Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 26
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 649-650 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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649 Ueber. Spinoza. Won Luzzatw. 630 mag wie immer auch reinere Begriffe itt die Religion bringen, sie wird doch nie einen von jedem Anthropomorphismus freien Gott predigen. Ein unbeweglicher und unbeugsamer Gott, der Altes von Ewigkeit her festgesetzt hat, wird nie der Gegenstand unserer Verehrung, unserer Liebe, unserer Furcht, unserer Gebete sein können. Es ist daher erklärlich, daß die Religion uns von Gott nicht die Idee deS absoluten, unendlichen Wesens, sondern eine unseren Bedürfnissen entsprechende Anschauung giebt, die uns zu bessern und im Unglücke zu trösten im Stande ist. Für eben so kindisch erkannte ich dann die Ungläubigkeit der Halbphilosophm, die nicht zugeben wollen, daß mit unserer Vernunft nicht ganz übereinstimmende Schriften und Lehren von Gott ausgehen können. Würde es möglich sein, den Menschen, nicht etwa vor 3000 Jahren, sondern jetzt oder je, eine genaue Vorstellung von der Weltschopfnng bcizubringen? Und mußten die Monotheisten nicht eine Kosmogonie haben, nachdem die Polytheisten deren to Diele besaßen? Wohl mußten die Hebräer eine geläuterte, dem Zwecke des Jndmthums entsprechende Kosmogonie haben; eine Kosmogonie, welche die Einheit der Natur, die Einheit des sie regierenden GotteSgeistes, die Wurde des Menschengeschlechts, die Einheit und Brüderlichkeit der Menscheu, die Heiligkeit der Ehe u. s. w. Lehrte. Auch der Gott der Natur und nicht blos der Gott der Religion — sah ich ein — will mehr den Nutzen der Gesellschaft als den Unterricht in der Wahrheit. Ach, wir Unglücklichen, wenn wir immer den Schleier der Illusionen zerrissen! Wenn wir, bevor wir uns bemühen, irgend ein Gut zu erlangen, voranssähen die Gleichgültigkeit, die nach erlangtem Besitz in uns eintreteu wird, und die Nebel, welche die Folgen des Genusses sein werden; wenn wir in allen Verhältnissen und in allen Zeiten an das unveränderliche, unvermeidliche Gleichgewicht der Guter und der Uebel dächten: wahrlich wir würden nichts unteruehmen, nichts wünschen! Dies aber will Gott nicht; die Natur giebt cs nicht zu. Wir müssen uns täuschen, wir müsseu wünschen, wir müssen handeln. Es würde mich zu weit führen, wenn ich diese weine Bemerkungen rechtfertigen wollte; und so sehr ich mich auch darüber ausführlich verbreiten wollte, so würden sie dennoch dm meisten Lesern nicht zusagen. Es genügt mir, sie augedeutet zu haben- Werden sie Einigen Stoff zum Tadel und zum Lachen geben, so werden sie Andere zum Nachdenken veranlassen. Kehren wir nun zu den Targumim zurück. Dis hierher schrieb ich im Jahre 1841, Diese Zeilen werden Sie überzeugen können, daß, wenn ich Spinoza tadele, es nicht ans blinder Anhänglichkeit an alte Glaubenslehren geschieht. Ich glaube in meinen Untersuchungen weit unabhängiger zu sein, als der Amsterdamer Philosoph, der nach meiner Ansicht, sich nicht von den gewöhnlichen Jrrthümern befreite, und in welchem ich bloö das Talent erkenne, einige Gedanken geometrisch darzustcllm, das auch Wolf und andere Philosophen besaßen, und das Genie den Atheismus zu lehren, und doch immer mit der Miene der Verehrung von Gott zu sprechen. Spinoza hat das Or Ha-Schem von R. Chasdai, den er im 29. Briefe erwähnt, fleißig studirt. R. Chasdai war gewiß ein kräftiger Geist, der die Ncthwendigkeit der menschlichen Handlungen offen zu behaupten wagte. Von ihm entnahm Spinoza diese Lehre; da er aber über die vulgären Ansichten sich nicht so weit zu erheben vermochte,' daß er das Gleichgewicht der Güter und Nebel entdeckt hätte *: so konnte er in der Welt leine moralische Ordnung, und daher auch nicht Gott finden. Er benutzte dann seinen mathematischen Geist, um unter dem Scheine ta mathematischen Demonstration seinen Atheismus zu inßnuiren. In meiner Vorrede habe ich nicht die Moralität seines praetischcn Lebens gelaugnet, die aber nicht eine Folge seiner Theorien, sondern seiner ersten Erziehung war. Was das Wort Virtiis betrifft, bas ich, wie Jelliuek behauptet, mißverstanden haben soll, so ist es Spinoza, der mit seinen Lesern in Betreff dieses Wortes, so wie eines andern: Subslanlia nämlich, ein Spiel treibt. Sagt er nicht V, 41: Yirtulis, seu recte yiyendi rationis? Ist es nicht klar, daß hier die Yirtus nicht die Kraft, sondern das recte yiyere bedeutet? Padua, den 30. Januar 1852. Literarische Miscellen. Von Ad. Zellinek. 10) Konj ekture Ni Exe gese. Es ist eine merkwürdige Erscheinung der Neuz-rit, daß konservative Männer Konjekturen im Lexte der Bibel machen. Es giebt deren bereits eine ziemliche Anzahl, die in verschiedenen Schriften zerstreut sind, und wir fteUen sie hier zusammen als Beitrag zur Kulturgeschichte unserer Zeit. Wir selbst enthalten uns jedes Urtheils über die Zulässigkeit oder Verwerflichkeit einer solchen Exegese, zumal ein Mann wie Prof. Luzzatto, der der Erste auf diesem Feld-e war, dafür bürgt, daß die religiöse Innigkeit und Gläubigkeit nicht dadurch geschwächt zu werden braucht. a) M. Duschak, Rabbiner in Ausse in Mahren, liest Hos. 5, 4 nicht jß vanD3 ID}», sondern jrp WDD Ojn. (Kochbe Iizchak IV, 10.) V) M. Stkem in Jassy liest 2 Kön. 15, 18 zu Vers 19; Jes. 8, 14 nicht , sondern Siehe pn^ XIV, 18—35.