Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1851)
- Date
- 1851-05-03
- Page
- Seite 285-286 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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285 286 Ueber den gegenwärtigen Zustand der jüdischen Literatur. Universitäten einführen wird; obendrein haben die Negierungen von der österreichischen bis zur lobenstewischen hinunter (oder umgekehrt^) jetzt kein Geld, um für jüdische Literatur einen Posten im Budget zu erübrigen oder an die „Mobilmachung^ rabbinischer Handschriften zu denken, man weiß schon warum.1 Reden wir also von den Privaten, den christlichen Gelehrten. Wir haben zwei Punkte zu prüfen und zu erkläre» , die zwar unter' sich genau Zusammenhängen, aber doch gesonderte Besprechung erfordern: I) die Vernachlässigung der altern jüdischen Literatur, des Rabbinrschen, seitens der heutigen christlichen Gelehrten; II), das Jgrorlren und Vornehmthun gegen die neueren jüdisch-wissenschaftlichen Werke. Und nun wollen wir wieder nicht blos klagen und von Dingen reden, die wir nicht ändern können. „Aergern hilft nichts" und Scheltcn noch weniger — sondern gerade aus die Sache losgehen und Nachsehen, wo die Schuld oder wenigstens die Ursache vielleicht an und in unserer Literatur s e l b st l i e' g e n möge? In der unter L angedeuteten Richtung scheinen zwei Umstände von nachtheiligem Einfluß zu sein: 1) Daß die jüdische Literatur, wie das jüdische Geistesleben überhaupt, so eigenthümlich, so in jedem Zoll jüdisch ist, so durchweg, wenn auch nicht stets auf eignen Grundlagen, doch auf eignen Füßen sieht, daß sie dem außerhalb Stehenden sehr schwer z u g ä n g l i ch s e i n und bleiben muß. Wir verlieren darüber kein Wort, genug daß selbst der außerordentliche und treue Fleiß der Buxtorfe und Eons. sie nicht vor den gröbsten Schnitzern und Mißverständnissen bewahren konnte. Da ist es wohl nicht zu verwundern, wenn man das steinige Feld verließ und wenn die Kenntniß des Rabbinischen unter den Christen in dem Maaße abnahm, als die eigene Theologie an Breite und Tiefe zunahm und immer weniger Zeit und Kraft für eine Hilfswissenschaft übrig blieb. Oder würden die heutigen christlichen Theologen mehr leisten können als die B u j t o r f, Ligh tfoot, Se lden, Reland?. Freilich würden sie von höherem Standpunkte und von gereiftecen wissenschaftlichen Ansichten ausgehen,, den Geist verschiedenster Völker und Zeiten aufzufassen versteht man jetzt eher; aber das allein genügt nicht, es kommt doch zuerst darauf an, den Stoff zu sammeln, zu sichten, zu bewältigen. Was sollen also jene Theologen rhun, xdh1 p wy» HD? fragen wir diejenigen, welche ihnen so sehr zürnen. Sollen sie auf den alten Vorarbeiten weiter bauen? Die sind voll von Irrthümern und auch da wo sie materiell Richtiges geben, stehen sie aus veraltetem Standpunkt. Sollen sie selbst von Neuem die cabbinische Lireratur durchforschen? Gestehen wir, daß wir das nicht verlangen können, es fehlt ihnen die Zeit dazu, und en passant geht cg nicht. Ihre eigene Theologie ist umfassend genug und auch an Nebenfächern haben sie keinen Mangel.^ u) Delitzsch ist freilich tüchtig als christlicher Theolog Mehr als Neben--und 5Aiilfsfach kann aber die Kenntniß des Jüdischen dem christlichen Theologen nicht sein; was wir mit Reckt verlangen,-.ist, daß er es nicht als verächtliche, widerwärtige Vorstufe und Studie betrachte. Und von diesem Gesichtspunkt einer Hülfswiffenschaft betrachtet, haben jene Gelehrten des 16. —17. Jahrh. (das zu läugnen wäre ungerecht) die jüdische Literatur wirklich für ihre Zwecke,- soweit sie konnten und wollten, gut und mit richtiger Auswahl ausgebeutet. Wir schweigen von den Feindseligen,' von Eisenmenger u. C. Die Andern benutzten zuerst die Grammatiker und Exegeten, sofern sie zugänglich waren — das in Bibliotheken Verborgene beginnt man ja erst jetzt ans Licht zu ziehen — und wir werden gestehen müssen, daß das gründlich geschehen ist und daß die Schüler bald die Lehrer die Juden, überflügelten, schon weil sie mehr allgemeine sprachliche Kenntnisse mitbrachtem Dann übersetzte man die meisten bedeutenden religlonsphilosophischen Werke, Buxrorf schrieb, sein lex. talm. et rabb., Knorr v. Rosenroth drang in die Kabbala ein und man sammelte alles zur Erklärung und zum Verständniß des A. iu N. T. Nöthige oder Brauchbare soweit die Hand reichte. Das aber war ohne Zweifel schon ein Schritt über dasBedürfniß hinaus und zur eigentlichen Wissenschaft des Zudenthnms hin, wenn man ohne sichtlichen -Nebenzweck ansing theils die Antiquitatas Judaeoruna (der talm irdischen und neueren Zeit) selbstständig darzustellen, theils die Literatur bibliographisch zu verzeichnen. Daß man dabei stehen blieb, nicht tiefer eindrang und bald ganz aufhörte, darüber zürnt Zunz; wir können es nichfr Wir sagen: jene Männer haben genug für ihre Zeit und Kraft geleistet; sind ihre Werke fehlerhaft, so ist das weniger zu verwundern, als daß sie es so weit gebracht; sind sie auf der Oberfläche geblieben, so lag ryehr noch nicht in ihrer Zeit, oder hat man damals den Geist der Griechen und Römer, die man doch genugsam studirte, erkannt? und als Kenner des Rabbin'schm, besonders der neuhebräischm Poesie an die sich vor ihm kein Christ gewagt. Aber er hatte einen trefflichen Lehrer und dieser an ihm einen begeisterten Schüler; kurz pnD.l N1? nsrnnDl Nin 6) Daß dies längst nicht Alle mehr thun, haben wir schon angedeutet, aber wir fühlen uns gedrängt, hier noch einen Namen zu nennen, der sonst einen Hellen guten Klang, hat, dessen Streben auf Diesem Gebiete aber. nur Wenigen bekannt ist. Es ist Gottfried Kinkel. Derselbe las als Privatdoc. der Theologie in Bonn über „Zeitgeschichte des N. T." als Einleitung zur Kirchengesch. in zwei Abtheil. „Geschichte des Iudenthums" (vom Exil bis zur Zerst. Jer.) und „Gcsch. des Heidenthums." Selbstständige Studien hatte er dazu nicht gemacht, aber er behandelte den Gegenstand mit großer Vorliebe und brachte zu dem von Andern Gesammelten dm Geist eines Denkers und das Gemüth eines Dichters. Dazu der schönste, glänzendste Vortrag, wie ihn sehr selten ein deutscher Professor besitzt. Der Vers, und seine Freunde, die in den ersten 40ger Jahren das Colleg besuchten, werden sich stets mit Vergnügen jener genußreichen Stunden erinnern. (Fortsetzung folgt.)