Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 26
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Spalte 625-626 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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625 Ephraim Moses Kuh. 626 Andere, die damals Berlins literarischen Ruhm tegründeten, zu Mustern und Mitstrebenden hatte, während es ihm bisher in Breslau an literarischem Verkehr gänzlich gemangelt. In Berlin dagegen fand das poetische Talent Kut/s vielfache Nahrung und Bildung. . Mendelssohns Ansehen verschaffte ihm Zutritt bei den bedeutendsten Schriftstellern, namentlich ließ Ramter sich herbei, die sehr vernachlässigte Kenntniß deutscher Sprache und Werskunst bei dem angehenden Dichter zu vervollständigen. —► Vier glückliche Jahre waren auf diese Weise zu Berlin verlebt, als ein verderblicher Vorfall diesem glücklichen Aufenhalt ein Ende machte. Kuh war außerordentlich gntmüthig, gutmnthiger als sich mit seiner kaufmännischen Stellung vertrug; er unterstützte eine Menge junger Leute, die ihn auf mancherlei Art hintergingen, seine Weichherzigkeit mißbrauchten, und ihn selbst dadurch zuletzt in große Verlegenheit brachten» Eine der daraus entstehenden Verwicklungen führte einen Zwist mit seinem Oheim herbei, in Folge dessen er, rasch entschlossen, seine vorteilhafte Stelle aufgab. Kein Warnen, kein Zureden half, er wollte nun einmal in die Welt hinaus, ohne Plan und bestimmtes Ziel. Er sammelte die Trümmer seines zersplitterten Vermögens, Packte in drei große Kisten seine ihm unentbehrliche Büchersammlung und begab sich (1768) mit diesem seltsamen und beschwerlichen Gepäck auf die Reise, den Keim einer tiefen Schwermuth im Herzen. Zwei Jahre lang durchzog er Holland, Frankreich, Italien, die Schweiz; mit welchem geistigen Gewinne, ist schwer zu sagen, da er gar keine Tagebücher oder Briefe aus jenen Jahren hinterlasstn hat. Als endlich seine Kasse auf die Neige ging, verkaufte er wohl von seinen Kleidern, aber nichts von seinen Büchern. Ein Gegenstand tiefer Kränkung war für ihn auf diesen Reisen der sogenannte Leibzoll, eine Abgabe, welche dazumal von allen reisenden Juden in verschiedenen Staaten erhoben ward. Oesterreich und Preußen hatten denselben abgeschaffr, in Gotha dagegen bestand er noch und bereitete unserm reisenden Dichter, der, um dem gehässigen Zoll zu entgehen, seinen Glauben verheimlicht hatte,' hier einen großen Verdruß und eine empfindliche Geldbuße. Gänzlich verarmt und tief gebeugt erschien. er in Nemnarkt bei" Breslau; er war beinahe ohne Kleider, selbst das geringe Postgeld bis Breslau vermochte er nicht mehr zu bezahlen. Seine dortigen zahlreichen Verwandten , von seiner Noch in Kenntniß gesetzt, beeilten sich, wohlhabend ja reich, wie sie waren, ihn herein, zu holen und für seine Bedürfnisse zu sorgen. Der Kaufmaunsgeist mag des schonwissenschastlichen Schwärmers Wohl gespottet haben, Roth hat man ihn aber nicht mehr leiden lassen. Man freute sich vielmehr eines Talents, das auch von berühmten Männern der Christenheit Lob erhalten hatte, und also der jüdischen Nation zur Ehre gereichte. Eine große Zahl von Gedichten ist in dieser Zeit entstanden.. Meist sind es Epigramme, Fabeln, auch einige lyrische Sachen im Odenstile sind darunter. Die große Furcht, die er vor den Recensmten hegte, verzögerte indessen ihre Veröffentlichung; auf alles Zureden der näheren Freunde Pflegte Kuh sich nur immer mit dem literarischen Pranger zu entschuldigen, an den er nicht gestellt sein möchte. — Schon diese Aengstlichkeit deutet auf eure Verstörung des Geistes, die bald noch durch andere schlimmere Umstände vermehrt werden sollte. Kuh bekannte sich nämlich in seinem Herzen zu dem im Lessing'schen Kreise herrschenden Deismus, und entzweite sich darüber mit den Juden, ohne doch auch andererseits den Ermahnungen einiger christlichen Gelehrten, die ihn zum Uebertritt bewegen wollten, Folge zu leisten. Der Haß der strenggläubigen Juden traf ihn mit seiner ganzen Schwere; die Aeltesten der Gemeinde luden ihn zn einem Verhör, um sich dagegen 31t rechtfertigen, daß er am Tage der Zerstörung Jerusalems das Gesetz der Fasten übertreten und dadurch Gott gelästert habe. Da sich der Ankläger jedoch nicht nennen wollte, so verweigerte der Angeschuldigte überhaupt jede Auslassung und erlangte es dadurch, daß er von der Schuld der Gotteslästerung freigesprochen wurde, mit der ausdrücklichen Verwarnung jedoch, sich künftighin aller ketzerischen Acußerungen zu enthalten. Aber auch bei den Christen fand der aufgeklärte Jude nur wenig Trost, auch sie hatten, wie es schien, an dein Einen Mendelssohn gerade genug. Ein Epigramm auf ihn, eine Nachahmung des von Teller in Berlin an Mendelssohn gerichteten: Liebster bester Kuh, warum bleibest Du nur allein beim Vater stehn, willst nicht zu dem Sohne gehn? kam in der Stadt in Umlauf und machte ihm viel unangenehme Stunden. Diese doppelte Anfeindung war für den erschütterten, verbitterten Geist des jüdischen Poeten zu viel; er versiel in Wahnsinn. Fixe Ideen, namentlich daß diese oder jene bestimmte Person ihm nach dem Leben trachte, bildeten sich aus, mrd führten nicht selten 31t Ausbrüchen völliger Raserei. In den lichten Augenblicken schrieb er dann wohl wieder Verse, zuweilen voll wahrhaft kräftigem Schwünge; die zusammenhängende Rede dagegen gewann er nicht wieder. — Sechs Jahre dauerte dieser beklagenswerte Zustand, bis endlich der ärztlichen Kulist, im Verein mit treuer Geschmisterliebe, eine wenn auch nur allmälige Heilung gelang. Damit aber reifte auch der Entschluß, als Dichter vor die Welt zn treten. Als Vermittler dabei sollte Lessing dienen, der, schon längst von Kuh lebhaft verehrt, durch den kürzlich erschienenen ,, Nathan den Weisen " 40