Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- Seite 9 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Erfahrungen eines anöeren Gberlehrers. Glückliches Baden! In einer der Letzten Nummern unserer„C. V.-Zeitnng" hat ein Kollege aus Finsterwalde unter ' dem Titel „Erfahrungen eines Oberlehrers" mit Reckst seinem gepreßten Herzen Luft gemacht, indem er über den zunehmenden Antisemitismus unter den Schülern, und zivar unter den Augen des Lehrkörpers, Klagen führt. Er schildert darin, daß einmal völkisch gesinnte Lehrer die verschiedensten llnterrichtsgegeuftände, vor allem aber den deutschen und Geschichtsunterricht, dazu mißbrauchen, ihre Weltanschauung den jugendllck)en Kopsen einzupslanzen, dann aber aud% daß politische Bereinigungen Schüler an sich ziehen, die dann stolzbisher sogar in der schule, seit einem entsprechenden Erlaß der dortigen obersten Schulbehörde aber noch außerhalb derselben ihre Abzeichen zur S<yau tragen. Gewiß steht jene Schule nicht einzig da. Aehnüche V'orkonunuiffe werden sich aus den verschiedensten Teilen des deutschen Vaterlandes aufzählen lasten. Um einen Lichtblick wenigstens in dies düstere Bild zu werfen, darf ich sagen, daß ich an der Rotteck-Oberre.alschule, an der ich seit rund zwanzig Jahren wirke, nock) niemals, gelbst nicht in Zeiten der Wahl, etwas von Judenhaß gemerkt habe. Ich käme in Verlegenheit, würde ich aufgesordert, unter meinen mehr als 30 Kvllegen auch nur einen einzigen völkisch gerichteten Mann zu nennen. Damit braucht keineswegs gesagt zu sem und sei auch nicht gesagt, daß alle Philosemitisch gesinnt sind. Aver noch nie, weder in Konferenzen, noch im Persönlichen Verkehr kam es zu Streitigkeiten oder auck) nur zu Anläßen zu solchen. Ebenso ist mir nie zu Ohren gekornnren. daß irgendeiner im Unterricht antisemitische Bemerkungen gemacht hätte. Und ick) hatte das, da wir viele jüdische Schüler haben, sck>ON einmal erfahren. Zu dem guten Einvernehmen zwischen den Konfessionen trägt sicher auch die Haltung des Direktors vei, dem jede konfessionelle Gehässigkeit fernliegt und der solche auch nie dulden würde. Ich kann dies hier ruhig sagen, ohne rn den Verdacht der captatio beaevoleutiae zu kommen, da er diesen Artikel wohl nicht lesen wird. Qualis rext talis grex. Wie der Herr, so's Gescherr. Unter unseren Schülern, deren Zahl über 500 nt, gibt es sicher solche, die aus ihrem elterlichen Milieu judengegnerische Neigungen nntbringen. Aber ich habe in der langen Zeit kein Hakenkreuz in der Schule, noch außerhalb derselben gesehen, habe auch noch nie gehört, daß ein jüdischer Mitschüler, eben weil er Jude wäre, von ihnen boykottiert worden wäre. Wohl aber habe ich leider des öfteren gehört, daß die Verbindung zwischen ihnen sich löste, sobald die studentischen Korporationen die schulentlasienen jungen Leute in ihre liebevolle Umarmung ausgenommen haben. Hier also, auf den Universitäten, nicht in den Schulen, liegt nach meinen Erfahrungen das Uebel. Zwar kommen auch auf der Schule bei einem Streite Zwischen Schülern antisemitische Bemerkungen ans Tageslicht; aber einmal handelt es sich hier meist um junge Schüler der untersten Klaffen, «lso etwa Quinta oder Quarta, und dann sind dieselben oft nicht allzu tragisch zu nehmen. Hin und wieder, allerdings wirklich sehr selten, kam es vor, daß sich ein junger Schüler bei mir beklagte, sein Gegner habe ihn „Iud" geschinrpft, aber ich habe stets gesunden, daß das dann nicht mehr vorkam. wenn ich den betreffenden „Sünder" nicht zornig ansuhr, sondern ihm sachlich und ruhig das Ungehörige seiner Aeußerung zu Gemüt führte. Man darf auch nicht überernpsindlich sein. Ich habe es sür nötig gehalten, jenen Schattenseiten auch eine Lichtseite entgcgenzustellen, und will hoffen, daß sie nicht die einzige ist. Immer war ja unser liebes „M u st e r l ä n d l e" ein Dorado des Fortschritts und der Duldsamkeit. Hoffen wir, daß es auch so bleiben wird, und daß andere Länder ihm folgen werden. Wünschenswert wäre es aber, wenn die Schriftleitung einmal eine Umfrage im ganzen Reich veranstalten würde, um einen Ueberblic? über die Schulder lMn iss e in dieser Hinsicht zu ermöglichen. „Wer hilft?" fragt der norddeutsche Kollege. Hier rnüsten wir selbst Helsen. Jeder jüdische Lehrer fei vor allem selbst im Dienst und in der Qrsfentlichkeit ein Vorbild von Pflichttreue und Ehrenhaftigkeit, damit seine Schüler in liebevoller Verehrung an ihm hängen. Tann wird sein Beispiel zwar den^Judenhaß gewiß nicht ausrotten, aber verringern und mildern. Tann habe er ein scharfes Auge und Ohr für die Vorgänge um ihn, aber ja nickst in ausfallender, argwöhnischer Art. Tenn dann wird er, und zwar mit Recht, den Oppositionsgeist wachrufen und Kleinliches in unangenehmer Weise vergrößern. Ueberempsindlichkeit und Nervosität haben noch immer die Uebel vermehrt. Hat man aber bei Kollegen oder Schülern irgendeine ungerechte Tatsache festgestellt, dann darf man nicht ruhen, bis sie wieder gutgemacht ist. Aber man rufe auch da nicht gleich nach dem Kadi, sondern versuche zuerst persönlich' die Sache" einzurenken. Ist das nicht möglich, dann bleibt immer noch die Zuflucht 3:1m Centralverein, der noch nie versagt hat. Freiburg i. V. Pros. Dr. Ferd. E u t h e i m» Der jüdische „Radikalismus". Die englisch-jüdischen Abgeordneten. Wenn ini Deutschland kein jüdischer Deutscher sich in den ganz rechts stehenden Parteien betätigt, so ist der Grund Her: Kein vern uns rigor jü-disck)er Deutscher kann sich einer Partei zu wenden, die ihn selbst aus das schärfste bekc'mpst. Folgern daraus völkische Kreise heuchlerisch und mit einem Gcdankenlustsprung: also ist der Jude nur radikal, so mögen sie.sich nach England tuenden, sich jüdische Engländer rn a l l e st Parteien, ungehemmt vom „Rasten- Hape", politisch ausleben. Einen uuer schütter licken Berners dafür bieten die jüngsten englischem Wahlen- 14 jüdische Engländer wurden ins Parlament geroäylt. Von ihnen sind sieben konservativ, fünf liberal, und zwei gehören zur Arbeiterparier. Eine gerechte Strafe. Der Redakteur'der „Tilsiter Zeitung" verurteilt. Ter verantwortliche Redakteur der „Tilsiter Zeitung", Fritz Wirth, hatte im Juli d. I. einen Artikel veröffentlicht. Ohne eine Spur des Beweises, hatte er Männer, die im Felde voll ihre Pflicht und Schuldigkeit getan und sich sogar besonders ausgezeichnet hatten, als Teserkeure und Feiglinge bezeichnet. Wegen dieser Beleidigungen hatte Herr Sabatzky (Königsberg), der Syndikus unseres Landesverbandes Ostpreußen, gegen Wirth Privattlage erhoben. Rechtsanwalt Dr. Grumach (Königsberg) wies als Vertreter des Privatklägers bei der Gerichtsverhandlung in seinem Plädoyer auf die Verwerflichkeit dieser Hetze hin, die dazu dienen sollte, den Privat klüger in seiner Eigenschaft als Vertreter einer jüdischer; Organisation in der Oeifentlichkeit unmöglich zu machen. Das Gericht verurteilte Wirth zu einer Geldstrafe von 150 Mark bzw. 10 Tagen Gefängnis. In der Urteilsbegründung hob der Vorsitzende hervor, daß der Angeklagte sich gegen einen politischen Gegner schwere Beleidigungen habe zuschulden kommen laßen. Andererseits wurde dem Angeklagten seine bisherrae Unbescholtenheit zugute gehalten. Ter Angeklagte wurde zur Zahlung der Kosten des Verfahrens sowie der Anwaltskosten verurteilt. Außerdem wurde dem Privatklüger PublikaLionsbefugnis in der „Tilsiter Zeitung" und in der „G V.-Zeitung" zugesprochen. Alleinige Anse lgon-Aanahrao Btsdolf Elo so©» AnEoig-on-Annalira.© für ß&mtl« Zeitas^en Dentsohla&ds aod &©» An cl&ndts. C(tlin6'Wl9, Sen^alm«: 6txake i BrcSlau f Chrmrrltz [ TreZden { Düncldork / Erfurt / Frankfurt a. M. / Halle (Saalr) / Hamburg / Hannover Lr!n v.Rh. j Leipzig j Magdeburg /Mannheim / München I Zlürudrrg / Stuttgart / Amsterdam / Prag I Wien / Budapest J Warschau [ Lase! f Zürich. ‘Blechpackungen jeder' rfrt Qlakate und Reklame Blechspielwaren itf S 5 i\ 'D> 11M Q CS Aa«G. für Bloohlndustrie Berlin » Hamburg Eig^no k©n In Nürnberg, Bortln, Altona-Hamburg ßß