Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 3 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- Seite 40 (sequence 7)
- Language
- German
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Wir ßc&cn im folgenden den rznhrern der konfcrva.lvc.- HLeralcn und rcli-gtofcit Mittrlpartei das Si^crt zu den ^Cijien. SViirfit aller prcu'rifchen Juden und Jüdmncn wird c-!cm, 6tt! iV Stcttuat für eine der drei Parteien, die Stimmittel abzugedcn. Jeder muß unbedingt wählen, Tie Schristleitung. Mkitz %Suh der Führer tzer Konservativen, sHreiSk: Die Redaktion der „E. D.-Zeitung" hat an mich das Ansuchen ge^ richtet, die Stellung des konservativen Landeswahlausschusses zu den Lairdosverbandswalsien der jschischon Oeffentlichkeit zu entwickeln. — Wenn ich dem hiermit entspreche, so sei d;e Bemerkung gestattet, daß ich dabei nur für meine eigene Person spreche.?' In der deutschen Iudenheit hat der Krieg iuit_ seinen Folgeerscheinungen nicht nur die wirtschädlichen Verhältnisse vielfach über den Hausen gervorfen, auch in den Köpfen der deutschen Juden wogt und gärt es. Festgefügtes wird flüssig, und ein Neues ringt sich pn Oberfläche. Auch dem aufmerksamen Beobachter wird es schwer, wenn nicht unmöglich, in dem Chaos der kämpfenden und ringenden Massen die Konturen der künftigen Gestaltung festzustelleu. Eines läßt sich vielleicht sagen: die Sehnsucht nach jüdischen Werten, der Wille zum Judentum, sie geben sich mit einer Innigkeit und Kraft kund, wie cs seit vielen Jahrzehnten nicht der Fall war.. Freilich, noch ist nicht absehbar, woher dieser Sehnsucht die Erfüllung kommen, wie dieser Wille zur Tat werden soll. Noch ist die böse Erbschaft des 19. Jahrhunderts nicht völlig überwunden. Noch spuken in den Köpfen Gedanken, die aus jener Zeit stammen. Kern des Judentums ist feine Lehret „Die Lehre, die uns Moses gebot, Erbteil ist sie der Gemeinde Jakobs!" Hier stcht nichts von Land, nichts von Sprache, nichts von Nation. Eine zweitausendjLhrige Geschichte hat uns gezeigt, daß jene Verheißung kein leeres Wort war. Solange die Lehre in ihrem Doppelcharakter als Lehre und Gesetz im Mittelpunkte jüdischen Lebens stand, war unsere Entwicklung, trotz aller äußeren Hemmnisse, in allem Druck und Drang, eine ausstcigerrde. Es kam die Neuzeit, es kam die innige Verührrmg mit der Kultur Europas, und vor allen', kam. der brennende Wunsch — nach der Emanzipation, nach der Politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gleichstellung mit den christlichen Mitbürgern. Als Hindernis auf 'vielem Wege galten, nach den Ernwendnugen der Gegner dev EmonzipQlLon, die religiöse Eigenart, das Eigenleben des jüdischen Skmrmes. Was lag näher, als jene religiösen Gebräuche abzulrm »nd sich äußerlich der Umwelt anzugleichen. Diesen Wunsch mit seinen wirklichen Motiven; nackt und klar mrszrrfprechen, wnr unmöglich. Es bedurfte einer ideologischem Borörämurrg. So wurde aus dem wirtschaftlich-politischen Ziel eine ideal klingende Forderung, die Forderung, daß die Lehre sich dem Leben an Possen muffe; die Lehre von der Refornr des Judentums ward geschaffen, i Fast ern Jahrhundert hat diese neue Lehre, die sich heute liberales Judentum nennt, Zeit gcchabt, ihre Wirksamkeit zu erproben. An den Ergebnissen, die sie erzielte, Kritik zu üben, ist hier nicht «n Platze. Es mag genügen, heute ans den Umschwung binzwveisen, der sich in den eigenen Reihen des LiÄeralisnrns vollzieht. Einst dieFordrwung der Betätigimg des schrankenlosen Judrviduslismus auch in religiöser Beziehung; die Forderung, jedes einzelne Gesetz muffe seine Berechtigung vor dem als unfehlbar angenommenen Richterstrchle der menschlichen Dermmsk erweisen, heute von den Führern, wenn auch zrmächst von einzelnen, die eindringliche Mah- ' rwng, nicht zu. vergessen, daß die jüdische Lohre nicht dem einzelnen, daß sie der Gesamtheit gegeben sei. die Darlagmu?, daß alles rebigiöfc Gefühl m feinen wertvollsten Bestandteilen sich der ratio kntzieho und durch seinen irrationalen Charakter wirke. Emst die ^Forderung. den Sabbat. das Grundgesetz des Judentums, autz Tugeben und dafür den Festtag der christlichen Kirche zu akzeptieren, heute der stolze Hinweis darauf, daß der jüdische Sabbat auch bi der aögebbaßten Gestalt der Sormtagsruhe Mn Gemeingut der Kulturwelt geworden ist. Emst das Einverständnis der liberalen Fühner mit der religiösen Weihe der Mischehe; heute die alltzemeine Neberzeugung. daß der Kampf gegen die Msck^he eine m> .abweisbare Forderung bedeutet, wenn anders die deutsche Judenhcit vor dem Untergang bewahrt werden soll. si. * Das konservative Programm darf hier als bevannt Vorausgesetzt werden. Wohl weicht es m einigen würgen Kuntten von Ut Platt form der übrigen Darteien ab. Aber nicht da§ ist das Entstheidende. E-t. scheüdeud kann nur sein,' ob es dem Berbandstag gelingt, jene Ouellen lebendigen Wassers wieder sprudeln zu lassen, aus denen das Judentum in seiner zweitausendjährigen Vergangenheit die Fähigkeit schöpfte, sich unter all den Nationen geistig und körperlich frisch zu erhalten. Die konservative Fraktion wird, das läßt sich schon heute übersehen, nach Zahl und Zusammensetzung in der Lage sein, ein gewichtiges Wort mitzureden. Ihre Ausgabe dürfte auch keine allzu schwere sein. Sind doch alle Richtungen einig in der Ueberzeugung, daß dem Niederbruch des religiösen Lebens in den kleinen und Mittetgemeinden ein schneller und nachhaltiger Austau folgen muß, einig ferner in der Forderung, daß in den Großstädten das religiöse Leben weit intensiver auszugestalten ist, als bisher. Die Mittel dazu sind von keiner anderen Richtung angegeben. Religionen wie Staaten können nur durch jene Mittel gehalten werden, durch die sie einst ins Leben gerufen wurden. Das gilt auch für das Judentum. Jene Auflösungserscheinungen, die alle Richtungen mit Schmerz lvahrnehmeri, sie können Remedur nur finden, wenn die Kenntnis vom Wesen des Judentums, vermittelt durch die Einführung in seine Quellenschriften, den Masten wieder ermöglicht wird, wenn die Formen, die man einst als entbehrlich zerschlagen wollte, wieder in ihre Rechte eingesetzt werden, -hierfür Mittel unb Woge zu schassen, wird Ausgabe des Verbandes fein. Es steht zu hoffen, daß auch hierin sich alle Richtungen vereinen. ReOt-ZanwM SeinM Eiern, ZwWtivt t;-r tferesnfpng für das liösrale Zudelckmr, schreM: Für jeden Juden, in dem nur ein Funken jüdischen Juterestes glüht, bedeutet der 1. Februar 1925 ein Schicksalstag nicht nur der preußischen, sondern der deutschen I u d e n h e i t. Es ist von allgemeiner Wichtigkeit, einmal in einem regelrechten Wahlkampf scststellen zu lassen, wie die deutschen Inden richtungsgemäß eingestellt sind. Diese Feststellung allein ist schon eine Rechtfertigung des Beschlusses der Liberalen Bereinigung, Wahlkompromiste tunlichst zu vermeiden. Zwar in. einem wichtigen Punkt wird man einig sein: in der Erhaltung jüdischen Lebens in den Kleingemeinden. In der Beurteilung dieser Frage kann cs keine Parteiuntcrschiede geben; viel umfangreicher aber sind die Probleme, in denen eine einheitliche Betrachtung und Entscheidung nicht möglich ist. Du der Spitze stehen die staatskirchenrechtlichen Fragen. Hier Handel! es sich um die rechtliche Gestaltung des jüdischen Gemeindelebens in Preußen. Tie gesetzlichen anderen Bestimmungen sind gänzlich veraltet. Es ist in diesen Blättern schon wiederholt dargelegt worden, daß es jetzt darum geht, Rechtsnormen zu schassen, die unstreitig festlegen, daß es sich bei der jüdischen Gemeinde um eine religiöse Körperschaft, bei dem Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden um einen religiösen Verband handelt. Das wird insbesondere wichtig bei der Frage der Kompetenz der Gemeinde und ihrer Behörden. Es wird darauf zu achten sein, daß hier carch in der Verschleierung alles vermiede; wird, was danach cmssieht, als wenn die deutsche^ jüdischen Gemeinden sich in eine Gennmschast «wgliedern kömckeu. die sogenannten .Flljüdischen-" Zwecken dienstbar ist, wenn es sich nicht um religiöse Zwecke handelt. Die Gegner des Nationaljudentums werden auch deshalb aus der Hut sein muffen, weil man den Gemeinden und dem Verband eine Kompetenz geben will, die nicht den Wünschen des überwiegender, Teiles der deutschen Juden entspricht. Insbesondere gilt dies für die Frage der Mwcchrbewegung, des Kampfes gegen den Judenhaß. Dieser kann nach unserem Dafürhalten niemals von einer Organisation geführt werden, die, wie der zu schassende Verband, in der Frage der Stellung zum Deutschtum nicht einheitlich'orientiert ist. Der Nationaljnde stellt sich auf den Rechtsstandpunlt, fordert die Gleichberechtigung auf Grund seines Rechtes als Staatsbürger, der Eentralvereinler fordert sie als Dellsgenosse. Er fordert mehr, er gibt aber auch mehr. Gr fordert nicht nur rechtliche Gleichstellung, sondern, wie er gefühlsmäßig dem Vaterland anders gegcnübersteht als die Volkspartei (die in der Rcichshauptstadt an hervorragendster Stelle einen litauischen Staats- Minister a. D. aufgestellt hat), so geht auch sein Ziel weiter; er null nicht nur dio rechtliche Gleichstellung, sondern er will auch die gesellschaftliche und kulturelle Einheit zwischen den Volksgenossen durch Aufklärung und Belehrung fördern. Wir können nicht wünschen, daß eine Körperschaft, in der das Nationaljudentum dertreten fein wird, sich mit diesen Fragen besaßt. Wir halten den