Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 2 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- Seite 23 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277571--01787-3536690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 Schicksalstagen des Posener Landes sein Deutschtum ausgefaßt. DieMännerunseresEentralvereins dort kämpften zusammen, litten 3 it f a nt m e n m i i b e n christlichen Deutschen um das Schicksal der Heimatprovmz. Von nationaljüdischer Seite dagegen ämTbe sofort ein „jüdischer Volksrat" einberufen, nur die „Dolksgemeinde" indie Wirklichkeit umzusehen, um eine bewußte Trennung zwischen Juden und Deutschen sofort auch nach außen hin laut kundzutun. Wir zweifeln nicht, daß nur gute Absichten die nationaljüdischen Führer bei diesem entscheidenden, unheilvollen Schritte leiteten — er — übrigens politisch em völliger Mißerfolg — beweist aber wie selten einer, warum zwischen der nationaljüdischen und unserer Weltanschauung die Brücke unmöglich zu schlagen ist. Iugenö heraus! Don Friedlich Vorchardt, Vorsitzender der d e u t s ch - j ü d i s ch c n I u g e n d - gemeinschaft. Der Wahlkampf zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden hat begomren. Am 1. Februar hat das deutsche Judentum sich Au entscheiden, ob die Gemeinden Religion?- oder Volksgerneindcn sein sollen. Die Wahl wird die Entscheidung bringen, 00 die Gemeinden an dem Charakter als Religionsgemeindcn sesthalleu wollen oder aber, ob das Nationaljudentum und dessen Tendenzen in den Gcmc'urdeu l>omimeren sollen. Es war bis jetzt die Starke der Gemeinden, daß sie ihre Tätigkeit in dem religiös Geistigen erschöpften. daß sie von sich aus bemüht waren, nur von diesem Gesichtspunkte, unter Ausschaltung jeglicher Politik, alle Fragen des .religiösen, sozialen und geistigen Lebens zu regeln. Mit ihrer Forderung der V 0 l ks g e m ei nd e n haben die Zionisten die politische Brandfackel in die Lürltusgemcinden geworfen. Mein ihr Schulprogramm zeigt schon ihr System, durch Schaffung von hebräischen Lehranstalten die jungen jüdischen Deutschen dem Vaterlands zu entfremden, ihnen das Rationaliüdische von frühester Kindheit an einzuprägen. Die Eltern, die es als' ihren Stolz betrachteten, die Kinder zu guten Juden und guten Deutschen zu erziehen, sollen zum Nutzen der nationaljüdischen Geisteswelt eingespannt werden, sie sollen zusehen, wie ihre Kinder dem heimatlichen Boden entwurzelt und über den Umweg der nur hebräischen Volksschule dem Nationaljudentum in die Hände getrieben werden. Das «Kind, an dessen Wiege deutsche Lieder gesungen wurden, dessen ersten jWorte deutsche waren, ihm soll die deutsche Sprache, das deutsche sDaterland genommen werden. Die Erziehung der Kinder in der jSchule und im Elternhaus war bisher von der Gedankenwelt des Religiös-Littlichen getragen und nicht von völkischer Anschauung. Erziehen heißt, im Sinne des Religiös-Sittlichen cinwirken und nicht das Religiös-Sittliche zu politischen Zwecken mißbrauchen. Und so ist unter diesem Gesichtspunkte betrachtet sür uns die althebräische Sprache der verchrunaswürdige Mittler der religiös sittlichen Werte nnseres Schrifttums und unserer Gebete. Dagegen bleibt für uns die d e u t sch e Sprocke das Angeborene. Sie hat uns in die deutsche Geistes- und Gedankenwelt gestellt, sie ist und bleibt unsere Muttersprache. Und so wie die deutsche Sprache unsere Muttersprache ist, so ist Deutschland unser Vaterland. Wir waren mit ihm in schlechten und guten Tagen auf Verderb und Gedeih verbunden und wollen es auch fürderhin sein. So wie Tausende und Abertausende deutscher Juden für das Vaterland litten und starben, so soll auch in ihren Kindern, ihren Nachkommen der Gedanke wachgehalteir werden vom deutschen Daterlande. Wir Jungen, fest im Va'lcrlaude verwurzelt, haben unsere Heimat lieben und schaben gelernt und werden uns gegen jeden wehren, der sie uns rauben'will. Wir werden dann aber auch die Bestrebungen der Ratioualjuden bekämpfen müssen, die uns in Palästina ein neues Vaterland gewaltsam konstruieren wollen. „Wir wollen nicht müßig daneben stehen, sondern tatkräftig Mitwirken an der Gestaltung der Geschichte", das ist das hohe Zieh Jugendorganisationen. Ebenso, wie die Jugend in Reich und Staat aufbauend gewirkt hat, so muß auch d:e h ü - d rsche Jugend in der Erkenntnis der Schicksalsfragen bei den Wahlen zum Preußischen Landesverband bis auf den lebten Mann Mitwirken. Es soll hier zum ersten A.'ule eine Üörpersche.ft qewuhlt werden die die Geschicke der preusjischcn Juden be. fhnnncn soll. Mit diesen Schicksalsfragen sind die Lebensfragen der gelobt^ha^ ^rlmiPst, für die einzustehen sie in feierlicher Stunde 6d'^d cu isch -,j ü d i sch e I u ge u d vernichtet, „mq H h2 $&£n*fleflent fa" fiC sich mit ihrer g-mzen Kraft IbcWMunci zu stellen und sür alle religiösen Parteien zu G&m« --^Ford^.n'ch bo5 jüdischen GemeindelebenS. für die Erhaltung der jüdischen Rellgwmgemcinde und für die rückhaltlos der staatsbi-rrgerlichen und gesellschaftlichen Gleichberechtideutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem einr$nin£tfen übleres deutschen Vaterlandes ohne Unterschied der rellgwsen und pollstschen Richtung eintreten. Einer der dieser Parteien muß es aber fein, die Jugend tatkräftig und wohlwollend zu fördern. ö Es mahne die Pflicht! Jugend heraus: ' Grunöftagen öes öruifüjzjü&ifäj£ti flufbüu&* Ueber der unablässigen Außenarbeit darf nicht vergessen werden, daß das deutsche Judentum auch vor der Notwendigkeit steht, sich innerlich zu etneuern^tuerm es nicht dem Absterben verfallen soll. Diese Tatsache ist auch im Hmblick auf die Wahlen zum Preußischen Landes-, verband von Bedeutung. Betrachten wir die in nerjü di scheu. Verhältnisse, so gewahren wir in den Großgemeinden und leistungsfähigeren Mittelgemeineden ein erfreuliches, frisch pulsierendes Leben. Zwar johlt es auch hier nicht an Hemmungen und Stockungen. Aber das jüdische Pslichtbewußtsein ist überall erwacht, und Vicht zuletzt dar) man in den oft erbitterten Kämpfen der Richtungen und Parteien den lebendigen Beweis sür das neu er wach Le Interesse an Judentum und jüdischer Regeneration erblicken. Um so trostloser ist das Bild, das die Land- und Klein st adtgem rinden im allgemeinen bieten. Es ist Selbstbetrug, die Ursache bzw. die Schuld nur der Jnslationszeit Quszudrnden. Der Niedergang war schon in der Vorkriegszeit unverkennbar. Ungerecht wäre es, den Kleingemeinden dafür die Schuld aufzuöürden. Es ist die schwere Schuld der gesamten deutschen Judenheit, daß sie nicht Mittel und Wege gefunden hat, diesen Verfall aufzuhalten. Wäre dies geschehen, wäre die Aufgabe, Hilfe zu bringen, nicht so dornig. Der Verfall zeigt sich darin, daß die materielle Möglichkeit, sür Kultus und Unterricht zu sorgen, sich von Tag zu Tag vermindert und dementsprechend der Nachwuchs an Lehrern und Kultusbeamten. Es ergab sich in steigendem Maße die Notwendigkeit, den Religionsunterricht entweder gänzlich aufzugebeu — wie es tatsächlich in weiten Landstrichen geschehen ist — oder gänzlich ungeeigneten Händen anzuvertrauen, also einen Zustand zu schaffen, der dem ersteren an Traurigkeit nicht viel nachsteht. Hier stehen wir an der Wurzel des Nebels. Die ganze Frage der jüdischen Regeneration besteht zu einem wesentlichen Teile in der B e a m t e n s r a g e. Gelingt es, den Lehrer- und Kultusbcamtenstand wieder aufzubauen, dann ist die Frage gelöst. Gelingt es nicht, bleiben auch die übrigen Wiederbelebungsversuche Kurpfuscherei. Wie aber ist jene Ausgabe zu lösen? Nur durch Erfüllung der selbstverständlichsten sozialen Pflichten gegenüber der Beamtenschaft. Es läßt sich die peinliche Tatsache nicht verschleiern, daß in dieser Hinsicht schwer gesündigt worden ist, und nach den Aufklärungen der maßgebenden Persönlichkeiten zu urteilen, herrschen auch heute noch vielfach Zustände, die auch durch die schweren Zeitverhältnisse nicht zu begründen und zu rechtfertigen sind. Hier steht der Preußische Landesverband vor einer besonders wichtigen Ausgabe. Nicht die Bereitstellung von Mitteln bedeutet die Lösung des Problems, sondern die Weckung des sozialen Pflichtgefühls in den Gliedern der deutschen Judenheit. Wir brauchen den jüdischen Beamtenstand, der den höchsten Anforderungen gerecht zu werden vermag, der dafür aber auch den Anspruch hat, den übrigen deutschen Beamten, was soziale und Wirtsthastliche Lage anbetnsft, völlig gleichgestellt zu sein. Wir brauchen vor allem diejenigen Einrichtungen, die den Nachwuchs solcher Persönlichkeiten sichern, die durch ihre wissenschaftliche Bildung und ihre Stellung innerhalb des Judentums zu Führern im Wiederaufbau" berufen sind. Nur so ist es überhaupt möglich, den notwendigen Nachwuchs zu schaffen und der jüdischen Arbeit zu erhalten. Daß diese ganze Frage nicht nur das ist, als was sie auf den ersten Blick erscheint, eine B eam t e n fr a g e, sondern vielmehr als das: die jüdische Frage, ergibt sich bei ernster Betrachtung sofort. Das Judentum schafft damit für sich selbst eine der wesentlichen Voraussetzungen für seinen Weiterbestand. Daraus ergibt sich für den Eentralverein, seine Verbände und Mitglieder die unabweisbare Pflicht, ihren Einstuß in diesem Sinne überall und zu jeder Zeit in die Wagschale zu werfen. Jusiizrat Dr. Julius Brodttitz.