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Der Orient · 1851-01-01 · Heft 25 · p. Seite 585-586

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 25
Date
1851-01-01
Page
Seite 585-586 (sequence 41)
Language
German
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585 686 Mütheilungen aus Galizien. Mittheilungerr aus Galizien. Die unbefangene Stimme. Vii'tus est medium viti, orum utriusquc reductum. Unter dieser Aufschrift wird die löbliche Redam'on dieses Glattes auf Grund einer Privat-Aufforderuug hoflichst ersucht, mir den Gedankenströmen, welche aus vielen Federn über Tracht und Civilisation der galizischen Israeliten geflossen sind, auch ein Schifflein passiren zu lassen, das zwar seine Segel nach Süden richtet, aber doch nur bei stillem Winde aus sanften Wellen geleitet zu werden wünscht. Schreiber dieses nennt sich darum „unbefangen", weil er mit seinem Systeme medium tenuese ,, beati “ so ziemlich beruhigend wirkt, ohne sich den schroffen Fractionen im Judenthume in die Arme zu werfen, und ohne auch je ihr Feind zu sein. Er ist nach Innen konservativ, weil das leichte Blut ver Sterblichen die schwereren Bestaudrheile zu seiner geistigen Erhaltung nur durch Religiosität erzielen kann, und die sinnliche Menschheit in allen Zeiten nur durch sinnliche Präservative und Observanzen zur Anschauung Gottes gelangen muß. Er billige nach Außen eine allgemeine feste Reform, weil ohne dieselbe das Iudenthum ans der zweideutigen Dämmerung, die nur Zweifel nnd Indifferentismus producirt, nicht herauskommcn, und zu einer ernsten anständigen Gottesverehrung gereichen wird. Er verdammt nicht eo ipso die stabilen sittlich frommen Obscuranten, weil der innere Kern des Iudenthums mehr auf Gefühle und freier Bewegung als auf steifen Formen beruhet, er schätzt die Vernunft sehr hoch, weil ohne sie keine Religion denkbar ist, läßt aber nicht darum auch den Rationalismus ausschließlich herrschen, weil die vernünftigsten Imperative keine Allgemeinheit haben, und vom logischen Standpunkte aus das göttliche Gebot früher als die Vernunft in der Natur da gewesen sein muß. Denn sonst würden die verbrecherischen materiellen Triebe es nicht verantworten müssen, daß sie der Vernunft vorgegriffen, und ihren weisen Rath nicht erst erwarten'konnten. Da aber alle diese Andeutungen noch einer ausführlichen Dialektik benöthigen, so genüge es einstweilen, das Epitheton „unbefangen" mit dem Umstande zu rechtfertigen, als Mittheiler Dieses in einem Kreise wirkt, dessen integrirender Lheil von echt germanischer Natur ist, der das Gute, Schöne und Fromme in jeder Form und in jeder Tracht schätzt und liebr, und nun zur Sache. Herr Deutsch in Sambar provozirt den Heroismus zur Neugestaltung Galiziens, Herr Chajes in Zolkiew verwandelt Sturm in Stille und begünstigt den Conservatismus. Ersterec findet Beifall, Letzterer Indignation bei den Neologen Polens, worüber sich die deutschen Brüder, die fern vom Schauplatz sind, nicht im Geringsten wundern dürfen. Denn wenn man erwägt, mit welcher Verachtung die galizische Masse von ihrem deutschgekleideten Bruder denkt und spricht, wie sie alle seine Vorzüge auf Null herabwürdigt, und im Sinne des schroffen Particularismus dem Deutschgekleideten den Antheil an dem Jenseits versagt, und ihm jeden Weg zur religiösen Erbauung versagt, wodurch es dahin kommt, daß der Verfolgte extra muias, nolens yolens effektiv und aus Trotz oft irreligiös sein muß; wenn man erwägt, daß Polen bei seiner Geiftesstärke und namhaften Population noch nichr im Stande war, eine solide und rcnommirte Gemeinde, wie z. B. Prag, Preßburg, die weit weniger bevölkert sind als manche kleine Gemeinde Polens, zu creiren, und daß die gefeierten Köpfe dieses Landes erst in den deutschen Provinzen ihren Ruf gründen, und ihr Glück daselbst suchen mußten; wenn mau ferner erwägt, daß die polnische Tracht ursprünglich keine jüdische, sondern eine aufgedrungene Landestracht war, wodurch bei der Abolitionssrage das Märtyrergesetz weniger Anstand nehmen dürfte, rumal nach Sohar lll, 87 Kleidungen aus Wollstoff mehr Religiöses für sich hat als andere Zeuge, und Beweise versiegen, daß der Fanatismus in der deutschen Tracht im Geringsten nicht gefährdet sei, indem derselbe in Ungarn unter Schafwolle eben so siegreich kämpft als unter glänzendem Atlas in Polen, abgesehen also noch von Reinlichkeit, Sparsamkeit, Solidität, welche die deutsche Tracht für Galizien gewähren würde, wenn man dies Alles genau erwägt: so muß man sich nur wundern, daß eine solche unschuldige Maßregel von dem celedrirten Chajes nichr unterstützt worden sei? Aber ein ernsterer Blick in die Verhältnisse Galizien's soll uns überzeugen, daß wir nicht immer die Praemissen nehmen dürfen, von einer solchen Logik die da urtheilt, wie es sein soll; sondern von einer solchen, die besondere Rücksicht nimmt, mit dem, wie es ist. Die polnische Judenschaft hat den Vorzug gegen andere Provinzen, daß sie den ceremoniellen Theil der Religion sehr geschickt und mit großem Aufwande, mit Genauigkeit und Lebhaftigkeit beobachten, und dies nicht ganz auf Kosten der moralischen Pflichten und der Humanität. Denn die letztere, sowie das ganze bürgerliche Leben werden auch nur mittelst einer eigenthümlichen religiösen Aesthetik beurtheitt und gehandhabt, Reichthum und Wissenschaft erhalten nur dann einen entsprechenden Grad von Achtung, wenn sie mit einem frommen Charakter verherrlicht werden, eine theokratische Weise beherrscht alle Lebensverhältnisse dieser Israeliten, und wo es nur thunlich ist, werden Analogien aus dem Talmud geholt, um Iuris-! diktion, Administration und Polizei nach richtigen Grundsätzen zu ordnen. Darum sieht der galfzische Jude bei all seinem Thun und namentlich bei religiösen Angelegenheiten nur auf die Hauptsache und auf den Endzweck. Bei ihm gilt die Regel aut-aut „entweder Stern oder Staub" und alle vermittelnde schlichten Formen, Regeln und Ordnung, als Predigt, Schule, Sprache werden vernachlässigt, oft aber auch bespöttelt, verhöhnt und verlacht, seine Alles überwindende Emsigkeit und Fleiß zielen lediglich auf volkstümliche Schönheiten, die ihm die Phantasie mit den lebhaftesten Farben aus der Religion malt, und seine Imagination bildet ihm einen Adel, der ihm eine reiche Entschädigung für alle Bürger- und Königskronen

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