Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1851)
- Date
- 1851-04-25
- Page
- Seite 267-268 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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267 268 Ueber den gegenwärtigen Zustand der st'id. Literatur. von ihm verlangen, daß er diese Perlen aus dem Schutte barocker Notizen, Citate und Erörterungen (vom Standpunkte des Laien betrachtet), aus einem Wüste von nichts weniger als amüsantem Material (vom Standpunkte eines Jeden) selber herausklaube? Man kann einem Menschen, zumal einem Deutschen, aberzumal einem deutschen Juden viel zumuthen, aber daß nicht, daß er sich bei einer Lektüre, die nicht seines Faches ist, bei einer Beschäftigung in Musestunden, auch noch auf das Grausamste langweile. ändere Bücher machen schon eher Ansprüche auf das Interesse auch des größeren jüdischen Publikums; so, nach der Vorrede, H e rzfe ld s „Geschichte des isr. Volkes", die literar-historischen Arbeiten von Dukes, die Uebersetzungen alter religionsphilosophischer Werke (Emunot, Moreh, Kusari, Ikkarim) und die neuen von Sreinheim, Formstecher -und Hirsch, Fa sfe ls Lugend- und Rechtölehre, endlich die beiden Bearbeitungen der jüdischen Geschichte mit Stahlstichen, von Dessauer und Fried! and er. Aber Herzfelds Buch ist zu weitläufig angelegt, verspricht (droht) zu bändereich und kostspielig zu werden und der genießbare Kern, der Lert (wieder im Sinne des Laien) verschwindet gegen die bittere Sauce furchtbar gelehrter Anmerkungen, die wahrlich einen „delischen Schwimmer" erfordern. Bei Dukes ist freilich immer sprudelnde labende Geistesfülle, aber der Gegenstand seiner Schriften (die „Blumenlese" ausgenommen), Grammatik und Poesie, ist unter den Unzugänglichen der Unzugänglichste, wie viel Laien verstehen hebräische Gedichte? Die weiter genannten Schriften dürften Diejenigen, welche philosophische Kenntnisse besitzen, ansprechen, aber-wie gering ist heutzutage selbst unter Juristen und Medicinern die Zahl der Liebhaber spekulativer Philosophie! Und die beiden letztgenannten Bücher (Inst and least) — die Kritik hat sie gerichtet. So blieben von allen Arbeiten des Jahrzehends, innerhalb der von uns gesteckten Grenzen, nur Josts „neuere Geschichte" (freilich etwas kostspielig), Sachs „religiöse Poesie" (die auch schon viel Gelehrsamkeit mit sich führt,'aber doch einem andern Genre angehört als Dukes verwandte Schriften), die Nachbildungen von Steinschneider, Meise! u. A., Dukes „Blumenlese", Saalschutz „zur Versöhnung der Konfessionen" allenfalls auch dessen „mos. Recht" übrig) die gegründeten Anspruch hätten, in die Bibliothek des gebildeten Juden ausgenommen zu werden. Ob nun diese Bücher mehr Absatz gefunden haben ist uns unbekannt, wir vermachen es aber. Möglich, daß sich dies Verzeichniß noch um ein oder zwei Werke vermehren ließe, wir versprachen nur „Herzensergießungen" und hatten uns nicht für verpflichtet unserm Gedächtniß durch Meßkataloge zu Hülfe zu kommen. Werfen wir noch einen Blick auf die Zeitschriften. Sie sind geeigneter, Wissenschaft und Leben zu verbinden, als Bücher, sie sind lesbarer. Und daß wir im Jahre 1846—47 zehn jüdische Zeitschriften halten, von denen mehrere sich lange hielten oder noch halten, die doch wahrlich nicht bloß von Rabbinern u. s. w. gelesen wurden, das ist ein genügender Beweis dafür, daß man den Juden Unrecht gethan, daß es mit ihrer Lauheit rc. gar nicht so arg ist.* Die meisten jener Blätter mußten eingehen, theils weil, die Zahl wirklich zu groß war, theils weil man in dem „Jahr der Schande" (mit der Kreuzzeitung zu reden) sich von dem mitunter gar kleinlichen Gezänke und Gewäsche weg, der „großen Politik" zuwendete, weil man nicht mehr von Geiger und Liktin, sondern von Gagern und Robert Blum lesen, nicht mehr über Synagogeneinweihungen und Rabbinerwahlen, sondern über Grundrechte und Parlamentswahlen reden mochte. Wer will das den Jude» verdenken? War es ihre Schuld? Nochmals nach der Kreuzzeitung: allerdings, denn sie haben ja „die Revolution gemacht" — aber nach unserm „Unterthanenverstande": nein! — Wir wellen auf die einzelnen eingegangenen Blätter nicht weiter eingehen, theils wegen des de mortuis, theils weit wir des, kundigen Lesers eignem Denken auch etwas überlassen müssen. Nur dem „Orient" sind wir eine inention d’honneur schuldig. Sein Hauptblatt mußte schwinden, weil ihm Leser fehlten, und die Leser fehlten, weil ihm der Stoff und die Korrespondenten fehlten; weil keine Kammerdebatten über Juden mehr Vorkommen; weil man so grscheidt ist, sich um etwaiges judenfeindliches Gebelfer entweder nicht zu kümmern oder es da zu beantworten, wo die Angriffe stehen, und nicht in jüdischen Blattern, wo es fast nur Juden lasen; weil Konsirmationm und „zeitgemäße" Kopulationen, „gerührte Moralpredigten und orthographische Gesänge" Gottlob in Deutschland keine Evenements mehr sind; weil die politischen Zeitungen alles irgend wichtige Juden Betreffende bringen; weil der witzige Berliner — wir wissen nicht was aus ihm und seinen Kollegen und Rivalen geworden, weilt er irgendwo als „Flüchtling" oder schreibt er für die „deutsche Reform"? Kurz die jüdischen referirenden Blätter des vormärzlichen Genre sind in Deutschland vollkommen entbehrlich geworden, Freund K. rieth schon im Jahre 1848 das Hauptblatt aufhören zu lassen. Nur gutgeschriebene Monats- oder Birrteljahr-Uebersichtm und Berichte aus den fremden Ländern (ine!. Oestreich) wären noch brauchbar. Die religiösen Fragen aber stehen zur Zeit noch im Hintergründe, kommt ihre Zeit wieder oder würden die politischen Verhältnisse der Juden wieder anders, so würde ein Orient oder „Phönix" wieder auserstehen. — Von dem Litera turblatt werden Redakteur und Mitarbeiter eingestehen, daß kaum sein vierter Lheil dem Laien zugänglich ist, besonders seit es in den letzten Jahrcn (von seinem Standpunkte aus: mit Recht) sich immer mehr dem streng Wissenschaftlichen, aber dem praktischen Leben *) Auch an den glanzenden Erfolg den Philippsohns Ausruf zur Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät hatte, dürste hier zu erinnern sein. Zeigt das etwa, daß das gebildete jüdische Publikum keinen Sinn für seine Wissenschaft hat? Konnte es mehr th-un als eine bedeutende Summe zeichnen?