Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 2 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- Seite 26 (sequence 11)
- Language
- German
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26 - dks KkaÜLrniker rmö öee /lntiftmitismus. von btudienrat Tr. H anS l. Heinrich (Gumbinnen). Die Politiker, die durch den gesrmten Apparat ihrer Oraanisotionen mid ihrer Presse die Republik zu beseitigen und eine Mll,tarmonarch:e euszurichten bemüht sind, glauben in der antisemitiscll-vöcki'c.'en Propaganda das wirksamste A-aitationsmittel aefunden zu heben, um pontl^) rmaeschulte oder politisch instinktlose Volkskreise «inzufang-n, die pe durch die Werbekraft ihrer politischen Ideen selbst niemals für uch ' gewinnen würden. Ter Judenhatz, wie sie ihn predigen, ijt tonen niemals Selbstzweck, sondern nur Mrttel zum <)weck, : nur ein Mittel zur Erreichung von Zielen, die sie nicht offen zu zeigen wagen können. Darin liegt vor allem die sittliche Nioderrrachl dieser ganzen Bewegung, die in unvereinbarem Gegensätze zu dem von Kant folgendermaßen formulierten Sittengesctze sicht: „Handle so., daß die Menschheit in dir und anderen in«mal» tloßeß Mittel, sondern j e d e r z e i t Zw eck u nd höchster Zweck sei". In bewußter Derlogenhert wurden bie|e von! rücksicktslofern Ehrgeiz und gewissenloser Machtgier geirrebeuen/Pok- ' tikx eine wehrlose bestimmte Volksschicht o p fe r n, we'un^m nlrs dreje Weise nur die ersehnte Politische Vorrangstellung!n dlltcckou.rcher Form erobern könnten. Innerlich sind diese reaktionären Brunnen- ' Vergifter von der 2Äll)rheit ihrer Araun'.ente, dw sie gegen da^ tgneutum ins Feld führen, nicht überzeugt. Angeblich bekämpfen sie dre Republik und die in ihr wirksamen demokrainchen und wzmlrfll-wen Kräfte nur deshalb, weil sie indischen Geistes sind, iuonchen In- Leressen dienen sollen, in Wirklichkeit .^brandmarken" sie ihre po!ltischen Gegner als „vmjudet". weil sie nceinen, auf diese Weise die von ihnen gehaßten Möchte des sozialen Fortschritts am ersolgrercysten bekämpfen zu können. - Eine ganz andere Bedeutung bat die antisemitische Einstellung in der Mentalität der Akademiker, namentlich der akademisch gebildeten Beamter! und der Offiziere. Für diele Kreise ist der Antisemitismus ’tm wichtiges Kern ft ü ck ihrer W e l t a u {cf] n u u u a. Sie betrachten, durch ein bostimnckes Milieu, durch eine zähe Tradition besangen, von vornherein die Grundprobleme des politischen. tikern der Reaktion die Gefahr in der raffinierten Beherrschung der Psychologie der Agitation, so liegt hier die Gefahr in. der ideologischen Naivität, in der sie den einem Bequemlrchkeitsbedürfnis des Denkens entgegenkommenden Bcgrisfsgegensatz Deutschtum und Judentum" zur methodischen Leicschiene ihrer gesamten politischen Urteilsbildung machen. Alles, was denn deutsä^n Volke Schaden bringt, kommt nach der Anschauung dieser Kreise von den Juden her, ohne Laß man sich über den Widerspruch den Kopf zerbricht, der sich daraus ergibt, daß man die beiden einarwer entgegengesetzten sozialen Mächte, Marxismus und Kapitalismus, auf die Wirksamkeit der gleichen Schädlinge zurücksührt. Das Judentum der ganzen Welt wird in einer völlig unkritischen und unklaren Phantastik zu einem einheitlich geschlossenen Internationalen Krastz entrinn mon u mental isiert, von dem fortgesetzt zerstörende Wirkungen auf die Völker des Abendlcwck-es ausgehen sollen. Eine große gedankliche Synthese, welche in logischer Gewaltsamkeit völlig widerspruchsvolle Erfahrungsclc-nercke Zu- : famnrenpretzt und auf eine einzige Grundwurml zurückführt, hat für die unkritische Denkweise eines schwach entwickelten intellektuellen Gewissens zweifellos einen bestechenden ästhetischen Zauber und einen zu leidenschaftlick^r Aktivität anreizenden Jllusionswert, und zwar besonders dann, wenn die von quälender Not gepeinigte menschliche Natur den Urheber alles Leidens zu i erkennen und grausam zu strafen trachtet, besonders dann, wenn die -Not dem Gefühl und der Phantasie die Herrscherstellung anweist :mib nüchterne Vernunfterwägung verbannt. Das im Innersten nagende Bedürfnrs den Schuldigen zu finden, erzeugt die Person des Schuldigen ohne allzu große Störung kritischer Hemmungen in bereitwilliger Phantasie. Mit diesen Worten ist bereits die Richtung angegeben, in denen 'die Voraussetzungen liegen, die für diese Ausfafsimgsweise maßgebend find. Es handelt sich um die V o r h e r r s ch a s t d e r Kategorie der Personalität, die für das geschichtlich-politische Denken entscyecdend ist. Große historische Bewegungs-Vorgänge werden in diesem Sinne auf die persönliche Initiative eines großen Mannes - zurückgesührt, ohne die Bedeutung der der Gesellschaft selbst : immanenten Kräfte gebührend zu berücksichtigen. Diese Art'der Geschichtsbetrachtung erklärt sich aus der übermäßigen Bew e r t u n g des Individuums, wie sie sich in der romantij schen Periode unseres Geisteslebens herausgebildet und durch die ,'Atrnosphare-des wilhelminischen Byzantinismus'noch eine besondere; Weche und Färbung erhalten hat. Der in dem Gymnasialunterricht! schon gepflegte und auch durch nachsolgendes Universitätsstudrum kaum revidierte Herrenkult läßt auf die „Masse" verächtlich' herabbllcken.^ Die letzten geschichtlichen Ereignisse, die wir selbst nach dem . Weltkriege als aufmerksame Beobachter miterleöten, sollten jedoch! darüber belehren, daß der Spielraum der Wirkungsmöglichkeiten 1.einer großen staa-tsmännischon Persönlichkeit sich in dem Maße deri*ngt, in dem die Dmdenz zur Bildung organisierter Gruppenwille nsfaktoren fortschreitet. Wer nicht bewußt tätiges Mitglich eines solchen geschlossenen Willenssystcms ist, überschätzt die Leistungsnwglichleit eines solchen Wunschhero-ch und seine Helden» theorie erinnert etwas an die primitive Gläubigkeit des Indianers, der seinem M edizinmann die Betätigung übernatürlicher Kräfte zntraut. Aesihetische Ncizwerte individuellen Wesens tauschen den Lberslächenblick leicht über den Mangel wahrhaft eigenschöpferischer Leistungen hinweg, deren Träger ja nur das mehr oder weniger bewußte Ausführungsorgan einer starken, unbestimmten Massenstchusucht oder eines klar und streng organisierten Massenwillens ist, eine „List der Idee", wie Hegel metaphysisch sich ausdrückt. So starrt man wie gebannt allein auf die von der viel kleineren Umwelt völlig losgelöste große Persönlichkeit, namentlich. wenn sie die heldische T h e a i e t cj c fi t des großen h i st o r i f ch e n M o m e n t s wirkungsvoll beherrscht, aber übersieht, daß die eigentlichen Wurzeln ihrer Kraft und die Resonanzfläche ihres historischen Wirkens in der gleichen Ebene liegen. Ebenso wie die auf die Kategorie der Personalität eingestellte Denkweise den Aufstieg aus der Not des Volkes in gläubigem Harren von her wunderbaren Kraft einer großen Persönlichkeit, erwartet, die einmal kommen soll, so wird dementsprechend die ft o f selbst mit allen ihren Begleiterscheinungen allzu leicht, wenn auch nicht aus eine Person, so doch unschwer aus einen geschlossenen Kreis von bestimmten Personen zurückgcführl, die wie durch einen schwer zu bekämpfenden Tcusclszauber alles Unglück herbeigeführt haben sollen. Mau könnte anuehmeu, daß mau die Juden vielleicht dann nicht verantwortlich machen würde, nxim sie in größerer Zahl in der deutschen Volksgemeinschaft vorhanden wären, weil eine Massenerschciming mcnioct die Phantasie beschäftigt und die Vorstellung persönlicher Wirlsamleit weniger in den Vordergrund treten läßt als einige in der Gesamtheit charakteriktisch hervortretende Einzelgristchen.' Ter „Jude", als persönlicher Träger eines bösen Prinzips schlechthin betrach,et, stellt sich im Kreise dieser Poliiisck'M, sozialen und kulturellen Denk.veise gewissermaßen als das photographische Negativ des vorher gekennzeichneten Holde uidols dar. n. Das Ziel, das nach ankisrmckischer Auffassung der sogenannt^ „jüdische Geist" mit systematischer Absichtlichkeit im Politischen und kulturellen Leben verfolgen soll, wird allgemein als „Zersetzung" bezeichnet- Jedoch wird iclten eine genaue und klare Legrisfsbestim-'.wng aller derjenigen Borstellungslompkere und Im- Ponderabilierr gegeben, die nun eigentlich diewm .Zersetzungsprozeß" zum Opfer fallen sollen. Das ist psychologisch sehr bezeichnend, weil nicht nur die forme.Alogischen, sondern, auch die weltanschaulich bestimmten Voraussetzungen der Einstellung auf politische, soziale und kulturelle Probleme als solche nicht in ten Lichtkreis des eigenen Bewußtseins treten. Die seelischen Bindungen dieser Art wurzeln in dem Geist des von Bismarck unter Preußens Vorherrschaft gestellten Deutschlands. Ter auf militärische lieber- und Unterordnung gegründete obrigkeitsstantlühs Mechanismus konnte aus seinen innersten Funktionsgest'tzeu heraus keine Köpfe aufkommcn lassen, in denen prodlematischrs Denken mit revolutionärer Kühnheit an die Grundfragen des rekigröfen, kulturellen und Politischen Lebens rührte. Dann diese Grundfragen dursten überhaupt keine Fragen als solche sein, weil sie alle schon von den maßgebenden amtlichen Stellen her in allgemein verbindlich'er dog'-^tischer Form beantwortet waren. Üm seine Existenzbedingungen zu sichern, mußte der Obrigkeitsstaat auch eine Polizeiliche Kontrolle des Denkens ausüben. Eine in diesem Sinne erzogene und gebildete intellektuelle Schicht muß naturgemäß mit dem tiefsten Mißtrauen allen denjenigen gegenüberstehen. die die Vertreter eines entgegengefotzten Geistestpvus Erstellen. Das Bewußtsein, eine wirk- . s ch a f t l i ch gesicherte und namentlich eine Privilegierte gesellschaftliche Stellung innerhalb der Nangstnfenordnung des Obrialeitsstaates zu besitzen, mußte nicht nur die Abneigung gegen Proölematischcs Denken vertiefen, sondern auch eine in dieser Dichtung liegende Veranlagung allmählich bis zur Unkenntlichkeit verblassen lassen. Ein Doktor Faust i'.n Soheimratssrack mit dem Noten Adlerorden im Knopfloch ist nun eben einmal eine psychologische Unmöglichkeit. Problematisches Denken ist nicht eine Sach: des reinen Intellekts, sondern eine 'Sache der persönlichen Gharakterveranlagung und als allgemein verbreitete charakteristische,Gcisteshaltung Sache des sozialen Schicksals. EZ ist die vcrstaudosmäßige Aeußerungsweise des Ressentiments, und hier liegt, um es kurz anzudeuten, die tiefe sozialhistorischs Schicksalsgemeinschaft zwischen Judentum und Proletariat. Nicht di- Nutznießer, sondern die Opfer bestimmter gesellschaftlicher und poli- Urcher Strukturverhättnisfe werden bestehende Einrichtungen -rum Gegenstands ihrer Kritik machen. Nicht nur die Dichtung ist oine Gabe des Leids, wie Iatgerr, „der Skalde" in Ibsens „Kronprätendenten", sagt, sondern auch die Unrast ernes leiden-schaftlick-en, nach neuen Ufern der Menschheit steuernden ff «n.ii2?23 lö??ie Herrenschicht unanfechtbares und darum mit allen Mnteln gchchütztes autoritatives Dogma ist das ist für dis