Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 27
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 675-676 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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675 676 Treuenfels, über den Zustand der jüdischen Literatur. Volke mehr als bloße Andachtsttnb' Evbauumgsbücher liefern. Wir wollen damit über letztere kein wegwerfendes Urtheil aussprechen, aber die Erfahrung hat bestätigt, was sich bei dem Entwicklungsgänge des Iudenthums und dein Geiste der Juden voraussehen ließ, daß jene keinen rechten Boden unter uns gewinnen konnten, am wenigsten aber geeignet sind, das Gedürfniß vollständig zu befriedigen. Bedürsniß? — ob subjcctiv ein solches vorhanden sei, bleibe nunmehr dahingestellt; ein objektives aber liegt im höchsten Grade vor. Es ist dringende Pflicht, daß den Juden über die äußere und die Cultur-Geschichte ihrer Vorfahren, über Entstehung, Inhalt und Erläuterung der h. Schrift und der wichtigsten Bücher aus späterer Zeit, über das Wesentlichste ihres Glaubens, über Entstehung, Geschichte, Werth und Bedeutung* **) ihrer religiösen Institutionen, sowie über apologetisches Material gründliche und zugleich faßliche Belehrung geboten werde. Und mehr als alles dieses, daß die Bibel selbst in geeigneter Weise wieder in die Hände der Juden komme, da sie ihnen schier fremder ist als N. T. und Koran. Jedes weitere Wort über dieses himmelschreiende Elend ist überflüssig. Zwar ist das Uebel viel älter als die Gegenwart, aber man weist auch, daß es vordem durch Anderes eher ausgeglichen wurde. Daß bloße wortgetreue Uebersetzungen genügen konnten, ist eine ganz unjüdische Ansicht, In solcher Form hat man dem jüdischen Volke die meisten biblischen Bücher nie in die Hände gegeben, Paraphrase und Erläuterung war immer rmgestreut. (Die LXX gehört nicht hierher.) Zunz hat die unter seiner Redaktion erschienene Übersetzung auf dem Tileldlatte auch nicht „für das Volk" bestimmt; Salomon allerdings —- ob er geglaubt, daß das Volk sie so gebrauchen könne, obgleich er hier und da ein erläuterndes Wörtchen eingeschoben? und daß es sie gebrauchen werde? Wir sind vom Gegentheil überzeugt! Kurz es ist sehr Zeit an diese Arbeiten zu gehen, wenn nicht die Juden dem Judenthume ganz fremd werden und das Wissen von ihrer Religion — die ,-]*■) m — unter ihnen in Lälde aussterben soll. Nein unter Juden kann es nicht aussterben, denn wenn sie aufhörten von ihrur Religion zu wissen, so würden sie auch aufhören Juden zu sein. Wir brauchen das nicht zu beweisen, wenn es auch etwas schroff ausgesprochen fein mag". *) Die einfache, nüchterne Bedeutung! Strenge, höhere Symbolik schließt sich von selbst von populärer Darstelluntz aus; die praktische, wenn man will: spielende, fällt der Erbauungsliteratur anheim. **) Fürwahr an der Eintheilung der Juden in Orthodoxe und Nichtorthodoxe (bis zum „Heterodoxen" oder gar „Häretiker" ist man zum Glück noch selten gegangensind nicht blos die Namen fremden Ursprungs. Offen gestanden haben wir den Worten nie einen Sinn abgewin.nen können und loben uns dagegen die bekannten volkstümlichen Bezeichnungen, bei denen sich doch noch etwas denken läßt. Aber auf dem Boden des historischen Judenthums ist der Unterschied zwischen dem Erwähnen wir lieber noch einen besonderen und besonders rrothwendigen Zweig populär-wissenschaftlicher Werke, es sind Bücher zum Handgobrauche für Religio nslehrer. Die Zahl der strebsamen bildungsfähigen Männer in diesem Stande ist sehr groß; aber aus den Quellen, namentlich den religionsphilosophischen, können weitaus die meisten nicht mehr schöpfen. Nun, ein Jeder unserer speziellen College«, der je von.solchen wackern Männern um Rath und Anweisung zum Selbststudium angegangen worden ist, wird mit uns wissen, wie wenig Rath hier Zu ertheilen stst. Schon mehrfach haben wir da & B. als Handbuch für jüdische Geschichte den „Dessau er" Vorschlägen müssen'*, freilich mit dem Beisatze, daß es nur laute de suieux geschehe und das Buch rin armseliger Nothbehelf sei. Und doch 'wenigstens noch eine Aushülse! Für andere Fächer ist kaum eine solche und zum Theil ganz und gar nichts vorhanden. Das wichtigste unter jenen ist gewiß die Exegese; nun sind die Biurim für viele Lehrer, die zu viel mit dem Verständniß des Commentars zu kämpfen Härten, nicht mehr geeigeec, auch jedenfalls veraltet. Das Empfehlenswerthefte ist ohne Zweifel Herxheim er's Bibel, aber da diese zugleich für christliche Geistliche und Scudirende berechnet ist, so kann sie für Lehrer nicht ganz geeignet sein. Daher greift denn Mancher zu Fischer-Wohlfahrt oder D i n t e r, die er überdies leicht erhallen kann. Die Werke sind für den Stand geschrieben, aber — Hebr. Grammatiken und Wörterbücher sind vorhanden, aber wenn ein Lehrer etwas Chaldäisch lernen will, so ist Winer und noch mehr Fürst zu gelehrt für ihn. Und nun erst der eigentliche Religionsunterricht! Da hat der Lehrer seinen B ü d i n g e r, I o h l s o n, Herxheirrrer oder W ürt e m b. Religionsbuch. Aber woher nun mehr nehmen als auch die Schüler in Händen haben? Freilich das beste Religionsbuch für den Lehrer ist die Bibel selbst; aber er muß doch —■ abgesehen von vielem Andern, was chier in Betracht kommt — auch die spätere Entwickelung des Lehrbegriffs ein wenig kennen. Den Moreh rc. kann er weder hebräisch, noch in einer der ohnehin theuern und unvollständigen Uebersetzungen gebrauchen. Soll er nun etwa zu den Werken von Hirsch DDn TD^n und dem Dy immer weit stärker betont worden als Alles andere, rfy und “ron sind da bekanntlich ganz unverträgliche Begriffe, zu dem "MN aber giebt es besonders einen wenig schmeichelhaften Beisatz; dagegen D) '"ray "OM n"n 2y*o . ') Das kleinere Werk von Jost ist nicht für Lehrer bestimmt, auch für ihren Zweck nicht geeignet, da cs zu wenig Concretes, zum Erzählen Passendes, enthält. Für die Schüler ist, beiläufig, in Nassau El ka n's Leitfaden eingeführt. Seit der zweiten Auflage recht brauchbar, aber wahrhaft entstellt durch einen Wust von Fremdwörtern und andern die Fassungskraft der Schüler, namentlich auf dem Lande, übersteigenden Phrasen. Wie der Vers., selbst praktischer Lehrer, zu diesem Verstoß gegen die erste Regel, für ein Schulbuch, Faßlichkeit, gekommen, ist uns unbegreiflich. Vielleicht kommt ihm diese Ausstellung direkt oder indirekt zu Gesicht, cs wäre bei einer neuen Auflage leicht zu helfen.