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Der Orient · 1851-03-22 · Heft 12 (22.3.1851) · p. Seite 183-184

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 12 (22.3.1851)
Date
1851-03-22
Page
Seite 183-184 (sequence 7)
Language
German
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183 184 Natan Ghazzati's Reiseberichte. Natan Ghcizzatr's ' R eiseb srich ts, in deutscher Uebcrsetzung mitgetheilt von De. M. Horfchetzky. (Fortsetzung.) Gerne hätte mein Berber sich noch einige Lage zu Heliopolis unter den dortigen Ruinen aufgehalten, ln der Hoffnung Uederreste des ehemaligen jüdischen Tempels zu entdecken; aber meine Zeit war gemessen; ich hatte Don Lazaro Mali einen Kaufmann aus Chuttanutty *) der in Kairo mich erwartete, das Wort gegeben mit ihm nach Indien zu reisen. Wir gingen also nach Kairo zurück, und schifften uns auf einem Indienfahrer ein. Don Lazaco's Stammbaum reicht hinauf bis zum unsterblichen Abarbancl. Er ist der schönste Mann den ich je gesehen habe/ Praxiteles hätte er das würdige Modell zu einem seiner Heroen abgcben können. Auf seinen großen Reisen hatte ec sehr schätzbare Erfahrungen gesammelt. Er verstehet die meisten morgen- und abendländischen Sprachen, und spricht einige mit vieler Geläufigkeit. Aber welch eine Seele bewohnt diese schöne Hütte! — Zu Hause in allen Gassen und Gäßchen des babylonischen und jerusatemischen Talmuds, ist ec ein bitterer Feind aller Rabbinen. Kein Fremdling im Gebiete der Kabbala, verlacht er die Sohariten als Schwärmer. Seine Grundsätze ganz eigener Art, könnten beinahe die weinigen erschüttern, wenn mich nicht jene des großen Sabatai ausrecht hielten. Auf unserer langen Reise entstand eines Tages ein Sturm, wie ihn noch selten unser Schiffskapitain erlebt hatte. Der Orkan trieb unser Fahrzeug bald bis zum Meeresgrund hinab, bald schleuderte er es auf die Spitze thurmhoher schäumender Wogen. Blitze fuhren nach allen Richtungen um unser Schiff, ein Mast wurde zertrümmert. Ich nahm mein Gebetbuch, flehete den Herrn um Hülfe, und alle Reisende thaten, jeder nach seiner Art, dasselbe. Don Lazaro stand ruhig und fest an einem Maste geklammert, sein Blick war auf das wüthende Element gerichtet, er betete nicht, seine Lippen regten sich nicht, es schien, als wollte er den entzügelten Elementen trotzen. Nachdem der Himmel heiter, und der Ozean ruhig geworden war, sagte ich: Don Lazaro! bald hätte dich das Loos des Propheten Jona getroffen. D. L. Warum denn? N. Weil du der einzige unter uns allen warst der nicht betete, während der Sturm uns den Untergang gedrehet hat. Man hatte darauf angetragen, dich ins Meer zu werfen, um den Sturm zu beschwören. D. L. Glaubst du daß durch unser Lippenwerk sich im *) Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wirr Calcutta noch ein Dorf am Hugli, Chuttanutty genannt. Gange der'Nalur etwas ändern'lasse? Es-stürmt nach ewigen; unabänderlichen und unbekannten Gesetzen, und die entfesselten Elemente kommen' nicht eher zur Ruhe als jene es verlangen, du magst beten oder nicht. N. An dir wird das Sprichwort zu schänden: Qui rieselt orare pergat ad mare. Nach einigen Tagen hatten wir eine Sonnenfinsternis. Jetzt sagte Don Lazaro, machen die Chinesen einen furcht-- baren Lärm. N. Warum denn? D. L. Wie unter allen halbgebildeten Völkern, herrscht auch bei den Chinesen, während ungewöhnlicher Himmelserscheinungen großer Aberglauben. Tritt eine Sonnen- oder Mondsinsterniß ein, so gerät!) fast das ganze Land in Furcht und Schrecken. Während der Finsterniß wird rin entsetzlicher Lärm mit Pauken und Trompeten und Becken gemacht, um, dem chinesischen Aberglauben zu Folge, den Drachen wegzuscheuchen, welcher die Sonne oder den Mond auffreffen will. N. Solch' alberne Vorurtheile herrschen gottlob bei uns Juden doch nicht! D. L. Daß du nur immer den Splitter im fremden Auge siehst, den Balken im eigenen aber nicht wahrnimmst. N. Ich wüßte nicht, daß wir von'einem so lächerlichen Vorurtheile verblendet wären. D. L. Was wäre denn daß, daß am Rü'sttage unseres Neuenjahres nicht Schofar geblasen wird? — Hat nicht einer euerer Hierophanten, der Lewusch (tyo5?) diesen sinnreichen Rath ertheilt um den Satan konfus zu machen? p&yrj Und das Kidusch Levana mit der geistreichen Springformel rp_UD Hpn DEO; Und das Bewahren vor der Tekusa?" N. Ach das sind ja keine heiligen Gebots, sondern nur ’ sogenannte Gebräuche. D. L. Aber eben so lächerliche wie jene der Chinesen. N. Ich sehe schon, du bist ein bitterer Feind des Judenthams. D. L. Keineswegs lieber N. Das Gute desselben werde ich immer anerkennen und heilig halten; gegen die Vorurtheile aber die sich in ihm eingeschlichen haben, werde ich schonungslos zu Felde ziehen. Wie ein Ulrich v. Huttm will ich euere Dunkelmänner geißeln; damit es hell werde m Israel. N. Bei diesen Worten gerieth D. L. in solche Aufwallung, daß mein Berber der ihm bis jetzt mit Entrüstung zugehört hatte, mir heimlich zuflüsterte: Natan, laß dich nicht weiter mit diesem gefährlichen Menschen ein! er ist ein Atheist, der Gott und feine heiligen Gebote leugnet. Doch konnte ich wich nicht erwehren ihm noch einen Vorwurf zu machen. Ich hatte nämlich auf unserer langen Reise bemerkt, daß D. L. nicht sehr ängstlich unsere Speisegesetze beobachtete. Ich fragte ihn, wie er sich denn über so wichtige Gebote so leicht- *) Die Geschichte in M. I. Landauers Aruch unter dem Schlagworte nSipn entschuldigt diesen unter den Juden noch immer'so ängstlich beobachteten Gebrauch nicht.

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