Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
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5 der Zoll Rutisker. D i e S ch u l d i g e u. Der Fall Kutisker, dessen Einzelheiten die Zeitungen bis ins kleinste Dorf getragen haben, hat mit Recht gewaltigen Staub auf* gewirbelt. Die Tatsache, daß, nach den neuesten Verhaftungen zu urteilen, auch Beamte der Preußischen Staatsbank, der Seehandlung, in die üble Angelegenheit verwickelt sind, hat besonderes Aufsehen erregt. Ter deutschnaiionale „Tag" 4 vom 29. Dezember) sucht aus Der Affäre politisches Kapital 'Zu schlagen. „Ein großer Teil", so schreibt er, „der zu diesen! Mattenkönig unsauberer Geschäfte gehörenden Personen und Alis- .länder. Sre stalnmen größtenteils aus dein Osten . . . Wer gegen diese Durchsetzung unserer Reicksthauprstadt mit solchen Giftbazillen .Einspruch erhob, wurde als engstirniger Nationalist verschrien." Das Vorgehen gegen solche „östlichen Elemente" ist von keiner deutschen Seite behindert worden, ganz gewiß nicht von deutsch-jüdischer Seite. Wer sich gegen die Gesetze, noch dazu als Ausländer, vergeht, gegen den muß die Schärfe des Gesetzes gehandhabt werden. Teutschnationale und Völkische haben aber nur gegen die Oftjuden, und gegen diese unterschiedslos gewettert und sie als die Quelle alles deutschen Unglücks unter ^verantwortungsloser Angabe schwindelhafter Zahlen hingestcllt. _ Sind etwa an allen Betrugsprozessen der Nachkriegszeit nur Ostjuden beteiligt? Wie steht es z. B. — nur ein Beispiel — beim <-Prit- Weber? Diejenigen Oftjuden, die sich vergangen haben, sind gewiß nicht zu entschuldigende Löscwichte. Was soll man aber dazu sagen, daß deutsche Beamte — und die deutsche Beamtenschaft genießt nicht mit Unrecht Den hohen Ruf der Unbestechlichkeit und volleudeten Ehrbaxfcit — bei diesen schmutzigen Affären wiederholt austauchen. Der „Tag" hätte gut getan, rechtzeitig einen Weg zu zeigen, wie die Staatsgewalten ausländische Schieber schnell und grändl'.ch am Kragen fassen können. Bisher heust's auch hier: „Biel Geschrei und wenig Wolle." Es kostet einen Federstrich, nach K a h r schem Muster, den die Teutschnationalen als den Netter hochpriesen, hundert brave und seit Jahren ortsansässige oftjüdische Familien aufs Pflaster zu werfen. Damit ist aber weder dein Staate noch der Moral auch nur um ein Haar genützt. Solange die Deutschnationalen bei so bösen Ereignisien wie dem Falle Kutisker weiter nichts können, die „östlichen Elemente" als die einzig Schuldigen zu entdecken und deren aller Ausweisung zu fordern, werden sie zwar dem Judenhaß vieler ihrer Anhänger schrneicheln, die iioiwendige und von allen anständigen Deutschen geforderte Reinigung unseres Wirtschaftslebens von verbrecherischen In- und Ausländern aber um keinen Schritt vorwärts bringen. Calormsrrms unö Kapitalismus. Nu^s einem Auf sah des Pro fessor B redt, M. d. R. * In ,5)et Arbeitgeber" (Nr. 18. S. 368) veröffentlicht Prosessor Gredt, der Führer der Wirtschastsparici im Reichstage, einen Aufsatz über „K i r ch e und Wirtschaft". Professor ^redt ist überzeugter Ealvinist, und der Artikel enthalt die solgende stelle: „ Es ist heute langst ein wissenschaftliches Allgemeingut geworden, daß der wirtschaftliche Aufs ch w u n ö auf kapitalistischer Grundlage sich in erster Linie da vollzogen hat, wo Calvinisten die Führung hatten: in den Nic- Derlmrden, in England. im Nordosten der Vereinigten Staaten, im deutsckstn Bergisch-Märlischen Jndusiricbezirk. Es ist auch von keiner Seite mehr bestritten, daß die französischen Nefugies dem brandenburg-preußischen Staate Kräfte zugeführt haben, die von Lehr großer Bedeutung geworden sind. Der puritanische Kaufmann, der mit weltumspannendem Blick seine Geschäfte betreibt, aber bei größtem Erfolge dennoch seine mehr wie einfache Lebensweise nickst aufgibt, ist ein Weltchpus geworden, den wir in Deutschland höchstens im Wuppertal noch antressen, jedenfalls früher antrafen. Denselben Typus finden wir aber auch in den höchsten Regionen der Staatsmänner: Eoligny, Wilhelm der .Schweiger, Moritz und.Friedrich Heinrich von Oranien, Eromjwell, Wilhelm 211. von England, Franllin und viele andere. Der größte Vertreter des echten Ealoinisnrus in Deutschland ist der Große Kurfürst, der cs überhaupt erst durchsetzte, daß das reformierte Bekenntnis neben dem lutherischen im Neiche zugelassen wurde; auch Friedrich Wilhelm I. ist nur auf solcher Grundlage denkbar. Das alles ist aber kein Zufall, sondern es ist die Auswirkung des Bekenntnisses." . Es ist interessant, mit welchem Stolz hier der C a l v i n i s rn u s m Anspruch nimmt, den wirtschaftlichen A u s s ch w u n g auf kapitalistischer Grundlage vollzogen zu haben. Umgekehrt wrrd dem Judentum in Versammlungen und auch sogenannten wissenschaftlich antisemitischen Schriften der scharfe Vorwurf gemacht. *§ ,habc den Kapitalismus überhaupt erst in die deutsche *r H ch a ft hrneingebracht. Es würde weit über den Rahmen emer kurzen Notiz hinausgehen, dieses interessante Problem, ßn dem sich Männer wie Brentano, ts o m hart, 9Ä a x SBct?er versucht haben, auch nur oberflächlich zu würdigen. Was ^vivrnrsmus recht ist, soll dem Judentum gegenüber wohl p.lutg seln, und wo der Ealvinismns wegen dieser Leistungen gepriesen wird, darf das Judentum gerechtenveise, gleichgültig, wie sich die Wirklichkeit im Augenblick verhält, deshalb nicht mit Schmutz beworfen rverdeu. , , Die Aufteilung Deutfchlanös. Ter „Völkische Kurier' tobt- Wir haben in diesen Blättern wiederholt dargetan, welche unaufhörlichen Beschimpfungen der katt>olisck)cn Kirche und, meist Hand in Hand, des Judentums die völkische Presse ausstößt. Wenn wir heute wieder einmal von derartigen Schmähumzcn Kenntnis geben, so geschieht das, um zu zeigen, in welcher nicht mehr zu übcrbictenden Form dem Zentrum und dem deutschen Judentum klipp und klar schimpflichster Landesverrat vorgeworsen wird. Ter Münchener „Völkische Kurier" schreibt in seiner Nummer 267 also: „Warum sollte das Zentrum, nachdem cs mit den Sozen und der ganzen übrigen schrvarzrotgelben Mischpoke die Auslieferung Deutschlands an die internationale Hochfinanz mit der Annahme der Tawes-Gesetze besiegelt hatte, heute sich nicht dazu entschließen, mit den Dcutschnatioualen den letzten Rest deutscher Souveränität in einem Reickstkonkordat an Nom zu verkaufen? Tie Frage der Austeilung Deutschlands zwischen Juda und Norn wäre Damit in glücklichster Weise gelöst. Finanz- und Währungs- Hoheit in den Händen der Juden, Dis deutsche Kultur Der Intoleranz der Kurie ausgclicfcrrr (Bon uns fett gesetzt. Tie Schristleilnug.) Was bleibt da noch viel übrig. Bon der Militärhol "it kann seit 1918 ohnedies keine Rede mehr sein. Sie wird von den Franzosen ausgeübt. Und was die Justizhohcit betrifft, so ist durch das Gesetz zum Schutz der Republik und der Juden dafür gesorgt, daß sic nickst im Interesse der Deutschen angewendet wird. Im übrigen mag in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß die Zentrumspartei bei der Einführung dos Lürgerlick)en Gesetzbuches im Jahre 1909 erst die Zustimmung des Papstes einholtc, bevor sie ihre Stimmen dafür abgab." * Es ist gut, daß manchmal auch deutsch nationale Organe aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. So schreibt die stramm deutschnationale „P o l z i n e r Zeitung" (Rr. 293 vom 14. Dezember): „Wir müssen unablässig darauf hinstreben, daß wir nur zwei oder wenigstens drei große Parteien in unserem Reichstag haben, eine Rechte und eine Linke, oder aber eine Rechte, eine Partei der Mitte und eine Linke. Ich sage ausdrücklich Partei der Mitte und nicht Zentrum; Denn Vas heutige Zentrum nrützte mit Stumps und Stiel aus unserem deutscheu Volkskörper ausgerottet werden, da es im Grunde eine landfremde Kartei ist." (Von uns fett gesetzt. Tic Schriftl.) Bis es soweit kommt, wird freilich noch viel Wasser zu Tal fließen. ... ßemössloö klingt. VölkischeAnerkeunungfürdenGeNtralverern. Wir haben erst unlängst berichtet, wie der Münchener „Völkische Kurier" die Arbeit des Eentralvereins mit bitterem Geschmack auf der Zunge würdigen mußte. Wir sind heute in der Lage, eine zweite Anerkennung aus dem Munde der völkischen „Schlesii sch cn Volkssti m in e" (Nr. 18) vom 19. Dezember d. I. unseren Lesern vorzulegen. Wir finden dort: „Ein Leser aus Brieg teilt uns folgendes mit: Es gibt doch Menschenfreunde. So wurde in den letzten Tagen vor der letzten Reichstagswahl durch den „P h i l o - V e r l a g" eine Broschüre verteilt: neutrale, gute Aufmachung, Herstellungskosten je Stück ca. 30 Pf., selbst frei Miüioneimuflage. Dahinter steht natürlich der „C e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdijchen Glaubens", denn auf dessen Veranlassung kamen in unsere Stadt 1000 Exemplare, die an Familienvorstände in die Wohnungen getragen wurden. Titel: „D i e Juden in Europa." Verfasser ist Ignatz v. Döllinger mit einem Vorwort von Leopold v. Wiese. Es sind also gleich zwei Aristokraten, welche die Juden als Vorspann benutzen, dem deutschen Volk — vor der Wahl cinzuhämmern, welche Wohltat es ist, daß die Juden im Lande sind. Mit dem Inhalt der Broschüre wollen wir unsere Leser nicht beschweren. Man wolle nur daraus ermessen, welche ungeheure Masse von Exemplaren über das ganze Reich verteilt sein dürsten, und man kann daraus ersehen, welcher Wert jeder einzelnen Stimme beigemessen wird/ Es könnte nichts schaden, wenn die völkische Zeitung ihren Lesern einiges aus dem Inhalt der Töllingerschen Broschüre mitgeteilt hätte. Daß es Leute gibt, wie Ignatz v. Döllinger und Leopold v. Wiese, die uneigennützig und um der Gerechtigkeit wegen ihre Persönlichkeit gegen die Entzweiung des deutschen Volkes durch völkische Ihnituct einsctzen, scheint für eine völkische Zeitung schwer bcgre'stlich zu fcin. Wir freuen uns, daß imfere schlesischen Freunde fo erfolgreich gearbeitet haben.