Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1851-01-01 · Heft 26 · p. Spalte 647-648

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 26
Date
1851-01-01
Page
Spalte 647-648 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360688-2360699--7594-3536581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

647 648 Ueber Spinoza. Ueber Spinoza. Won Professor S. D. LuzzatLo. (Aus einem Briefe.) Soeben las ich das Lüeraturbtatt des Orient 1851, S. 303 n. 304, wo Jellinek Spinoza gegen mein Vorwort zum ^nnitfD in Schutz nimmt. Dies bestimmt mich, Ihnen drei Seiten zu schicken, die ich im Jahre 1841 niedergeschrieben und einer Dissertation über die Targumim vorausschickte, .die ich an Geiger sendete, der es aber für gut fand, sie bedeutend abznknrzen. S. Geigers Zeitschrift V, 124* 125. Ich bitte Sie, dieselben wörtlich zu übersetzen und sie im,,Orient" zu veröffentlichen. — Zuerst das, was ich im Jahre 1841 schrieb): ,,Die Wahrheit läßt sich nicht mit einem Male in ihrem ganzen Umfange entdecken. Ein glücklicher Umstand zeigt uns einen Winkel, einen Theit derselben; nur der unermüdlichste Fleiß, die lebhafteste und gewissenhafteste Liebe zum Wahren kann uns, den Faden der ersten Entdeckung in der Hand, durch das Labyrinth der verborgenen Wahrheit glücklich führen. Zu wiederholten Malen las ich 1828 und 1829 die Paraphrase des Onkelos, in der bloßen Absicht mir die Varianten anzumerken; allein das Verlangen, die wahren Ursachen der abweichenden Lesarten richtig beurtheileu zu können, veranlaßte mich den Geist dieser Version zu erforschen. Ich sah bald ein, daß der Paraphrast weder ein exegetisches noch philosophisches Ziel verfolgte, sondern ein politisch-religiöses; daß er weder wie Maimüni glaubte (s. Oheb Ger, S. 3. 4.), jeden Anthropomorphismus und Anthropopathismus von Gott zu entfernen, noch, wie cs Raschi'ö Meinung zu sein scheint, die wahre Bedeutung jeder Stelle des Pentateuchs aufzuhellen beabsichtigte. Sein Streben war vielmehr dem wenig unterrichteten Volke eine erbauende und religiös nützliche Version zu geben, im Ganzen war weniger die Treue als die Zweckmäßigkeit sein Augenmerk: und diese Wahrheit habe ich im 1. Theite meines Oheb Ger klar anseinandergesetzet. -Nachdem ich jenes Werk veröffentlicht hatte, fand ich Gelegenheit, die Beobachtung zu machen, daß diese Tendenz nicht ausschließlich bei Onkelos, sondern auch bei Jonathan in seiner Paraphrase der Propheten sich findet. Dasselbe Streben gewahrte ich später bei den Pnnctatorcn; ich bemerkte nämlich, daß in einigen Stellen die Punetatoren, wenn auch nicht so häufig wie die Paraphrasten, sich absichtlich von dem natürlichen Sinne der heiligen Schrift entfernt haben, um einige kühne Metaphern,, deren wahren Sinn das Volk nicht begriffen und daran Anstoß genommen hätte, zu verkleiden; und im Allgemeinen um dem Volk gegenüber jede Stelle, welche Bon Luzzatto. auf irgend eine Weise eher verletzen als erbauen könnte, zu verhüllen. Verschiedene Beispiele solcher willkürlicher Abweichungen der Punetatoren von der exegetischen Wahrheit habe ich hier und da in meinen noch enggedrnckten Commentaren gezeigt. Eines kann man S. XXXV. XXXVI. meiner von Rosenmüller veröffentlichten Noten All Jesaja (Leipzig 1835) und andere drei in meinen „ProLegomeni“ S. 186. 187 Nachlesen. S. auch Oheb Ger, S. 21. Sehr wichtig ist die Punctation von n^j;»T, rrwn (Koh. 3, 21), wo die Punetatoren durch das Kamez bei dem einen und das Patach bei dem andern He dasselbe als ein demonstratives erscheinen Lassen wollten, so daß derText aussagen sollte, der Geist des Menschen (nach dem Tode) steigt in die Höhe, und der des Thieres sinkt in die Tiefe; während der Zusammenhang und die Syntax des Fürwortes evident weisen, daß die Absicht des Verfassers war die Sache in Zweifel zu ziehen und zu sagen ktj rmrn , mit dem fragenden He; ebenso klassisch ist die Aceentuation von Zach. 14, 18. Es ist außer allem Zweifel, daß zwischen Vers 18 u. 19 ein kleiner Vers fehlt, der ansdrück'en sollte, welch' eine Plage Gott an die Stelle des Mangels an Regen verhängen würde, wenn die Egypter, deren Boden nicht des Regens bedarf, nicht jährlich nach Jerusalem kommen sollten. Die Verfasser der Accente setzten das Atnach unter oirby und gaben dadurch Veranlassung hier eine Ellypse zu vermuthon; darin — wie in vielen andern Stellen, waren sie in vollkommener Uebereinstimmnng mit dem Paraphrasten, der oh'} Pv' pn1? xb > für sie wird der Nil sich nicht erheben (um den Boden zu befeuchten), übersetzte. Dieselbe Tendenz bemerkte ich im Allgemeinen im alten Rabbinisttltts, oder im ganzen mündlichen Gesetz und in Allem, was uns von den Worten und Handtungcu der alten Lehrer übrig geblieben ist. ,, Dieses Princip (sagte ich S. 22 meiner Prolegoineni), in der Erklärung der Schrift, den öffentlichen Nutzen der exegetischen Treue vorzuziehen, ist der Schwerpunkt (perno) des mündlichen Gesetzes; dieses leitete die alten Lehrer bei ihren Entscheidungen; ist die Quelle und der Schlüssel aller nichtwörtlichen Interpretationen, die sie uns hinterlassen haben. Man kann cs durch folgenden Ausspruch Cicero's bezeichnen (deinyenlione rhetorica I, 38): „Omnes leges ad commodum rei~ publicae referre opportet, el eas ex ulilKale communi, non ex scriptione, quae in litleris est, üilerprefcarL“ Allein nicht bloö der Rabbinismus, sondern die ganze Religion, sah ich ein, bezweckt mehr den Nutzen der Gesellschaft als das Lehren der Wahrheit (s. Israel. Annalen 1839 p. 236 und 1840, p. 67); ferner sah ich ein, daß die Anstrengungen der Philosophie im Mittelalter, die Schrift mit den Doctrinen ihrer Philosophie auszusöhuen, kindisch und pedantisch waren. Man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.