Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1851)
- Date
- 1851-03-22
- Page
- Seite 185-186 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Nakan Ghazzati's Reiseberichte. 185 sinnig Hinwegfetzen könne? und was war seine Antwort? — . sage dir Natan, wie ihr die meisten Gebote unseres großen Moses auf die äußerste Spitze getrieben habt, so machtet ihr es auch mit den Speisegesetzen. Ihr habt einen Saun nach dem andern um manches Gesetz geführt, bis der Geist desselben endlich ganz unkenntlich wurde. Es wird aber eine Seit kommen, wo die Flamme der Vernuilst die morschen Zäuve niederbrennen, und das Gesetz in seiner ursprünglichen Reinheit dastehen wird. In Israel wird man das Junge nicht in der Milch der Mutter kochen; es wird aber nur ein Topf und ein Löffel sein, und die heilige Trias, Koscher, Milchig, Fleischig, wird in ihr Nichts zerstäuben." Bei diesen Äußerungen Don Lazaro's war mir und meinem Berber als glitte Eis über unserem Rücken. Wir mieden von nun an Don Lazaro's gefährliche Gesellschaft, und bedauerten es sehr, daß ein Mann von so umfassender wissenschaftlicher Bildung durch seine groben Jrrthümer unserem Volke verloren gehe.. Mein Berber Halle einigemal bemerkt, daß Don Lazaro, wahrend die Reisegesellschaft bereits in'den Armen des Schlafes sich wiegte, auf das Verdeck stieg. Einmal trieb ihn die Neugierde, und er schlich ihm nach. Don Lazaro lag auf den Knieen, die Hände gefaltet; das schöne vom Silberglanz der Sterne beleuchtete Gesicht gen Himmel gerichtet, betete er: „Herr! ein Wurm liegt hier im Staube vor dir, deine Allmacht bewundernd. Gestalt- und körperlos, bist du nur durch deine Wunderwerke unseren Sinnen begreiflich. Wie freue ich mich wenn einst am Ende der Lage die deine Vaterhand mir zugemessen, meine Seele entbunden von dieser Hülle, zu dir mein Gott zurückkehren wird! In deiner Nahe werde ich sehen, was dem sterblichen Auge hienieden entzogen ist; wie du in unendlicher Weisheit Welten ohne Zahl in weiten Bahnen bewegst, und einen großen Sternengürtel durch den großen Himmelsbogen geführt hast, nach einer Ordnung die kein menschlicher Verstand begreift." Lazaro! rief mein Berber, du träufelst Balsam in mein Herz! Wir hielten dich für einen Atheisten und du betest Gott an? Hier zog Don Lazaro seine Uhr. „Könntet ihr mir zunnithen, daß ich glaube sie habe sich selbst gemacht? und was ist dieses kleine Kunstwerk gegen die große Weltuhr die seit Jahrtausenden so richtig geht, und sie sollte ohne eine große Meisterhand entstanden sein? — Nein, ich kann ihn nicht leugnen meinen Gott, meinen Schöpfer." Der Berber erfaßte Lazaro's Hand urid drückte sie mit Innigkeit an seine Brust. Lazaro l du bist nicht verloren, du leugnest ihn nicht, wie jene Unsinnigen die ihn nicht erkennen; ich hasse dich nicht mehr. — Aber warum betest du gerade um diese Stunde? D. L. Hat nicht der fromme Patriarch eben dazumal gebetet, als ihn die Wunder des Himmels zur Andacht weckten?* 23. Als vor einigen Wochen der schreckliche Sturm uns den Untergang drohete und Alle auf unserem Schiffe beteten, warum waren damals deine Lippen geschloffen? D. L. Hatte ich euch nicht eben damals meine Ansicht mitgelheilt? Als der Allgewaltige durch fein erhabenes es werde! zum Erstenmale es tagen ließ, hat er auch Gesetze aufgestellt nach denen alle Erscheinungen in der Natur sich gestalten müssen.; diese kann kein menschliches Gebet ändern, er wird auch keines derselben zurücknehmen. Wir mögen noch so sehr beten, so wird es nicht Sommer werden, wenn er dem Froste seine Seit angewiesen, und es wird nicht regnen wenn er die Dürre beschlossen har. Hat er es nicht in seiner heiligen Urkunde offenbart? „So lange dieser Erdball dauert, werden Saat und Erndte, Kälte und Wärme, Sommer und Winter, Tag und Nacht, in ununterbrochener Ordnung fortdauern." ' N. Wir hatten noch einmal versucht Don Lazaro von seinem Jrrthume hinsichtlich der Speisegesetze abzubringen. Was war aber seine Erwiederung? „Es steht wohl geschrieben: Gott sieht in unser Herz. Zeiget mir aber die Stelle, wo cs heißt: Gott sicht in unfern Magen? Ich sage euch, es ist gleichviel womit wir ihn füllen, wenn wir uns nur nicht mit dem Schweiß und Blute unseres Nächsten mästen. N. Eines Tages erzählte uns Don Lazaro: ,,Die Waischis in Indien beschäftigen sich mit dem Feld- und Gartenbau, mit der- Viehzucht und dem Handel. Ihres Gewerbfleißes, ihrer Sittlichkeit und Geistesbildung wegen sind sie die achtungswcrtheste aller Hindukasten. Zu Lbnen gehören die mit dem Handel ausschließlich sich beschäftigenden Bcmicrnen, welche manches Aehnliche mit unseren Chasidim haben. Animalische Kost ist ihnen strenge verboten. Sie sind die zärtlichsten Freunde der Thiere, und die Beobachtung der Pflichten gegen dieselben gränzt zuweilen ans Vorurtheilhaste. Sie hüten sich sorgfältig das kleinste Insekt zu tödtm. Manche tragen sogar einen feinen Leinwandtappen vor dem Munde, um nur nicht eine Fliege, Milbe, oder sonst ein Insekt zu verschlucken. Sie tragen manchmal Mehl oder Zucker bei sich um kleine Insekten zu füttern. Zuweilen befreien sie Thiere durch Lösegelder von der Schlachtbank. In Surate bestehet auf Kosten der Banianen ein Spital für alte, kranke, und herrenlose Thiere." Mein Berber bemerkte: freilich essen unsre Chasidim auch kein inn jDHin, auch sie halten es für eine große Sünde die Thiere &u quälen. Das waren unsere alten Chasidim; aber die heutigen in Polen haben nur das Eine mit den Banianen gemein, daß sie es auch für eine entsetzliche Sünde halten eine Milbe zu essen, dafür aber verschlingen sie das Geld der Leichtgläubigen, der Witwen und Waisen. *) Genoss VIII. 22. (Fortsetzung folgt.) ’j mp mth »thso nwb .pnsv Gen. xxiv, 63.