Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 27
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 681-682 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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681 Lreuenfels, über den Zustand der jüdischen Literatur. 682 wissenschaftlichen Zeitschriften", daß uns eine einzige oder höchstens zwei demBedürsmß zu genügen scheinen. Wenigstens würden wir dies der Zersplitterung non Arbeits- und Lehrkräften durch ein Zuviel vorziehen. Nur möge dann von Allen, die es angeht, dies einzige Blatt gehalten und unterstützt werden, damit wir nicht ganz -)DnDl üy]}2 dastehen und die Wissenschaft des Judenthums ihres letzten Organs beraubt werde. Desgleichen ist thätige Unterstützung durch Mitarbeiten dringend zu wünschen. In der letzte» Zeit hat der Redcrcteur selbst uiiverhältnißmaßig vielen Raum seines Blattes füllen muffen, was immer keinen erfreulichen Eindruck macht, wenn auch die Leser wohl nichts dadurch verlieren. Was wir für den „Orient" sonst zu wünschen haben, knüpfen wir an die erste Forderung, die wir an unsre wissenschaftliche Literatur überhaupt stellen möchten. Wir wiederholen nämlich zuvörderst unser oben ausführlich motivirtes Veto gegen das Ueberwuchern der Literärgeschichte und Bibliographie. Es sollen diese keineswegs ausgegeben, aber Denen überlassen werden, die dazu durch Vorliebe, besondere Befähigung und reiche Hülfsmittel berufen sind. Wollen denn unsre Männer sammt und sonders sich Ruth zum Vorbilde nehmen, die schüchtern nicht von dem einen Felde wich und da klaubte, so lange noch eine Stoppel zu lesen blieb? NN.Q iNiP sagt Ruch's Urenkel, in Midrasch, zu seinen Mannen — es sind ja soviel andere Felder da! Größere Vielseitigkeit möchten wir denn auch für diese Blätter wünschen, wofür freilich der Herausgeber, der schon gezeigt hat, daß er in verschiedenen Sätteln gerecht ist und gewiß keinerlei brauchbares Material zurückweisen wird, nicht allein sorgen kann. Indem wir uns nun auf früher Erörtertes beziehen, knüpfen wir weiter an den Grund au, der, nach unserm Dafürhalten, jenes einseitige Wersen auf Literaturgeschichte n. herbeigeführt hat, und müssen zweitens wünschen, daß ein sehr großer Theil unserer Literatoren aufhöre sich am liebsten mit ganz Unverfänglichen zu beschäftigen, allem Eingreifenden aber und Wesentlichen für „Lehre und Leben" — dem was wir vorhin die wahrhaft theologischen Fragen genannt — sorgsam aus dem Wege zu gehen. Das Dicmm von dem „Math einer Meinung" ist schon etwas abgenutzt, aber 'w cpftyD 'p ist ja besser als ,-jteD . Was wir unter dem Unverfänglichen und dem wahrhaft Theologischen verstehen, ist oben durch Beispiele des Breiteren erläutert, auch dabei gesagt, daß wir zwischen strenger Wissenschaft > religiösen Lagesfragen wohl zu unterscheiden wissen. Letztere.sind überdies augenblicklich bei uns gar nicht vorhanden, es hat daher mit dem entgegengesetzten Extremen wohl gar keine Noth. Allerdings liegt die Zeit noch nicht weit hinter uns, in der man eher hätte warnen müssen, die Wissenschaft nicht in das Treiben der religiösen Parteien herabzuziehen, alle Fragen auf das Gebiet der praktischen Reform oder Antireform hin- *) Von Franke!'s neuer Zeitschrift hatten wir noch kein Heft erhalten, konnten sie daher in diesen Zeilen nicht berücksichtigen. überznführen und nur demjenigen Werth beizulegen, was per fas ct nefas eine Ab - oder Anschaffung begründen oder beschönigen mochte. Wie man einst aristotelische oder platonische Philosopheme in die Bibel hineintrug, so hat man da mitunter in den Talmud und seine Commentatoren und Excerptoren Dinge hineingedollmetscht, an die Jene gewiß nicht im Traume gedacht. Diese Ltteraturrichrung ist seit der oft berührten Wendung der Dinge plötzlich und gänzlich verschieden, wir haben es daher auch oben nicht für nothig gehalten, sie mit die Revue passiven zu lassen, obgleich sie der Masse nach sehr bedeutend ist. Bleibenden Werth hat nur ein sehr geringer Theil davon. Wir haben nur zu wünschen, daß sie in der alten Weise nicht wieder auferstehe; man wird' ziemlich allgemein zugeben, daß das Meiste innerlich sowohl unwahr ist, zumal da jenes Hineindollmetschen nicht mit der Naivität und dem eignen guten Glauben der aristotelischen Bibelerklarer geschehen ist. Formuliren wir also, wie allgemein es auch klingen mag, unfern dritten und letzten Wunsch dahin, daß unsere wissenschaftliche Literatur ganz und rein wissenschaftlich sei, werde und bleibe. Haben wir vorhin gefordert, daß sie eine theologische Tendenz haben und aufhören soll, sich vorzugsweise und absichtlich mit Tendenziösem zu befassen; so wünschen wir jetzt, daß sie nie wieder anfange tendenziös zu sein, sondern durchgehendst nur eine Tendenz habe: reine Wahrheit, wissenschaftliche Erkenntniß und Forschung. Die Wissenschaft als solche schaut weder nach rechts, noch nach links; sie will weder „unterwühlen" noch „stützen" und „conftrviren" und wo sie immer in den Dienst einer Partei tritt, da wird sie nothwendig entwürdigt und gefälscht. Wir wissen, daß diese Forderung in gewisser Beziehung höchst unpraktisch, den Regeln der Buchmacherei und den Spekulationen eines Verlegers gerade entgegengesetzt ist. Je mehr unsre wissenschaftliche Literatur sich in Form und Inhalt streng scientisisch hält und sich nur an ein bestimmtes Publikum wendet, desto kleiner wird das letztere 'bleiben, es wird von Honorar oder gar reichem Soloe keine Rede sein können. Nun denn, in Gottes Namen, Wem daran liegt, der wähle sich bei Zeiten ein anderes Fach: Es bestreitet ja Niemand, doß selbst Novellen *) Man wolle diese Restriktion nicht übersehen; wir erkennen freudig an, daß ein nicht geringer Theil der einschlägigen Werke dieser Forderung genügend entspricht. Wir reihen aber noch Eins an. Wir haben vielseitige Mitarbeit für diese Zeitschrift gewünscht. Nun ist es uns wohl bekannt, daß viele achtbare Männer ihre Thätigkeit nur dann einem Blatte zuwenden mögen, wenn dasselbe durch und durch ihren Ansichten entspricht. Hätten wir eine reiche Auswahl von Blättern, so wäre das ganz in der Ordnung, unter unfern jetzigen Verhältnissen aber erscheint es uns als eine übel angebrachte Prüderie, unter der die Wissenschaft selbst am meisten leidet. In seiner gegenwärtigen Gestalt ist der „Orient" gewiß für rein wissenschaftliche Erörterungen — und andere möchten wir in demselben nicht sehen — ein ganz geeignetes Organ. Mehr darüber zu sagen wäre hier nicht passend.