Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 23
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Seite 435-436 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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435 436 Sprüche des Talmud. Kulturgeschichtlicher Bericht über dieselben.! „Frevle-nicht viel (Kohelet 7, 17). R. Berechja sagte! ist etwa wenig (zu freveln) erlaubt? allein (der Sinn ist) du sollst nicht sagen, weil dieses u. s. f. d. h. du sollst nicht sagen, weil, du angefangen hast Uebles zu thun, so willst du fortfahren, als wäre es nicht möglich umzukehren, sondern tu s. f. II. Parallelen. Die Parallelen zeigen, wie oft ein Gedanke verkommt, und in. welchen verschiedenen Formen er ausgesprochen wurde. Man könnte die ganze Weltgeschichte ein Spiel der Parallelen nennen. Ueberall ist dasselbe geschehen und wird dasselbe geschehen, so lange die Menschen unter den Bedingungen leben werden, unter welchen dieselben bis jetzt gelebt haben. „Nichts Neues unter der Sonne" ist das Motto aller Geschichte. Unsere Zeit, gerade weil sie so reichlich aus ihrem Füllhorn die Ereignisse auf einander folgen (keß in den kürzesten Zwischenräumen, giebt die beste Bestätigung für bas „es ist nichts Neues u. s. f.". Das Wunderbarste, was wir gesehen,, haben Geschlechter vor uns früher bereits gesehen. Auch 'sie hofften auf bessere Zeiten — sie haben ihre Hoffnungen in's Grab mitgenommen. Möge es uns nicht eben so gehen. — Fragt man uns, ob die Parallelen wahrhafte Erkenntniß gewahren? so antworten wir: nein. Fragt man uns aber, warum wir dieselben sammeln, so antworten wir einfach: damit der Leser selbst einsehe, daß sie keine Erkenntniß geben. Wenn manchem unserer Leser dieser Ausspruch etwas paradox Vorkommen sollte, und wenn mancher aus demselben schließen wollte, daß wir denselben bloß mit Sophismen regaliren wollten, so tauscht er sich und thut uns Unrecht. Wir glauben, ihm diese Ansicht am besten durch ein Beispie^ zu veranschaulichen. „Die Hoffnungen — sagt Plato — sind Träume der Wachenden" (Aelian, vermischte Nachrichten XIII, 28). „La^Esperanza — sagt ein italienisches Sprichwort — il pane de misi'i" („Die Hoffnung ist das Brod des Unglücklichen"). „La patience — sagt VaUV ernargue — est V art d5 esperer“ („die Geduld ist die Kunst zu hoffen"). Wir haben hier sehr geistreiche Anschauungen über die Hoffnung erhalten. Haben wir ihr Wesen dadurch tiefer erkennen gelernt? „Die Wahrheit — sagt ein talmudisches Sprichwort —. ist das Siegel Gottes" (vergl. unsere Blumenlese S. 160 Nr. 287). „Die Wahrheit — sagt ein spanisches Sprichwort — ist die Tochter Gottes" („La verdad est Hija de Dies“), Daß beide Aussprüche geistreich fiinb, wird kein Leser bezweifeln wollen, aber was erfahren wir dadurch über die Wahrheit? Pi la tu s fragte Jesus: „was ist Wahrheit?" (Johannes 18, 19); leider aber fehlt die Antwort darauf. Sollte dev Leser der Meinung sein, daß gerade bei solchen Abstraktionen, wozu das Wort Wahrheit gehört, schon die poetische Anschauung hinreichende Erkenntniß giebt, während die wirkliche Erkenntniß den Philosophen von Fach zu überlassen wäre, so ist gegen diese Ansicht zwar nichtseinzuwenden. Aber die Frage wird doch erlaubt sein, was kann die Poesie und Rhetorik für Erkenntniß gewahren, wenn dev innere Fond fehlt? Rhetorik ist eine Tapete, Erkenntniß ist das Haus. Kann man ein Gebäude eher tapezieren, als es gebaut ist? Haben wir den Parallelen die wahre Erkenntniß abgesprochen, so heißt das blos, daß das Wesen der Dinge nicht dadurch zu erkennen ist. Darauf müssen wir freilich verzichten. Aber die nächste Erkenntniß, die an die des Wesens angränzt, erlangen wir durch dieselben dennoch am besten, und von dieser Seite, her sind sie schätzbar und lehrreich, von dieser Seite her haben wir sie betrachtet, und es belohnend gefunden, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet zu haben, und von diesem Gesichtspunkte wünschen wir auch, daß sie der Leser betrachten möge. Wir führen hier dem Leser verschiedene Parallelen vor, in denen derselbe vielleicht die Ordnung und die Auseinandersetzung der Ideen, welche sie repräsentiren, vermissen könnte. Die innersten Zusammenhänge derselben in der Geschichte der Menschheit überhaupt nachzuweisen, und die Grundideen präparirt dem Leser vorzustellen, behalten wir uns für eine andere Gelegenheit vor. Diese Parallelen begegnen uns überall, sowohl in Erzählungen, die eine gewisse Idee in sich enthalten d in symbolischen Anschauungen, als in Ansichten über gewisse Gegenstände des gewöhnlichen Lebens. Manche symbolische Handlung beruhet auf gewissen Anschauungen, womit etwas angedeutet wird. Der Zusammenhang mehrerer Stellen, die darauf Bezug haben, gewähren ebenfalls Interesse. Es ist bei den Juden eine alte Sitte, bei dem Sündenbekennlniß, welches an gewissen Tagen in der Synagoge recitirt wird (und'welche nach den Anfangsworten unter und bekannt sind), sich auf die Brust zu klopfen. Es ist diese Sitte auch bei den Katholiken üblich, bei gewissen Gebeten. Bei den Inden scheint düse Sitte alt zu sein. Wir finden eine Stelle im Midrasch, die das Alter derselben bell So z. B. die bekannte talmudische Geschichte des ^Jjycn *Jin (Ialkut Q^nn S. 1276), von welchem erzählt wird, daß er 7V Jahre geschlafen haben sollte, welche Erzählung die Griechen auch von Epimenides'hatten, und welches auch in der christlichen Legende von den Siebenschläfern erzählt wird. Vergl. darüber Jken: Tuti Nameh zu Ende. Viele Leser des Orients werden sich erinnern, daß Göthe 1815 ein kleines dramatisches Stück unter dem Titel? „Epimenides Erwachen" geschrieben hat, und welches die alte mythische Person zurTrägepln neuer Ideen macht. Die eigentliche Idee, die mit diesen Personen ausgedrückt werden kann, wird in einem andern Zusammenhänge mügttheilr werden.