Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 25
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Seite 587-588 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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587 Mittheilungen aus Galizien. 588 bietet. Auch die in diesem Lande üblichen Extremitäten als Pracht und Schmuz, Adel und Knechtschaft/ Löwenmuth und kindische Furcht, Stolz und kriecherische Demuth, exeellenter Scharfsinn und Dummheit, Freisinnigkeit und Aberglauben werden , ebenfalls mit religiöser Weihe beseelt, wodurch in dem vielbemchtigten Chassidismus ein Auswuchs blüht, der in keinem andern Lande produzirt werden dürfte, indem nirgends so die Extreme von der erhabenen Schlauheit der Rabbis und der verwegenen frömmelnden Dummheit der Chassidäer sich so harmonisch berühren könnten als hier. Dieser innere Charakter, dem doch eigentlich heilige Motive zum Grunde liegen, war auch mit der Zeit so glücklich, wie das Manna in der Wüste einer entsprechenden äußern religiösen Hütte habhaft zu werden, und die jüdisch-polnische Tracht, die ebenfalls dem Beobachter bald überschwänglich üppig, bald erbärmlich dürftig erscheint, ist es, welche als geheiligter Schleier die innere religiöse Abgeschlossenheit der galizifchen Juden vor fremdem irreligiösen Einfluß schützen und wahren soll. Wer diesen Schleier lüftet, wer diesen Vorhang dem Heiligthume entrückt, wer diese geweihete Schale zerbricht, der müßte es verantworten, wenn dann der innere Kern zerfließt, die innere Kraft verduftet, und Gott um seine geheiligte Garde, um seinen geweihten Orden und um den Schwerpunkt des Glaubens kommen möchte. Der gewissenhafte Rabbiner, der unter solchen Umständen mit vernünftigem Rathe seiner Gemeinde vorangehen muß, soll allerdings Mäßigkeit und Allgemeinheit anrathen und offensagen „meüio tuti8inu8 ibis“. — Da ihm aber als ernster'Gottesdiener und Sachverwalter das religiöse Interesse mehr als das Weltliche am Herzen liegen soll, so kann ihm doch die Aufhebung einer Tracht, in der sich die Pietät so wohl gefällt, nicht gleichgültig sein, zumal diese Tracht der in unserer Zeit so locker gewordenen Gottesfurcht eine geringe Garantie zu bieten scheint. Nichts destoweniger ist Herr Deutsch zu entschuldigen; denn er hat die Laster des Chassidismus zu sehr empfunden, von seinem Stachel mußte er, wie jeder Neologe manche blutige Wunde verspüren ohne mir etwaigen Honig sich revanchirt zn sehen, darum griff er nach Eisen um den Knoten zu zerhauen, den nicht er, sondern namhafte Laien lösen sollten; darum wollte er nicht seiner Pflicht gemäß die innere Reife der Frucht befördern und abwarten, daß die Schale von selbst zerbricht; daher wollte er den Schneckengang einer liberalen Entwiüelung nicht mit Rahe mehr zusehen, ohne ihr abschreckendes Gehaus heroisch zu zerschmettern. Doch er sollte eingedebk sein, daß das scharfe Pflugschaar auf felsigen Boden nur abgestumpft werden müsse, und daßdas „ne sutor“ dem heroischen Rabbiner in unfern Tagen zu oft zugerufen wird, sobald er die Peripherie der rein religiösen Wirksamkeit überschreitet. Herr Chajes spricht sehr wahr, daß Polen, odwoht auf.einer sehr niedrigen Stufe der Bildung stehend, dennoch so Manches für sich habe" — er selber, als frommes gläubiges Gemüth, hat sich um die innere Hebung feiner galizifchen Glaubensgenossen durch lichtvolle talmudische Werke mehrfach verdient gemacht, und indem er innerhalb der strengen Orthodoxie den Wissenschaften huldigt hat er seinen Beruf ruhmvoll gekrönt, wofür er nicht nur keine Anerkennung sondern sogar bittere Anfeindungen vom Chassidismus erntet zum Lohne, die er aber, weil es obwohl nur im heuchlerischen Wahne Gott gilt, geduldig erträgt. Würde er die Abolition der Tracht direkt gebilligt haben, so müßte er sich auch bei den nicht chaffivischen Polnischgckleideten vollkommen ausheben, und feinen lleberzeugnngen, daß Polen in der jetzigen Tracht für die jüdische Religion von Interesse sei, zuwider handeln. Dessenungeachtet unterliegt es keinem Zweifel, daß nur durch allgemeine Annahme der deutschen Tracht, dem sittlichen Theil der Religion, der Hebung des schlichten Sinmes und einer engeren Harmonie zwischen deutschen und polnischen Israeliten, besonders, da doch die neuere Geschichte der Juden es beweist, daß Polen auf die Entwickelung anderer Provinzen großen Einfluß hat, heilsam gesteuert werden könnte, und wenn der Zwang unmittelbar lediglich von der Regierung ausgegangen wäre, so dürften wir diesen Schritt zur Civi.lifation als eine von Gott verfügte Veranstaltung ansehen, und sie als solche freudig begrüßen. Der Rabbiner aber, der es ernst mit Gott meint, kann hierin auf keinen Fall affirmativ entscheiden. Der gewissenhafte Rabbiner, der Galizien genau kennt, muß nur bei der hohen Regierung ein alle Parteien vertretendes Centralorgan erbeten. Denn wenn dieses in keiner Provinz noth thut, so sollte es ausnahmsweise in Galizien, wo die oben kurz geschilderte Charaktergleichheit sich durch das ganze Land wie eine Kette zieht, festen Platz greifen. Ein solches Centralorgan hätte vorzüglich die Aufgabe, die Mittelstraße zu wahren, die äußersten Nordlichter mehr südlich, die äußersten Sudlichrer hingegen nördlicher zu rücken, seine ausschließlichen Separationsgelüste (des Chassidismus) und die sefardischen Bethäuser und Gebete zu aboliren, der deutschen Partei Anerkennung^ zu verschaffen, die Laster des Chassidismus zu unterdrücken, Schulen zu bewachen, und für sittliche Frömmigkeit und reine Gottesfurcht vorzüglich Sorge zu tragen. Die kränkelnde Orthodoxie, die zwar die Crisis schon überstanden, und nur als Recorwalesccntin oft in Ohnmacht zurmkfällt, soll nicht negativ, sondern durch Positivität und würdevollen Anstand aus eine schlichte Weise geeinigt werden mit Liebe, Sanftmuth und reiner einfacher ungezwungener Sprache, aber auch ernst, und nicht gleisnerisch die Gemüther für echte Religiosität und Gottesdienst einzunehmen. Bei Anstellung neuer Rabbiner soll nicht mehr pro forma, sondern mit ernster Energie auf wissenschaftlichen erhabenen Charakter, auf rabbirusche Kenntnisse und innere Gottesfurcht besondere Rücksicht genommen werden, denn dieser letztere Punkt ist es ja, der in Galizien ebenso, wie in den deutschen Provinzen, mit seiner so verschiedenartig sich kundgebenden Einseitigkeit die allgemeine Unzufriedenheit gegenwärtig produzirt. Denn indem in den deutschen Provinzen bei den anzustellenden Rabdinen mehr auf steife Form, Eleganz und Beredsamkeit, in Galizien aber gerade auf völlige Formlosigkeit und nur auf einen geringen