Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 27
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 673-674 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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673 674 Lreuenftls, über den Znstand der jüdischen Literatur. Uebtr den gegeuwärtigenZustand dersüdischen Literatur iir Deutschland. Von A. Treuenfels« (Schluß.) So wäre denn das Resultat unsrer Erörterungen: Verzweiflung an der Wissenschaft des Judenrhums, an dem Gedeihen der jüdischen Literarur? Jedenfalls doch nur an der Gegenwart; denn wenn wir gesagt, daß jene sich noch in ihrem ersten Stadium befinde, so wird sie auch schon in die folgenden treten, und wenn die heutige Zeit dieser Entwicklung nicht günstig ist, so gilt das ^nn bl&l gewiß auch hier; es wird schon wieder eine mehr theologische Seit kommen und sie ist wohl gar nicht mehr fern. Moden wechseln rasche das gilt für »literarische, musikalische, wissenschaftliche Richtungen wie für Kleidertrachtem Verzweiflung an der Ankunft jüdischer Wissenschaft wäre Verzweiflung an der des Judentums überhaupt. Wir haben aber auch für die Gegenwart noch guten Muth und wollen sehen, wie wir den zweiten Theil unsres Motto, NnDfU ITEPD , rechtfertigen mögen. Allerdings bewegen wir uns gewissermaßen in einem Cirkel. Wir mußten einerseits es für nothwendig halten, daß die jüd. Literatur, um zu allgemeiner Geltung in den wissenschaftlichen Kreisen zu gelangen, mit reiflich ausgearbeiteten, ein fertiges übersichtliches Resultat bietenden Werken auftrete und für das größere jüdische Publikum acht populäre Bücher liefere — von der andern Seite mußten wir uns überzeugen, daß für beide Arten weder die günstige noch bereits die rechte Seit da sei. Welche Rathschläge haben wir nun unter solchen Umständen den Fachgenossen und Mitstrebenden (in aller Bescheidenheit) zu ertheilen? Zunächst gewiß den, daß es, trotz allem Jammer und aller Ungunst des Augenblicks, verkehrt wäre, die Hände in den Schooß zu. legen und gar nichts mehr zu thun. Soll es vorwärts gehen, so muß vorwärts gestrebt und das Mögliche geleistet werden. Es schweigen seit einigen Jahren, seit 1848, Männer, die wir sonst auf unserm Gebiete in'den ersten Reihen -der Schaffenden und Schreibenden zu sehen gewohnt waren, und der aufgetretene Nachwuchs ersetzt die so (anscheinend) ausgetretenen Triarier und Veteranen weder der Zahl noch dem Gewichte nach. Mag sein, daß Einige von ihnen, iu der ersten Seit ihres Rückzuges, sich andere Felder für ihre schriftstellerische Thätigkeit ausersehen hatten, oder gleichfalls von einem Ueberdruß an der Theologie ergriffen waren. Jetzt werden sie hoffentlich ihren rechten Platz und die alte Lust und Liebe bereits wieder gefunden haben; mögen sie bald gnte Früchte ihrer Muße bringen*. Wer sich selbst aufgiebt ist verloren *) Von Geiger ist soeben wieder ein Merkchen ange- .Zeigt worden. und wer. nicht an sich erinnert wird vergessen. Das sagen wir hier nicht in Bezug auf die Personen, von denen Einig«? für Andenken und Nachruhm wohl bereits genug gethan haben mögen, sondern im Hinblick auf die Sache, die jüdische Literatur; wenn die sich selbst aufgiebt, sich aus dem Buche den Lebendigen, aus dem regelmäßigen halbjährigen Meßkataloge, streicht, so ist Verschollenheit ihr sicheres Loos. Und möge um die alten, mehr oder weniger produktiven und bewährten, Arbeiter ein recht großer Kreis von Nachstrebenden sich bilden! Wir haben gleich im Eingauge dieser Betrachtungen die leiden nur zu begründeten Klagen über die Indolenz vieler Rabbiner iu und ihre geringe Teilnahme an der Fortbildung ihrer Wissenschaft registrirt. Wir wissen in dem Kreise unsrer eigenen Bekannten gar Manchen, dem es weder an Befähigung noch an Seit gebrichr, um recht Brauchbares zu leisten. Wir könnten Namen, Stand und Wohnort angeben und hätten gar nicht übel Lust einmal als öffentlicher.Ankläger in Sachen der jüd. Literatur contra i\r. N. pcro pigritiae aufzutreten! Nächst dieser Mahnung aber möchten wir rathen, die berr | den öfter angedeuterten Lileraturzweige, die streng wissenschaftliche und die populäre, scharf auseinander zu halten. Dre Forderung scheint in der Natur der Sache zu liegen und wirtz doch bei rms gar häufig außer Acht gelassen. Das Warum ift begreiflich. Eine Theilung der Arbeit findet aus unserm Gebiete selten statt; an bloßes Plündern und Compiliren, an mechanisches Abfaffen populärer Schriften, ist noch kaum zu denken; die Männer, welche an solche gehen, müssen selbst die Vorarbeiten und Detailftudien machen; da sollen diese nun nicht verloren sein und werden in Anmerkungen, Beilagen und Excursen deponirt oder gar in den volksthümlich sein sollenden Text mit ausgenommen. Von der andern Seite leitet die Rücksicht auf vergrößerten Absatz. Um bei wissenschaftlichen Werken den Leserkreis zu erweitern, sucht man auch für gebildete Laien etwas zu geben und umgekehrt in populären Büchern auch dem Gelehrten etwas zu bieten So möchte man das pjy anwenden, verdirbt es aber in der Tha.t mit beiden Arten der Leser und verhunzt beide Gattungen von Büchern, daß sie „nichts Ganzes und nichts Halbes" werden. Für den Einen bieten sie zuviel Bekanntes, sind in der Form zu breit, dem Andern geben sie zu viel Unverdauliches^ sind in dem Stoffe zu weit und in der Grundlage zu breit'. Trenne man also, was mit einander und als Durcheinander nicht bestehen kann, und sorge für wirklich volkstümliche Schriften auf unserm Gebiete. An Vorbildern, und darunter anerkannt trefflichein, aus andern Fachern fehlt es nicht; Art und Grad der Popularität steht aus ihnen zu erlernen. Wer reden natürlich ooai populär -wissenschaftlichen Werken, gerade diese si'nd's, die uns fehlen; wir müssen dem jüdischen *) Mitunter schimme rt hier jedoch eher eine gewisse Eitelkeit durch, die auch in dem populärsten Büchlein (Predigt len!) eine gelehrte Note anzubringen sucht. 43