Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- Seite 7 (sequence 13)
- Language
- German
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Sollen M§ Im Aus allen Gegenden des Reiches erhalten wir Zuschriften, die sich mit den beschämenden Vorgängen im Deutfch-Oesterreichischen Alpenverein befassen. Kann es ein jüdischer Deutscher mit seiner Selbstachtung vereinbaren, noch Mitglied des Alpenvereins zu bleiben? So lautet die Ueberschrift fast aller Eingänge. Wer versteht nicht die berechtigte Erregung des deutsch-;üdischen Alpinisten, der mit warmem Herzen bisher dem Atpenverein angehört hat und den man nun als „rassisch minderwertig" und als anderen Deutschen ungleichwertig abzustempeln versucht? Wer versteht nicht, wenn er den Völkischen ins Gesicht schreit: Nun ifts genug! So tut es die hier wiedergegebene erste Zuschrift. Ist es aber richtig und der Sache dienlich, die Frage nur mit Herz und Gefühl zu behandeln? Die zweite Zuschrift, die wir veröffentlichen und die vor überstürztem Handeln warnt, wird durch ihre Sachlichkeit und Ueberzeugungskrast auf alle gerecht denkenden Mitglieder des Alpenvereins, jüdische und nichtjüdische, ihren Eindruck nicht verfehlen. Sie scheint uns die Richtschnur für das Verhalten aller jüdischer Mitglieder des DÖAV abzugeben. Die Schriftleitung. * Es ist genug! Es gibt eine Grenze, wo die Dickfälligkeik aufhort und die Ehrlosigkeit besinnt, so schrieb während des Wahlkampfes ein großes demokratisches Blatt. Diese Grenze ist für die jüdischen Mitglieder des DÖAV mit dem Beschluß, die Zu großem Teil aus Juden bestehende Sektion „Do na ul and"' gerade um dieser Juden willen aus dem Gesangverein auszuschließen, erreicht. Man muß Stellung nehmen, und die Wahl des Weges ist, dank der Münchener Beschlußfassung, für ehr lieben de Juden nicht schwer. Sie muß die gleiche sein, die von den jüdischen Mitgliedern der Münchener Ortsgruppe eingenommen wurde, als diese in Auswirkung des Falles ,.Donauland" den Xumerus clausus für Juden beschlossen hatte: Austritt aus dem Verein! Mögen also die Herrschaften, die scheinbar das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen Sport und „deutschvölkischem Wesen", das heißt zwischen einer durchaus internationalen Körperübung und einer Sumpfpflanze der deutschen Nachkriegsatrnosphäre, entdeckt haben, in Zukunft und für alle Zukunft, solange sie sich nicht ändern, unter sich bleiben, sowohl in ihren Sektionen wie in ihren, zu großem Teil mit dem Gelde oer jüdischen Mitglieder erbauten Hütten. Es gibt noch andere Alpenberge, als auf bayerisch-österreichischem Boden, und es gibt auch andere deutsche Alpenvereine, in denen der deutsche JuLe willkommen sein wird, wenn er seine erprobte Sportbegeisterung und seine nicht minder bekannte Opferwilligkeit mitbringt. Gerade m Oesterreich verdanken die Sektionen -des DÖAV wohl den wesentlichsten Teil ihrer Mittel der Freigebigkeit der jüdischen Mitglieder, denen jetzt bevorsteht, auf den Hütten antisemitisch angepöbelt zu werden, rvenn man es nicht vorzieht, sie gleich überhaupt nicht aufzunehnren und den Gefahren hochalpiner Nächte zu überantworten. Sollte es Juden geben, deren Dicksä tligkeit so groß ist, daß sie sich derartiger Behandlung aussetzen rnögcn, so ist ihnen jede moralische und körperliche Ohrsei ge, die sie erhalten, aufs herzlichste zu gönnen! Ob der DÖAV sich aus die Dauer bei dem selbstgewählten Regime wohlfühlen wird, muß zrmächst dahingestellt bleiben. Die Lektion, die von den selbstbewußten deutschen Juden durch FernbleibenausantisemitischverseuchtenKurorten und Gegenden im vergangenen Jahre erteilt worden ist. war ziemlich empfindlich, und wäre es noch mehr. gervesen, wenn nicht eben doch viele Glaubensgenossen mit einer ziemlich dicken -baut ausgestattet wären. Das Wehgeschrei der an ihrer empfindlichsten Stelle, nomlick) dem Geldbeutel. Gestraften, die zwar den jüdischen Gast nw i mögen, aber gegen sein Geld nicht die geringste Abneigung verspüren, wäre sonst noch viel kläglicher gewesen. Der Erfolg dieser Abivehrakbion zeigt den Weg. den wir m. E. zu gehen haben. Es muß zu erreichn sein, daß durck) das energische Ltbrücken der GesckMigteu in den Gegenden, in denen das völkische Unwesen dominiert, den Hakenkreuzlerü selbst die Freude an ihren Taten vergeht. Solange wir einer großen Zahl von ihnen durch unsere Groschen im Sommer die Möglichkeit geben, im Winter sich haken» kreuzlerisch auszu leben, wird dem Unfug kein Ende zu machen sein. Nur wenn sie unsere Abwesenheit an der Mwesenheit eines Testes ihrer Einnahmen messen können, und daran seststcllen. daß selbst unsere Gutmütrgkert einmal ein Ende hat, ist eine Besserung möglich. Durch das Verbleiben unter ihnen zu versuchen, sie eines besseren zu belehren, wird immer ein Versuch am untauglichen Objekt bleiben. Wer sich im nächsten Jahre dazu durchringt, einmal den deutschösterreichischen Alpen sernznbleiben, und dafür seine Erholung in anderen deutschen Gebirgen oder gar in der Sckp.veiz oder Italien sucht, wird dafür durch ein wirklich vorzüglich organisiertes Kremdenver kehrslvesen, freundlick)en Empfang durch die Bevölkerung, nmßigo Preise und Awoesenheit des völkischen Hakenkreuzunsugs sich belohnt sehen, alles Faktoren, welche schon an sich eine bessere Erholung yeiväh-rleisten, als der Aufenthalt in Gegenden, in denen man sich nach den Erklärungen der letzten Jahre bestenfalls nup als geduldet betrachten kaum Dr, Arnold H e tj m a n n, :• Nicht überstürzt fjanfcefn! An die Mitglieder des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, die in dem Kampf gegen die in München begangene Vergewaltigung des Rechts im Vordergrund gestanden haben, gelangen täglich Anfragen von jüdischen und von vorurteilsfrei denkenden christlichen Mitgliedern, ob es für rechtlich denkende Menschen noch möglich ist, diesem Verein noch weiter anzugehören. Da die Frage alle jüdischen Mitglieder angeht, feien mir einige Worte hierzu an dieser Stelle gestattet. Für den, der temperamentvoll nur nach dem Gefühl handelt, ersä)eint die Antwort sehr einfach: „Sofortiger A tt § t r 11 i-. Versucht man die Frage aber nicht nur nach den: Gefühl zu lösen, sondern betrachtet man die Gesamtverhältnisse im Alpenverein und in den einzelnen Sektionen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die Antwort nicht einheitlich ausfallen kann. Sie muß verschieden beantwortet werden, je nachdem, uni welche Sektion es sich handelt. Die einzelnen Sektionen des Alpenvereins haben weitestgehende Selbständigkeit. Bis vor kurzem konnten sie sich ihre Satzrurgen frei geben, ohne daß die Leitung des Gesamwercins ihnen Hineinreden konnte. Jetzt müssen zwar Aenderungen der Sekrionssatzungen vorn Hauptausschuft genehmigt werden, eine Aenderung gegen ihren Willen kann aber keiner Sektion aufgezwungen werden. Die einzige gcnieinfchaftliche Verpflichtung der Sektionen gegenüber dem Gesamtverein besteht in der Abführung von Beiträgen und der Gewährung von Gleichberechtigung gegenüber allen Vereinsmitgliedern auf den Hütten jeder Sektion. Infolge dieser Selbständigkeit haben sich die Sektionen sehr verschieden^ entwickelt, und es gibt trotz des äußerlich sehr ungünstigen Ergebnisses der Abstimmung in München noch eine große Anzahl Sektionen, die das Gefühl für Recht und Anstand noch nicht verloren haben. Es muß ausdrücklich daraus hingewiesen werden, daß aus dem Stimmverhältnis, 1663 Stimmen für unb nur 190 Stimmen gegen das Unrecht, keinerlei Schlüße auf die Stimmung der Mitglieder des Vereins gezogen werden können. Die Stimmenverhältnige in der Hauptversammlung sind so geregelt, daß die kleinen Sektionen unverhältnismäßig mehr Stimmen haben als die großen. So haben zum Beispiel Sektionen bis zu 200 Mitgliedern für je 50 angefangene Mitglieder eine Stimme, Sektionen nrit 600 Mitgliedern acht Stimmen, mit 1000 Mitgliedern zehn, mit 2000 Mitgliedern zwölf und darüber für je 1000 rveitere Mitglieder nur je eine Stimme mehr, also mit 4000 Mitgliedern 14, mit 10 000 Mitgliedern 20 Stimmen usw. Unter den 190 SLinunen gegen den Ausschluß Donaulands rvaren überwiegend große Sektionen, die bei einer gleichen Stimmberechtigung eine ganz andere Stinrmenzahl in die Wagschile geworfen imd die zum Ausschluß nötige Zrveidrittelmohrheit znuüfellos verhindert hatten. Dazu kommt weiter, daß zahlreiche Sektionsvorstände es nicht für erforderlich gehalten haben, ihre Sektionsversammlungen zu befragen, oder, wie in einer ganzen Reihe von Fällen bekanntgeworden ist, ihre Sektionsmitgliet^r so mangelhaft informiert haben, daß diese ein ganz falsches Bild bekommen haben. Tie völkischen Hetzer haben genau gewußt, rveshalb sie es nicht auf eine Ilrabsiimmnng der sämtlichen Mitglieder haben aiifommcn lassen. Diese wäre anders ausgefallen! Bei Beantwortung der Frage „Austritt oder Nichtaustriit" müssen drei Gruppen von Sektionen unterschieden werden: 1. Gruppe: Die Sektionen, die den Arierparagraphen eingeführt oder, wie z. B. kürzlich die Sektion München, durch ihre Mitgliederversammlung die Anwendung dos formell nicht eingeführten Arierparagaphen ausdrücklich gebilligt haben. Für diese Sektionen empfiehlt sich ein geschlossenes Vorgehen aller rechtlich denkenden Mitglieder. Können diese Mitglieder die Energie zu aktivem Handeln mcht aufbringen, so bleibt ihnen nur der gemeinsame Austritt oder, was besser wäre, der gemeinschaftliche Uebertritt zu einer der unter Gruppe 3 behandelten Sektionen, wobei auf jeden Fall der Zusammenhalt zwischen diesen Mitgliedern gewahrt bleiben muß. Viel besser wäre es' allerdings, nach dem alten Satz „Die beste Parade ist der Hieb" zu handeln und zunächst Anträge auf Abschaffung des Arierparagraphen oder der Arierpraris zu stellen und, falls diese abgelehnt werden, Klage auf Auflösung der Sektion zu erheben, da sie nach Einführung politischer Tendenzen nicht mehr rn der Lage ist, ihre satzungsgemäßen, nur auf alpine Dinge gerichteten ZwÄe zu erfüllen. Das gleiche ließe sich eventuell auch durch Anrufung der Verwaltungsbehörden erreichen, vor allem in Oesterreich. Auf diese Weise würde es den völkischen Störenfrieden unmöglich gemacht, oen übrigen Mitgliedern ihren Anteil an dem teilweise recht erheblichen Sektionsvermögen zu entwinden; gleichzeitig würde ihnen und dem Haupiausschuß klargemacht, dasi ein großer Teil der Alpen* vereinsmiLglieder keinesivegs gesonnen rst, jede Ohrfeige ruhig ein« zusteckcn.