Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 2 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- Seite 24 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Die Frau bei öen Lanöesverbanöswahlen. von Paula Ollendorff (Breslau). Der Gedenke der Demokratie ist nicht nur im Aufbau des Vaterlandes, er ist auch im Aufbau seiner religiösen -Gemeinschaften der stärkste Faktor. Alle, die Staats- Bürgerrechte genießen, Mann und Frau, haben Staatsbürger-! pflichten gegen das Vaterlarrd, alle, die die Rechte einer ReLigwnsWmeinschafL in Anspruch nehmen, haben Pflichten ’ gegen diese. Die Wähler, die am 7. Dezenrber an der Wahl- * NE fchlten, sirrd verantwortungslose deutsche ^Volksgenossen, alle, die am 1. Februar nicht zur Wahl ^®efka werden, sind verantwortungslose jüdische -.Glaubensgenossen. Zum ersten Male wird die jüdische Frau als Mitglied der -Gemeinde in Preußen zu wählen haben. Sie wird sich dieses f Rechts bsvußt sein müssen, in starker Verantwortung der \ einzelnen für alle, als deutsche Staatsbürgerin k und als jüdische Religio n sgen o ssin, als Eh efrau * und Mutter und als berufstätige Frau. 1. Als deutsche Staatsbürgerin. Von unfern Müttern und Großmüttern haben wir unser! deutsches Ju'dentunr voll Stolz und Würde überkommen. Wie ^prahlte die Großmutter, die G a b r i e l R i e ß e r gekannt fhatte, wenn sie erzählte, mit welchem Mut er für die Rechte der -deutschen Juden gekämpft und welchen brausenden Jubel es j bei allen Juden erregt hatte, als er diese Rechte in den Grund- ) rechten des deutschen Volkes verankert hatte. In dankbarem Glück der Erinnerung erzählte die Mutter von Laster und Sambetoer, welchen Anteil sie gleich Rießer au der politrj scheu Md kulturellen Entwicklung Deutschlands genommen r haben, ihr Judentum rrnd sein Recht immer betonend, indem j sie die jüdische Freiheit als einen Teil der deutschen Freiheit j schützten gegen Reaktion und Rechtlosigkeit. Macht es uns 'nicht auch stolz, daß H u g o P re u ß der Sohn einer jüdischen? Mutter ist, daß Walter R a t h e n a u, der ein starkes Geffufjl für seine jüdische Verantwortung hatte, die erste Brücke Völkerverständigung nach dem Kriege baute, und daß es tchm alZ nationale Betätigung galt, in liebevoller, srei- : williger und aufopfernder Kulturarbeit Deutschland zu dienen. ISeiu heißersehntes Ziel als Jude war es nicht, aus seinen .eGlaubensgenossen „imitierte Germanen" zu machen, sondern; deutsch geartete und deutsch erzogene Juden. So sicher deutscher und jüdischer Idealismus verbunden isind in den höchsten Leistungen so vieler Juden in der deutschen 'Kultur der Vergangenheit, so sicher brauchen sie einander in Gegenwart und Zukunft und dafür wollen wir arbeiten, um ein Aucklicheres, freudigeres Vaterland auszubauen. Ein Elches sehnen wir Frauen herbei für unsere Kinder und -ihre Arbeit und aus der religiösen Forderung der Nächstenliebe. In heißer Liebe bekennen wir uns zum deutschen Vaterland, rmd wir werden uns „gegen jeden wehren wie gegen erneu Mörder, der uns den Anspruch daran bestreiten will". So hat Rießer zu seinen Zeitgenoffen gesprochen und sein Wort gilt uns heute noch als Leitwort. Darum müssen wir deutsch-jüdische Frauen wählen und helfen, daß in den Preußischen Landesverband ausgeprägte Persönlichkeiten deutsch-vaterländischer staatsbürgerlicher Gesinnung einziehen.? 2. Und unsere Pflicht als Jüdin? ,' Starken Herzens haben wir am Aufbau des I uden - Lrrm s mitzuarbeiten wie am Aufbau des Vaterlandes. Die jfüöifdje Familie, das Fundament der Gemeinde, die -Grundlage jüdischen Lebens und jüdischer Kultur, sie ist gcklockert und von Verfall bedroht. Gleichaültigkeit. Unwissenheit, Mneirügkeit, Religionslosigkeit sind die ^Zerstörer unseres kost- Barsten Besitzes. Kennen die jüdischen Frauen oic ganze Größe Wortes: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein und heiliges Volk", des Wortes, das unser religiöses Lokenutumschließt? Wären die Frauen nicht abseits geblieben, ilOH der Welt der Tatsachen gefangen, ohne ihre Seelen mit ck« Ewigkeit zu verknüpfen, so hätte nichr eine jüdische Welt iArtMhen können, in der immer noch Kastengeist und Hochmut, Dtreit und Haß leben, die den edelsten Inhalt der jüdischen Grau — Wassermann nennt sie die reinste Schövfung —ablenkt tzsrrr rÄigiösen und sozialen Idealismus des Judentums. ZÄ dem gemeinsamen Boden des Vaterlandes, dessen wir sprechen und Lessen Gesetze uns gelten, und der kÄLrgion, der wir sinnig angehören, erwächst die sittliche ^Mchtgemeinschast jedes einzelnen mit allen. Die jüdische M erfüllen mit den hohen religiösen und sozialen Tranken des Propheten Micha, mit Menschenliebe, Gerechtigkeit und Demut vor Gott, das ist Aufbauarbeit der Frart das ist Vorbild und Weisung zu einem ,Heiligen Volk". Darum müssen wir Frauen in den Preu« ßischen Landesverband jüdisch fühlendtA sozial denkende Perfdnlichkeiten wählen^? die an einer Erweckung kräftigen jüdischeel Gemeinsinns arbeiten, die voller VerarZt^' Wartung für alle deutschen Juden sich raifl diesen verbunden führen durch das heiligende Band der Priesterschaft zu vorbildlichem Leben. 1 3. Und als Ehefrau? Nach der Verwirklichung des demokratischen Prinzips siÄ den Landesverband wird hoffentlich auch das Gemeindewarzlrecht in greifbare Nähe gerückt sein. Es ist vielleicht nicht zuviel gesagt, daß mit diesem umfassenden Wahlrecht der Frauen eine neue Zeit jüdischen Frauenlebens und damit eine neue Zeit jüdischen Lebens überhaupt beginnen wird. Dadurch, daß die Frauen künftig anders als bisher an der jüdischen Arbeit der Männer beteiligt sind, an allem, was sie im jüdischen öffentlichen Leben bewegt, wird die Gemeinschaft der Ehe vertiefter erlebt werden und einen sicheren Boden der jüdischen Familie bilden helfen. Im sozialen Aufbau der jüdischen Gemeinden wird es uns möglich sein, unsere Kenntnisse von Familiennot und Familienbedürfnissen zu stärkerer. Wirkung Zu bringen, ohne Schematismus Abhilfe zu schaffen, in den Fragen der Berufsbildung und Arbeitsbeschaffung, besonders der weiblichen Jugend, helfend mitzuarbeiten, um den schweren Nöten der jüdischen großstädtischen proletarischen' Frau, den sie bedrohenden Gefahren eindringlichst zu begegnen. Darunt müssen alle Frauen wählen und nur solche Vertreter in den Preußischen Landesverband entsenden, die die Mitarbeit der jüdischen Frau int Judentum für wesentlich und notwendig erachten. 4. Und als jüdische Mutter? Die Erziehung unserer Kinder gipfelt im Ziele, heilig zu sein, ein Ziel, das tmr zu erreichen ist, wenn Gemeinde und Schule uns Helsen. Vorbild im Hause, vorbildlich im Gemeindedienst. im Gottesdienst! Diesen zu einer sittlichen Freude, zu einem religiösen Erlebnis zu gestalten, ist viel mehr Sache und Möglichkeit der Frauen, als bisher geübt wird. Haus und Gottesdienst sollen von ernstem, freudigem Judentum wipen. Und die Schule? Wir Mütter wollen nicht aufhören, dafür zu kämpfen, daß die Schule, die unseren Kindern dis deutsche Muttersprache in ihren Schönheiten und in ihren Gedanken übermittelt, die sie in das Kulturleben alter und neuer Zeiten führt, die ihnen Geist und Seele mit dem Idealismus eines Kant und eines Schiller, mit der Weltanschauung eines Goethe vertrant machen soll, daß ihnen diese Schule zu einer freudigen Stätte des Lernens und Wissens werde. Wenn wir unsere Kinder zu ideal gesinnten und glücklichen d e u t s ch e n Jude n auswachsen sehen wollen, dann können wir ebensowenig die deutsche Schule, können wir unter keinen Umständen einer: tief eindringenden jüdischen Religionsunterricht, eine gediegene Kenntnis der hebräischen G e b e t s s p r a ch e entbehren. Deshalb m ü s s e n wir jüdischen Mütter . am 3. Februar 1925 wählen und nur solche Vertreter in den Preußischer: Landesverband senden, die erfüllt sind von der hohen D e d e u t n n q eines vorbildlichen j ü * d i s ch e n N e l i g i o n s u nterri ch t s , und die m i t uns jüdischen Müttern arbeiten und kämpfe n w o l l e n. 5. Und als berufstätige Fra u. Die jüdische Aufbauarbeit wird vielen Frauen, die das Glück einer eigenen Häuslichkeit entbehren, die in schwerer Arbeit um ihr Dasein kämpfen, durch soziales Verständnis rrnd soziale Arbeitsgebiete Herz und Seele mir dem beglückenden Bewußtsein erfüllen, nicht nur um ihrer selbst willen zrr leben und;n arbeiten, sondern anderen helfen zu können im sozialen Geiste des Judentums, der der Ethik aller Bekenntnisse, aller Länder urtb aller Kulturen Zugrunde liegt. Für viele jüdische Frauen wird neben ihrem Beruf jüdische Arbeit ein Weg zum Besitz wahren Judentums, wahrer? Menschenliebe und nie gekannten Glückes werden.