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Central-Verein-Zeitung · 1925-01-09 · 2 (9.1.1925) · p. Seite 22

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
2 (9.1.1925)
Date
1925-01-09
Page
Seite 22 (sequence 3)
Language
German
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22 . mrd ln der Mehrzahl aus a-ngesessmen wohlhabend Fiunssien. Wie mit dieser Tatsache, so ließen es auch auf andere Weise di^ Juden «icht an der entschiedenen Bekundung chrer deutschen Gesinnung £hlen. Sie taten dies in einer Zeit, in der die politische Zukunft :s Landes dunkel und ungewiß war. in der die Behörden die deutsche Sache aufgaben und mancher sonstige gut deutsche Bürger! und Edelmann sein nationales Gefühl zutage treten zu lassen, sich hütete Mit ihrem Austreten ernteten sie die Erbitterung der Polen, die dann, als der offene Aufruhr in der Provinz losbrach, in manchen Exzessen der rohen Dienge sich Lust machte/ Ern Zeitgenosse von 1848, KauIsuK, sagt in einer Schrift Aber den polnischen Aufstand: ..Eine wichtige, die Polen zu heftigen Vorwürfen, ja zu Verbrechen veranlassende Erscheinung war, daß die meisten Juden die deutschen Volksversammlungen besuchten, sich also öffentlich zur deutschen Partei bekannten und damit einen ihnen früher oft gemachten Tadel, als wäre schnöder Eigennuß die einzige und Haupttriebfeder ihres Handelns und Tuns, auf eine eklatante Weise zurückwiesen/ , Einer der tatkräftigsten Mitglieder des Deutschen National- Komitees, das die deutsche Bürgerschaft wieder. zur Selbst- Besinnung zurückführts, war der damals 24jährige Bernhard Jaffö, der sich später als Vorsteher der Poseuer Stadtverordnetenversammlung und Präsident der Handelskammer hohe Verdienste um seine Vaterstadt erworben hat, —- der Schwiegervater unseres unvergeßlichen Eugen Fuchs. III. In der zweiten Halste des neunzehnten Jahrhunderts fielen alle rechtlichen Schranken auch für die Poseuer Juden. Die Emanzipation war für sie nicht bloß eine äußere Errungenschaft. Sie wurde ein inneres Erlebnis und schuf den Typ des in sich gefestigten, selbstsicheren, freiheitlich gesinnten jüdischen Bürgers. Im Zusammenhang mit dem Aufschwung nach der Reichsgründung erwuchs die Stadt Posen zu einem blühenden Gemeinwesen, dessen kulturelle, soziale und wirtschaftliche Einrichtungen berechtigte Anerkennung fanden. Tie deutschen Juden stellten in vorbildlicher Werse ihre besten Kräfte in den Dienst der Vaterstadt. In der städtischen Verwaltung, in der Stadtverordnetenversammlung, in den Vertretungen von Handel und Industrie, in den gemeinnützigen Vereinen, in den Wohltätigkeitsanstalten — überall sah man die Juden an führender Stelle uneigennützig und ehrenamtlich tätig. Aber nicht hiervon soll weiter die Rede sein, sondern von ihrem Verhalten, als End e 1918 nach dem Zusammenbruch des deutschen Heeres der von langer Hand vorbereitete polnische Aufstand ausbrach, und die Aufständischen sich in raschen Erfolgen der Provinz Posen bemächtigen konnten. Die deutsche Bevölkerung, von jeder Verbindung mit dem Mutterkrude abgeschnitten, und jeden Rückhaltes an deutscher Staatsumcht entbehrend, war auf sich selbst gestellt. Die deutschen Juden haben in dieser Zeit höchster nationaler Gefahr nicht versagt. Versagt haben — mit Ausnahme der Gerichtsbehörden, die unerschüttert die deutsche Souveränität rvahrten — die E verantwortlichen Staatsbehörden. Versagt haben die militärischen Kommandostellen, trotzdem sie eine ansehnliche Macht in Händen hatten. Unfähig zu selbstverantwortlichem Handeln, der neuen Lage verständnislos ' gegenüberstehend, überließen sie die Staatsgewalt und die deutsche Bevölkerung den aufständischen Polen. Posen starrte in Waffen. Polnische Truppen waren wie aus der Erde gewachsen. Die deutschen Bürger, innerlich zerrissen durch die Staatsumwälzungen in Deutschland, hatten es schwer, eine klare Stellung zu finden, um so mehr als der polnische Terror hemmungslos wütete. Da war es wiederum eine kleine Schar von Männern, die sich zufammenfanden, um, ungeachtet aller Gefahren, die Führung der deutschen Sache in die Hand zu nehmen. Es ist bezeichnend, daß in dieser kleinen Schar sich eine beträchtliche Anzahl von Juden befand. Der Deutsche Volksrat wurde ergründet, ohne Unterstützung der dcutrüten Staatsbehörden, zmn Teil im Widerstreit mit ihren bureaukratischen Eimvendungen. Der. Landesverband und die Orts- Spe Posen des Eentralvereins deutscher Staatsbürger chen.Glaubens traten sofort dem Deut-kchen Volksrat bei. der Deutsche Volksrat für die Wahrung der deutschen Rechte und für das Wohl der deutschen Bevölkerung geleistet bat, blellü einer späteren geschichtlichen Würdigung Vorbehalten. Entschlossen und entsagungsvoll haben deutsche Männer und Frauen Höchstleistungen geboten. Die politischen Gegensätze wurden zurückgestellt im Angesicht der gemeinsamen" nationalen Gefahr. Mit Stolz kann hervorgehoben werden, und es $ra. anerkannt worden, daß bei dieser nationalen Männer und Frauen an erster Stelle und an geml)ruchem Posten gestunden havou. Sie haben für die deutsche Sache mit bedenkenloser Selbstverständlichkeit^ mkk Mut und einer Gesinnung gekämpft, die aus der Tiefe ihres Dolksbewußtsems floß. Sie"haben für die deutsche Sache gelitten und haben Internierungen, Verhaftungen und Verfolgungen, Boykotte und Schikanen als ein Opfer hingenommen, das ne ihrem Volkstum schuldig seien. Zahlreiche Juden haben gemeinschaftlich mit den cnrdern Deutschen in den halbunterirdischen Höhlen des berüchtigten Kriegsgefangenenlagers von Szezypiorno geschmachtet, einem ehemaligen Russenlager, das die deutsche Heeresverwaltung im Kriege wegen seiner sanitären Unzulänglichkeit geschlossen hatte, weil auch den bedürfnislosen russischen Kriegsgefangenen der Aufenthalt daselbst nicht zugemutet rverden konnte. Man kann ruhig behaupten, day die deutfckwn Juden in Posen den Polen gegenüber eine nationale Widerstandsfähigkeit gezeigt haben, die nranch Deutscher vermissen ließ, oer in sicheren Zeiten stein Deutschtum betont zur Schau getragen hatte. In den Zeiten, da alles drunter und drüber ging, als die Arbeiter- und Soldatenräte auch in Posen die Herrschaft ausübten, und die' Polen, diese Situation geschickt für ihre nationalen Zwecke ausnutzcnd, auf die Stadtverwaltung Einfluß zu gewinnen suchten, war es der seit Jahrzehnten selbstlos und erfolgreich für das Wohl der Stadt tätige jüdische Stadtverordnetenvorsteher, der die Verfassungsrechte der Stadtgemeinde und damit die deutsche Staatsmacht mannhaft gegen die polnischen Ansprüche verteidigte. Die schwersten Verfolgungen, die wieder-' holten Freiheitsbeschränkungen und Internierungen, denen er nach dem Gelingen des polnischen Aufstandes ausgesetzt war, hat er mit vornehmer Gelassenheit ertragen. Als im Jahre 1919 die polnischen Machthaber die deutsche Stadtverordnetenversammlung auslösten und neue Wahlen ausschrieben, hatten sich die Deutschen Posens unter Ausschaltung aller Parteigegensätze zu einer Deutschen Einheitspartei znsamnwngeschlossen. Es ist bemerkenswert, daß die Wortführer der Deutschen in dem polnischen Stadtparlament hauptsächlich zwei jüdische Stadtverordnete rvaren, die, sich der deutschen Sprache bedienend, furchtlos gegen das den Deutschen zugefügte Unrecht kämpften, rücksichtslos in aller Oefsentlichkeit die Wahrheit verkündeten und sich auch bei ihren polnischen Gegnern durch ihre Persönlichkeit, ihre Leistungen und ihren Mut Achtung und Gehör erzwangen. Eindrucksvoller konnte sich die innere Verbundenheit der Poseuer Juden mit dem deutschen Volke nicht erweisen, als durch die Tatsache, daß der größte Teil von ihnen ihre gute Existenz aufgab und die Heimat verließ, nur um unter Deutschen zu leben und deutsche Luft zu atmen, in voller Erkenntnis dessen, was ihrer in dem nied'ergebrochenen Deutschland wartete. Sie handelten nach dem in Posen immer wieder gehörten Wort: „Lieber in Deutschland hungern, als in Posen schwelgen/ IV. Wer das Schicksal der Juden in Posen iw den letzten 609 Jahren mit historisch gerichtetem Blick überschaut, dem drängen sich einige Betrachtungen auf, die auch für die Gegenwart von Interesse sind. Viele Hunderttausend, ja Millionen von Deutschen, die die deutsche Sprache und Kultur nach Polen gebracht haben, sind, von der einheimischen Bevölkerung aufgesogen, Bestandteil des polnischen Volkes geworden. Wieviel deutsches Blut fließt in den Adern von'Menschen, die sich heute rühmen, Nationalpolen zu sein, die die deutsche Sprache verabscheuen, deutsches Wesen ablehnen und dein deutschen Volke feindlich gesinnt sind. Sie sind dem Deutschtum für immer verloren gegangen. Die Juden aber haben durch die Jahrhunderte die deutsche Sprache und uralte deutsche Gewohnheiten unabsichtlich und unbewußt, behütet und betreut. Sie haben, als polnisches Land deutsches Land wurde, sich sofort innerlich als zu Deutschland gehörig gefühlt und betätigt, als ob sie daun erst ihre Heimat wiedergesunden hätten. Was ist Volk? Ist es wirklich Blutsgemeinschaft? Oder ist es nicht vielmehr eine nach tiessten Naturgesetzen sich vollziehende Zusammengehörigkeit, deren letzte Gründe nicht zu enträtseln sind, deren Wesen aber sicherlich nicht nach rohen Maßstäben gemessen werden kann. Etwas Unwägbares und Unmeßbares, das am stärksten ist, wenn es absichtslos und unbewußt wirkt, und vielleicht am schwächsten dann, wenn es' laut und absichtsvoll in die Erscheinung tritt. * Nachwort Der Schrrstleittnrg Berthold Haase wirft im letzten Absatz seines Aufsatzes die Frage auf: Was ist Volk? Und er antwortet: eine nach tiessten Naturgesetzen sich vollziehende Zusammengehörigkeit.... etwas Unwägbares und Unrneßöares ... So hat der jüdische Deutsche in den'

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