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Der Orient · 1851-04-19 · Heft 16 (19.4.1851) · p. Seite 243-244

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 16 (19.4.1851)
Date
1851-04-19
Page
Seite 243-244 (sequence 3)
Language
German
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243 244 Ue-er den gegenwärtigen Zustand der jüd. Literatur. Allem werden wir nun woht in dem jüdischen Publikum Clussen statuiren müssen; die Solidarität besteht nicht mehr/ Da sind zuerst die von der Wissenschaft des Judenthums (leider nicht immer für-sie) Lebenden, die Rabbiner, Prediger, ReLigionslehrer, wenigstens die höhergebildeten m größeren Gemeinden. Aber „auch sie zeigen eine widerspenstige Schulter"; ein Lheil ist „zufrieden mit seinem Theile", mit dem was er auf der Jeschiba „durch die lateinische Schule und die theuere Akademie durchs gelernt hat; ein anderer beschränkt sich auf die amtliche Thätigkeit, die auch bei Manchem absorbirend genug ist; ein dritter macht nur in Tagesfragen, früher in religiösen, dann in politischen und sucht vielleicht eben ein neues Feld; ein vierter — thut gar nichts und so wird unter dieser Klasse ein Fünftel, vielleicht auch nur die jesajam'sche »TWy übrig bleiben, Männer, die an jüdischer Literatur Theit nehmen, das Neue nach Kräften beachten, lesen, verarbeiten und — kaufen. ' Wir können und wollen diese Anschuldigungen nicht widerlegen; das Einzige, was man sagen kann ist, daß es wirklich einem großen Theile der jüdischen Theologen an Zeit lind Geld fehlt um für die Literatur mehr zu thun. Aber soviel ist auch gewiß, daß selbst eine regere Theilnahme Aller nicht hinrerchen würde unsre Literatur zu einem „couranten Artikel" zu machen; überdies umfaßt die jüdische Wissenschaft schon zu viele, wenn auch zum Thekl noch gar wüst liegende, Felder und streift in noch mehrere, als daß Einer — alle mit gleicher Sorgfalt pflegen könnte. Wenden wir uns also zu dem größeren jüdischen Publikum, den „Laien". Es kann natürlich nur von den Gebildeten die Rede sein, deren Zahl auch Gottlob nicht gering ist. Eben diese nun sind es, die man anklagt, die jüdische Literatur zu-vernachlässigen, zu rgnoriren. Die Lhatsache ist nicht zu leugnen, aber, fragen wir, liegt dieSchuld nicht vielleicht ebensosehr, ja n och weit mehr, an der Literatur als am Publikum? In allen Wissenschaften ist man, besonders seit etwa zehn ^Jahren, bemüht, sie den Gebildeten insgesammt zugänglich zu machen; alle machen um die Wette Propaganda, um nicht auf den engen Kreis ihrer eigentlichen Pfleger eingeschränkt zu bleiben; man sucht nicht nur Geschichte, Ethnographie rc„ sondern auch Physik, Chemie, Physiologie, Astronomie, Jurisprudenz rc. ja auch die geeigneten Parthien der Philosophie und der christlichen Theologie „für das Volk" zu bearbeiten und die betreffenden Bücher finden mehr oder weniger Absatz und Verbreitung. Dagegen bleiben die streng wissenschaftlichen Werke für die Männer vom Fach bestimmt, und weder den Verfassern noch den Verlegern fallt cs ein, sich darüber zu beschweren, daß daß weitere Publikum sich darum nicht kümmert. Wie aber ist dies in unserer wissenschaftlichen Literatur? Sind nicht die erschienenen Werke und die hierhergehörigen Aufsätze in den Zeitschriften zum überwiegend größten Theile der Art, daß sie weder von dem jüdischen Arzt und Juristen, noch von dem gebildeten Kaufmann verstanden und goutirt werden können? Wie will man sich denn darüber beschweren, daß das jüdische Publikum Dinge ungelesen läßt, die es nicht verstehen und Bücher nicht kauft, die es nicht gebrauchen kann? Wir haben hiermit keine Anklage gegen unsre Literatur erhoben; wenn sie über den Horizont der Laien geht, so ist das nicht ihr Fehler, sondern höchstens ihr Unglück; aber obenerwähnter Chorus wird von unfern Sätzen nicht einen zugeben. Zuerst sagt man: das ist ja eben das Verkehrte, daß die gebildeten Juden die jüdische Wissenschaft nicht kennen und verstehen, daß sie alles Fremde mehr lieben und pflegen als ihr altes Eigenthum — und nicht sine ira et studio wendet man Ierem. 2, 13 oder Mal. 2,-11 darauf an. Freilich, vor Zeiten war das anders. Jeder der sich über die rohe Menge erhob oder erheben wollte, befaßte sich mit jüdischer Wissenschaft; wer kein „Gelehrter" war, war wenigstens „Kenner von Büchern", sonst gehörte er zum Plebs und war verachtet. Andererseits glaubte Jeder etwas Gutes zu thun, wenn er Bücher anschaffte und es wurden Tausende alter und neuer Werke von Leuten gekauft, die nicht einmal die Titelblätter lesen konnten, rp^D db6. Und diese Zustände gehören nicht grauer Vorzeit an, sondern ragen noch in die Gegenwart hinein; auch wäre es ein Jrrthum zu glauben, daß das neue Erwachen des jüdischen Geisteslebens unmittelbar die heutigen Zustände herbeigcführt, im Gegentheil, es hat höchstwahrscheinlich nie weniger Ignoranten gegeben, eine gewisse Kenntnis des Hebräischen ist vielleicht nie allgemeiner unter den Juden verbreitet gewesen, als unter der jetzt aussterbenden Generation. — Das Alles hat sich geändert, ist ins absolute Gegentheil umgeschlagen, ganz besonders ist die Kmntniß der hebräischen Sprache, bisher noch unumgängliches Erfordernkß für jedes Verständniß jüdischer Wissenschaft, auf bedenkliche Weise in raschester Abnahme begriffen. Woher das so gekommen, ist keinem Denkenden unbegreiflich, wir brauchen auf das Warum nicht einzugehen. Die Juden haben sich von der specisisch-jüdischen Bildung* ab- und der allgemeinen zugewendet; ob das tief zu beklagen sei, wie die Einen, ob höchst erfreulich, wie die Andern sagen, haben wir hier auch nicht zu untersuchen. Der Unbefangene wird einsehen, daß es zwei Seiten hat, und was insbesondere die Unwissenheit im Hebräischen bei den heutigen Juden anbelangt, so wird man wohL zugeben müssen, daß sie nicht die „Schuld" derselben, sondern durch oyerpowering events herbeigeführt ist, durch eine historische Entwickelung, von der man einzelne Folgen beklagen mag, die aber Keiner ungeschehen wünschen kann. Nur daran wollen wir rm Vorbeigehen erinnern, daß das „nichts Neues unter der Sonne" auch hier gilt; schon jüdische Dichter des Mittelalters haben in Gleichnissen davon geredet, wie Hagar (das Arabisches zur Herrin geworden sei und Sara zur Mage. *) Vom Praktischen, vom „Leben" ist bier gar nicht die Rede, wenn auch der Causalnexus zwischen Wissen und Thun ein unlöslicher ist.

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