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Der Orient · 1851-05-17 · Heft 20 (17.5.1851) · p. Seite 317-318

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 20 (17.5.1851)
Date
1851-05-17
Page
Seite 317-318 (sequence 13)
Language
German
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Der gegenwärtige Zustand der jüd. Literatur. 318 317 Oder wiederum/ sind wir, die wir seit 50 Jahren und mehr in Grammatik und Exegese von christlichen Theologen und. Orientalisten gelernt und wenig dagegen gelehrt haben, sind wir wirklich so lüstern nach der Schmach, daß jene uns auch unser spateres Altcrthum aufschließen? Im Interesse der Wissenschaft würde es freilich gleichgültig sein, ob ein gutes Buch von einem Juden oder Christen geschrieben ist/ aber für unsre Ehre mag es uns lieb sein, daß wir vor der Schande bewahrt sind. Aber warum immer nur von dm Theologen reden, da es gerade darauf ankommt ,/Unsre Wissenschaft von den Theologen zu emcrncipiren!" Wir stimmen Zunz darin vollkommen bei; ja es i st die Ausgabe der Gegenwart und (vermuthlich einer noch ziemlich langen) Zukunft, der Wissenschaft des Judenthums ihren selbstständigen Platz zu erringen, das jüdische Geistesleben der Vergangenheit als einen berechtigten, fruchtbaren Zweig am ,, Baum der Menschheit" nachzuweisen und somit allen nach Wisse n schaft"Mnd Menschenkunde Strebenden, allen Forschern auf dem Felde der Geschichte ein Introite nam et lric Dei sunt zuzurufen — aber es steht hier wieder ein gewichtiges Hinderniß im Wege, und dies hängt mit dem Vorigen aufs Engste zusammen, 2) das neu jüdische Schriftthum hat auf die allgemeine, mens ch! iche Entwickelu ng wen rg un d unmittelbar seit Jahrhunderten gar keinen Einfluß geübt und zwar ist das gerade seit dem neuen Erwachen der Kultur in Europa der Fall gewesen. Erklärlich genug bei der Jsolirung von beiden Seiten, doch es ist so. Es mag Manchem hart klingen, aber wir übernehmen die Verantwortung. Nickt nur, daß von Abarbanel bis Mendelssohn kein Jude und kein jüdisches Buch (außer Spinoza) auf den allgemeinen Kulturgang irgend eingewirkt, auch bei dem Früheren ist der Anknüpfungspunkt nicht leicht Zu finden. Gestehen wir ein, es würde einem christlichen Gelehrten sich eine Dogmengeschkchte ab" — hat ihm ein Jude schon eine geliefert? „Hallam weiß in der Kabbala so viel Bescheid, als Beugnot und Pettigrew in der Bibliographie" — aber HaUam schrieb 1837 und Francks Buch über Kabbala, das erste von einem Juden bearbeitete, erschien viel später, und die erste Bibliotheca Judaica von einem Juden erscheint jetzt. „Es kann von Wilde (Optik der Griechen) nicht gefordert werden, er solle aus del Medigo (Majan chatum) eine Anführung der Katoptrik des Ptoftmäus kennen" — freilich nicht, denn es wäre Unsinn das von einem Physiker zu fordern, es müßte denn Zunz verlangen, daß der Majan chat. statt des Cornelius Nepos in den Schulen gelesen werde! Ne quid nimis! Sel. Ca ssel aber verlangt wirklich von Staatsmännern (denn er redet vom „Befehl zur Emancipation") daß sie erst Sachs lesen und dann, „wenn sie Liebe und Geduld zur Forschung errungen an das Buch von Zunz gehen" sollen, (Frank. Ztschr. nr, 151) wir nennen das Konsense'. Wenn Zunz endlich eine Lese von Schimpfwörtern aus Win er sammelt (Alles a. a. O.), so höre man endlich auf sich darüber zu ärgern, setze der Verachtung Verachtung entgegen! That will do! der Mühe n i ch t verlohnen sich in unsre novellistisch-casuistische, Drusch- und neu-kabbalistische Literatur zu versenken, und diese 3 Elemente* bilden doch das Gros des Schriftthums. In der Religionsphilosophie blieben bald nach Maimonides die Epigonen immer weiter hinter der Zeit zurück; die zugänglichen Hermeneuten sind längst ausgebeutet, wenn auch noch einzelne Goldkörner zu finden sind; die Historiker (den einzigen Asarja der Rosst ausgenommen) ohne alle Kritik, schier ungenießbar, und die neuhebräische Poesie — selbst Juden haben versucht, sie als unberechtigt, als Treibhauspflanze zu bezeichnen; der Kenner wird das nicht sagen, sie zeigt bei Abhängigkeit in der Form genug Eigentümliches, reiche Spuren hoher Genialität und Originalität**, aber wie herrliche Blüthen sie auch zeitigte, so ist sie doch nur dem verständlich, der mit der Bibel in der Ursprache, der Agada, zum Theil auch der Halacha, vollkommen vertraut ist, der Zugang also zu schwierig als daß sie in dem reichen Dichterwalde aller Seiten und Zungen, dessen Früchte meist nur des Pflückeus bedürfen, nicht entbehrlich scheinen sollte. So mag man mit Recht darüber zürnen und es für und durch Judenhaß und Judenverachtung erklären, daß diese neujüdische Literatur nicht ebensoviel Beachtung findet, ebensogut als Wissenschaft geachtet wird, als die Alterthümer der Azteken oder die Bücher der Sinologen — aber wenn man dabei hier und da auch auf die Bevorzugung der klassischen Philologie, auf die gezählten und gewogenen Varianten und die zahllosen Ausgaben griechisch-römischer Autoren einen Seitenblick wirft, so zeigt das von Unkenntniß und starker Befangenheit unsrer Seits. Durch unsere heiligen Schriften haben wir den Fortschritt der Menschheit geleitet, beherrscht und werden ihn beherrschen, und darum hat es der Bibel* nie an Forschern gefehlt, auf nichts ist mehr Fleiß, Scharfsinn und warme Begeisterung gewendet worden als auf Alles was irgend ihr Verständniß fördern konnte, und nicht blos die Theologen von Profession, sondern Männer jedes Berufes haben sich mit ihr beschäftigt, selbst Könige und Fürsten, von Alfred bis auf Jakob L und *) nbp HDD > D’BTn; ni’BO D'ipDlD f)6'.l — die Unterscheidung von d^dt und grno im Sprachgebrauch hat ein guter Takt erfunden. *’) Dem Neuesten,freilich (seit 1800 ca.), den Übersetzungen und Nachahmungen, deutscher Gedichte und franzoft Tragödien, vermögen auch wir keinen höhern Werth beizulegen als neulateinischen Fest-carminidus und Uebersctzungen der Glocke oder der Gedichte König Ludwigs — d. h. sehr wenig. '*) Auch den Apokryphen, selbst Philo und Josefus, deren Erhaltung wir ja den Christen verdanken. Die Schleiermachers che Schule hat freilich dem „A. T." ziemlich den Rücken-gewendet, weil sie wie ihr Meister zu wenig hebräisch verstand. Aber in unausbleiblicher Gegenwirkung hat die christliche Theologie mit erneuetem Eifer jene Studien ergriffen, sowohl von Seiten der Schüler Gesenius und Ewalds, als der Hengsteubergs ist rege, und fürwahr nicht unfruchtbare Thärigkeit entwickelt worden.

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