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Central-Verein-Zeitung · 1925-01-02 · 1 (2.1.1925) · p. Seite 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
1 (2.1.1925)
Date
1925-01-02
Page
Seite 11 (sequence 21)
Language
German
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11 ftue öre Welt öer Chajsiöim. Von Ehajim Bloch (Wien). Die neuzeitlichen Erfindungen. Einst sprach Rabbi Ch-ajim von Sandz: „Nichts auf der Welt hat der große Schöpfer unnütz erschaffen. Alles, was wir sehen, Hot seinen Zweck und dient, den Menschen zur Frömmigkeit anzutreiben. Sogar die neuzeitlichen Erfindungen sind nur dazu, um die Kraft und Weisheit, die Gott in der Natur und im Hirn des Punschen entfaltete, zu zeigen, damit die Menschen zum Verständnis gelangen, Gott zu lieben und zu fürchten!" Er hielt eine Weile mnc und sprach sodann: „^-ehet! Wozu, wähnt ihr, ist die Eisenbahn? Damit die MenplMi begreifen können, wie alles auf der Minute ankornmt. und daß man in einem Augenblick die Verbindung verlieren kann. Tie Fernschrift? Damit man sicht, das; jedes Wort kostbar ist und in Rechnung gestellt wird. Ter Lp rechdraht aber läßt uns verstehen, daß, wenü man unten spricht, man oben vernehmen kann." Tabei war ein Rabbiner aus Rußland. Er fragte: „Rabbi, wozu doch die Juden feiudschast "und Verfolgung des Gottesvoltes?" „Auch das ist notwendig," erwiderte der Rabbi, „denn siehe, es sind Juden, die vergeben würden, daß sie Juden sind, und darum hat Gott eine böse Schar in die Welt gesoffen und trug ihr auf, von Zeit zu Zeit die Juden zu erinnern, daß sie Juden sind!" E e st e r n u n d h e u t e. Eines Nachrs erhob sich Rabbi Ehajim von Sandz plötzlich vorn Lager, weckte seinen Leibdiencr Rastatt vom Schlafe und^rief: „Naftalr, geh' hinaus und sage aller Wett: der Rabbi von Sandz stck ein gemeiner Mann, ein Böstwicht, und es gebe keinen schlechteren Menschen als ihn. Geh' und verkünde es." „Rabbi," wendete Nastäli ein, „Rabbi, warum rodet ihr solche Worte? Lehrte doch der Baal - Schem - Dow: „Ter Mensch hat die Pflicht, sich jederzeit zu erinnern, er sei ein Sohn des Königs aller Könige und daher darf er vor sich nicht fallen'?" Rabbi Ehajim ging auf und ab und sagte immerfort: „Ich bin das niedrigste Wesen auf dieser Welt." Als Rabbi Baruch von Görlitz, des Rabbis liebster Sohn, davon erfuhr, verdroß es ihn, doch überkam ihn eine Furcht, seinen Vater zur Rede zu stellen. Ter folgende Tag war Neumond. Rabbi Ehajim saß beim „Tisch" und viele gehobene Ehafstdim um ihn. Ta tarn ein Mann ans Preßdurg und überbrachte ein Handschreiben des Sberrabbiner Schreiber; der bat-um Rabbi Chajims Bescheid in einer verwickelten Ehcangekegenheit. Ter Rabbiner von Preß bürg fügte hinzu, daß der berühmte Rabbi von Ujheli die betreffende Ehe als ungültig erklärt habe. Daraus erhob sich Rabbi Ehajim und sprach': „Die Ehe besteht zu Recht und hat reck)tmüßig volle Gültigkeit. Wohl entschied der Rabbi von Ujheli, daß das Ehebündnis keine Rechtskraft habe, ich, Fürst der Lehre und Leuchte des Zeitalters, entscheide jedoch, daß die Ehe nicht rückgängig gemacht worden kann." „Vater," rief nun Rabbi Baruch, „Pater, erst gestern hast du behauptet, du warst ein gemeiner Mensch, das niedrigste Wesen aus Gottes Erden, und heute behauptest du, der „F ü r st der Lehre", die „Leuchte des Zeitalters" zu sein?" .LVe'ßt du nicht," sagte Rabbi Ehajim, „daß „heute" nicht „gestern" ist? Der wahre Mensch ist ein wandelnder, uw) wenn chm Gott die Kraft gibt, so vermag er in einem Tage sich von der niedrigsten zur höchsten Stufe zu erheben." Das Husten. In feiner Krankheit, da er furchtbar hustete, schrieben ihm die Aerzte ein Heilmittel vor. Ta war Rabbi Ehajimzaghaft, daß das Mittel aus gesetzmäßig zum Genüsse verbotenen Stoffen bestehe, und weigerte sich, es an sich zu nehmen. Sein ältester Srchn, Rabbi Aron, drang in chn, das Fläschchen zu nehmen und wies auf die Lebensgefahr hin, die den Genuß von Trefa erlaubt. Ta rief Rabbi Ehajim in Verzückung: „Wer braucht in der Welt des göttlichen Ausflusses, im Olam ha-Aziloth, ein Heilmittel?" Rabbi Aron wendete ein: „Fürwahr, im Olam ha- Aziloth braucht man kein Heilmittel, dort aber wird auch rucht gehustet!" Nun sprach Rabbi Ehajim: „Tas Recht ist bei dir, mein Sohn", und ließ sich die Arznei reichen. Das Leben. In den Jahren vor seinem Tode, da eine schwere Krankheit an seinem Leib zehrte, versagte ihm der Hausarzt, das Bitterkraut, ^,'Morer", am Pen ach zu essen. Am Seder nahm er das Haupt einer Erdrübe und hob die borgejchriebenen Eingangsworte: „Ich bin bereit das Gebot des Morerepens zu erfüllen", zu sagen an. Tie um den Tisch Sitzenden erschraken, denn der Arzt sagte, das Morercssen bedeute für den Kranken den sicheren Tod. Doch keiner erkühnte sich, den Rabbi in seiner heiligen Handlung zu stören. Tann sprach er den Segen: „Gelobt bist du, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt hat und uns befahl . . sagte aber nicht, wie der Segenspruch lautet, „Morer zu essen", sondern „ . . . das Leben zu schonen", und legte die Rübe aus der Hand. * Bon Ehajim Bloch ist lucker dem Titel „Kabbalistische Sagen" lim Verlag der Ana Major, Leipzig, 1925) soeben ein Luch erschienen, das die Legenden über Leben und Lehre des großen Kabbalisten Rabbi Jizckxck Luria ha-Levi Aschkenasi zum Inhalt hat. In Ehrfurcht vor der sittlichen- Reinheit chassidischer -Gedanken und in Bewunderung^ ihrer tiefsinnigen Fülle hat Bloch dieses schwierige Werk der Sammlung und Uebertragung unternommen, und dem Leser teilt sich diese Grund ftirnmung unwillkürlich mit. So wird die noch sehr unbekannte und deshalb vielfach mißdeutete Welt des Chassidismus ihrem Tunkel entrissen und ins helle Licht moderner Betrachtung gerückt. Daß diese seltsame Welt der Wunder und Sagen Spott Hervorrufen wird — eine Befürchtung, die Bloch wie er selbst sagt, an seinem Beginnenfast gehemmt hätte —, ist faimi anzunehmen. Vielmehr kommen das Jnterepe, das nun heute fast seder Art volkstümlicher Erscheinungen zmvendct, die ausgeprägte Vorliebe rveiter gebildeter Kreise für alles, was östlich des modernen N'-esllicheuropüischen Knlturlreisos gelegen ist, und die Hinneigung zu jeder Form der Mystik, in der viele die Heilung vorn Rationalismus der letzten Generationen suchen, einem solchen Unternehmen entgegen. Bor allem wird das Buch natürlich den jüdischen Leser fesseln. Ten modernen Westjuden wird vielleicht eine gewiffe, unerfüllbare Sehnsucht überkommen nach dev Harmonie jüdischer Lehre und jüdischen Lebens, die jener chassidischen Welt so eindeutig gege-ben ist. ihnr dagegen imurer neu zum Problem wird. Und schließlich wird das Buch auch dann seine Bestimmung erfüllen, toemt es nichtjüdische Leser in der nicht ganz reinen Envartumg, hiev endlich einer jüdischen Eeheimlehre auf die Spur zu kommen, enttäuschen wird durch die Offenbarung, daß es sich rar kabbalistischen Chassidismus mn nichts amdcrcs handelt als um einen der großen Verholze, durch die Menschen sich der sie bedrängenden Rätsel Gott, Seele, Leben, Tod zu. bemächtigen hoffen. M. _\V. Man vergleiche die Entwicklung des Kindes beim Genuss von gewöhnlicher Milch und bei Verabreichung der reinen hochwertigen Sahnemilch Ramogen. Vorschriften tUr Ramogen-Speisen frei und unverbindlich durch Deutsche K5llchwerke A.-G., Zwingenberg (H.)e

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