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Der Orient · 1851-01-01 · Heft 26 · p. Spalte 671-672

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 26
Date
1851-01-01
Page
Spalte 671-672 (sequence 63)
Language
German
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671 672 Lreuerrfels, über den Zustand der jüdischen Literatur. hier nicht in dem vulgären, scheltenden und verketzernden Sinne, sondern in jenem höheren, in dem diese Richtung eine so voll- 1 kommen berechtigte ist. Ja unsre Zeit ist der „Ideologie" und des dürren Spmtisirens herzlich müde, sie will Palpables, sie will auch in dem Gebiete der menschlichen Forschung als Borwiegendes nicht mehr theologische Untersuchungen und Zänkereien, sondern Naturwissenschaft, und zwar in dieser nicht mehr Naturphilosophie, sondern Analyse, Experiment und soviel als möglich gleich praktisch anwendbares Resultat; sie will nicht mehr politische Systeme und „Utopien", sondern zahlenmäßige, auf nüchterne statistische Tabellen dasirte Nationalökonomie; sie will nicht mehr philosophische Spekulation, sondern Anbahnung greifbarer neuer Gestaltungen in Staat und Gesellschaft, oder auch „Rettung" des Bestehenden; sie greift selten und nur um sich einzufchläsern nach lyrischen Ergüssen, begierig aber nach dem neuesten socialen Roman. — Hatten wir früher nach den inneren Gebrechen der jüdischen Literatur gesucht, so haben wir hier die wichtigste äußere Ursache ihres Nothstandes. Und daß nicht sie allein unter den Folgen jener Zeitrichtung leidet, ist allgemein bekannt. Nicht besser als der jüdischen geht es der philosophischen Literatur der theoretischen sammt der praktischen. Sie, die von Kant bis nach Hegel, die Alles beherrschende gewesen, schrumpft von Jahr zu Jahr mehr ein und erst in diesen Tagen hat man „über die gegenwärtige Geringschätzung aller philosophischen Studien" geschrieben* *. Dasselbe gilt von einzelnen Zweigender klassischen Philologie, ganz besonders auch von der christlichen Theologie. Kann diese, als Brovstudium, auch nie außer Curs kommen, so leidet sie doch sehr unter dem Banne, der gegenwärtig auf allem blos Theoretischen ruht und hat aufgehört m der Welt und auf dem Büchermärkte eine herrschende Wissenschaft zu sein. Der Brochureustrom über Kirchen- und Sekten-Neubildung ist versiegt und die größeren Werke sind nur mehr auf ihr eigenes Publikum angewiesen. Ist etwa in den letzten Jahren noch einmal ein theologisches Buch erschienen, welches so alle Bücherhändler, Käufer und Leser in Bewegung gesetzt hätte, wie Strauß' Leben Jesu? Aber man lege das Gewicht nicht auf das „Nichcerschienene", nein, wenn auch heute ein ähnliches Werk aufträte, so würde es doch nicht Furore machen. Was heutzutage im buchhändlerischen Sinne „geht", das sind ganz andere Artikels *) Haneberg in Ullm. und Urnbr. theol. Studien und Krit. für 1842, 1. Heft, welches wir soeben erhalten. *’) Zn geistreicher, ziemlich umfassender Weise, jedoch mehr mit Rücksicht auf die exclusive Gesellschaft sind diese Verhältnisse und Schwankungen besprochen von W. A. Pastow in einem Aufsatz „die Wissenschaft und die Gesellschaft" (Prutz dtsch. Mus. 18M). — Zu den Modefächern gehören nun auch Literaturgeschichte und Biographie (literarischer und biographischer Roman \)t aber sie beschäftigen sich doch meist mit den Heroen der nächsten Vergangenheit und ihren Umgebungen. Wenn Alles seine Zeit hat, so hat auch jede einzelne Wissenschaft die ihre, oder umgekehrt jede Zeit hat ihr Lieblingsfach, ihre herrschende Disciptin. Im engsten Simre „herrschend". Bor 200 Jahren (in dieser Hinsicht gelten längere geschichtliche Epochen) waren Theologen, Eardinale und Hofprediger, die Lenker der Staaten, dann kam die Reihe an Juristen und Humanisten, dann an Cameralisten uno Financiers, die Zukunft wird wahrscheinlich die Männer der Naturkunde und Statistik ans Ruder berufen, und wenn schon einmal ein Arago gouvernirt hat, so war das vielleicht weniger Spuk als Borspuk. Die Gegenwart ist der Theologie und der Spekulation entschieden abhold, das ist eine vollendete Thalsache, die nur anerkannt werden kann. Daß die jüdische Theologie dadurch ganz besonders leidet kann Niemand wundern. Und wie jene Zeitrichtung sich seit dem Jahre 1848 besonders scharf entwickelt hat, so und darum ist die jüdische Wissenschaft von da ab in eine gewisse Erstarrung verfallen. Wir haben hier die Wurzel der Nichtbeachtung und des Mangels an Unterstützung, nirgends sonst liegt sie. Wir haben schon früher im Vorbeigehen auf die Nichtbeantwoctung der Preisaufgabe des Berliner Culturvereins hingewiefen; wir können setzt an ganz analoge Verhältnisse erinnern. Auch in Hinsicht auf andere Fächer liest man häufig Klagen darüber, daß «auf die von Fakultäten und Akademien ausgeschriebenen Preisausgaben höchst selten auch nur eingegangen werde, trotz der Preise und so listigen Reize für den Bewerber*. Wenn demnach solche direkteste Belohnungen und Aufmunterungen nichts helfen, wie will man denn von „mangelnder Unterstützung" reden? Man höre also auch in Hinsicht aus unsre Wissenschaft auf, dieses Paradepferd ober besser diesen Elegien - Pegasus zu reiten. Die mangelnde Unterstützung ist ein Symptom, nicht die Krankheit«** (Schluß folgt.) Ebenso ist die sehr reiche neue historische Literatur größtentheils moderne und vaterländische. *) Sogar in Hinsicht auf das Lustspiel hat man sich bekanntlich von der Unwirksamkeit der Preise überzeugen müssen! **) Am Schluffe dieses trefflichen Artikels werde ich mir erlauben , in der Form eines Nachwortes auch meine unmaßgebliche Ansicht über diesin Gegenstand zu geben». Es wäre sehr zu wünschen, daß noch andere Männer von Fach sich üb»r diesen verzweifelten Zustand unserer literarischen Forschung sich aussprächen, namentlich mit Bezug auf die Heilmittel und Befferungsmittel» Red. Verlag von C. L. Fntzsche. Druck von I. H. Nagel.

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