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Der Orient · 1851-01-01 · Heft 26 · p. Spalte 669-670

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 26
Date
1851-01-01
Page
Spalte 669-670 (sequence 61)
Language
German
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Lreuenfels, über den Zustand der jüdischen Literatur 670 669 und geschichtetdann durch den mächtigen Feuergeist zu Massen und Barren zusammengeschmolzen wird, um zuletzt zu nützlichem Hausrath verarbeitet zu werden, oder Salon und Boudoir zu schmücken, oder,als geprägte Münze zu oursiren — so hat cmd; jede Wissenschaft drei ähnliche Stadien zu durchlaufen. Zuvörderst ist das Material herbeizuschaffen, zu läutern und zu sortiren; da ist pedantische Gelehrsamkeit am Platze, es muß gewählt, geforscht und „gediftelt" werden, je mehr und je sorgfältiger, desto besser. Die große Welt wird sich darum nicht kümmern, es höchstens dann und wann neugierig und mit leisem Schauer betrachten und bei sich denken: „es muß auch solche Käuze geben". Das ist die Stufe, auf der in Deutschland alle Schulfächer noch vor etwa 80 Jahren gestanden haben $ jede Disciplin wurde nur von ihren Meistern und Jüngern „tcaktirt"; das Publikum hatte nichts damit zu schaffen,, seine intellektuellen Interessen drehten sich um Alles eher als um deutsche Wissenschaft, seine geistige Wissenschaft holte es ganz anderswo her. — Haben dann die gelehrten Käuze, Pedanten und Bücherwürmer, ihre Arbeit gethan, dann ist die Zeit erschienen, in der ein umfassender Geist das Zerstreute sammelt und die Arbeit von Generationen, ja von Jahrhunderten benutzend, das vorhandene Material zu einem großartigen Bau in einander fügt, an dessen Anblick sich der Kenner wie der Laie erfreuen mag, wenn gleich nur Jener das Werhältniß der Haupt- und Nebentheile richtig zu würdigen und auch die dem Auge verborgenen Baustücke, Träger und Stützen zu erkennen vermag. Solche vollendete und vollendende (cum grano saiis) abschließende Werke von Großmeistern und Feuergeistern sind für die meisten Wissenschaften in der Gegenwart erschienen. — Sind sie einmal da, so pflegt heutzutage die dritte Stufe, die der Münzen und Nippes in unfern Gleichnisse, nicht lange auszubleiben. Gestützt auf jene Werke und unterstützt durch irgend eine günstige Zeitströmung, findet das eine und das andere Fach seinen Weg in die Gesellschaft^ es gehört bald zum guten Tone, darüber discuriren zu können; mundgerecht und salonfähig zugeftutzt dringt die früher unbeachtete Specialität, ein aus den Eiern des obscuren Bücherwurms glänzend entfalteter Schmetterling, hier bis an den Thee- und Putztisch, dort bis in die Töchterschule; Literatenhunger und buchhändlerifche Spekulation bemächtigen sich des vielversprechenden Stoffes, wobei natürlich jene Hauptwerke geplündert und verstümmelt, ausgezogen und ausgesogen werden, während in edlem Eifer für sein Fach, geschmeichelt durch die allgemeine Aufmerksamkeit oder erbost über den erscheinenden Schund auch wohl ein Meister sich herbeikäßt „populäre Vorlesungen" zu halten oder „Briefe" zu schreiben. Will man Beispiele, so erinnern wir an zwei Wissenschaften, die jetzt ganz besonders in der Mode sind: die deutsche Literaturgeschichte und die Naturwissenschaften. Was für beide in .ihrem ersten Stadium geschaffen worden ist, ist nicht aufzuzählen z als die umfassendsten und abschließendsten gelehrten Werke aber gelten: bei jenen G erv i n u s' „Nationalliteratur", bei diesen Humboldt's ,> Kosmos". Aus jedem Bücherkatalog ist dann zu ersehen, wie auf diese alsbald eine Fluch von Compendien, Mustersammlungen, Illustrationen, Commentaren und Auszügen durch Berufene und Unberufene gefolgt ist; wobei die Naturwissenschaften besonders das Glück hatten, daß gleich einige der bedeutendsten Männer (z. B. Liebig „chemische Briefe") sie zu popularisiren strebten«. Man verzeihe diese Digreffion. Für einige Leser, die vielleicht zu einseitig, wenn auch desto gründlicher, nur ihren Studien leben, ist sie möglicherweise nicht ganz überflüssig. Aber jetzt glauben wir einfach fragen zu dürfen: haben wir in unserer Wissenschaft schon irgend ein Werk, das sich an Ganzheit und Großartigkeit mit den genannten von Gervinus und Humboldt vernünftigerweise in Parallele bringen läßt? Und weiter: kann ein solches jetzt schon entstehen? sind die Bor-' studien soweit beendet? Sind wir also nicht noch im ersten Stadium begriffen, in welchem weder wissenschaftlich abgeschlossene noch tüchtige populäre Werke geschaffen werden können? Darin liegt durchaus kein Tadel. Wir ersehen im Gegentheil daraus, daß die jüdische Literatur, im Allgemeinen betrachtet, einen ganz naturgemäßen Weg eingeschlagen hat. Sie hat einestheils ihr Hauptaugenmerk auf Erkenntniß der Vergangenheit* gerichtet und vom Aufstellen theologischer und philosophischer Lehrgebäude abgesehen**; anderntheils hat sie bei jenem historischen Forschen in gleichsam experimendirender Methode mit den Spezialitäten begonnen. Ein anderer Anfang wäre in der That verkehrt gewesen'**. Der eigentliche Uebelstand liegt darin, daß die Wiffenschaft des Judenthums fast die jüngste unter ihren Schwestern und zu einer Zeit entstanden ist, in der die heutige christliche Theologie — um das zur Vergleichung nächst liegende Beispiel zu nehmen — die Vorarbeiten beendet hatte, neue Richtungen einschlagen und zu umfassenden Schöpfungen übergehen konnte; ja ziemlich genau um dieselbe Zeit. Dazu kommt nun noch eine sehr wichtige, die Entwickelung unserer Literatur wesentlich hemmende und beengende Zeitrichtung. Es ist die materielle. Wir nehmen dies Wort *) Leider nur mit einseitiger Bewegung des Bibliographischen; diesen Vorwurf müssen wir auch hier stehen lassen. *") Die, ohne Zweifel verfrühten, Ausnahmen sind bereits erwähnt. . . '**) Freilich hat Einer der Patriarchen der neujüdifchen Wiffenschaft, Jost, seine Laufbahn mit einem umfassenden Werke begonnen; aber daß sein Unternehmen in der That verfrüht gewesen, giebt, wie wir wohl wissen, Niemand bereitwilliger zu, als er selbst. Auch die „Realencyc-lopädie" mußte wohl Plan bleiben; bei der Ausführung würden die Lucken recht fühlbar, zum Theil auch wohl einigermaßen ausgefüllt worden sein, aber ihre Zahl ist sicherlich noch zu groß. Hätten wir statt der Realencyclopädie nur erst eine jener formalen Entyclopadien, wie sie für andere Facultätswiffenschaften in Menge vorhanden sind, einen Wegweiser für das Studium, ein Schema für jene!

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