Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1851)
- Date
- 1851-04-12
- Page
- Seite 231-232 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Prof. Aug. Neander. 23L gend jüdische Erziehung und Bildung genossen, so hätte er als Kind schon hebräisch gelernt, denn darin bestand ja damals ausschließlich aller jüdischer Religionsunterricht; von jüdischem Wissen konnte bei ihm gewiß keine Rede sein. Auch das erwähnte vor seinerTaufe geschriebene religiöse Bekenntniß zeigt, daß er das Judenthum nur aus christlichen Büchern kannte, er hat da von denselben nur die bekannte christliche Ansicht oder Formel, es ist ihm Studium und Religion „der Furcht". Wäre er irgend in und zur Liebe des Judenthums erzogen und gelehrt worden, so hätte er solche Phrasen nicht nachschreiben können, zumal da jener Aufsatz in anderen Punkten reifes eigenes Denken zeigt. So im Judenthum unvorbereitet, ungefestigt und ununterrichtet trat er nun in Hamburg in vorwiegend, vielleicht ausschließlich christlichen Umgang. Alle Gegenstände seines Studiums, alles was rhu anzog und förderte war christlich gefärbt. Welchen Einfluß mußte ein verehrter Lehrer, Gurlitt, eben weil er ein humaner toleranter Mann war, auf ihn üben, welchen seine Freunde, Varnhagen (später Gatte der Ra Hel) und die Andern! Dazu Plato, den er als Vorläufer des Christenthums betrachtete, und die durch die Freunde vermittelte Bekanntschaft mit der Romantik. Dem Allen entgegen nichts Jüdisches, kein Gegengewicht in Lehre und Leben; die Lektüre von Mendelssohns Schriften konnte gerade ihn, der an Romantik, Mystik und tieferer Philosophie, an Tiek, Böhme und Fich t e vorzugsweise Gefallen fand, nicht sehr ansprechen. So mußte jeder jüdische Zug aus seinem Charakter weichen; daß er für die Befreiung seiner Glaubensgenossen noch ein Herz hatte, wie jene Rede zeigt, wird daran nichts andern, da so viele Christen für dasselbe Ziel schrieben und wirkten, wie Gurlitt selbst die Rede veranlaßt hatte. Die neue „Kirchlichkeit" und „Christlichkeit" die als solche der Emancipation entgegentritt, war damals noch nicht erfunden. Das aber dürfen wir auch nicht außer Acht lassen, daß damals der allergrößte Theil der „gebildeten" Juden sich von der hergebrachten Form ihrer Religion gänzlich wegwendete und daß weyn auch nicht schon die erste, so doch sehr oft die zweite Generation derselben den Abfall auch äußerlich pronuncirte. Unser Uittheil über jene Periode gkht noch mannigfach vom Parteistrudpunkte aus; wenn es zur historischen Durchbildung und Spruchreife gekommen sein wird, so wird man wahrscheinlich anerkennen einerseits: daß man Unrecht thut in jener Entwickelungsstuft nur „Versumpfung, Verknöcherung, Auswüchse rc." im Judenthum zu sehen; andererseits: daß dasselbe allerdings an einen entschiedenen Wendepunkt gekommen war, der eine Neugestaltung gebieterisch forderte. Insbesondere Hatte sich von den drei Gesichtspunkten: der Wissenschaft, der ästhetischen Form und des Lebens aus zwischen Jüdischem und Christlichem ein so schroffer Unterschied herausgebildet, daß allen denjenigen, die in die christliche d. h. (wenn wir auch nur vom Gesichtspunkt der Majoritäten ausgeher) die allgemeine Bildung eintraten, der Zwiespalt äußerst unbehaglich, ja unerträglich werden mußte. Kannten nun solche Männer das Judenthum, so trennten sie si'ch^das wesentlich Jüdische von der ihnen widerwärtigen Form, konstruirten sich nach eignem Geschmacke einen „reinen Mosaismus" und zogen sich damit auf sich selbst zurück oder suchten m diesem Sinne resormirend auf die Masse zu wirken; sie gaben das Judenthum nicht.auf, Viele liebten und achteten e§ bis zum Ende — die nicht jüdisch-Wissenden und Gebildeten.hingegen, zumal die zweite Generation, denen ihre Religion mit jenem Unwissenschaftlichen, Unästhetischen und Hemmenden identisch war, gingen begreiflicherweise entweder zum Jndifferentisnuls oder zur Kirche über. Warum Neander. um auf ihn zurückzukommen, nachdem er Christ geworden, sich einer mystischen Richtung mit aller Geistes- und Gemütchskraft hingab, daß geht aus der schwärmerischen Gesinnung die schon der Jüngling hatte, hervor. Die christliche Romantik stand damals in frischer Jugendkraft, bedeutende Förderer und Schüler derselben gehörten zu Neanders Freunden,. wie eben jene „NordsterngemeinschaftSolche UeberschwaugUchkeit (wenn auch achtbare, vielfach ansprechende) leuchtet besonders aus N.'s Briefen an Chamisso (im 6. Bd. von dessen gef. Werken) hervor. Sie kannten einander noch nicht persönlich, dennoch glüht N. von enthusiastischer Freundschaft. Als sie sich kennen lernten und später lange Zeit in Berlin zusammenlebten, war die Freundschaft nicht mehr so sehr innig. Daß N. sich in Chamisso geirrt, sich dessen Wkftu nach eigener Phantasie konftruirt hatte, giebt auch Kl in g zu verstehen. Für jeden der Chamisso, den Naturforscher und Weltumsegler, den liebenswürdigen heiteren Dichter kennt, wird es klar sein, daß grundverschiedene Charaktere vorliegen. Treuenfels. Zur Kultur- und Literaturgeschichte der Juden ui Asien. Die ersten drei Jahrhunderte nach Abschluß des Talmud. Eine Skizze von Julius Fürst. (Fortsetzung.) Ueber Umfang und genaue Inhaltsangabe dieses Traktats läßt sich freilich jetzt, da er sich vielleicht nicht erhaltenl> nichts Bestimmtes bitten, allein keineswegs darf er mit den 65b) Die Drucker der Talmudaußgabe von Frkf. a. M. 1711—1723 haben diesen Traktat noch gehabt und haben versprochen ihn mir in ihrer Ausgabe aufzunkhmen, allein sie hielten nicht Wort. Der Traktat war demnach wenigstens im Anfänge des!8. Jahrhunderts noch da.