Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 26
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 631-632 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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631 Meisel's Prinz und Derwisch. 632 ganzen Gebiete der Moral und Politik bekannt zu machen'. Auch unser „Prinz und Derwisch" scheint ursprünglich die Erziehung eines KLnigssohnes zur Aufgabe gehabt zu haben, und die Aehnlichkeit, die unser Buch hierin mit.der Pantscha- Tantra hat, dürfte, zumal hier ebenfalls Indien der Schauplatz ist, auf Gleichheit des Vaterlandes schließen lassen. Allerdings stelle ich dies nur als sehr schwankende Hypothese auf, da man ja aus demselben Grunde dereinst für Fenelon’s Telemaque eine griechische Quelle suchen könnte. — Herr Dr. Meisel sagt uns in seiner sehr kurzen Vorrede zu Prinz und Derwisch nichts Genaueres über die Entstehung dieses Buches;, er berührt blos flüchtig, daß es ursprünglich griechisch, dann in's Arabische und von da in's Hebräische übersetzt worden sei, ja, ohne selbst später das oben erwähnte kurze Vorwort des Uebersetzers aus dem Griechischen mitzutheilen, ohwohl dies bisher die einzige Quelle gewesen, woraus der angeblich griechische Ursprung ersichtlich war. Der Inhalt des Briefes ist folgender: Ein, dem Götzendienst und den hieraus resultirenden Lastern ergebener, indischer König verfolgt den Orden der Derwische, die einen einzigen Gott anbeten und strenger Enthaltsamkeit huldigen. Selbst einer seiner besten Räthe, der sich zu diesem Orden bekennt, wird, nachdem er geflohen und wieder eingefangen worden war und sich vertheidigt hatte, von ihm aus dem Lande verbannt. Ein Jahr nach diesem Ereignisse wird dem schon alten und kinderlosen König ein Sohn geboren, der durch seine wunderbare Schönheit den Vater -entzückt.. Die Weisen des Reiches stellen dem Knablein ein glänzendes Horoseop, doch der Weiseste unter ihnen verkündet dem Könige, der Prinz werde dereinst die Götzen und ihre Altäre niederreißen, den einzigen Gott erkennen und sich den. Derwischen anschließen. Diese Prophezeihung erfüllt natürlich den König mit Schmerz und vermehrt noch seinen Haß gegen die Derwische. Um nun aber dem Abfall seines Sohnes von dem Glauben seiner Väter vorzubeugen, läßt er jenen ganz abgesondert von der übrigen Welt in einem eigends hierzu erbauten Schlosse heranwachsen und entfernt Alles von ihm, was die Freuden seiner Jugend vergällen, die Leiden der Menschheit ihm offenbaren, seinen Geist aufklaren und der Befriedigung irdischer Lüste abhold machen könnte, um ihn auf diese Weise von vorn herein der düstern Lebensanschauung der Derwische unzugänglich zu machen. So Lebt der Prinz nur von Schönheit und Glanz umgeben, mit Kummer und Sorge, ja selbst mit Krankheit und Tod unbekannt, und in dem Genüße weltlicher Freuden seinen Lebenszweck fördernd. Doch endlich wird er seiner an Haft grenzenden Abgeschlossenheit müde, und nachdem er durch einen vertrauten Freund die Absicht seines Vaters erfahren, bewegt er denselben durch Vorstellungen und Bitten, ihn in die eigentliche Welt einzuführen. Trotz der, auch hier angewandten Sorgfalt seines Vaters, wird er doch *)-S. I'ransaetions of tlie Ro}7al asiatic Society of <3reat ßritain and lrelaiui Vol. 1 pari. 11 pag, 159. bald genug mit den Leiden der Menschheit bekannt, und bald ahnt auch der ihm angeborene klare Geist die höhere Wahrheit und den edleren Zweck des menschlichen Lebens und Strebens. Einige Derwische, denen er zufällig begegnet, wecken in ihm durch ihre Reden heiße Sehnsucht nach einem Manne, der ihn über alles Wissenswerthe belehre. Endlich naht sich ihm auch heimlich und mit Lebensgefahr ein solcher, in der Gestalt eines Derwisches, der von des Prinzen immer mehr in Ruf kommender Weisheit augelockt ward; dieser stillt nun seinen Wissensdrang. In unterhaltenden, zuweilen jedoch auch breit und ermüdend werdenden Gesprächen, die mit interessanten Fabeln durchwebt sind, lehrt er ihn die Nichtigkeit des Götzendienstes und die Weisheit und Tugend kennen, sucht die Sinnlichkeit in ihm zu unterdrücken und die Demuth und Menschenliebe in sein Herz zu pflanzen, gibt ihm Lebens- und Herrscherregeln, richtet seinen Geist vorzüglich auf das Jenseits und ertheilt ihm zuletzt mit wenigen Worten Aufschluß über die Verschiedenheit der irdischen Wesen untereinander und der Engel, wie über Unsterblichkeit und jenseitige Vergeltung. Der Geist, der das ganze Buch durchweht, ist, wie Dr. Meisel in seiner Vorrede richtig bemerkt, „fast durchgehends dem ähnlich, der die gereiste Erfahrung vom Leben abstrahirt, zu dem wir uns alle bekennen, wenn die häufigen Täuschungen im Leben gepaart mit der alternden Empfänglichkeit für Sinneslust eine gewisse Apathie in uns erzeugen gegen die Güter der Welt, und nur selten verirrt er sich zum widerlichen Weltschmerz." - Das Buch ist in 35 Kapitel oder Pforten getheilt, und mit Ausschluß der letzten drei, die mehr philosophischer Natur sein sollen, in der zu jener Zeit so sehr beliebten, gereimten Prosa mit geschickter Anwendung biblischer Stellen geschrieben. Fast in jeder Pforte befinden sich auch künstliche Verse, die aber größtentheils nur die früher in ungebundener Rede ausgedrückten Gedanken wiederholen. Was nun die etwas freie deutsche Ueberfetzung unseres Buches anlangt, hat Hr. Dr. Meisel gewiß ganz Vorzügliches darin geleistet. Dies wird jeder gestehen müssen, der nur einigermaßen die Schwierigkeiten kennt, die der hebr. Text darbietet, und die überhaupt jeder Uebersetzer alter, zumal unkorrekter Schriften findet. Sowot in der gereimten, sich rythmisch fortbewegenden Pro-sa, als in den Versen ist der Styl — einige bei den Makamen fast unvermeidliche Härten abgerechnet — durchgehends leicht, gefällig und sehr oft wahrhaft poetisch, so daß der Leser fast ganz vergißt, daß er eine Ueberfetzung vor sich hat. Mit gewandter Feder versteht es Dr. Meisel, dunkel ausgedrückte Gedanken des Textes klarer und anschaulicher zu machen, und breitgetretenes zu kürzen, ohne jedoch zu sehr von den Textesworten zu weichen, und da, wo der Text ganz unverständlich ist, weiß ec größtentheils den wahrscheinlichen Sinn mit feinem Tacte herauszusinden. Indessen will ich durchaus nicht behaupten, Hr. Dr. Meisel habe überall den Text richtig aufgesaßt, da ich selber bei einer flüchtigen Vergleichung desselben mit der Übersetzung