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Der Orient · 1851-04-12 · Heft 15 (12.4.1851) · p. Seite 227-228

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 15 (12.4.1851)
Date
1851-04-12
Page
Seite 227-228 (sequence 3)
Language
German
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A. Nea n d e x. Ein Mann, den die verschiedensten Parteien unter die Heroen der christlichen Theologie zählen, als den Schöpfer und Gründer der Kirchengeschichte im höheren Sinne betrachten, den seine Verehrer eine „Säule der Kirche", einen „vorzüglichen Träger des neu erwachten Lebens der Gemeinde" nennen, dessen wissenschaftlichem und sittlichem Charakter auch seine heftigsten Gegner die höchste Achtung zollen. Wir werden an der vollen tiefen Aufrichtigkeit von Neanders religiösen Ueberzeugungm nicht zweifeln dürfen; dabei war er bei allem Anstrich von Mysticismus (aber einem sehr edeln wie feine Werke zeigen) doch ein-tiefer , scharfer Denker, weit entfernt voy herzlosem, salbadernden Pietismus. Wir können ihn weder neben den wunderbekehrten Heiligen in spe, Rarisbonne, stellen, noch neben I.Stahl*, an dessen Aufrichtigkeit fogut zu zweifeln sein wird wie an der des (in anderm Sinne „bHhr^en") gallischen Löwen" — und doch war dies lumen ecclesiaß Jude, nicht nur von jüdischen Eltern geboren, sondern er ist erst in unterscheidungsfähigem Alter übergetreten. Es wäre schwach und thoricht, wollten wir an dem Abfall auch des Ausgezeichnetsten, und erfolgte er selbst in den reifsten Jahren, in dem Sinne Anstoß nehmen., vast er uns in ..ynsern Überzeugungen irre machen könnte; aber erklärt muß N.eand ers Uebertritt werden. Denn wir haben hier weder eine Brod-^oder Heiraths-Tarife, noch blaft'rten Weltschmerz, ^weder.,.hohlen..Jndifferentismus oder koquette Lichtfreundlichkeit, noch eigentlich krankhafte überspannte Romantik, obgleich die noch am meisten. Seit langer'Zeit hatte daher der Vers, gewünscht über Neanders Bekehrung und geistige Entwickelung Näheres zu erfahren, aber auch die nach seinem Tode hier und da erschienenen Nekrologe brachten darüber keinen Aufschluß. Endlich lieferte das neueste Heft der „thcol. Stud. u. Kcit,"/(1851, 1!, S. 459—538) „Beiträge zu Dr. Neanders Lebensbilde" von Kling, und insbesondere einen „Nachtrag über Neander's Familienverhättniffe, früheste Jugendzeit, Uebertritt zum Christenthum, Üniversttäts- und Kandidatenlehen" (S. 51.6—38). Indessen, obgleich dies über das Gefachte Aufschluß verspricht und auch manchen giebt, so ist es doch nicht genügend; namentlich gehen die biographischen Notizen, die Kli ng von N.'s Freunden und Studiengenoffen sammelte.(von Verwandten sind keine dabei) von sehr einseitigem Standpunkt aus und lassen auch über dessen jüdisches Leben gäüzlich im Dunkeln. Gleichwohl, dürfte ein kurzer Auszug einigen Lesern, die vielleicht ebenfalls nicht jetzt zuerst auf den Gegenstand aufmerksam werden, nicht unangenehm sein. (Das wörtlich Hinübergenommene ist mit Anführungszeichen versehen.) Unsre Bemerkungen und Ansichten über die innern Motive von N.'s Uebertritt werden wir Anhängen. Neander war geboren zu Göttingen am 16. oder 17. *) Doch konnten wir Stahl nicht vorhin neben Frankel nennen; seine Schrift gegen die Emancipation ist, soviel wir uns erinnern, in einem hurchaus anständigem Tone gehalten. 228 Januar 1789. Sein Vater EManuel Mendel, Kaufmann, „allen Nachrichten zufolge gemeiner jüdischer Sinnesart, muß in Göttingen viel Geschäfte mir den Studirenden gehabt und Geld auf hohe Zinsen ausgeliehen haben." Seine Mutier wax Esther, „gehörnt" Gottschalk-, nach einigen Angaben aus Frankfurt, nach andern aus Hannover, verwandt mit Mendelssohn und dem Medieinalrath Stieglsitz in Hannover,ebenfalls einem Konvertiten. Dieser wird ein Oheim N.'s genannt und ließ ihn auch studiren; da indessen der Water spater bei diesem lebte, (vermuthlich ist er auch in Hannover gestorben) so scheint es eher, daß St. ein Vatersbruder gewesen.* Die Mutter wird geschildert als „eine fromme, einnehmende Frau, eine liebevolle, für ihre Kinder zärtlich besorgte Mutter." N. war der jüngste unter feinen Geschwistern, hatte zwei Brüder und drei Schwestern, -sein 1 jüdischer Name war D a v i d M e n d e l. 1 Ueber fein Göttinger Leben, seine Kinderjahre, die eigentliche Keimzeit für jüdische Gesinnung, in der sich das „jüdische Herz" entwickeln muß, erfahren wir nichts; später zog die Mutter mit den Kindern nach Hamburg und lebte hier getrennt von ihrem Manne. Es werden hierüber noch andere Relationen angeführt, jedenfalls aber blieben die Eltern getrennt und es müssen störende Verhältnisse obgewalrer haben, die nicht näher aufgeklärt sind. Auch stand Neander mit dem Vater nur in loser Verbindung, während er an ber 1819 gestorbenen Mutter stets mit großer Liebe und Verehrung hing. Er besuchte nun seit 1803 das berühmte Johanneum zu Hamburg und wurde von dem Rektor Joh. Gur litt sehr ausgezeichnet. Ostern 1805 ging er zum akademischen Gymnasium über und hielt auf Gurlitts Wunsch eine Abschiedsrede cle Judaeis optima conditione in civitatem' recipiendis. „ Die Emancipation der Juden, das ist sein Thema , das ist auch sein praktisches Ziel, indem er die anwesenden Häupter der freien Stadt, unter Hinweisung auf das Verfahren des hochgepriesenen Kaisers Alexander von Rußland und anderer Mächte, zu diesem großen Schritte zu bewegen sucht u.s. w." Von den „Hemmenden talmudischen Satzungen" ist auch die Rede, sowie von der „sittlichen Versunkenheit der Juden", aber er ist überzeugt, „daß jene hemmenden SchraMn von selbst fallen müssen, und daß die sittliche Ausartung, welche in der grausamen langen Unterdrückung und Einschränkung ihren Grund haben, durch die heilende Macht der Freiheit gewährenden Liebe allein gehoben werden könnte aber auch gehoben werden würde." Dies die Analyse jener Rede nach Kling, welcher in einer Note hinzufügt: „als gereifter Mann und Christ soll N. der vollen Emancipation nicht mehr das Wert geredet haben, weil er sie mit dem Wesen des christlichen Staats nicht vereinbar gefunden. Die Bestrebungen der Juden-Missi'on muß er jedoch auch in spätern Jahren nicht für zweckmäßig gehalten haben." (Das würde, da er *) So viel indessen der Vers., der Stieglitz noch oft gesehen, weiß, stammte dieser, wie die bekannte Familie St. in Petersburg, auS Arolsen. 227 Prof. August Neander 14. Juli v. I. als Prof, der Theologie 'zu Berlin' verstorbene

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