Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 26
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 657-658 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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657 Die biblische Morallehre. 658 auch citirt er Salomo ben Adrat's Hagada-Commentar, den Verfasser des ni^DD 'd und noch einige altere rabbinische Autoritäten. Folgende Stelle aus der Vorrede oder Einleitung, die über die damaligen Verhältnisse der Juden in Castilien und über die Veranlassung zur Abfassung seines Werks manches Licht giebt, will ich in fast wörtlicher Übertragung hierherfetzen: „Die Majestät Gottes (rtfOty) waltet nicht unter Trauer und Trägheit, sondern unter Freuden, um so weniger aber in unserer Zeit, d. i. im Jahre 5129 (1369 der christl. Zeitrechnung) in der Provinz Valencia, wo ich dieses Werk verfaßte, während alle Gemeinden in den Reichen Castilien und Leon in großem Drangsale sich befinden und alle irw dritten und fünften Buche Mosis enthaltenen Flüche leider an uns in Erfüllung gegangen sind. In der heiligen und reinen Gemeinde Toledo, welche die Krone Israels war, starben innerhalb zweier Monaten mehr als zehn Tausend Menschen, wahrend König Enrico die Stadt belagerte; mitleidige Frauen kochten ihre Kinder, um sie zu verspeisen; vor Hunger wurden sa'mmtliche Gesetzrollen, alle übrigen Bücher und lederne Gerätschaften verzehrt, man sengte die Wolle an und aß sie. Viele zogen es vor, in das königliche Lager hinavszugehen, denn sie dachten, besier dnrch das Schwert umkommen, als sich dem Hungertode preisgeben. — — Viele heilige Gemeinden wurden medergemetzelt, so daß wegen der Menge der Leiden viel Israeliten die Gemeinschaft verließen (d. h. sich taufen ließen); wahrlich Roth und Armseligkeit haben den höchsten Grad erreicht, alle Seelen der Körper sind dahin, aber der Sohn Davids ist nicht gekommen (Anspielung auf einige bekannte Talmudstellen). Wollte ich alle dieLeiden aufzählen, ich würde nicht damit enden können. In diesen Drangsalen war Niemand im Stande, ein Buch zu öffnen, noch weniger darin zu studiren; denn die Torah ward nur den Verzehrern des Manna (d. h. denen, die keine peinigenden Nahrungssorgen haben) gegeben; sogar offenkundige Dinge (aus der Lehre) wurden in Israel vergessen, um wie vielmehr nicht die verschlossenen. Da dachte ich, „es ist Zeit, für Gott zu thun, da dein Gesetz sonst zerstört wird" (Ps. ttl9, 125); ich ermannte mich'und verfaßte dieses Buch, obgleich ich es aus den eben mitgecheilten Gründen nicht hätte thun sollen, und auch um deßwillen nicht, weil «in Schriftsteller in unserer Zeit als Zielscheibe seinen Gegnern dient; Viele bespötteln und verunglimpfen seine Worte aus Neid und bestreiten ihn ungerechterweise. Dennoch, als ich sah, daß die Torah vergessen wird, sogar die offenkundigen Dinge, um so mehr die innerlichsten, von denen es heißt: „Dir allein sc.", erhob ich mich, vertrauere auf Gott, gelobt sei er, der die Thoren weise macht und erleuchtet, und verfaßte dieses Buch, nannte es Michlal josi („Inbegriff der Schönheit"), da ich viele Gegenstände darin zusammenfaßte und andeutete, welche zu den Geheimnissen der Tora, der Propheten und der übrigen heil. Schriften, zu den Geheimnissen unserer Lehrer fei, Andenkens und der Philosophen gehören; damit es mir zur Aufbewahrung diene (d. h. mein Andenken festhatte). Gott aber bitte ich, er möge mit meinem Munde sein, in Allem was ich sprechen werde; er leite mich den Weg der Wahrheit und es entziehe sich mir kein Wort der Wahrheit, wie es heißt: „Der Ewige ist Gott der Wahr heit!"" Und der Verfasser solcher gottesfürchtigen Worte sollte ein Ketzer gewesen fm, wie fanatische Chronographen und ihre Nachbeter Vorgaben!? — Das Princip der biblischen Morallehre. Von M. B. Friedenthal. (Als Anhang zu der Reeension über das Landau'sche Werk £33. b. Or. 1850 Nr. 24 flg.) Wenn ich in dem bisherigen Aufsatze gründlich auseinandergesetzt habe, daß das Princip des Monotheismus, der Ethik und der Gerechtigkeit aus der biblischen Offenbarung entspringt, so kann ich dennoch nicht unterlassen im Betreff der Politik, wie diese Herr Landau auffaßt, zu zeigen, daß auch die Civilisarion den Grundsätzen der Uroffenbarung ihre "Existenz zu verdanken hat. Es ist daher von der Tradition angenommen, daß die (Zivilisation (y'l# ^V?) noch einen Vorzug vor den Lehren der Offenbarung gehabt hat. flEHp minij . Daher richtete sich die erste Offenbarung an Adam hinsichtlich der Pflichten gegen sich selbst, um sich hknieden zu ernähren und zu erhalten, sich forrzupflanzen, die Erde zu bearbeiten, Kultur des Bodens und die Anfertigung der dazu erforderlichen Werkzeuge. Die zweite Offenbarung an Noah ist die Legalität und Gerechtigkeit. Die dritte Offenbarung von Abraham bis Moses ist die juridisch moralische Anstalt durch die Theokratie, wodurch die Civillsation erst ihre wahre Stütze erhält. — Die christlichen Theologen früherer Jahrhunderte, selbst die Kirchenv äter und mehrere Kardinale, haben daher das alte Testament gehörig gewürdigt, ihre Lehren daraus geschöpft und in gewisser Hinsicht die Tendenz des israelitischen Volkes anerkannt und die neue Lehre als universelle betrachtet, dagegen einem Theile der alten eine gewisse Partikularitat zugcschrieben. Die heidnischen Prinzipien sind daher stillschweigend widerlegt worden, die Lehre der Bibel wurzelte in die europäische Menschheit ein, und die früheren rationellen Idem der Vorzeit schwanden gleich Sternschnuppen dahin. Sie haben die neue Offenbarung als einen Berg betrachtet, den man nur durch das Besteigen eines andern, der ihm zu Grunde lagert, erreichen kann. Seitdem man aber den zweiten Berg ohne den andern zu erreichen strebte, verwandelte sich Letzterer ohne Grundlage und Festigkeit in ein solches Schneegebirge, das dem Wandrer nur Untergang droht. — Der Kommunismus, der Socialißmus und die Muckerei sind Erneuerungen der Ideen Lykurgs und einiger irrigen Ideen Plato's. Hätten die neuen Theologen die früheren Offenba- ' rungen und ihre Träger gehörig gewürdigt, so würden solche 42