst dringt immer mehr in alle Zwerge der Verwaltung und in die Vertretung der wichtigsten jüdischen Lebeusinteressen ein, und es wird häufig bei den öedenLnngsvoltsten Aemtern nicht nach tüchtigem Können und ernstem Wollen, sondern nach der Parteizugehörigkeit gefragt. Schon der Talmud führt die größten Katastrophen der Judenbeit auf innere Uneinigkeit zurück, und durch die ganze jüdische Geschick-.ie zeigt sich der Geist der Zersetzung atz unser größtes Berhängn -. Wer an die jüdische Zukunst glaubt.

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